Sie enthält die Vergangenheit der Völker von Artu und brisante Fakten zur gemeinsamen Geschichte von Artu und Kisor.
Das Artu-System hat keine natürlich bewohnbaren Planeten. Aber viele Himmelskörper des Systems sind bewohnt, mehrere auch mit sehr großen freien Bereichen in denen die Umweltbedingungen für die Völker von Artu angepasst sind. Der weitaus größte Teil der Zivilisation lebt im interplanetaren Raum, in planetaren Ringen und planetaren Sphären. Viele leben in rotierenden Habitaten. Einige dieser Habitate sind hunderte Kilometer groß.
Die Zivilisation von Artu ist sehr fragmentiert. Das Konzept von Territorialstaaten ist nicht bekannt, weder auf Planetenoberflächen, noch in Habitaten. Das System hat keine zentrale Regierung und auch keine regionalen Organisationen, die territoriale Ansprüche erheben. Es gibt unzählige souveräne "Clans", möglicherweise mehr als 100 Millionen, die keiner höheren Autorität untergeordnet sind. Oberhalb der Clan-Struktur gibt es nur Allianzen und Abkommen zwischen Clans. Da Clans und Clan-Bündnisse aber sehr dynamisch sind, haben auch Abkommen eine begrenzte Lebensdauer.
Es gibt viele verschiedene Völker und sie sind nur teilweise genetisch kompatibel. Die Artu-Zivilisation hat mehrere vollständig unterschiedliche Genlinien, die sich jeweils wieder in verwandte aber genetisch inkompatible Arten aufgliedern. Nach solarer Klassifizierung sind das verschiedene biologische "Gattungen" (wie Schimpanse, Orang-Utan, Mensch), jeweils mit vielen "Arten" und "Unterarten". Alle Gattungen und Arten scheinen gleichberechtigt. Die Clans orientieren sich nicht an der biologischen Abstammung oder an Familienzugehörigkeit. Die Mitgliedschaft in Clans scheint sich eher nach der beruflichen Orientierung zu richten. Die meisten Clans sind spezialisiert auf einen Beruf oder eine wirtschaftliche Aktivität.
Im Artu-System leben ca. 150 Milliarden Sophonten, biologische aus verschiedenen Gattungen und Arten, Mechs und Infosophonten. Die Zivilisation hat sich auf einige Nachbarsysteme ausgebreitet. Auch in den Nachbarsystemen gibt es keine bewohnten Planeten, dafür aber genauso lebendige interplanetare Zivilisationen. Insgesamt schätzt man, dass etwa 500 Milliarden Sophonten zu Artu gerechnet werden können. Das ist auch im interstellaren Vergleich eine große Zahl. Trotzdem ist die Bedeutung Artus eher gering. Gründe dafür liegen in der Fragmentierung, im geringen Drang zu Aktivitäten außerhalb der dicht bewohnten Systeme und in den ständigen Konflikten zwischen Clans oder Allianzen von Clans. Die Zivilisation ist im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt.
Andere Völker der Umgebung nehmen Artu eher als Störfaktor war. Das liegt daran, dass die Zersplitterung der Artu-Zivilisation eine einheitliche Außenpolitik verhindert. Da es nicht einmal Großmächte gibt, sondern nur die Clans, hängt die Außenwirkung alleine vom Verhalten einzelner Clans ab. Die wenigen Clans, die außerhalb von Artu aktiv sind, befinden sich nicht nur räumlich, sondern auch soziologisch am Rand der Gesellschaft. Manche haben fragwürdige Geschäftsmodelle und einen flexiblen moralischen Anspruch. Mit anderen Worten: man es im besten Fall mit Händlern zu tun, sonst aber eher mit Freibeutern und Dieben.
Das entspricht auch den Erfahrungen der solaren Menschheit. Der erste Kontakt mit Artu kam durch die sogenannte Artu-Domäne, eine Allianz von Clans, die ihre hochstehende Technik nutzten, um das gesamte Solsystem zu erpressen. Auch von den Konflikten zwischen Clans waren Menschen schon betroffen. In den Jahren der Alien-Kriege im Solsystem stritten Clans um die Abgaben der Menschen und nahmen dabei absolute keine Rücksicht auf die solare Zivilbevölkerung. Andere Völker machten ähnliche Erfahrungen. Artu wirkt auf die Nachbarn eher störend. Jedenfalls ist Artu keine Hilfe bei interstellaren Krisen und Bedrohungen.
Die Fragmentierung der Zivilisation begann im sogenannten ewigen Krieg von Artu. Der ewige Krieg war eine 1800-jährige Phase von ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen im Artu-System, die von 1000 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.) bis etwa in unser Jahr 800 andauerte. Unüberschaubar viele Fraktionen stritten sich um Ressourcen und Macht, um Religionen und Weltanschauungen, um Märkte und Handelsbeziehungen und um andere Themen, die für Menschen unverständlich sind. Einzelne Habitate stritten mit ihren Nachbarn, Allianzen bildeten sich, lösten sich auf und gruppierten sich neu. Viele Habitate wurden durch politische Differenzen zerrissen und zerfielen in mehrere Fraktionen, die sich dann oft unterschiedlichen Allianzen anschlossen. Rache für erlittenes Unrecht verlängerte immer wieder Auseinandersetzungen.
Dazu kommt, dass einige Kulturen von Artu eine Art individuelles Strafmandat kennen. Das ist ein Ersatz für Bestrafung durch den Staat in einer Kultur, die keine staatliche Autorität kennt. Einzelne Individuen, Clans oder Allianzen bestrafen andere. Daraufhin gibt es oft wiederum Rache, übertragene Vergeltung oder weitere individuelle Strafaktionen durch Dritte. Das ganze System ist nicht geregelt. Es ähnelt einer Kultur von Blutrache, in der sich Fehden über Generationen fortsetzen können. Hier wird es noch verschärft dadurch, dass dritte Parteien sich als Richter und Bestrafende einmischen können. Es einzige beschränkende Faktor ist, dass jeder, der Strafe ausübt, wieder die Strafe anderer fürchten muss.
Interplanetare Zivilisationen wie Artu sind generell anfällig für Fragmentierung. Fast die gesamte Bevölkerung lebt in Habitaten, in planetaren oder solaren Orbits. Die meisten Habitate haben nahe Nachbarn. Sie sind in Clustern organisiert. Dahinter beginnt die Lichtverzögerung (Light-Lag). Nur das eigene Habitat oder der Habitat-Cluster ist nahe genug für Echtzeit-Kommunikation, für ein schnelles Netz und für ständigen Austausch. Die nächsten Cluster sind mindestens Lichtsekunden entfernt, im äußeren System auch oft Minuten. Man kann mit ihnen handeln. Man kann Informationen austauschen. Aber die Verzögerung schafft eine gefühlte Distanz. Andere Habitat-Cluster sind weiter entfernt als die andere Seite eines Planeten. Die Lichtgeschwindigkeit lässt sich nicht umgehen (oder zumindest nur in noch viel weiter fortgeschrittenen Zivilisationen).
Diese Light-Lag bedingte Tendenz zur Fragmentierung betrifft alle interplanetaren Zivilisationen. Trotzdem können andere Völker größere Machtzentren herausbilden und Ordnungsstrukturen über Lichtminuten oder Lichtstunden etablieren. Bei Artu ist das nicht der Fall. Im Gegenteil, das weitgehend anarchische Rechtssystem führt immer wieder zu lokalen Konflikten. Das fördert eher noch kulturelle und politische Zersplitterung. Soziologische Modelle zeigen, dass das System instabil ist. Es gleitet schnell ins Chaos ab, wenn man es auf Menschen anwendet. Mit der Mentalität der Völker von Artu scheint das System etwas stabiler zu sein. Trotzdem kippte es anscheinend um das Jahr 1000 v.u.Z. Der Auslöser ist heute nicht mehr zu identifizieren. Vermutlich hat einer der vielen Kleinkonflikte über das ungeregelte Rechtssystem andere Parteien einbezogen und sich dann zu einem Flächenbrand ausgeweitet.
Der ewige Krieg führt zu einer bedeutenden Reduzierung der Bevölkerung und des Technologielevels. Überlichtschnelle Raumfahrt ist lange nicht mehr möglich. Aber es bleibt genügend Technologie für interplanetare Kriegsführung. Einzelne Akteure, Clans und Habitate können sich den Zerstörungen entziehen. Sie bewahren Datenbanken mit Know-how, vor allem Baupläne für Fabs und wissenschaftliche Erkenntnisse. Vieles davon kann nicht mehr benutzt werden, weil die Infrastruktur fehlt. Für die Herstellung von moderner Hightech-Ausrüstung braucht man eben nicht nur Baupläne, sondern auch die hochauflösenden Fabs und nanostrukturierte Metamaterialien als Fabinput. Das kann die Ökonomie eines einzelnen Habitats nicht bereitstellen. Schon gar nicht ein Clan von Survivalisten auf einem Kuiper-Gürtel Objekt.
Gegen Ende des ewigen Krieges, als die Auseinandersetzungen abnehmen, als mehr aufgebaut als zerstört wurde und als die Bevölkerung wieder wächst, kann man dann die Wissensdatenbanken nutzen und den Techlevel langsam wieder anheben.
Der erste neue Interstellarflug fällt in die Zeit in der sich das interianische Imperium in den lokalen Sektor ausbreitet. Das ist etwa gleichzeitig mit dem ersten interstellaren Aktivitaten der Kisor-Zwillinge, die sich gerade aus ihrer eigenen dunklen Epoche befreit haben. Um 1000 u.Z. brachte Interia Frieden und Ordnung in den Sektor (Pax Interiana). Artu und Kisor nehmen im Lauf der Zeit den imperialen Techlevel an. Die Völker entwickeln sich parallel weiter unter dem Schutz des Imperiums. Jedes mit seinen Eigenheiten. Artu zersplittert und interplanetar. Kisor gut organisiert und konzentriert auf Planetenoberflachen. Einige hundert Jahre später wird dann Kisor das interianische Regionalzentrum. Artu bleibt chaotisch.
Niemand wusste, dass die beiden Völker eine lange gemeinsame Geschichte haben. Sie ist viel länger als die 2000 Jahre seitdem beide die interstellare Raumfahrt wiederentdeckt haben – bis die t5a-Kammer geöffnet wird.
Die Kammer liegt auf einem der Eismonde des Artu-Systems unter einer 20 Kilometer dicken Eisschicht. Die sogenannte t5a-Kammer ist eigentlich eine tief eingegrabene automatische Basis, eine Kugel von 40 Meter Durchmesser mit einem Archiv der Zivilisation von Artu. Die Kammer ist für eine Konservierungsdauer von 2 Millionen Jahren ausgestattet. Tatsächlich wird sie schon nach 2700 Jahren wieder geöffnet. Die gesamte Basis ist angefüllt mit Langzeitdatenträgern und Archivausrüstung: Kopierstationen, Lesegeräte und Automaten, die regelmäßig alle Datenträger erneuern. Neben technisch/wissenschaftlichen Datenbanken, Kultur, Kunst und genügend Informationen um die Artu-typische Biosphäre aus Gen-Daten zu rekonstruieren, gibt es ein ausführliches historisches Archiv. Es enthält zwei spektakuläre Erkenntnisse zur gemeinsamen Geschichte von Kisor und Artu.
Die historischen Daten gehen 10.000 Jahre zurück. Weitere bruchstückhafte Aufzeichnungen und 10.000 Jahre alte Legenden reichen noch 3000 Jahre weiter. Die erste überraschende Erkenntnis ist, dass die Völker von Artu anscheinend von den sogenannten Balsachen abstammen.
Die Balsachen (die Bezeichnung ist eine schlechte Transkription aus dem Hoch-Kisori, eigentlich Bal Sar Kan: Plünderer, Menschen würden "Vandalen" sagen) waren die Nemesis des goldenen kisorischen Reiches vor 12.000 Jahren. Nach der kisorischen Geschichtsschreibung kamen die Balsachen in einer völkerwanderungsähnlichen Bewegung aus dem Sagittarius-Arm der Milchstraße. Sie kamen mit riesigen mobilen Habitaten und fielen über die hier ansässigen Völker her. Einige Flotten durchquerten damals das kisorische Reich und wo sie durchzogen hinterließen sie Zerstörung und Untergang. Kisor musste die Völker des Sektors schützen. Die Abwehrkämpfe gegen immer neue Wellen von Balsachen-Flotten dauerten 50 Jahre. Angeblich kamen zig Millionen Schiffe, viele davon große Habitate, mit insgesamt zehntausend Milliarden kriegerischen Individuen. Das goldene Reich war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Es mobilisierte alle Ressourcen und konnte die Raumschiffschwärme aufhalten. Sie wurden vernichtet oder vertrieben. Anscheinend hatten die Balsachen sich so gründlich den Hass der lokalen Völker zugezogen, dass das goldene Reich sie überall verfolgte, bis weit über die Grenzen des Reiches. Die Kisori vernichteten alle Balsachen, die sie finden konnten. Auch solche, die sich in unwirtliche Sonnensysteme ohne bewohnbare Planeten zurückgezogen hatten. Es gab großangelegte Suchoperationen und regelrechte Säuberungen ganzer Sonnensysteme. Das goldene Reich besiegte schließlich die Bedrohung. Aber die Anstrengungen waren zu groß und einige Zeit später zerbrach das Reich daran. Eine schmerzhafte Erfahrung im kollektiven Gedächtnis der Kisori, die das goldene Reich idealisieren.
Die Legenden aus der t5a-Kammer zeigen ein anderes Bild. Sie erzählen davon, dass die Vorfahren der Völker von Artu selbst Flüchtlinge waren. Sie mussten einer großen "dunklen" – aber sonst nicht genauer beschriebenen – Bedrohung ausweichen. Ihre Zivilisation war schon damals interplanetar und verteilt über viele Sonnensysteme. Sie versehen ihre Habitate mit langsamen Überlichttriebwerken und machen sich auf die Suche nach einer neuen Heimat, weit entfernt von der dunklen Bedrohung. Auf ihrem Weg nutzen sie die Ressourcen unbewohnter Systeme. Dann werden sie plötzlich angegriffen. Sie versuchen sich zu verteidigen, aber ihre zivilen Wohnschiffe sind den Angreifern nicht gewachsen. Sie werden erbarmungslos verfolgt. Viele versuchen sich in unbewohnten Systemen zu verstecken, meistens unter dem Eis von Monden der Gasriesen. Ihre mobilen Habitate sind zerstört. Nur einzelne militärische Begleitschiffe, die dem Massaker entkommen und Rettungsboote bleiben übrig. Die Schiffe werden zur Tarnung in das Eis eingeschmolzen. Aber die Angreifer suchen mit geradezu fanatischem Eifer.
Jahrzehnte der Verfolgung und der Dezimierung bringen unendliches Leid und Verlust. Sie sind von Regen in die Traufe geraten. Sie waren in einer riesigen kollektiven Anstrengung vor der dunklen Bedrohung geflohen, nur um dann auf der Suche nach einer neuen Heimat Aliens mit einem fanatischen Territorialinstinkt in die Hände zu fallen. Die meisten Verstecke werden irgendwann gefunden. Von den übrigen sind viele zu klein und nicht alleine lebensfähig. Nur einige größere Kolonien im Artu System überdaueren die lange Zeit. Aber die improvisierten Verstecke sind isoliert von den anderen Zufluchtsstätten. Sie sind zu klein, um ein hohes technisches Niveau zu bewahren. Geräte fallen mit der Zeit aus und können nicht ersetzt werden. Das Leben in den Zufluchtsstätten wird teilweise archaisch. Einfache automatisch Anlagen für die Lebenserhaltung werden oft von einer Priesterkaste gewartet.
Es dauerte 2000 Jahre bis in einigen Zufluchtsstätten eine technische Renaissance eintritt. Das ist der Zeitpunkt, wo die Legenden in zuverlässige historische Aufzeichnungen übergehen. Noch einmal 1000 Jahre später entwickelt sich eine interplanetare Zivilisation. Die Bevölkerung geht wieder in die Millionen. Sie ist verteilt auf tausende Habitate und Raumstationen. Die Technik entwickelt sich weiter und parallel dazu läuft eine bewegte interplanetare Geschichte ab. Clans und Allianzen kommen und gehen. Die Bevölkerung wächst um das Tausendfache. 2000 Jahre nach dem ersten Interplanetarflug, erreichen die ersten langsamen Raumkrümmer interstellare Nachbarsysteme.
Artu braucht viel länger als das Solsystem bis zur interstellaren Raumfahrt. Das stellt sich als Glücksfall heraus, denn so ist Artu nicht betroffen von der damaligen interstellaren Entwicklung. Das plötzliche Ende des Mercato-Imperiums hinterläßt viele ungeschützte Systeme. Kisor und viele andere hochentwickelte Völker werden durch Überfälle schwer getroffen. Kisor wird mehrmals geplündert. Das System verliert fast seine gesamte Bevölkerung und den Technologie-Baum bis hinab zu handgewickelten Elektromotoren und Windrädern. Es ist das sogenannte kisorische Mittelalter. Erst 3000 Jahre später kann die Technik auf Kisor wiederhergestellt werden. Da ist ungewöhnlich lang. Überall stehen noch alte technische Anlagen. Sie funktionieren zwar nicht mangels Energie und verfallen immer mehr, aber sie zeugen von besseren Zeiten und sie geben Hinweise für einen Neuanfang. Eigentlich müsste eine ehemals technische Gesellschaft, wie Kisor, die archaische Phase schneller hinter sich lassen können. Man erklärt das damit, dass alle zugänglichen Bodenschätze schon seit langer Zeit verbraucht sind und deshalb ein Neuanfang schwer ist.
An dieser Stelle liefert die Auswertung der t5a-Kammer eine zweite überraschende Erkenntnis. Wieder kreuzen sich die Wege von Artu und Kisor. Clans von Artu haben die Technik der Überlichttriebwerke langsam weiterentwickelt. Die Schiffe sind nun etwas schneller und die Reichweiten größer. 400 Jahre nach den ersten interstellaren Reisen entdeckt die Hightech-Zivilisation von Artu das archaische Kisor. Das ist etwa um 3000 vor unserer Zeitrechnung. Schnell identifiziert man die Kisori als die Feinde aus den alten Legenden. Nicht die dunkle Bedrohung, sondern die erbarmungslosen Jäger ihrer Vorfahren. Die Beschreibungen in den Legenden sind eindeutig. Und sie werden bestätigt durch uralte Datenaufzeichnungen der Schiffe, die einst unter dem Eis vergraben wurden.
Aus Sicht der Artu-Völker sind die Vorfahren der Kisori verantwortlich für den Tod von vielen tausend Milliarden. Die damaligen neuen Artu-Bewohner, die Nachkommen der Balsachen, sehen in den Kisori die kriegerischen Fanatiker ihrer Legenden. Es sind die Verantwortlichen für den Mord an ihren eigenen Vorfahren, die beinahe das gesamte Volk ausgelöscht hätten, nur weil sie nicht friedliche Wanderer durch ihr Reich ziehen lassen wollten.
Aber jetzt sind die Rollen vertauscht. Artu ist eine interstellare Hightech-Zivilisation und die zwei Kisor-Planeten sind hilflos. Auf Kisor-Beta, dem inneren bewohnbaren Planeten, leben insgesamt 300 Millionen in einer mittelalterlichen Gesellschaft. Das ist weniger als ein Hundertstel der Bevölkerung vor dem Fall und vermutlich sogar zehntausendmal weniger als zur Zeit des goldenen Reiches. Alpha, der äußere Planet, ist fast komplett entvölkert. Dort leben nur noch 5 Millionen Kisori in kleinen Dörfern oder als – fast steinzeitliche – Nomaden.
Es gibt nicht viele Sonnensysteme mit bewohnbaren Planeten. Deshalb wäre dies eine gute Gelegenheit, den Kisori ihre Planeten abzunehmen. Aber die Biosphäre, die für Kisori geeignet ist, ist unbrauchbar für die Völker von Artu. Das müsste eine Hightech-Zivilisation wie Artu nicht aufhalten. Mit Geo- und Ökoengineering ließe sich das beheben. Aber die fragmentierte Artu-Gesellschaft ist nicht in der Lage so eine aufwändige Operation über einen langen Zeitraum durchzuführen. Das ist auch nicht nötig, denn die Völker von Artu, die Nachkommen der Balsachen, leben seit jeher (zumindest länger als die ältesten Legenden) in interplanetaren Habitaten oder in künstlichen freien Bereichen. Sie streben kein Leben auf Planetenoberflächen an.
Die Öffentlichkeit von Artu ist gespalten, wie man mit Kisor umgehen soll. Manche plädieren dafür, die Kisori sich selbst zu überlassen. Sie wollen den ehemaligen Feinden nicht helfen. Auf der anderen Seite ist das aber alles schon sehr lange her. Die Täter waren schließlich nicht die momentan lebenden Kisori, auch nicht ihre direkten Vorfahren, sondern eine ganz andere Zivilisation 6000 Jahre zuvor. Die Zivilisation der ehemaligen Feinde ist untergegangen, wieder auferstanden und nochmal untergegangen. Es gibt keinen Bezug mehr zu den Vor-Vorläufern. Keine Individuen, keine Organisationen, nicht einmal Aufzeichnungen haben die 6000 Jahre und den zweifachen Niedergang überdauert. Deshalb kann es eigentlich keine Schuld mehr geben. Andere fürchten sich, dass die Kisori, trotz der langen Zeit noch die gleiche kriegerische Mentalität haben könnten, die man aus den Legenden kennt. Diese Fraktion der Artu-Bewohner will verhindern, dass Kisor wieder eine interstellare Macht wird, die dann vielleicht Artu angreifen könnte.
Wie üblich gibt es keine einheitliche Vorgehensweise. Für die meisten Bewohner von Artu ist die Entdeckung der realen Nachkommen von Protagonisten aus alten Legenden nur eine Kuriosität. Aber einige Clans nehmen die Sache ernst. Sie werden aktiv, auf ganz verschiedene Weise. Es gibt gleichzeitig neutrale, konstruktive und destruktive Aktivitäten:
- Einige Clans beobachten die Kisori, um zu verhindern, dass Artu überrascht wird, falls Kisor sich aus den Trümmern erhebt.
- Exosoziologen, Exobiologen und Historiker untersuchen einzelne Kisori und ihre Gemeinschaften. Sie wollen einen Bezug zwischen den Legenden und der Realität herstellen. Sie wollen herausfinden, ob Kisori individuell oder als Gesellschaft so kriegerisch und rücksichtslos sind, wie in der Überlieferung beschrieben. Manche forschen in der Absicht die Kisori zu ändern falls nötig.
- Manche Clans versuchen die Not der kisorischen Bevölkerung zu lindern. Sie verteilen Lebensmittel und Medikamente. Dabei versuchen sie meistens nicht (als "Aliens") entdeckt zu werden. Zur Bevölkerung gelangt die Hilfe oft über einzelne eingeweihte Kisori, die als Heiler oder als Händler unterwegs sind. Impfungen gegen Infektionskrankheiten werden über Brunnen ausgebracht. Mangelerscheinungen begegnet man durch Zusätze in Getreidesilos. Die Hilfe geht vor allem an Kisor Alpha, wo es der Bevölkerung sehr schlecht geht, und an die städtische Bevölkerung auf Beta die in prekären hygienischen Verhältnissen lebt.
- Einige Helfer setzen bei der Technologie an. Sie versuchen den Kisori technisches Wissen zu geben oder alte Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Auch das geschieht oft indirekt über wenige Eingeweihte unter den Kisori oder durch Androiden in Kisori-Form. Die kisorischen Legenden sind voll von Zauberern, die Unmögliches möglich machen.
- Lokale Kisori-Herrscher dominieren oft nur eine Stadt und das Umland. Besonders auf Kisor-Beta gibt es ständig kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Nachbarn. Einige Clans von Artu versuchen Kriege zu unterbinden. Gelingt das nicht, dann versuchen sie eine schnelle Entscheidung herbeizuführen. Manche fördern größere stabile Strukturen, weil sich nur eine einigermaßen friedliche Gesellschaft wieder erholen kann. Kisorische Überlieferungen erzählen von berühmten Friedensstiftern, die zwischen Konfliktparteien vermitteln und Friedensabkommen erreichen, die niemand für möglich gehalten hätte. Sicher setzen die Artu-Clans dafür moderne Memetik-Techniken ein. Kommt es doch zum Krieg, dann werden Schlachten in der Überlieferung immer wieder von mächtigen Superhelden entschieden.
- Aber es gibt auch Clans, die eine technische Renaissance verhindern wollen. Sie sabotieren Fortschritte, manchmal durch subtile Manipulation, manchmal auch durch gewaltsame Zerstörung. Plötzliche Zerstörungen, ob durch orbitale kinetische Schläge oder durch konventionelle Sprengmittel, werden von der kisorischen Bevölkerung als Zorn Gottes, bzw. der Götter, Wüten von Riesen oder als Widerstand der Natur gegen Neuerungen wahrgenommen. Im Lauf der Zeit wird die Bevölkerung immer abergläubischer. Änderungen scheinen immer Rückschläge zu provozieren, wobei man die Reaktion je nach Weltanschauung den Göttern, Monstern oder der Natur zuschreibt. Nach einigen hundert Jahren gewinnen auf Kisor-Beta konservative Kräfte die Oberhand, die sich jeder Neuerung widersetzen, weil "Neuerungen erfahrungsgemäß immer Unheil bringen".
- Helfende Clans versuchen solche Sabotageaktionen zu verhindern. In besonders dramatischen Fällen kommt es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Clans von verschiedenen Enden des Spektrums. Auf die eingeborene Bevölkerung wirkt das wie Auseinandersetzungen zwischen Göttern oder Superhelden.
- Einzelne Clans beschränken sich nicht auf die Behinderung des Fortschritts. Sie gehen gewaltsam gegen die kisorische Bevölkerung vor. Besonders im frühen Mittelalter, am Anfang der Manipulation durch Artu-Clans, gibt es massive Gewalt gegen die eingeborene Bevölkerung. Mit den neuen Erkenntnissen kann man mehrere große Katastrophen aus alten kisorischen Legenden erklären:
- Auf dem Kontinent, der später einmal das "Land aller Gilden" sein würde, kennen viele Regionen die Legende von einer großen Flut. Die Flut wird ausgelöst durch Abschmelzen von Gletschern im zentralen Gebirgsmassiv des Kontinents mittels orbitaler Spiegel.
- Eine andere Geschichte zeugt vom Untergang der sagenhaften Stadt Tis La Nat, deren Bewohner in direkter Verbindung zu den Göttern standen. Ein Clan hatte die Stadt modernisiert, um sie zu einem Nukleus für die technische Renaissance zu machen. Die Idee war, ausgehend von einer Stadt immer weitere Bereiche zu modernisieren. Dafür offenbarten sich Artu-Sophonten in Androidenkörpern den Einwohnern. Sie brachten moderne Technik, Werkzeuge und sogar Fabs. Ein anderer Clan stoppte die Aktivitäten der Helfer durch eine nukleare Explosion, die Tis La Nat völlig zerstörte.
- Kisorische (alturistisch-) religiöse Texte berichten von einem Feuersturm, den der Gott Altur auf zwei Städte herabregnen ließ, als Strafe für deren unmoralische Lebensweise. Das Ereignis passt zeitlich zur Vernichtung einer großen Stadt, die durch einen Fluss in zwei Hälften geteilt war. In der Zwillingsstadt hatte ein Clan über mehrere Jahrzehnte behutsam wissenschaftliche und technische Schulen aufgebaut. Die Bevölkerung wandte sich langsam vom Aberglauben ab und einer wissenschaftlichen Denkweise zu. Alturistisch geprägte Nachbarregionen empfanden die Abwendung von Altur als Frevel. Irgendwann blitzte und donnerte es bei heiterem Himmel als ob ein unsichtbares Gewitter sich über den beiden Stadthälften entladen würde. Moderne Brandbomben fielen auf einige Quadratkilometer Holzhäuser. Die Zwillingsstadt brannte bis auf die Grundmauern nieder.
- Schon sehr früh versuchte eine Clan-Allianz einen Start-/Landeturm mit Konverter-Beschleuniger zu bauen. Damit sollten Materiallieferungen vom Orbit erleichtert werden. Der zentrale Schacht mit dem Beschleuniger wurde von einer Bergspitze 4 Kilometer tief in den Boden getrieben. Eingeborene Arbeiter errichteten auf dem Berg einen Turm "bis in die Wolken". Der Berggipfel lag immer im Nebel und die Wolkenbildung wurde für das Projekt künstlich verstärkt. Die Spitze eines 200 Meter hohen Turms ist vom Boden aus schon nicht mehr zu sehen. Dort geht der Beschleunigerschacht in eine 20 Kilometer hohe Feldröhre über, eine optisch transparente Nanomatrix, die das Innere der Röhre durch EM-Nahfelder aktiv unter Vakuum hält. Aber der Bau wird auf ungewöhnliche Weise sabotiert. Ein destruktiver Clan verbreitet ein Mem-aktives Designer-Virus unter der lokalen Bevölkerung. Das Virus senkt moralische Schwellen und erhöht das Aggressionspotential. Die eingeborenen Arbeiter greifen sich gegenseitig an. Dabei zerstören sie nicht nur den Turm, sondern auch die teure Feldröhre. Es gibt keinen weiteren Versuch, den Plan zu Ende zu bringen.
- Den größten Schaden richten verborgene Aktionen an, vor allem biologische Angriffe auf die eingeborene Bevölkerung. Die moderne kisorische Geschichtswissenschaft ging davon aus, dass die Bevölkerung der zwei Planeten durch Hunger, Seuchen und fehlende medizinische Versorgung auf 30 Millionen (ein Tausendstel) zurückging (Kisor-Alpha: 50.000). Aber nun stellt sich heraus, dass das Minimum schon bei 300 Millionen (Alpha: 5 Millionen) erreicht war. Erst der Eingriff einiger Artu-Clans mit biologischen Waffen reduzierte die Bevölkerung auf die historisch bekannten Werte. Einige Extremisten von Artu versuchten die Kisori auszurotten. Mit künstliche Viren töteten sie 90% der Bevölkerung (auf Alpha: 99%).
- Nur den Impfungen durch hilfsbereite Clans ist es zu verdanken, dass einige Kisori überlebten. Da man sich dabei auf die Städte konzentrieren musste, gab es auf Kisor-Alpha keine Impfungen. Dort sorgten nur natürliche Quer-Resistenzen dafür, dass immerhin 50.000 Kisori überlebten. Eine zweite Welle tödlicher Virenstämme war schon vorbereitet, als sich einige Clans zusammenschlossen, um die Ausbringung der Krankheitserreger mit Waffengewalt zu verhindern.
Clans mit einer positiven Einstellung gegenüber Kisor verfügten insgesamt über wesentlich mehr Ressourcen, als die negativen Kräfte. Aber Sabotage braucht oft nur eine kurze Einzelaktion während Hilfe eher ein langwieriger Aufbau ist. Langfristig setzten sich die destruktiven Kräfte durch. Die Kisori wurden zwar nicht vollständig ausgerottet, aber die beiden Planeten verharren 3000 Jahre im Mittelalter. Das wäre auch noch länger so weitergegangen, wenn in der Artu-Zivilisation nicht der ewige Krieg ausgebrochen wäre.
Schon kurz nach dem ersten systemweiten Aufflammen des ewigen Krieges werden die meisten Aktivitäten auf Kisor eingestellt. Später fehlen dann sogar die technologischen Mittel, um Kisor zu erreichen. Befreit von den Störungen bauchen die Kisori auf Beta nur 500 Jahre bis zur Industrialisierung, dann weitere 400 Jahre bis die Technik reif ist zur interplanetaren Raumfahrt und nochmal 900 Jahre bis zu den ersten interstellaren Aktivitäten mit einfacher Lichtgeschwindigkeit. Das ist die Zeit als auch Artu – zum ersten Mal nach dem ewigen Krieg – wieder Überlichtraumschiffe aussenden kann. Artu und Kisor befinden sich etwa auf dem gleichen Techlevel, haben aber keinen Kontakt. Beide entwickeln ihre Überlichttechnologie weiter. Aber um zügig interstellare Distanzen zu überwinden, benötigt man Überlichtfaktoren von 100 oder 1000. Die Technik ist sehr anspruchsvoll. Diese Entwicklung braucht Zeit. Typisch ist eine Verdreifachung der Geschwindigkeit alle 100 Jahre.
Als um das Jahr 1000 u.Z. die Pax Interiana anbricht, haben Artu und Kisor immer noch keinen Kontakt. Für Artu wäre es nun viel zu spät, um Kisor noch einzudämmen. Außerdem ist das Wissen um die Identität Kisors im ewigen Krieg verloren gegangen. Der ewige Krieg hat nicht nur die technologischen Fähigkeiten reduziert, sondern auch fast alle Datenbanken ausgelöscht. Nur in vereinzelten konservierten Archiven, wie der t5a-Kammer, gibt es dazu noch historische Aufzeichnungen.
Bei der Öffnung der t5a-Kammer 3270 ist die Situation dann wieder völlig anders. Inzwischen sind 2200 Jahre vergangen und es ist viel passiert: Kisor war fast tausend Jahre lang interianisches Regionalzentrum. Als sich das Imperium zurückzog, übernahm Kisor den Sektor. Aber als die Menschen die interstellare Bühne betraten und von Artu-Clans erpresst wurden, mischte sich Kisor nicht ein. Später verteidigte Kisor dann doch das Solsystem gegen Plünderer. Und nach einem Krieg zwischen Kisor und Sol waren beide ein halbes Jahrhundert verbündet gegen die Chinti-Schwärme. Als diese Bedrohung in der "Zeit der streitenden Schwärme" entfiel, wurden Sol und Kisor wieder Gegner. Während der Besetzung des Solsystems durch Barbarenstämme wurde Kisor kinetisch bombardiert und wieder einmal fast ausgelöscht. Auch Artu und Sol wurden nach dem Ende der Chinti-Bürgerkriege schwer getroffen. Die meisten Völker des Sektors leiden noch unter den Nachwirkungen des Barbarensturms oder unter der aktuellen Chinti-Expansion.
Die Erkenntnisse der t5a-Kammer könnten zu neuen Verwerfungen zwischen den Völkern führen. Schließlich haben sich Kisor und Artu gegenseitig fast ausgelöscht und darüber hinaus – ebenfalls gegenseitig – für Jahrtausende auf das Existenzminimum reduziert.
Aber die Zusammenhänge, die jetzt bekannt werden, haben trotz ihrer Brisanz keine konkreten Auswirkungen. Kisor ist momentan wieder unbedeutend. Kisor-Beta ist – nach Bombardierung und Wiederherstellung – gerade erst wieder besiedelt worden. Kisor-Alpha ist immer noch eine Eiswüste.
Auch Artu wurde 60 Jahre zuvor durch einen Chinti-Angriff schwer getroffen. Ohne eine systematische Verteidigung mit Tiefraumsperren und Ballistikschild hatten die Insekten leichtes Spiel. Artu verlor etwa die Hälfte der Habitate, der Bevölkerung und der interplanetaren Infrastruktur. Die absoluten Zahlen sind trotzdem noch gewaltig und in 60 Jahren wurde viel wiederaufgebaut. Aber Artu ist immer noch zersplittert und ohne einheitliche Außenpolitik.
Die neuen Erkenntnisse sind doch nur historische Kuriositäten.
#Geschichte #interstellar #Crash #Wiederaufbau #Krieg #Verschwörung #Legenden
http://jmp1.de/h3270
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2956 Der letzte unabhängige Habitat-Cluster wird von Dellianern übernommen.
Xiao Chu ist ein Verbund von Orbitalen und Torus-Gitter-Habitaten im Asteroidengürtel mit 30 Millionen Einwohnern. Durch geschicktes Agieren innerhalb der dellianischen Feudalstruktur konnte Xiao Chu sehr lange seine Unabhängigkeit bewahren. Aber im Jahr 2956 endet die Selbstverwaltung. Der Fremdherrscher des Solsystems vergibt Xiao Chu als Lehen an einen seiner Vasallen. Xiao Chu war die letzte unabhängige Territorialsouveränität im Solsystem.
Vor der Besetzung des Solsystems war Xiao Chu Marktführer im Bereich Wartung von Hightech-Infrastruktur und -Ausrüstung. Viele bei Xiao Chu ansässige Unternehmen hatten sich auf Fernwartung spezialisiert. Xiao Chu bot selbst nur wenige technische Produkte an. Seine Unternehmen waren vor allem Wartungs- und Betriebsdienstleister für technische Anlagen anderer Hersteller mit einem Fokus auf Hightech-/Highperformance-Systeme, wie:
- Synthesizer für nanostrukturierte Metamaterialien,
- massenspektrometrische Separatoren im Ressourcenabbau,
- massivparallele Molekularstrahldrucker,
- Kraftwerke mit fraktal induzierter Fusion,
- Wandler für energetische Leistungs-Hohlleiter,
- Assembler und Justierwerke für Konverterpole von Raumkrümmern,
- industrielle Präzisionsfabs,
- Hochenergie-Feldschirme für den Strahlenschutz,
- Ultrakapazitoren auf Basis von Kernladungsseparation
und viele andere.
Die modernen Technologien, die Xiao Chu für seine Kunden verwaltet, sind sehr komplex und störanfällig. Fast alle verwenden hohe Leistungsdichten, einige im Bereich von Terawatt pro Kubikmeter. Das produziert mechanischen Stress und Abwärmeprobleme. Trotzdem müssen die Geräte ihre räumliche Anordnung sehr genau einhalten um ihre Funktion zu erfüllen, manche auf Attometer-Dimensionen, dem Tausendstel eines Atomkerndurchmessers. Solche Anlagen bestehen außerdem aus vielen Komponenten, jede mit ihrem eigenen problematischen Störungsprofil. Die Summe der möglichen Fehlerquellen und die Gesamtwahrscheinlichkeit für Ausfälle von Einzelkomponenten führen dazu, dass moderne Hightech-Systeme eigentlich nicht dauerhaft laufen können. Erst spezielle Techniken aus den Bereich der Betriebswissenschaft (Operational Science, kurz: OpS) machen es möglich, diese Systeme profitabel zu betreiben.
Das Systemverhalten moderner Hardware ist sehr komplex. Oft ist es schon im chaotischen Bereich. Es ist quasi-chaotisch. Klassische Maßnahmen, die auf dem Prinzip von Analyse-Aktion-Wirkung basieren, funktionieren dann nicht. Nur durch sehr fortschrittliche Methoden wie präkognitives Wartungsmanagement und topologische Reduktion des chaotischen Phasenraumvolumens werden solche Systeme beherrschbar. Diese Techniken sind die Spezialität von Xiao Chu. Xiao Chu ist außerdem dafür bekannt, das Management quasi-chaotischer Systeme mit differentieller Leistungsoptimierung zu verbinden und mehr Nutzleistung herauszuholen.
Im Zuge der Machtübernahme, erst durch Leccianerhorden und dann endgültig durch Dellianerstämme, wurde die hochspezialisierte und vernetzte solare Wirtschaft empfindlich gestört. In dieser chaotischen Zeit verschwanden viele Firmen vom Markt. Lieferketten wurden unterbrochen und Dienstleister fielen aus. Das betraf auch Wartungsdienstleister, die quasi-chaotische Systeme managen konnten.
Die Technik des Solsystems lief während der Machtübernahme weiter. Die meisten technischen Anlagen werden durch KI-Systeme betrieben und instandgehalten. Auch KIs beherrschen die OpS Grundprinzipien und Standardverfahren für quasi-chaotische Systeme. Aber bei Hightech-Ausrüstung treten trotzdem immer wieder Situationen auf, wo das Spezialwissen der Hersteller gefragt ist. Das war die Domäne von Xiao Chu. Die Bewohner von Xiao Chu hatten sich darauf spezialisiert, als Outsourcing-Dienstleister im Auftrag der Originalhersteller Hightech-Systeme zu betreiben, zu warten und zu reparieren. Ein Großteil des Wissens um den Betrieb von Hightech-Ausrüstung und -Anlagen im mittleren System war bei Xiao Chu konzentriert. Zu diesem Zweck war Xiao Chu auch führend im Wissensmanagement, der Organisation von Know-how, der Speicherung, Anreicherung, Weitergabe und Inferenz.
Xiao Chu war beim Putsch der Leccianer nicht direkt betroffen. Sowohl Jupiter als auch Saturn standen damals auf der anderen Seite des Systems. Deshalb war der Schwerpunkt des Leccianer-Aufmarschs sehr weit weg. Auch später blieb der Habitat-Cluster unabhängig. Mit der Unabhängigkeit konnten die Spezialisten von Xiao Chu auch das Know-how bewahren. Die Konservierung von Wartungs- und Betriebswissen für technische Anlagen war die wesentliche Strategie der Xiao Chu-Führung. Das ging sogar so weit, dass Xiao Chu Kommandounternehmen durchführte, um Wissen von zusammenbrechenden Know-how-Trägern (Unternehmen, Personen, Datenbanken, KI) im ganzen System zu sichern.
Auch die neuen Herrscher mussten komplexe Technik betreiben. Die Beratungsunternehmen von Xiao Chu wurden zu wichtigen Dienstleistern der Fremdherrscher. Deshalb war Xiao Chu unverzichtbar, sowohl für den Lebensstandard der dellianischen Herrscher, als auch für ihre Kriege.
Der Dellianer Bilsass erkannte, dass gerade die Unabhängigkeit der Schlüssel zur Bewahrung des Know-hows war. Denn dieses Wissen liegt bei einzelnen Firmen, in ihren Datenbanken und bei Individuen, Menschen und Infosophonten. Essentiell ist auch das Beziehungsgeflecht zwischen den Wissensträgern. Diese Netzwerke werden organisiert durch die Beratungsfirmen von Xiao Chu. Bilsass ist bewusst, dass eine Störung der Strukturen zum Verlust von Xiao Chu als strategischer Ressource führen würde. Überall im Solsystem waren in der Folge der Machtübernahme Lieferketten zerbrochen, Märkte fragmentiert und Wissenscluster verschwunden. Diesen Fehler wollte Bilsass bei Xiao Chu vermeiden. Deshalb stellte er Xiao Chu unter seinen persönlichen Schutz.
Ein wichtiges Argument sind auch die hohen Gewinnausschüttungen direkt an Bilsass. Letztlich ist das ein zusätzlicher Geldstrom der anderen Beschützer an Bilsass. Dieser Nebeneffekt ist aber auch immer wieder ein Grund für Unzufriedenheit unter den anderen Beschützern. Das dellianische Feudalsystem ist keine absolute Herrschaft von oben herab, sondern ein empfindliches Gleichgewicht zwischen Rechten, Pflichten und Macht aller Beschützer. Viele der anderen Beschützer sind der Meinung, dass eine strategische Ressource wie Xiao Chu nicht automatisch dem Oberhaupt des Feudalsystems zufallen sollte. Wie alle Ressourcen sollte sie einem anderen Beschützer gehören, um nicht direkt die Macht von Bilsass zu stärken. Sie sehen in der direkten Kontrolle von Xiao Chu durch Bilsass ein Ungleichgewicht. Und natürlich gibt es einige, die selbst die Kontrolle erlangen wollen.
Immer wieder stand die Unabhängigkeit von Xiao Chu auf der Kippe. Mal konnte die Macht von Bilsass den Status quo bewahren, ein anderes Mal gezielte Einmalzahlungen oder Leistungen von Xiao Chu an einzelne Beschützer. Nicht nur die Marktposition und Bilsass schützen Xiao Chu, sondern auch das geschickte Spiel der Cluster-Führung im Feudalsystems. Der Vorsitzende des Cluster-Rats ist informell ein Beschützer in der dellianischen Hierarchie. Auch wenn er intern demokratisch legitimiert ist.
Als Beschützer ist er allerdings auch Ziel von Intrigen und Verschwörungen. Bisher hatte die Führung Xiao Chus diese Herausforderung gut gemeistert, aber im Jahr 2956 läuft sie in eine Falle. Xiao Chu wird das Opfer einer Verschwörung, die sich eigentlich gegen Bilsass richtet.
Wenige Monate zuvor hatte das Solsystem unter den Dellianern das Luhman 16 System in 6 1/2 Lichtjahren Entfernung angegriffen. Die dortige interplanetare Zivilisation hatte sich erfolgreich widersetzt und den Angriff abgewehrt. Die solaren Schiffe mussten sich unter schweren Verlusten zurückziehen.
Viele solare Beschützer waren dem Aufruf von Bilsass gefolgt und hatten Mittel oder Schiffe für die Invasionsflotte bereitgestellt. Viele hatten sich in der Hoffnung auf reiche Beute verschuldet. Aber der Feldzug lief nicht wie geplant. Es gab keine Beute, sondern nur Verluste. Entsprechend unzufrieden waren die Teilnehmer des Feldzuges.
Viele beteiligte Beschützer sehen in der schlechten Koordination der Angriffsflotten einen Grund für den Fehlschlag. Dieser Vorwurf geht an den Beschützer des Angriffs, einen direkten Vasallen von Bilsass und damit auch an Bilsass selbst.
Tatsächlich war die Mobilität einiger Flottenteile im Einsatzgebiet mangelhaft. Viele der schnellen Fronteinheiten hatten mit Triebwerksproblemen zu kämpfen und konnten deshalb nicht effizient an koordinierten Manövern teilnehmen. Der Grund war eine schlechte Abstimmung der Betriebsparameter an das Einsatzprofil. Dieser Vorwurf geht primär an Xiao Chu, denn Xiao Chu hatte den Generalauftrag für die Wartung der Triebwerke von überlichtfähigen Kampfeinheiten.
Die Einheiten hatten den finalen Hochgeschwindigkeitsanflug aus dem Aufmarschgebiet perfekt ausgeführt. Die ersten Angriffe auf vorgeschobene Verteidigungseinrichtungen liefen präzise und erfolgreich. Aber je länger die Kämpfe dauerten und je mehr die Angreifer auf Gegenwehr stießen, desto mehr Probleme traten bei den Antrieben auf. Bis schließlich die mobilen Kampfeinheiten als taktische Komponente praktisch ausfielen. Damit konnten sie die Sublicht-Trägerplattformen, die die Hauptlast des Angriffs trugen, nicht mehr schützen. Als dann immer mehr Träger von den hochmobilen Verteidigern neutralisiert wurden, mussten sich die Angreifer zurückziehen.
Die Einstellung der Überlichttriebwerke war tatsächlich ungeeignet für den Einsatz. Sie waren für ein anderes Einsatzprofil vorgesehen. Xiao Chu hatte mit dem falschen Einsatzprofil gearbeitet.
Die Vorbereitung der Überlichttriebwerke der Angriffsflotte war eine gewaltige Aufgabe. Xiao Chu hatte den Generalauftrag und nur wenige Monate Zeit. Zigtausend Triebwerke mussten analysiert, gewartet und eingestellt werden. Vieles davon ist automatisiert und standardisiert. Ein Mitarbeiter kann hunderte solcher Anlagen betreuen. Trotzdem mussten die Firmen von Xiao Chu dafür ihre zivilen Kunden lange Zeit vernachlässigen.
Der Auftrag an Xiao Chu kam von Deimarsax, dem Ausrüstungsveranwortlichen für die Überlicht-Kampfeinheiten und Beschützer der großen Werften auf dem Marsmond Deimos und im Marsorbit. Während der Vorbereitung des Feldzugs wurden verschiedene Angriffspläne ausgearbeitet. Jeder Plan mit spezialisierten Einsatzprofilen für alle Flottenteile.
Die Einsatzprofile für Überlicht-Kampfeinheiten unterschieden sich sehr, abhängig von der Rolle, die diese Einheiten spielen sollten. Xiao Chu benutzte für die Vorbereitung einen Plan in dem die Einheiten primär Hochgeschwindigkeitsangriffe durchführen sollten, um die statische Verteidigungsinfrastruktur auszuschalten. Dabei waren vor allem hohe Geschwindigkeiten bei längerer Laufzeit gefragt, ein sogenanntes Bombing-Profil. Tatsächlich dienten die schnellen Einheiten dann aber vor allem als mobiler Begleitschutz der Trägerplattformen. Sie waren für diesen Einsatzzweck angemessen bewaffnet, aber ihre Triebwerke waren nicht für viele kurze Manöver in Kämpfen mit anderen mobilen Einheiten vorgesehen (Dogfight-Profil).
Deimarsax hatte Xiao Chu den falschen Einsatzplan übermittelt. Er hatte damit absichtlich den Angriff sabotiert. Sein Ziel war, den Angriff scheitern zu lassen, um Bilsass, den Beschützer des Solsystems zu schwächen und gleichzeitig Xiao Chu zu diskreditieren. Deimarsax hatte selbst viel in diesen Feldzug investiert. Er hatte sich dafür verschuldet und dafür gesorgt, dass das öffentlich bekannt ist. Er verlangt nun Schadenersatz. Er hat die anderen geschädigten Beschützer auf seiner Seite. Bilsass ist in der Defensive und sucht nun einen gesichtswahrenden Ausweg.
Zwei Monate nach dem fehlgeschlagenen Angriff auf Luhman 16 gibt es einen Konflikt zwischen Vasallen von Deimarsax auf dem Mars-Ring. Es ist eine ganz normale Konkurrenz zwischen zwei Beschützern um Ressourcen und Territorien. Die Konflikte werden sowohl wirtschaftlich, als auch militärisch ausgetragen. Die übergeordneten Beschützer, die Lehensherren, lassen diese Konflikte zu, solange sie ihre Interessen nicht stören.
Im Verlauf des Konflikts versucht einer der Kontrahenten Druck auszuüben indem er die Kreditlinie der Firma Corebridge Energy (ebenfalls Mars-Ring) bei seiner Bank, First Vortex Holdings, kündigt. Corebridge ist ein Anbieter von Hochleistungskapazitoren. Die Firma musste für die Luhman 16 Kampagne sehr viele Schiffe ausrüsten. Wie Xiao Chu war auch Corebridge monatelang mit den Vorbereitungen für Luhman 16 beschäftigt. Unter den vielen Beschützern, die ihre Schiffe während den Angriffsvorbereitungen ausrüsten ließen, hatten einige nicht sofort für die Leistung bezahlt. Trotzdem musste Corebridge Energy die Aufträge ausführen, um nicht die Rüstungsanstrengungen zu gefährden und in Konflikt mit dem Beschützer des Solsystems zu geraten. Deshalb wurde für Corebridge eine gigantische Kreditlinie eingerichtet. Auch Monate nach dem fehlgeschlagenen Angriff stehen immer noch riesige Summen aus.
Corebridge Energy ist ein Tera-Player, einer der Marktführer in seiner Branche und Hochleistungsenergiespeicher sind kapitalintensive Produkte. Corebridge bewegt deshalb routinemäßig sehr große Werte. Aber die Außenstände seit der Luhman 16 Kampagne sind ohne eine solide abgesicherte Kreditlinie nicht tragbar. Die Kredite sind garantiert durch ein Konsortium von wohlhabenden Beschützern. Trotzdem bringt die Kündigung der Kredite Corebridge in Schwierigkeiten. In dieser Situation kündigt Deimarsax an, dass seine Werften den Auftrag für Schiffskapazitoren neu ausschreiben. Damit droht Corebridge seinen größten Kunden mit 20 % des Geschäfts zu verlieren. Andere Kunden zögern mit Anzahlungen. Mangels aktiver Kreditlinie meldet Corebridge Zahlungsschwierigkeiten. Der Cash-Flow bricht zusammen.
Mehrere Unternehmen von Xiao Chu sind Wartungsdienstleister für die Produkte von Corebridge Energy. Einige Großkunden dieser Unternehmen werden unruhig. Sie befürchten, dass es bei einem Zusammenbruch von Corebridge Schwierigkeiten mit Ersatzteillieferungen geben könnte. Einige verlangen von Xiao Chu, die Fab-Pläne zu sichern, darunter: Deimarsax. Xiao Chu holt von mehreren Beschützern auf dem Mars-Ring die Zustimmung für eine verdeckte Info-Extraktion ein.
Eine Woche später beauftragt Xiao Chu die am MaGNet (Mars Geostationary Network) ansässige Sicherheitsfirma Gra-Nun-Tek Security, das Know-how durch eine Info-Extraktion zu sichern. Xiao Chu schickt mehrere Mitarbeiter als Infosophonten per Laser zum Mars-Ring. Dabei sind Experten für die Corebridge Produkte, Infowar-Spezialisten und die Einsatzleitung. Der physische Zugriff soll durch Gra-Nun-Tek bereitgestellt werden, während Personal und KI von Xiao Chu die Daten lokalisieren und extrahieren. In der Vorbereitung gelingt es Gra-Nun-Tek, auf dem Schwarzmarkt einen Zugangscode für den Verwaltungsbereich von Corebridge Energy zu kaufen. Das ist nicht ungewöhnlich. Zu jeder Zeit sind viele Zugangscodes für physischen und Info-Zugriff verfügbar. Es erscheint wie eine glückliche Fügung, dass gerade ein passender Code für Corebridge Energy angeboten wird. Damit ist ein gewaltfreier Zugang möglich.
Am Tag der Info-Extraktion schaltet Gra-Nun-Tek die Sensoren im Eingangsbereich von Corebridge Energy auf einen Fakestream. Das Einsatzteam öffnet den Zugang zum Verwaltungsmodul mit dem eingekauften Code und betritt das Habitat Modul. Die Leute von Gra-Nun-Tek tragen leichte Stealth/Panzerung. Das Xiao Chu Personal ist in getarnten Mikromechs dabei, die von Gra-Nun-Tek bereitgestellt wurden. Das Team dringt weiter vor. Die Räumlichkeiten sind den Mitarbeitern von Xiao Chu gut bekannt. Sie identifizieren einen geschützten Netzknoten über den man in die Fab-Datenbank gelangen kann. Nur eine Titanplatte und 8 Stahlbolzen sind noch im Weg. Ein Hindernis, das man mit 8 Mikroschneidladungen einfach beseitigen kann. Das ist geräuschlos und erschütterungsfrei, da die Schneidladungen mit Kompensatoren ausgerüstet sind, die durch gesteuerte Mikroexplosionen alle mechanischen Effekte unterdrücken.
Die Ladungen werden angebracht und gezündet. Dann zerreißt eine Explosion von fünf Tonnen (TNT-Äquivalent) das Verwaltungsmodul von Corebridge und angrenzende Habitat-Module. Darunter befindet sich auch das Vertriebszentrum der Werften von Deimarsax. Es gibt insgesamt 1353 Opfer, davon 867 final. Auch das Einsatzteam wird komplett gewiped, allerdings nicht final.
Das Netz ist plötzlich voll von geheimen Details der Info-Extraktion von Xiao Chu und Gra-Nun-Tek. Xiao Chu trägt in der öffentlichen Meinung als Auftraggeber die Hauptschuld an der Katastrophe. Deimarsax verlangt Schadenersatz von Xiao Chu und damit von Bilsass. Er beklagt die Verantwortungslosigkeit der Menschen in Selbstverwaltung, ihre Inkompetenz bei der Durchführung der Geheimoperation und überhaupt die Tatsache, dass Menschen ohne Erlaubnis Geheimoperationen ausführen. Er fordert, Xiao Chu besser zu kontrollieren.
Bilsass, der seit der Kampagne gegen Luhman 16 angeschlagen ist, gibt schließlich dem Drängen nach. Er kann seine Autorität auf einen Schlag komplett wiederherstellen durch die Erneuerung des Abhängigkeitsverhältnisses mit dem Beschützer der Deimos-Werften. Deimarsax verpflichtet sich öffentlich zu bedingungsloser, kritikfreier Treue. Im Gegenzug erhält er Xiao Chu, um es als neues Lehen an einen seiner eigenen Vasallen zu vergeben.
Damit verliert nun auch Xiao Chu seine Unabhängigkeit.
Die wahren Hintergründe um die Übermittlung des falschen Einsatzprofils für Luhman 16 und die komplexen Details der Abstimmung von Raumkrümmern für Höchstleistungen in verschiedenen Einsatzprofilen werden nie bekannt.
Der Konflikt zwischen den zwei Beschützern am Mars-Ring im Zuge dessen First Vortex Holdings neue Kredite an Corebridge Energy verweigerte, war künstlich herbeigeführt.
Die Neuausschreibung des Schiffskapazitoren-Auftrags durch die Deimos-Werften, die Corebridge endgültig in Schieflage brachte, war schon lange geplant aber trotzdem kein Zufall.
Der günstige Umstand, dass der Zugangscode zum Corebridge-Modul auf dem freien Markt verfügbar war, erscheint rückwirkend in einem anderen Licht.
Die Tatsache, dass einige Mikroschneidladungen eigentlich nicht mehrere Habitat-Module zerstören können, geht im entstandenen Chaos unter.
Xiao Chu kann nicht belegen, dass vor dem Info-Extraktionseinsatz die notwendigen Einverständniserklärungen eingeholt wurden, weil der Datensatz verschwunden ist.
Bilsass vermutet, dass die Kette der Ereignisse absichtlich herbeigeführt wurde. Aber seine neue gefestigte Position ist alles was zählt.
#Industrie #Krieg #Hightech #Chaos #Verschwörung #Unfall
http://jmp1.de/h2956
Vor der Besetzung des Solsystems war Xiao Chu Marktführer im Bereich Wartung von Hightech-Infrastruktur und -Ausrüstung. Viele bei Xiao Chu ansässige Unternehmen hatten sich auf Fernwartung spezialisiert. Xiao Chu bot selbst nur wenige technische Produkte an. Seine Unternehmen waren vor allem Wartungs- und Betriebsdienstleister für technische Anlagen anderer Hersteller mit einem Fokus auf Hightech-/Highperformance-Systeme, wie:
- Synthesizer für nanostrukturierte Metamaterialien,
- massenspektrometrische Separatoren im Ressourcenabbau,
- massivparallele Molekularstrahldrucker,
- Kraftwerke mit fraktal induzierter Fusion,
- Wandler für energetische Leistungs-Hohlleiter,
- Assembler und Justierwerke für Konverterpole von Raumkrümmern,
- industrielle Präzisionsfabs,
- Hochenergie-Feldschirme für den Strahlenschutz,
- Ultrakapazitoren auf Basis von Kernladungsseparation
und viele andere.
Die modernen Technologien, die Xiao Chu für seine Kunden verwaltet, sind sehr komplex und störanfällig. Fast alle verwenden hohe Leistungsdichten, einige im Bereich von Terawatt pro Kubikmeter. Das produziert mechanischen Stress und Abwärmeprobleme. Trotzdem müssen die Geräte ihre räumliche Anordnung sehr genau einhalten um ihre Funktion zu erfüllen, manche auf Attometer-Dimensionen, dem Tausendstel eines Atomkerndurchmessers. Solche Anlagen bestehen außerdem aus vielen Komponenten, jede mit ihrem eigenen problematischen Störungsprofil. Die Summe der möglichen Fehlerquellen und die Gesamtwahrscheinlichkeit für Ausfälle von Einzelkomponenten führen dazu, dass moderne Hightech-Systeme eigentlich nicht dauerhaft laufen können. Erst spezielle Techniken aus den Bereich der Betriebswissenschaft (Operational Science, kurz: OpS) machen es möglich, diese Systeme profitabel zu betreiben.
Das Systemverhalten moderner Hardware ist sehr komplex. Oft ist es schon im chaotischen Bereich. Es ist quasi-chaotisch. Klassische Maßnahmen, die auf dem Prinzip von Analyse-Aktion-Wirkung basieren, funktionieren dann nicht. Nur durch sehr fortschrittliche Methoden wie präkognitives Wartungsmanagement und topologische Reduktion des chaotischen Phasenraumvolumens werden solche Systeme beherrschbar. Diese Techniken sind die Spezialität von Xiao Chu. Xiao Chu ist außerdem dafür bekannt, das Management quasi-chaotischer Systeme mit differentieller Leistungsoptimierung zu verbinden und mehr Nutzleistung herauszuholen.
Im Zuge der Machtübernahme, erst durch Leccianerhorden und dann endgültig durch Dellianerstämme, wurde die hochspezialisierte und vernetzte solare Wirtschaft empfindlich gestört. In dieser chaotischen Zeit verschwanden viele Firmen vom Markt. Lieferketten wurden unterbrochen und Dienstleister fielen aus. Das betraf auch Wartungsdienstleister, die quasi-chaotische Systeme managen konnten.
Die Technik des Solsystems lief während der Machtübernahme weiter. Die meisten technischen Anlagen werden durch KI-Systeme betrieben und instandgehalten. Auch KIs beherrschen die OpS Grundprinzipien und Standardverfahren für quasi-chaotische Systeme. Aber bei Hightech-Ausrüstung treten trotzdem immer wieder Situationen auf, wo das Spezialwissen der Hersteller gefragt ist. Das war die Domäne von Xiao Chu. Die Bewohner von Xiao Chu hatten sich darauf spezialisiert, als Outsourcing-Dienstleister im Auftrag der Originalhersteller Hightech-Systeme zu betreiben, zu warten und zu reparieren. Ein Großteil des Wissens um den Betrieb von Hightech-Ausrüstung und -Anlagen im mittleren System war bei Xiao Chu konzentriert. Zu diesem Zweck war Xiao Chu auch führend im Wissensmanagement, der Organisation von Know-how, der Speicherung, Anreicherung, Weitergabe und Inferenz.
Xiao Chu war beim Putsch der Leccianer nicht direkt betroffen. Sowohl Jupiter als auch Saturn standen damals auf der anderen Seite des Systems. Deshalb war der Schwerpunkt des Leccianer-Aufmarschs sehr weit weg. Auch später blieb der Habitat-Cluster unabhängig. Mit der Unabhängigkeit konnten die Spezialisten von Xiao Chu auch das Know-how bewahren. Die Konservierung von Wartungs- und Betriebswissen für technische Anlagen war die wesentliche Strategie der Xiao Chu-Führung. Das ging sogar so weit, dass Xiao Chu Kommandounternehmen durchführte, um Wissen von zusammenbrechenden Know-how-Trägern (Unternehmen, Personen, Datenbanken, KI) im ganzen System zu sichern.
Auch die neuen Herrscher mussten komplexe Technik betreiben. Die Beratungsunternehmen von Xiao Chu wurden zu wichtigen Dienstleistern der Fremdherrscher. Deshalb war Xiao Chu unverzichtbar, sowohl für den Lebensstandard der dellianischen Herrscher, als auch für ihre Kriege.
Der Dellianer Bilsass erkannte, dass gerade die Unabhängigkeit der Schlüssel zur Bewahrung des Know-hows war. Denn dieses Wissen liegt bei einzelnen Firmen, in ihren Datenbanken und bei Individuen, Menschen und Infosophonten. Essentiell ist auch das Beziehungsgeflecht zwischen den Wissensträgern. Diese Netzwerke werden organisiert durch die Beratungsfirmen von Xiao Chu. Bilsass ist bewusst, dass eine Störung der Strukturen zum Verlust von Xiao Chu als strategischer Ressource führen würde. Überall im Solsystem waren in der Folge der Machtübernahme Lieferketten zerbrochen, Märkte fragmentiert und Wissenscluster verschwunden. Diesen Fehler wollte Bilsass bei Xiao Chu vermeiden. Deshalb stellte er Xiao Chu unter seinen persönlichen Schutz.
Ein wichtiges Argument sind auch die hohen Gewinnausschüttungen direkt an Bilsass. Letztlich ist das ein zusätzlicher Geldstrom der anderen Beschützer an Bilsass. Dieser Nebeneffekt ist aber auch immer wieder ein Grund für Unzufriedenheit unter den anderen Beschützern. Das dellianische Feudalsystem ist keine absolute Herrschaft von oben herab, sondern ein empfindliches Gleichgewicht zwischen Rechten, Pflichten und Macht aller Beschützer. Viele der anderen Beschützer sind der Meinung, dass eine strategische Ressource wie Xiao Chu nicht automatisch dem Oberhaupt des Feudalsystems zufallen sollte. Wie alle Ressourcen sollte sie einem anderen Beschützer gehören, um nicht direkt die Macht von Bilsass zu stärken. Sie sehen in der direkten Kontrolle von Xiao Chu durch Bilsass ein Ungleichgewicht. Und natürlich gibt es einige, die selbst die Kontrolle erlangen wollen.
Immer wieder stand die Unabhängigkeit von Xiao Chu auf der Kippe. Mal konnte die Macht von Bilsass den Status quo bewahren, ein anderes Mal gezielte Einmalzahlungen oder Leistungen von Xiao Chu an einzelne Beschützer. Nicht nur die Marktposition und Bilsass schützen Xiao Chu, sondern auch das geschickte Spiel der Cluster-Führung im Feudalsystems. Der Vorsitzende des Cluster-Rats ist informell ein Beschützer in der dellianischen Hierarchie. Auch wenn er intern demokratisch legitimiert ist.
Als Beschützer ist er allerdings auch Ziel von Intrigen und Verschwörungen. Bisher hatte die Führung Xiao Chus diese Herausforderung gut gemeistert, aber im Jahr 2956 läuft sie in eine Falle. Xiao Chu wird das Opfer einer Verschwörung, die sich eigentlich gegen Bilsass richtet.
Wenige Monate zuvor hatte das Solsystem unter den Dellianern das Luhman 16 System in 6 1/2 Lichtjahren Entfernung angegriffen. Die dortige interplanetare Zivilisation hatte sich erfolgreich widersetzt und den Angriff abgewehrt. Die solaren Schiffe mussten sich unter schweren Verlusten zurückziehen.
Viele solare Beschützer waren dem Aufruf von Bilsass gefolgt und hatten Mittel oder Schiffe für die Invasionsflotte bereitgestellt. Viele hatten sich in der Hoffnung auf reiche Beute verschuldet. Aber der Feldzug lief nicht wie geplant. Es gab keine Beute, sondern nur Verluste. Entsprechend unzufrieden waren die Teilnehmer des Feldzuges.
Viele beteiligte Beschützer sehen in der schlechten Koordination der Angriffsflotten einen Grund für den Fehlschlag. Dieser Vorwurf geht an den Beschützer des Angriffs, einen direkten Vasallen von Bilsass und damit auch an Bilsass selbst.
Tatsächlich war die Mobilität einiger Flottenteile im Einsatzgebiet mangelhaft. Viele der schnellen Fronteinheiten hatten mit Triebwerksproblemen zu kämpfen und konnten deshalb nicht effizient an koordinierten Manövern teilnehmen. Der Grund war eine schlechte Abstimmung der Betriebsparameter an das Einsatzprofil. Dieser Vorwurf geht primär an Xiao Chu, denn Xiao Chu hatte den Generalauftrag für die Wartung der Triebwerke von überlichtfähigen Kampfeinheiten.
Die Einheiten hatten den finalen Hochgeschwindigkeitsanflug aus dem Aufmarschgebiet perfekt ausgeführt. Die ersten Angriffe auf vorgeschobene Verteidigungseinrichtungen liefen präzise und erfolgreich. Aber je länger die Kämpfe dauerten und je mehr die Angreifer auf Gegenwehr stießen, desto mehr Probleme traten bei den Antrieben auf. Bis schließlich die mobilen Kampfeinheiten als taktische Komponente praktisch ausfielen. Damit konnten sie die Sublicht-Trägerplattformen, die die Hauptlast des Angriffs trugen, nicht mehr schützen. Als dann immer mehr Träger von den hochmobilen Verteidigern neutralisiert wurden, mussten sich die Angreifer zurückziehen.
Die Einstellung der Überlichttriebwerke war tatsächlich ungeeignet für den Einsatz. Sie waren für ein anderes Einsatzprofil vorgesehen. Xiao Chu hatte mit dem falschen Einsatzprofil gearbeitet.
Die Vorbereitung der Überlichttriebwerke der Angriffsflotte war eine gewaltige Aufgabe. Xiao Chu hatte den Generalauftrag und nur wenige Monate Zeit. Zigtausend Triebwerke mussten analysiert, gewartet und eingestellt werden. Vieles davon ist automatisiert und standardisiert. Ein Mitarbeiter kann hunderte solcher Anlagen betreuen. Trotzdem mussten die Firmen von Xiao Chu dafür ihre zivilen Kunden lange Zeit vernachlässigen.
Der Auftrag an Xiao Chu kam von Deimarsax, dem Ausrüstungsveranwortlichen für die Überlicht-Kampfeinheiten und Beschützer der großen Werften auf dem Marsmond Deimos und im Marsorbit. Während der Vorbereitung des Feldzugs wurden verschiedene Angriffspläne ausgearbeitet. Jeder Plan mit spezialisierten Einsatzprofilen für alle Flottenteile.
Die Einsatzprofile für Überlicht-Kampfeinheiten unterschieden sich sehr, abhängig von der Rolle, die diese Einheiten spielen sollten. Xiao Chu benutzte für die Vorbereitung einen Plan in dem die Einheiten primär Hochgeschwindigkeitsangriffe durchführen sollten, um die statische Verteidigungsinfrastruktur auszuschalten. Dabei waren vor allem hohe Geschwindigkeiten bei längerer Laufzeit gefragt, ein sogenanntes Bombing-Profil. Tatsächlich dienten die schnellen Einheiten dann aber vor allem als mobiler Begleitschutz der Trägerplattformen. Sie waren für diesen Einsatzzweck angemessen bewaffnet, aber ihre Triebwerke waren nicht für viele kurze Manöver in Kämpfen mit anderen mobilen Einheiten vorgesehen (Dogfight-Profil).
Deimarsax hatte Xiao Chu den falschen Einsatzplan übermittelt. Er hatte damit absichtlich den Angriff sabotiert. Sein Ziel war, den Angriff scheitern zu lassen, um Bilsass, den Beschützer des Solsystems zu schwächen und gleichzeitig Xiao Chu zu diskreditieren. Deimarsax hatte selbst viel in diesen Feldzug investiert. Er hatte sich dafür verschuldet und dafür gesorgt, dass das öffentlich bekannt ist. Er verlangt nun Schadenersatz. Er hat die anderen geschädigten Beschützer auf seiner Seite. Bilsass ist in der Defensive und sucht nun einen gesichtswahrenden Ausweg.
Zwei Monate nach dem fehlgeschlagenen Angriff auf Luhman 16 gibt es einen Konflikt zwischen Vasallen von Deimarsax auf dem Mars-Ring. Es ist eine ganz normale Konkurrenz zwischen zwei Beschützern um Ressourcen und Territorien. Die Konflikte werden sowohl wirtschaftlich, als auch militärisch ausgetragen. Die übergeordneten Beschützer, die Lehensherren, lassen diese Konflikte zu, solange sie ihre Interessen nicht stören.
Im Verlauf des Konflikts versucht einer der Kontrahenten Druck auszuüben indem er die Kreditlinie der Firma Corebridge Energy (ebenfalls Mars-Ring) bei seiner Bank, First Vortex Holdings, kündigt. Corebridge ist ein Anbieter von Hochleistungskapazitoren. Die Firma musste für die Luhman 16 Kampagne sehr viele Schiffe ausrüsten. Wie Xiao Chu war auch Corebridge monatelang mit den Vorbereitungen für Luhman 16 beschäftigt. Unter den vielen Beschützern, die ihre Schiffe während den Angriffsvorbereitungen ausrüsten ließen, hatten einige nicht sofort für die Leistung bezahlt. Trotzdem musste Corebridge Energy die Aufträge ausführen, um nicht die Rüstungsanstrengungen zu gefährden und in Konflikt mit dem Beschützer des Solsystems zu geraten. Deshalb wurde für Corebridge eine gigantische Kreditlinie eingerichtet. Auch Monate nach dem fehlgeschlagenen Angriff stehen immer noch riesige Summen aus.
Corebridge Energy ist ein Tera-Player, einer der Marktführer in seiner Branche und Hochleistungsenergiespeicher sind kapitalintensive Produkte. Corebridge bewegt deshalb routinemäßig sehr große Werte. Aber die Außenstände seit der Luhman 16 Kampagne sind ohne eine solide abgesicherte Kreditlinie nicht tragbar. Die Kredite sind garantiert durch ein Konsortium von wohlhabenden Beschützern. Trotzdem bringt die Kündigung der Kredite Corebridge in Schwierigkeiten. In dieser Situation kündigt Deimarsax an, dass seine Werften den Auftrag für Schiffskapazitoren neu ausschreiben. Damit droht Corebridge seinen größten Kunden mit 20 % des Geschäfts zu verlieren. Andere Kunden zögern mit Anzahlungen. Mangels aktiver Kreditlinie meldet Corebridge Zahlungsschwierigkeiten. Der Cash-Flow bricht zusammen.
Mehrere Unternehmen von Xiao Chu sind Wartungsdienstleister für die Produkte von Corebridge Energy. Einige Großkunden dieser Unternehmen werden unruhig. Sie befürchten, dass es bei einem Zusammenbruch von Corebridge Schwierigkeiten mit Ersatzteillieferungen geben könnte. Einige verlangen von Xiao Chu, die Fab-Pläne zu sichern, darunter: Deimarsax. Xiao Chu holt von mehreren Beschützern auf dem Mars-Ring die Zustimmung für eine verdeckte Info-Extraktion ein.
Eine Woche später beauftragt Xiao Chu die am MaGNet (Mars Geostationary Network) ansässige Sicherheitsfirma Gra-Nun-Tek Security, das Know-how durch eine Info-Extraktion zu sichern. Xiao Chu schickt mehrere Mitarbeiter als Infosophonten per Laser zum Mars-Ring. Dabei sind Experten für die Corebridge Produkte, Infowar-Spezialisten und die Einsatzleitung. Der physische Zugriff soll durch Gra-Nun-Tek bereitgestellt werden, während Personal und KI von Xiao Chu die Daten lokalisieren und extrahieren. In der Vorbereitung gelingt es Gra-Nun-Tek, auf dem Schwarzmarkt einen Zugangscode für den Verwaltungsbereich von Corebridge Energy zu kaufen. Das ist nicht ungewöhnlich. Zu jeder Zeit sind viele Zugangscodes für physischen und Info-Zugriff verfügbar. Es erscheint wie eine glückliche Fügung, dass gerade ein passender Code für Corebridge Energy angeboten wird. Damit ist ein gewaltfreier Zugang möglich.
Am Tag der Info-Extraktion schaltet Gra-Nun-Tek die Sensoren im Eingangsbereich von Corebridge Energy auf einen Fakestream. Das Einsatzteam öffnet den Zugang zum Verwaltungsmodul mit dem eingekauften Code und betritt das Habitat Modul. Die Leute von Gra-Nun-Tek tragen leichte Stealth/Panzerung. Das Xiao Chu Personal ist in getarnten Mikromechs dabei, die von Gra-Nun-Tek bereitgestellt wurden. Das Team dringt weiter vor. Die Räumlichkeiten sind den Mitarbeitern von Xiao Chu gut bekannt. Sie identifizieren einen geschützten Netzknoten über den man in die Fab-Datenbank gelangen kann. Nur eine Titanplatte und 8 Stahlbolzen sind noch im Weg. Ein Hindernis, das man mit 8 Mikroschneidladungen einfach beseitigen kann. Das ist geräuschlos und erschütterungsfrei, da die Schneidladungen mit Kompensatoren ausgerüstet sind, die durch gesteuerte Mikroexplosionen alle mechanischen Effekte unterdrücken.
Die Ladungen werden angebracht und gezündet. Dann zerreißt eine Explosion von fünf Tonnen (TNT-Äquivalent) das Verwaltungsmodul von Corebridge und angrenzende Habitat-Module. Darunter befindet sich auch das Vertriebszentrum der Werften von Deimarsax. Es gibt insgesamt 1353 Opfer, davon 867 final. Auch das Einsatzteam wird komplett gewiped, allerdings nicht final.
Das Netz ist plötzlich voll von geheimen Details der Info-Extraktion von Xiao Chu und Gra-Nun-Tek. Xiao Chu trägt in der öffentlichen Meinung als Auftraggeber die Hauptschuld an der Katastrophe. Deimarsax verlangt Schadenersatz von Xiao Chu und damit von Bilsass. Er beklagt die Verantwortungslosigkeit der Menschen in Selbstverwaltung, ihre Inkompetenz bei der Durchführung der Geheimoperation und überhaupt die Tatsache, dass Menschen ohne Erlaubnis Geheimoperationen ausführen. Er fordert, Xiao Chu besser zu kontrollieren.
Bilsass, der seit der Kampagne gegen Luhman 16 angeschlagen ist, gibt schließlich dem Drängen nach. Er kann seine Autorität auf einen Schlag komplett wiederherstellen durch die Erneuerung des Abhängigkeitsverhältnisses mit dem Beschützer der Deimos-Werften. Deimarsax verpflichtet sich öffentlich zu bedingungsloser, kritikfreier Treue. Im Gegenzug erhält er Xiao Chu, um es als neues Lehen an einen seiner eigenen Vasallen zu vergeben.
Damit verliert nun auch Xiao Chu seine Unabhängigkeit.
Die wahren Hintergründe um die Übermittlung des falschen Einsatzprofils für Luhman 16 und die komplexen Details der Abstimmung von Raumkrümmern für Höchstleistungen in verschiedenen Einsatzprofilen werden nie bekannt.
Der Konflikt zwischen den zwei Beschützern am Mars-Ring im Zuge dessen First Vortex Holdings neue Kredite an Corebridge Energy verweigerte, war künstlich herbeigeführt.
Die Neuausschreibung des Schiffskapazitoren-Auftrags durch die Deimos-Werften, die Corebridge endgültig in Schieflage brachte, war schon lange geplant aber trotzdem kein Zufall.
Der günstige Umstand, dass der Zugangscode zum Corebridge-Modul auf dem freien Markt verfügbar war, erscheint rückwirkend in einem anderen Licht.
Die Tatsache, dass einige Mikroschneidladungen eigentlich nicht mehrere Habitat-Module zerstören können, geht im entstandenen Chaos unter.
Xiao Chu kann nicht belegen, dass vor dem Info-Extraktionseinsatz die notwendigen Einverständniserklärungen eingeholt wurden, weil der Datensatz verschwunden ist.
Bilsass vermutet, dass die Kette der Ereignisse absichtlich herbeigeführt wurde. Aber seine neue gefestigte Position ist alles was zählt.
#Industrie #Krieg #Hightech #Chaos #Verschwörung #Unfall
http://jmp1.de/h2956
2997 Reshumanis erhält einen Versorgungsstützpunkt im Saturnsystem
Reshumanis, die Allianz zur Befreiung des Solsystems von der dellianischen Fremdherrschaft, erhält einen Versorgungsstützpunkt beim Saturn. Rohstoffe und Material für die Aktivitäten im Solsystem können nun lokal beschafft werden und müssen nicht mehr über interstellare Distanzen transportiert werden. Ein wichtiger Schritt für die Rückgewinnung des Solsystems.
-- 2967, 30 Jahre vorher --
Ein Mann geht die Rampe hinunter auf das Dock des Titan-Terminals. Er ist groß, athletisch, charismatisch. Noch ist er ein Niemand. Keiner kennt ihn. Aber das wird sich bald ändern. Er ist Dellianer und er wird in der dellianischen Hierarchie aufsteigen. Dafür wurde er gemacht. Er hat ein Multitasking-Bewusstsein, ein beschleunigtes Nervensystem, Assoziationsbooster, die dellianische Variante des Ninja-Upgrades und genetisch angelegte Genie-Fähigkeiten im Memetik-Bereich. Er ist überzeugend. Er weiß, wie man sich durchsetzt und er wird sich durchsetzen. Er braucht 20 Jahre bis an die Spitze. Dann wird er Satirax, der Protektor des Saturn. Er glaubt, er kommt von den schwebenden Habitaten der Venus. Aber das ist eine eingepflanzte Erinnerung. Tatsächlich kommt er von Valerius, aus einem Spezialprogramm des memetischen Abwehrdienstes von Valerius.
--
Die Tatsache, dass Satirax, der dellianische Protektor des Saturn, den Menschen einen Stützpunkt gewährt, erscheint wie ein Wunder. Diese Öffnung bedroht die Herrschaft der Dellianer im Solsystem. Das weiß Satirax genauso wie der Protektor von Sol auf der Venus und alle anderen Protektorate im System. Aber für die lokalen Protektoren ist die Kontrolle ihres eigenen Machtbereichs wichtiger, als die eher abstrakte dellianische Gesamtherrschaft. Der Vorgang ist die Folge einer religiösen und wirtschaftlichen Entwicklung im äußeren System.
Satirax erhält für die Überlassung des Stützpunkts eine Pacht und für Ressourcenextraktionsrechte technische Unterstützung der Reshumanis und einen Anteil an den gewonnenen Rohstoffen. Für den Protektor des Saturn ist der Handel dringend nötig, denn das Protektorat Saturn ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die nach der Eroberung übernommene Infrastruktur ist nun gut 200 Jahre alt und schlecht gewartet. Ausrüstung, die auf dem Höhepunkt der Barbarenwelle geplündert wurde, ist sogar über 300 Jahre alt. Obwohl Autofabs und Reparaturschwärme sehr lange selbständig laufen können, macht sich der Verschleiß inzwischen bemerkbar. Gleichzeitig befindet sich die Bevölkerung im Niedergang. Es gibt nicht genügend Fachkräfte unter den menschlichen Sklaven und autonomen Mechs, um alle Anlagen manuell zu warten oder zumindest Wartungsbots in Betrieb zu halten. Der Niedergang der Wirtschaft reduziert das interplanetare Handelsvolumen zwischen äußerem und innerem System. Luxusgüter aus dem inneren System sind für den Saturn inzwischen unbezahlbar.
Die Schwierigkeiten des Saturn werden verstärkt durch ein religiös motiviertes Embargo der anderen äußeren Protektorate. Um das Jahr 2990 war Satirax mit seinem Hofstaat vom speziellen Uthoismus zum allgemeinen Uthoismus übergetreten. Einige Lehren des allgemeinen Uthoismus gelten den Anhängern des speziellen Uthoismus als Frevel. Aus der Sicht des speziellen Uthoismus sind die Allgemeinen schlimmer als Ungläubige, denn sie ignorieren nicht nur die Lehre des Uthoismus sondern sabotieren diese.
Kern des Uthoismus (Hindi, "sich erheben") ist die These, dass das Leben ein Auftrag des Universums ist, nach dem höchsten Glück zu streben. Mit dem Erreichen des perfekten Glückszustands kann das Individuum seine weltliche Hülle verlassen und zum transzendenten Wesen im Einklang mit dem Universum werden. Bürger in wohlhabenden Zivilisationen – und die Mächtigen in allen anderen technisch hochentwickelten Gesellschaften – sind im Wesentlichen unsterblich. Sie leben sehr lange in biologischen Körpern, später mit künstlichen Organen und technischer Unterstützung und schließlich als Uploads in Androidenkörpern oder in Simulationen. Der Tod ist eher ungewöhnlich. Das schadet der Attraktivität von ewigem Leben und Wiedergeburt nach dem Tod. Stattdessen wird in vielen Religionen eher ein besonders bemerkenswertes Ende nach einem langen guten Leben angestrebt. Das gilt auch für den Uthoismus, wo die Gläubigen das Ziel haben, nach einem langen glücklichen Leben auf dem Höhepunkt des Glücks mit dem Universum eins zu werden. In der Praxis werden zur Erreichung des transzendenten Zustands oft technische und biochemische Hilfsmittel verwendet.
Orthodoxe Uthoisten lehnen solche Hilfsmittel ab. Sie versuchen durch ihren gesellschaftlichen Status und die damit verbundene Macht glücklich zu werden. Dafür streben sie die höchsten Ebenen der dellianischen Hierarchie an. Sie vertreten den speziellen Uthoismus bei dem nur die Besten und Mächtigsten den höchsten Zustand erreichen. Orthodoxe Uthoisten sind oft sehr machtbesessen, rücksichtslos und erfolgreich. Für die Gläubigen des speziellen Uthoismus ist das Glück ein Nullsummenspiel. Andere müssen verlieren, damit sie gewinnen können. Deshalb ist es nur einer geringen Anzahl Individuen vergönnt, den transzendenten Zustand zu erreichen. Da Glück und Reichtum korreliert sind, haben die Mächtigen die besten Chancen. Daraus leiten die Mächtigen einen größeren Anspruch ab und im Umkehrschluss keinen Anspruch auf Transzendenz – und Glück – für niedrigere Ränge und Sklaven.
Im allgemeinen Uthoismus ist das Glück dagegen unbeschränkt und jeder Sophont kann die Transzendenz anstreben. Nach dem allgemeinen Uthoismus gilt das auch für Sklaven, obwohl deren Weg offensichtlich weiter und schwerer ist. Anhänger des allgemeinen Uthoismus werden von den Speziellen gehasst und verfolgt, da die Speziellen der Meinung sind, dass die Allgemeinen ihre Chancen auf Transzendenz verringern.
Unter Dellianern dominiert der spezielle Uthoismus. Viele Spezielle bemühen sich, ihre eigenen Chancen zu verbessern, indem sie andere am Glück hindern. Besonders menschliche Sklaven, aber auch niedrige dellianische Ränge werden schlecht behandelt oder sogar misshandelt, um deren Glückspfad zu erschweren. Jede Ebene der dellianischen Hierarchie im Solsystem versucht die untergeordnete Ebene zu unterdrücken. Auch viele Sklaven haben den Uthoismus angenommen oder handeln zumindest entsprechend, um nicht aufzufallen. Dadurch zieht sich die Praxis der Misshandlung von Untergebenen bis in die Ränge der Sklaven. Uthoismus ist nicht nur eine Religion, sondern auch ein effizientes Unterdrückungsinstrument.
Mit dem Übertritt zum allgemeinen Uthoismus verrät Satirax aus Sicht der dellianischen Mehrheit den Uthoismus. Unter der Herrschaft von Satirax dürfen sich alle Sophonten auf den Glückspfad begeben, auch wenn der Weg für die Sklaven sehr schwierig ist. Für orthodoxe Uthoisten verringern sich dadurch ihre Chancen auf Transzendenz. Sie bekämpfen deshalb Allgemeine wie Satirax. Mit dem Embargo gegen das Saturn-Protektorat versuchen die anderen Protektoren, Satirax in die Knie zu zwingen, um wieder einen Rechtgläubigen als Protektor des Saturn einzusetzen. In der Not öffnet Satirax sein Protektorat für die interstellare Reshumanis. Ein wichtiger Schritt für die Rückgewinnung des Solsystems.
-- 2987, 10 Jahre vorher --
Eine Frau geht die Rampe hinunter. Sie ist schön, atemberaubend schön, nicht für Menschen, aber für Dellianer. Für Dellianer ist sie eine Göttin. Und sie ist intelligent, aufmerksam, unterhaltsam, zurückhaltend, manchmal ausgelassen und wild. Sie ist das personifizierte dellianische Schönheitsideal. Das Ergebnis von 200 Jahren Optimierung, von Simulationen, Tests und Iterationen. Die ursprüngliche Genvorlage basiert auf Jahrtausenden natürlicher Selektion in den Palästen von Dellia, lange bevor Dellianer interianische Raumschiffe bestiegen, um den Sektor zu erobern. In den Labors von HR-Technologies auf Valerius wurde ihre Genlinie für den Auftrag präpariert. Moderne solare Gensynthese angewendet auf die dellianische Biologie. Die Genlinie – ihr dellianischer Name bedeutet Andromeda, nach unserer Nachbargalaxie – war schon lange ein Ideal. Auf Valerius bekam sie zusätzliche Empathiebooster, Intelligenz-Upgrades und die genetische Programmierung, ihren Auftrag zu lieben. Sie wurde mit den modernsten Methoden ausgebildet und ist an planmäßig gestellten Herausforderungen zu einem selbstbewussten Charakter herangewachsen. Ein wichtiger Teil ihres Lebens war immer der Glaube an das Glück für alle Wesen. Sie wurde erzogen im Glauben, dass alle eine Chance haben sollen sich zu erheben und mit dem Universum eins zu werden. Sie ist das Endprodukt einer langen Reihe von Optimierungen, in der Genvorlage und in den prägenden Erlebnissen ihrer Jugend. Sie ist perfekt, perfekt gemacht. Perfekt für eine Person: den Protektor des Saturn. Sie ist das Geschenk eines Marui-Handelsfürsten für den Herrscher des Saturnsystems. Ihr Auftrag: Satirax vom wahren Glauben zu überzeugen.
--
Valerius war schon früh immer wieder von Barbarenüberfällen betroffen. Die Angreifer kamen mit automatischen Waffensystemen, die sie aus imperialen Depots entwendet hatten. Die Heimatverteidigung von Valerius hatte keine Chance. Deshalb waren einige Leute auf Valerius der Meinung, dass man nicht bei der Technik, sondern bei den Besatzungen der Raumschiffe ansetzen müsste, vielleicht sogar bei ihren Anführern. Das Spartakus-Projekt sollte die hochentwickelte solare Gentechnologie für Alien-Biologie nutzbar machen. Vor allem für Dellianer und andere Völker aus den Badlands. Es sollte Genvorlagen entwickeln und optimierte Individuen herstellen. Nicht alle waren davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, den Dellianern perfekte Anführer zu geben. Aber wenn man etwas so gut kennt, dass man es perfektionieren kann, dann kennt man auch seine Schwachstellen. Und die Produkte des Spartakus-Projekts haben eine Schwachstelle: eine genetisch eingestellte Neigung zu Andromedas.
#Religion #Wirtschaft #Besatzung #interplanetar
http://jmp1.de/h2997
-- 2967, 30 Jahre vorher --
Ein Mann geht die Rampe hinunter auf das Dock des Titan-Terminals. Er ist groß, athletisch, charismatisch. Noch ist er ein Niemand. Keiner kennt ihn. Aber das wird sich bald ändern. Er ist Dellianer und er wird in der dellianischen Hierarchie aufsteigen. Dafür wurde er gemacht. Er hat ein Multitasking-Bewusstsein, ein beschleunigtes Nervensystem, Assoziationsbooster, die dellianische Variante des Ninja-Upgrades und genetisch angelegte Genie-Fähigkeiten im Memetik-Bereich. Er ist überzeugend. Er weiß, wie man sich durchsetzt und er wird sich durchsetzen. Er braucht 20 Jahre bis an die Spitze. Dann wird er Satirax, der Protektor des Saturn. Er glaubt, er kommt von den schwebenden Habitaten der Venus. Aber das ist eine eingepflanzte Erinnerung. Tatsächlich kommt er von Valerius, aus einem Spezialprogramm des memetischen Abwehrdienstes von Valerius.
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Die Tatsache, dass Satirax, der dellianische Protektor des Saturn, den Menschen einen Stützpunkt gewährt, erscheint wie ein Wunder. Diese Öffnung bedroht die Herrschaft der Dellianer im Solsystem. Das weiß Satirax genauso wie der Protektor von Sol auf der Venus und alle anderen Protektorate im System. Aber für die lokalen Protektoren ist die Kontrolle ihres eigenen Machtbereichs wichtiger, als die eher abstrakte dellianische Gesamtherrschaft. Der Vorgang ist die Folge einer religiösen und wirtschaftlichen Entwicklung im äußeren System.
Satirax erhält für die Überlassung des Stützpunkts eine Pacht und für Ressourcenextraktionsrechte technische Unterstützung der Reshumanis und einen Anteil an den gewonnenen Rohstoffen. Für den Protektor des Saturn ist der Handel dringend nötig, denn das Protektorat Saturn ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die nach der Eroberung übernommene Infrastruktur ist nun gut 200 Jahre alt und schlecht gewartet. Ausrüstung, die auf dem Höhepunkt der Barbarenwelle geplündert wurde, ist sogar über 300 Jahre alt. Obwohl Autofabs und Reparaturschwärme sehr lange selbständig laufen können, macht sich der Verschleiß inzwischen bemerkbar. Gleichzeitig befindet sich die Bevölkerung im Niedergang. Es gibt nicht genügend Fachkräfte unter den menschlichen Sklaven und autonomen Mechs, um alle Anlagen manuell zu warten oder zumindest Wartungsbots in Betrieb zu halten. Der Niedergang der Wirtschaft reduziert das interplanetare Handelsvolumen zwischen äußerem und innerem System. Luxusgüter aus dem inneren System sind für den Saturn inzwischen unbezahlbar.
Die Schwierigkeiten des Saturn werden verstärkt durch ein religiös motiviertes Embargo der anderen äußeren Protektorate. Um das Jahr 2990 war Satirax mit seinem Hofstaat vom speziellen Uthoismus zum allgemeinen Uthoismus übergetreten. Einige Lehren des allgemeinen Uthoismus gelten den Anhängern des speziellen Uthoismus als Frevel. Aus der Sicht des speziellen Uthoismus sind die Allgemeinen schlimmer als Ungläubige, denn sie ignorieren nicht nur die Lehre des Uthoismus sondern sabotieren diese.
Kern des Uthoismus (Hindi, "sich erheben") ist die These, dass das Leben ein Auftrag des Universums ist, nach dem höchsten Glück zu streben. Mit dem Erreichen des perfekten Glückszustands kann das Individuum seine weltliche Hülle verlassen und zum transzendenten Wesen im Einklang mit dem Universum werden. Bürger in wohlhabenden Zivilisationen – und die Mächtigen in allen anderen technisch hochentwickelten Gesellschaften – sind im Wesentlichen unsterblich. Sie leben sehr lange in biologischen Körpern, später mit künstlichen Organen und technischer Unterstützung und schließlich als Uploads in Androidenkörpern oder in Simulationen. Der Tod ist eher ungewöhnlich. Das schadet der Attraktivität von ewigem Leben und Wiedergeburt nach dem Tod. Stattdessen wird in vielen Religionen eher ein besonders bemerkenswertes Ende nach einem langen guten Leben angestrebt. Das gilt auch für den Uthoismus, wo die Gläubigen das Ziel haben, nach einem langen glücklichen Leben auf dem Höhepunkt des Glücks mit dem Universum eins zu werden. In der Praxis werden zur Erreichung des transzendenten Zustands oft technische und biochemische Hilfsmittel verwendet.
Orthodoxe Uthoisten lehnen solche Hilfsmittel ab. Sie versuchen durch ihren gesellschaftlichen Status und die damit verbundene Macht glücklich zu werden. Dafür streben sie die höchsten Ebenen der dellianischen Hierarchie an. Sie vertreten den speziellen Uthoismus bei dem nur die Besten und Mächtigsten den höchsten Zustand erreichen. Orthodoxe Uthoisten sind oft sehr machtbesessen, rücksichtslos und erfolgreich. Für die Gläubigen des speziellen Uthoismus ist das Glück ein Nullsummenspiel. Andere müssen verlieren, damit sie gewinnen können. Deshalb ist es nur einer geringen Anzahl Individuen vergönnt, den transzendenten Zustand zu erreichen. Da Glück und Reichtum korreliert sind, haben die Mächtigen die besten Chancen. Daraus leiten die Mächtigen einen größeren Anspruch ab und im Umkehrschluss keinen Anspruch auf Transzendenz – und Glück – für niedrigere Ränge und Sklaven.
Im allgemeinen Uthoismus ist das Glück dagegen unbeschränkt und jeder Sophont kann die Transzendenz anstreben. Nach dem allgemeinen Uthoismus gilt das auch für Sklaven, obwohl deren Weg offensichtlich weiter und schwerer ist. Anhänger des allgemeinen Uthoismus werden von den Speziellen gehasst und verfolgt, da die Speziellen der Meinung sind, dass die Allgemeinen ihre Chancen auf Transzendenz verringern.
Unter Dellianern dominiert der spezielle Uthoismus. Viele Spezielle bemühen sich, ihre eigenen Chancen zu verbessern, indem sie andere am Glück hindern. Besonders menschliche Sklaven, aber auch niedrige dellianische Ränge werden schlecht behandelt oder sogar misshandelt, um deren Glückspfad zu erschweren. Jede Ebene der dellianischen Hierarchie im Solsystem versucht die untergeordnete Ebene zu unterdrücken. Auch viele Sklaven haben den Uthoismus angenommen oder handeln zumindest entsprechend, um nicht aufzufallen. Dadurch zieht sich die Praxis der Misshandlung von Untergebenen bis in die Ränge der Sklaven. Uthoismus ist nicht nur eine Religion, sondern auch ein effizientes Unterdrückungsinstrument.
Mit dem Übertritt zum allgemeinen Uthoismus verrät Satirax aus Sicht der dellianischen Mehrheit den Uthoismus. Unter der Herrschaft von Satirax dürfen sich alle Sophonten auf den Glückspfad begeben, auch wenn der Weg für die Sklaven sehr schwierig ist. Für orthodoxe Uthoisten verringern sich dadurch ihre Chancen auf Transzendenz. Sie bekämpfen deshalb Allgemeine wie Satirax. Mit dem Embargo gegen das Saturn-Protektorat versuchen die anderen Protektoren, Satirax in die Knie zu zwingen, um wieder einen Rechtgläubigen als Protektor des Saturn einzusetzen. In der Not öffnet Satirax sein Protektorat für die interstellare Reshumanis. Ein wichtiger Schritt für die Rückgewinnung des Solsystems.
-- 2987, 10 Jahre vorher --
Eine Frau geht die Rampe hinunter. Sie ist schön, atemberaubend schön, nicht für Menschen, aber für Dellianer. Für Dellianer ist sie eine Göttin. Und sie ist intelligent, aufmerksam, unterhaltsam, zurückhaltend, manchmal ausgelassen und wild. Sie ist das personifizierte dellianische Schönheitsideal. Das Ergebnis von 200 Jahren Optimierung, von Simulationen, Tests und Iterationen. Die ursprüngliche Genvorlage basiert auf Jahrtausenden natürlicher Selektion in den Palästen von Dellia, lange bevor Dellianer interianische Raumschiffe bestiegen, um den Sektor zu erobern. In den Labors von HR-Technologies auf Valerius wurde ihre Genlinie für den Auftrag präpariert. Moderne solare Gensynthese angewendet auf die dellianische Biologie. Die Genlinie – ihr dellianischer Name bedeutet Andromeda, nach unserer Nachbargalaxie – war schon lange ein Ideal. Auf Valerius bekam sie zusätzliche Empathiebooster, Intelligenz-Upgrades und die genetische Programmierung, ihren Auftrag zu lieben. Sie wurde mit den modernsten Methoden ausgebildet und ist an planmäßig gestellten Herausforderungen zu einem selbstbewussten Charakter herangewachsen. Ein wichtiger Teil ihres Lebens war immer der Glaube an das Glück für alle Wesen. Sie wurde erzogen im Glauben, dass alle eine Chance haben sollen sich zu erheben und mit dem Universum eins zu werden. Sie ist das Endprodukt einer langen Reihe von Optimierungen, in der Genvorlage und in den prägenden Erlebnissen ihrer Jugend. Sie ist perfekt, perfekt gemacht. Perfekt für eine Person: den Protektor des Saturn. Sie ist das Geschenk eines Marui-Handelsfürsten für den Herrscher des Saturnsystems. Ihr Auftrag: Satirax vom wahren Glauben zu überzeugen.
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Valerius war schon früh immer wieder von Barbarenüberfällen betroffen. Die Angreifer kamen mit automatischen Waffensystemen, die sie aus imperialen Depots entwendet hatten. Die Heimatverteidigung von Valerius hatte keine Chance. Deshalb waren einige Leute auf Valerius der Meinung, dass man nicht bei der Technik, sondern bei den Besatzungen der Raumschiffe ansetzen müsste, vielleicht sogar bei ihren Anführern. Das Spartakus-Projekt sollte die hochentwickelte solare Gentechnologie für Alien-Biologie nutzbar machen. Vor allem für Dellianer und andere Völker aus den Badlands. Es sollte Genvorlagen entwickeln und optimierte Individuen herstellen. Nicht alle waren davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, den Dellianern perfekte Anführer zu geben. Aber wenn man etwas so gut kennt, dass man es perfektionieren kann, dann kennt man auch seine Schwachstellen. Und die Produkte des Spartakus-Projekts haben eine Schwachstelle: eine genetisch eingestellte Neigung zu Andromedas.
#Religion #Wirtschaft #Besatzung #interplanetar
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2135 SCALE: Beginn eines großangelegten Programms gegen die Erderwärmung durch Reduzierung der Sonnenstrahlung auf die Erde
Der Name SCALE steht für "Solar Constant Adjustment at the Lagrangian point of Earth", ein Sonnenschirm zwischen Sonne und Erde.
Es gibt fünf Lagrange Punkte an denen sich die Schwerkraft von Sonne und Erde aufheben. Einer davon, der L1 Punkt, liegt genau zwischen Sonne und Erde in 1,5 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde. Objekte bleiben dort auch ohne Antrieb für lange Zeit am selben Ort.
Im Rahmen des SCALE Programms werden am L1 Punkt riesige Schattenblenden aus Aluminiumfolie aufgespannt. Im Lauf von 15 Jahren entsteht eine Fläche von drei Millionen Quadratkilometern. Das sind etwa zwei Prozent der Fläche der Erde von der Sonne aus gesehen. Damit kann man die Sonneneinstrahlung auf die Erde um zwei Prozent reduzieren und das reicht, um die globale Temperatur ein paar Grad abzusenken.
---- EVA (Extra Vehicular Activity) Außeneinsatz ----
Gleißendes Sonnenlicht. Dunkelheit. Dann regelt sich das adaptive Visier langsam ein. Ich sehe wieder was. Auch wenn alles gerade hinter dem Nachbild verschwindet, das die Sonne auf meiner Retina hinterlassen hat. Die Transparenzsteuerung des Visiers hat wieder zu langsam reagiert. Ich muss echt mal den Controller checken. Und ich sollte endlich lernen, nicht genau in Richtung Sonne zu sehen, wenn sich die Luke öffnet. Anfängerfehler. So kann ich nicht raus. Kurz warten, bis sich die Augen beruhigt haben.
"Chrzz" meldet sich die Audioverbindung, "Jomo, was ist los?". "Augen anpassen", antworte ich in der Hoffnung, dass mein kleines Missgeschick nicht auffällt. "Aha" kommt es von der anderen Seite, "du musst echt mal den Controller checken". Tja, meiner Einsatzleiterin Kuki Nguya entgeht nichts. Ist ja auch gut so. Also dann los.
Ich hangle mich am Handlauf vorwärts und gleite durch die Luke nach draußen. Nach einer Drehung habe ich wieder einmal die größte Wand des Sonnensystems vor mir. Wir sind am Habitat III, ein paar Kilometer vor den Schattenblenden auf der Sonnenseite. In alle Richtungen breiten sich die Blenden aus, über tausende Kilometer. Ein majestätischer Anblick. Der Beweis, dass die Menschen nicht aufgeben, dass es immer eine Lösung gibt. Auch für globale Probleme, wie die Erderwärmung. Ein Triumph menschlicher Ingenieurskunst. Ich bin ein bisschen stolz hier oben dabei zu sein. Zugegeben, fast alle, die im Orbit arbeiten, sind dabei, weil SCALE so viele Leute braucht, sogar EVA-Noobs wie mich. Trotzdem cool...
"Chrzz, dir ist klar, dass da unten der Betrieb steht". "Klar, bin unterwegs" antworte ich.
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SCALE reduziert die Sonnenstrahlung ohne Schatten zu werfen. Das erreicht man durch eine filigrane Strukturierung der Flächen und durch absichtlich herbeigeführte Beugungseffekte an den Rändern. Speziell achtet man darauf, dass kein Schlagschatten entsteht, damit auf der Erde nicht plötzlich mitten am Tag die Sonne verschwindet, wie bei einer Sonnenfinsterns. Die Gitter sind beweglich und steuerbar, um gezielt einzelne Regionen der Erde abzuschatten. Durch die aktive Steuerung kann man Hitzewellen abmildern, die Verdunstung über dem Meer verstärken und in trockenen Gebieten für mehr Niederschlag sorgen.
Beim Design wird außerdem darauf geachtet, dass SCALE nicht missbraucht werden kann. Bei der Konstruktion werden Sicherungen eingebaut, um zu verhindern, dass Sonnenstrahlung auf einzelne Stellen fokussiert werden kann. Die maximale regionale Verstärkung der Solarkonstante beträgt 2%. Die maximale Abschwächung der Strahlung 10%.
Die meisten Elemente von SCALE werden in lunaren Fabriken hergestellt. Millionen Tonnen Titan und Aluminium werden dort zu Gitterstrukturen und Folie verarbeitet. Der Rohstoffabbau auf dem Mond wird stark ausgeweitet. Noch auf der Mondoberfläche erzeugen Raffinerien Rohaluminium und Titan. Das Material wird dann in den Mondorbit geschossen und zu SCALE-Elementen weiterverarbeitet. Nach dem Transport zum L1-Punkt entfalten sich die Stabilisierungsgitter. Ferngesteuerte Manipulatoren beschichten die Gitterstrukturen mit sehr dünnen Aluminiumfolien. Einzelne Elemente sind mehrere Quadratkilometer groß und nur wenige hundert Tonnen schwer. Sie müssen in der Schwerelosigkeit nicht viel Gewicht aushalten. Nur der Sonnenwind und der Strahlungsdruck üben Kräfte aus.
Die Flächen wirken wie Lichtsegel. Sie werden deshalb langsam von der Sonne in Richtung Erde gedrückt. Um das auszugleichen, ist die Position von SCALE etwas näher an der Sonne, wo die Schwerkraft der Sonne die der Erde überwiegt und die geringe Anziehung den Lichtsegel-Effekt kompensiert. Die Elemente halten ihre Position selbständig. Sie regeln den Ausgleich zwischen Sonnenanziehung und Strahlungsdruck indem sie einzelne Flächen kippen. Dadurch können sie sogar lateral driften und sich am L1-Punkt seitlich verschieben. Sie können sich zu größeren Gruppen zusammenschließen oder in offener Formation fliegen, je nach geplantem Schattenprofil.
SCALE gibt sehr vielen Menschen und Organisationen im weiten Erdorbit Arbeit. Die gesamte Arbeitskraft im HEO (High Earth Orbit) wird von SCALE in Anspruch genommen. Zeitweise kommt der Ausbau von L4/L5-Kolonien zum Stillstand.
Montagedrohnen leisten die Hauptarbeit. Die Drohnen werden von Ingenieuren aus Montagehubs ferngesteuert. Für die meisten Tätigkeiten brauchen die Drohnen keine menschliche Steuerung. Sie werden für ihre Aufgaben programmiert. Dann arbeiten sie selbständig und senden Fortschrittsberichte und Bilder an die Zentrale. Nur in Ausnahmefällen, bei Problemen oder Unfällen, müssen menschliche Operateure direkt eingreifen. Auch dafür werden Drohnen benutzt. Ganz selten muss jemand im Raumanzug raus, um vor Ort ein Problem zu lösen.
Der Bauplatz ist riesig. Noch nie hat die Menschheit eine so große Struktur gebaut. Zu jeder Zeit arbeiten tausende Konstruktionsdrohnen im Rahmen ihrer adaptiven Programmierung selbständig am Projekt. Und obwohl die Technologie automatischer Steuerungen und Problemlösungen inzwischen weit entwickelt ist, sorgt allein die Größe des Projekts dafür, dass immer irgendwo Menschen eingreifen müssen.
Die Lichtverzögerung von 5 Sekunden zwischen L1 und der Erde ist zu groß, als dass man alles ferngesteuert machen kann. 100 Ingenieure sind vor Ort, um auf unerwartete Situationen zu reagieren. Für sie werden bei L1 neue Habitate gebaut. Einschließlich Betriebspersonal für die Habitate und Logistikspezialisten für den Materialfluss arbeiten über 200 Menschen bei L1. Das ist fast ein Viertel der gesamten interplanetaren Bevölkerung. Aber nur 10 Menschen sind im "Außendienst" mit EVA-Aktivitäten beschäftigt. Fast alles läuft automatisch ab. Die Menschen konzentrieren sich auf wenige Habitate und Montagehubs. Auf Millionen Quadratkilometern gibt es nur automatische Drohnen. Zwischen den Einsatzorten von Menschen liegen typischerweise 1000 Kilometer.
---- EVA (Extra Vehicular Activity) Außeneinsatz ----
"Zentrale, Spezialist Amadi auf EVA 49-05-B in Position BG/53", melde ich, "Kameradrohnen sind online, Telemetrie auf GO, bitte bestätigen." – "Chrzz, bestätige, Kamera und Telemetrie kommen rein."
Ich schwebe direkt vor einer kilometergroßen Schattenblende, eine von Millionen. Aus der Entfernung wirken sie wie ebene Flächen. Aber aus der Nähe sieht man ihre Struktur, die Streben, die elektromechanischen Gelenke. Das Aluminimum der Schattenblenden ist nicht durchgehend. Es hat unzählige Ausschnitte wo Sonnenlicht durchkommt. Wie wenn man mit einer 10 Meter großen Plätzchenform vierblättrige Kleeblätter aus der Aluminiumfolie ausgestanzt hat. Eins nach dem anderen, kilometerweit. Die Ausschnitte sind so geformt, dass Sonnenlicht in den Schatten hineingebeugt wird, damit nirgends ein Kernschatten entsteht und vor allem damit nicht aus Versehen zu viel Licht auf eine Stelle gelenkt wird. Das hätte fatale Folgen für die betroffene Region auf der Erde. Ein Superbrennstrahl. Dagegen gibt es viele Sicherungen, optisch, mechanisch und digital. Die ganze Konstruktion ist so gemacht, dass nichts passieren kann.
Jedenfalls – ein Test an einer gerade fertiggestellten Blende war mit einem Fehler abgebrochen. Die Drohnen konnten den Fehler nicht finden. Die Debugger-KI meint, es liegt kein Fehler vor. Alles nach Spezifikation. Aber trotzdem geht die Blende nicht mehr in die Ausgangslage zurück. Also muss jemand raus und nachsehen. Und hier bin ich. Ich drifte näher an das klemmende Element.
"Zentrale, hier ist ein Panel abgebogen. Ich sehe mir das mal genauer an." – "Chrzz, verstanden."
Ich hake meine Sicherungsleine an die nächste Strebe und ziehe mich an das fehlerhafte Element. Der Titanträger ist an der Stelle abgeknickt – aber ohne die typischen Knickfalten. Das sieht nicht wie ein Bruch aus. Eher wie eines der Piezogelenke. Als ob das so gedacht war. Mit der behandschuhten Hand schiebe ich das Ding wieder in die gerade Position. Das geht viel leichter, als wenn man eine verbogene Titanstange wieder geradebiegen will. Es ist tatsächlich ein Gelenk. Die Dinger sind so klein und in die Stangen integriert, dass man sie nur bemerkt, wenn man ganz genau hinschaut. Wenn es gerade ist, dann sieht man nur wo das glänzende Titan etwas matter wird. Da sitzen tausende Piezoaktuatoren hintereinander, die sich jeweils nur Bruchteile eines Grads bewegen. In der Summe erreichen sie bis zu 180 Grad. Aber was hat ein Gelenk hier zu suchen?
Mein Neuroimplantat blendet mir die Konstruktionspläne über das Livebild meiner Augen ein. Ich flippe durch die Ebenen. Diagramme wechseln sich ab: Makrostruktur, Elektrik, Sensoren, theoretischer mechanischer Stress, aktueller mechanischer Stress, elektromechanische Aktuatoren, Steuernetzwerk, Sensornetzwerk... Moment, zurück. Beim Aktuatoren-Diagramm hätte an der Stelle hier eigentlich was erscheinen sollen. Aber da ist kein Gelenk verzeichnet. Das Ding ist nicht im Plan. Die KI behauptet, dass alles nach Plan gebaut ist. Hat sie einen anderen Bauplan?
Ich ziehe mich an der Querstrebe ein paar Meter weiter und sehe mir dabei den Titanträger genau an. Zehn Meter weiter ist wieder eine Stelle an der das glänzende Titan auf ein paar Zentimeter Länge etwas matter wird. Noch ein Gelenk. Dann noch eins. WTF. Laut Plan gibt es nur ein Gelenk. Das sitzt genau in der Mitte der 1000 Meter breiten Sonnenblende. Es dient dazu, die Blende zu kippen, damit sie sich wie ein Lichtsegel seitlich bewegt. Allerdings gibt es auch Blenden mit Spezialfunktionen. Die haben andere Konfigurationen: Stromgeneratoren mit Solarzellen, Backup-Module, Lichtsegel-Traktoren, Express-Module. Express-Module haben viele Gelenke. Aber dafür keine Kleeblattstruktur.
"Ähm, Zentrale, hier ist was komisch." – "Chrzz, Jomo, geht es genauer?"
"Hier sind viele Gelenke. Eins war gebogen." – "Chrzz, das passt. Das ist ein Express-Modul mit Jalousie-Funktion."
"Verstanden." – "Chrzz, gut, dass du das geklärt hast. Komm wieder rein."
"Verstanden."
"Sie sind nicht auf meinem Plan!" – Pause – "Chrzz, Spezialist Amadi, brechen Sie ab. Der Einsatz ist beendet. Das ist ein Befehl."
"Verstanden." – Ist ja gut, ich komme.
Aber das hier ist kein Jalousie-Modul, sondern eine Standardblende mit dem normalen inversen Kleeblattmuster. Express-Jalousie-Module sind durchgehend, ohne Öffnungen, ohne Kleeblätter. Das passt überhaupt nicht. WTF.
Hm, Gelenke in 10 Meter Abstand. Mal davon abgesehen, dass die Express-Module ein 50 Meter Raster haben. Wenn man die inversen Kleeblätter durch Abwinkeln verkürzt, dann wirkt das Muster nicht mehr zerstreuend. Es kann auch fokussieren, je nachdem, welche effektive Länge durch den Winkel... OMG. Es könnte eine Meta-Linse sein.
Während meines Mechatronik-Studiums in Addis Abeba im Seminar Nichtlineare Optik haben wir viele Beugungseffekte mit Metamaterialien durchgerechnet. Normalerweise sind Meta-Optiken sehr klein und für das Nahfeld gedacht. Aber wenn man das Ganze um eine Milliarde hochskaliert, dann bekommt man den gleichen Effekt mit makroskopischer Strukturierung und einer Million Kilometer Abstand. OMG. Jemand baut hier draußen vielleicht riesige fokussierende Meta-Optiken. Genau das, was das Design eigentlich verhindern soll.
"Zentrale, könnt Ihr mal simulieren, ob die projektive Verkürzung der Standardstruktur auf L1-Distanz fokussierend wirkt?"
Wenn das Absicht ist, dann missbraucht jemand SCALE, um ein Millionen Quadratkilometer großes Brennglas zu bauen. Man muss nur an den richtigen Stellen mehr Piezogelenke einbauen. Eine kleine Änderung im Bauplan. Die Autofabs stellen das dann automatisch her. Die Änderung ist fast unsichtbar, nur im Plan-Overlay zu sehen. Und wenn jemand ganz nahe herangeht, wie ich heute.
Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung, eine Reflexion ... Moment mal, bewegt sich die Blende? Oder ist es meine Relativbewegung. Man schwebt ja nie wirklich still. Deshalb die Sicherungsleine.
Jedenfalls – ich habe es nur gemerkt, weil die Gelenke nicht in meinen Plänen sind. Mein Implantat bekommt momentan seine Daten vom Anzug. Der Anzug-Controller reagiert immer so langsam, also ob er überlastet it. Ist das schon länger so? Hat er deshalb ein Update verpasst? Habe ich Pläne gesehen, die nicht für mich bestimmt waren? Ich sollte echt mal den Controller checken.
"Chrzz, tut mir leid Jomo. Du hättest echt mal den Controller checken sollen." – "Zentrale, stimmt. Was tut dir leid?"
Wieder ein Reflex. Ich sehe hoch. Eine Linie quer über die ganze Blende. Da läuft eine Welle über die Gitterstruktur. Ziemlich groß, wenn man das von hier sehen kann. Und kommt schnell näher. Zum Glück bin ich nicht fest verbunden mit dem Gitter. Nur über die Leine. Ups, die hat fast kein Spiel mehr, weil ich 30 Meter vom Kontaktpunkt weg bin, Anfängerfehler ... verdammt. Gleißendes Licht. Dunkelheit.
---- EVA Ende ----
Ein Jahr vor der geplanten Inbetriebnahme wird ein Techniker bei einem Unfall während eines EVA-Einsatzes getötet. Er überwacht persönlich einen Funktionstest bei dem die Blenden verschiedene Abschattungsprofile durchspielen sollen. Dabei zeigen einige Module Resonanzfrequenzen für die die Schwingungsdämpfung nicht ausgelegt ist. Der Anzug des Technikers ist über eine Sicherungsleine an einer Gitterstruktur befestigt. Unglücklicherweise bewirkt die Schwingung einen Ruck der Sicherungsleine, bei dem der Anzug an einen Träger geschleudert wird. Die dabei auftretenden Beschleunigungswerte sind letal. Die oszillierenden Segmente werden später durch Wartungsdrohnen unter Kontrolle gebracht.
#Ökologie #Technologie #Interplanetar #Verschwörung
http://jmp1.de/h2135
Es gibt fünf Lagrange Punkte an denen sich die Schwerkraft von Sonne und Erde aufheben. Einer davon, der L1 Punkt, liegt genau zwischen Sonne und Erde in 1,5 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde. Objekte bleiben dort auch ohne Antrieb für lange Zeit am selben Ort.
Im Rahmen des SCALE Programms werden am L1 Punkt riesige Schattenblenden aus Aluminiumfolie aufgespannt. Im Lauf von 15 Jahren entsteht eine Fläche von drei Millionen Quadratkilometern. Das sind etwa zwei Prozent der Fläche der Erde von der Sonne aus gesehen. Damit kann man die Sonneneinstrahlung auf die Erde um zwei Prozent reduzieren und das reicht, um die globale Temperatur ein paar Grad abzusenken.
---- EVA (Extra Vehicular Activity) Außeneinsatz ----
Gleißendes Sonnenlicht. Dunkelheit. Dann regelt sich das adaptive Visier langsam ein. Ich sehe wieder was. Auch wenn alles gerade hinter dem Nachbild verschwindet, das die Sonne auf meiner Retina hinterlassen hat. Die Transparenzsteuerung des Visiers hat wieder zu langsam reagiert. Ich muss echt mal den Controller checken. Und ich sollte endlich lernen, nicht genau in Richtung Sonne zu sehen, wenn sich die Luke öffnet. Anfängerfehler. So kann ich nicht raus. Kurz warten, bis sich die Augen beruhigt haben.
"Chrzz" meldet sich die Audioverbindung, "Jomo, was ist los?". "Augen anpassen", antworte ich in der Hoffnung, dass mein kleines Missgeschick nicht auffällt. "Aha" kommt es von der anderen Seite, "du musst echt mal den Controller checken". Tja, meiner Einsatzleiterin Kuki Nguya entgeht nichts. Ist ja auch gut so. Also dann los.
Ich hangle mich am Handlauf vorwärts und gleite durch die Luke nach draußen. Nach einer Drehung habe ich wieder einmal die größte Wand des Sonnensystems vor mir. Wir sind am Habitat III, ein paar Kilometer vor den Schattenblenden auf der Sonnenseite. In alle Richtungen breiten sich die Blenden aus, über tausende Kilometer. Ein majestätischer Anblick. Der Beweis, dass die Menschen nicht aufgeben, dass es immer eine Lösung gibt. Auch für globale Probleme, wie die Erderwärmung. Ein Triumph menschlicher Ingenieurskunst. Ich bin ein bisschen stolz hier oben dabei zu sein. Zugegeben, fast alle, die im Orbit arbeiten, sind dabei, weil SCALE so viele Leute braucht, sogar EVA-Noobs wie mich. Trotzdem cool...
"Chrzz, dir ist klar, dass da unten der Betrieb steht". "Klar, bin unterwegs" antworte ich.
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SCALE reduziert die Sonnenstrahlung ohne Schatten zu werfen. Das erreicht man durch eine filigrane Strukturierung der Flächen und durch absichtlich herbeigeführte Beugungseffekte an den Rändern. Speziell achtet man darauf, dass kein Schlagschatten entsteht, damit auf der Erde nicht plötzlich mitten am Tag die Sonne verschwindet, wie bei einer Sonnenfinsterns. Die Gitter sind beweglich und steuerbar, um gezielt einzelne Regionen der Erde abzuschatten. Durch die aktive Steuerung kann man Hitzewellen abmildern, die Verdunstung über dem Meer verstärken und in trockenen Gebieten für mehr Niederschlag sorgen.
Beim Design wird außerdem darauf geachtet, dass SCALE nicht missbraucht werden kann. Bei der Konstruktion werden Sicherungen eingebaut, um zu verhindern, dass Sonnenstrahlung auf einzelne Stellen fokussiert werden kann. Die maximale regionale Verstärkung der Solarkonstante beträgt 2%. Die maximale Abschwächung der Strahlung 10%.
Die meisten Elemente von SCALE werden in lunaren Fabriken hergestellt. Millionen Tonnen Titan und Aluminium werden dort zu Gitterstrukturen und Folie verarbeitet. Der Rohstoffabbau auf dem Mond wird stark ausgeweitet. Noch auf der Mondoberfläche erzeugen Raffinerien Rohaluminium und Titan. Das Material wird dann in den Mondorbit geschossen und zu SCALE-Elementen weiterverarbeitet. Nach dem Transport zum L1-Punkt entfalten sich die Stabilisierungsgitter. Ferngesteuerte Manipulatoren beschichten die Gitterstrukturen mit sehr dünnen Aluminiumfolien. Einzelne Elemente sind mehrere Quadratkilometer groß und nur wenige hundert Tonnen schwer. Sie müssen in der Schwerelosigkeit nicht viel Gewicht aushalten. Nur der Sonnenwind und der Strahlungsdruck üben Kräfte aus.
Die Flächen wirken wie Lichtsegel. Sie werden deshalb langsam von der Sonne in Richtung Erde gedrückt. Um das auszugleichen, ist die Position von SCALE etwas näher an der Sonne, wo die Schwerkraft der Sonne die der Erde überwiegt und die geringe Anziehung den Lichtsegel-Effekt kompensiert. Die Elemente halten ihre Position selbständig. Sie regeln den Ausgleich zwischen Sonnenanziehung und Strahlungsdruck indem sie einzelne Flächen kippen. Dadurch können sie sogar lateral driften und sich am L1-Punkt seitlich verschieben. Sie können sich zu größeren Gruppen zusammenschließen oder in offener Formation fliegen, je nach geplantem Schattenprofil.
SCALE gibt sehr vielen Menschen und Organisationen im weiten Erdorbit Arbeit. Die gesamte Arbeitskraft im HEO (High Earth Orbit) wird von SCALE in Anspruch genommen. Zeitweise kommt der Ausbau von L4/L5-Kolonien zum Stillstand.
Montagedrohnen leisten die Hauptarbeit. Die Drohnen werden von Ingenieuren aus Montagehubs ferngesteuert. Für die meisten Tätigkeiten brauchen die Drohnen keine menschliche Steuerung. Sie werden für ihre Aufgaben programmiert. Dann arbeiten sie selbständig und senden Fortschrittsberichte und Bilder an die Zentrale. Nur in Ausnahmefällen, bei Problemen oder Unfällen, müssen menschliche Operateure direkt eingreifen. Auch dafür werden Drohnen benutzt. Ganz selten muss jemand im Raumanzug raus, um vor Ort ein Problem zu lösen.
Der Bauplatz ist riesig. Noch nie hat die Menschheit eine so große Struktur gebaut. Zu jeder Zeit arbeiten tausende Konstruktionsdrohnen im Rahmen ihrer adaptiven Programmierung selbständig am Projekt. Und obwohl die Technologie automatischer Steuerungen und Problemlösungen inzwischen weit entwickelt ist, sorgt allein die Größe des Projekts dafür, dass immer irgendwo Menschen eingreifen müssen.
Die Lichtverzögerung von 5 Sekunden zwischen L1 und der Erde ist zu groß, als dass man alles ferngesteuert machen kann. 100 Ingenieure sind vor Ort, um auf unerwartete Situationen zu reagieren. Für sie werden bei L1 neue Habitate gebaut. Einschließlich Betriebspersonal für die Habitate und Logistikspezialisten für den Materialfluss arbeiten über 200 Menschen bei L1. Das ist fast ein Viertel der gesamten interplanetaren Bevölkerung. Aber nur 10 Menschen sind im "Außendienst" mit EVA-Aktivitäten beschäftigt. Fast alles läuft automatisch ab. Die Menschen konzentrieren sich auf wenige Habitate und Montagehubs. Auf Millionen Quadratkilometern gibt es nur automatische Drohnen. Zwischen den Einsatzorten von Menschen liegen typischerweise 1000 Kilometer.
---- EVA (Extra Vehicular Activity) Außeneinsatz ----
"Zentrale, Spezialist Amadi auf EVA 49-05-B in Position BG/53", melde ich, "Kameradrohnen sind online, Telemetrie auf GO, bitte bestätigen." – "Chrzz, bestätige, Kamera und Telemetrie kommen rein."
Ich schwebe direkt vor einer kilometergroßen Schattenblende, eine von Millionen. Aus der Entfernung wirken sie wie ebene Flächen. Aber aus der Nähe sieht man ihre Struktur, die Streben, die elektromechanischen Gelenke. Das Aluminimum der Schattenblenden ist nicht durchgehend. Es hat unzählige Ausschnitte wo Sonnenlicht durchkommt. Wie wenn man mit einer 10 Meter großen Plätzchenform vierblättrige Kleeblätter aus der Aluminiumfolie ausgestanzt hat. Eins nach dem anderen, kilometerweit. Die Ausschnitte sind so geformt, dass Sonnenlicht in den Schatten hineingebeugt wird, damit nirgends ein Kernschatten entsteht und vor allem damit nicht aus Versehen zu viel Licht auf eine Stelle gelenkt wird. Das hätte fatale Folgen für die betroffene Region auf der Erde. Ein Superbrennstrahl. Dagegen gibt es viele Sicherungen, optisch, mechanisch und digital. Die ganze Konstruktion ist so gemacht, dass nichts passieren kann.
Jedenfalls – ein Test an einer gerade fertiggestellten Blende war mit einem Fehler abgebrochen. Die Drohnen konnten den Fehler nicht finden. Die Debugger-KI meint, es liegt kein Fehler vor. Alles nach Spezifikation. Aber trotzdem geht die Blende nicht mehr in die Ausgangslage zurück. Also muss jemand raus und nachsehen. Und hier bin ich. Ich drifte näher an das klemmende Element.
"Zentrale, hier ist ein Panel abgebogen. Ich sehe mir das mal genauer an." – "Chrzz, verstanden."
Ich hake meine Sicherungsleine an die nächste Strebe und ziehe mich an das fehlerhafte Element. Der Titanträger ist an der Stelle abgeknickt – aber ohne die typischen Knickfalten. Das sieht nicht wie ein Bruch aus. Eher wie eines der Piezogelenke. Als ob das so gedacht war. Mit der behandschuhten Hand schiebe ich das Ding wieder in die gerade Position. Das geht viel leichter, als wenn man eine verbogene Titanstange wieder geradebiegen will. Es ist tatsächlich ein Gelenk. Die Dinger sind so klein und in die Stangen integriert, dass man sie nur bemerkt, wenn man ganz genau hinschaut. Wenn es gerade ist, dann sieht man nur wo das glänzende Titan etwas matter wird. Da sitzen tausende Piezoaktuatoren hintereinander, die sich jeweils nur Bruchteile eines Grads bewegen. In der Summe erreichen sie bis zu 180 Grad. Aber was hat ein Gelenk hier zu suchen?
Mein Neuroimplantat blendet mir die Konstruktionspläne über das Livebild meiner Augen ein. Ich flippe durch die Ebenen. Diagramme wechseln sich ab: Makrostruktur, Elektrik, Sensoren, theoretischer mechanischer Stress, aktueller mechanischer Stress, elektromechanische Aktuatoren, Steuernetzwerk, Sensornetzwerk... Moment, zurück. Beim Aktuatoren-Diagramm hätte an der Stelle hier eigentlich was erscheinen sollen. Aber da ist kein Gelenk verzeichnet. Das Ding ist nicht im Plan. Die KI behauptet, dass alles nach Plan gebaut ist. Hat sie einen anderen Bauplan?
Ich ziehe mich an der Querstrebe ein paar Meter weiter und sehe mir dabei den Titanträger genau an. Zehn Meter weiter ist wieder eine Stelle an der das glänzende Titan auf ein paar Zentimeter Länge etwas matter wird. Noch ein Gelenk. Dann noch eins. WTF. Laut Plan gibt es nur ein Gelenk. Das sitzt genau in der Mitte der 1000 Meter breiten Sonnenblende. Es dient dazu, die Blende zu kippen, damit sie sich wie ein Lichtsegel seitlich bewegt. Allerdings gibt es auch Blenden mit Spezialfunktionen. Die haben andere Konfigurationen: Stromgeneratoren mit Solarzellen, Backup-Module, Lichtsegel-Traktoren, Express-Module. Express-Module haben viele Gelenke. Aber dafür keine Kleeblattstruktur.
"Ähm, Zentrale, hier ist was komisch." – "Chrzz, Jomo, geht es genauer?"
"Hier sind viele Gelenke. Eins war gebogen." – "Chrzz, das passt. Das ist ein Express-Modul mit Jalousie-Funktion."
"Verstanden." – "Chrzz, gut, dass du das geklärt hast. Komm wieder rein."
"Verstanden."
"Sie sind nicht auf meinem Plan!" – Pause – "Chrzz, Spezialist Amadi, brechen Sie ab. Der Einsatz ist beendet. Das ist ein Befehl."
"Verstanden." – Ist ja gut, ich komme.
Aber das hier ist kein Jalousie-Modul, sondern eine Standardblende mit dem normalen inversen Kleeblattmuster. Express-Jalousie-Module sind durchgehend, ohne Öffnungen, ohne Kleeblätter. Das passt überhaupt nicht. WTF.
Hm, Gelenke in 10 Meter Abstand. Mal davon abgesehen, dass die Express-Module ein 50 Meter Raster haben. Wenn man die inversen Kleeblätter durch Abwinkeln verkürzt, dann wirkt das Muster nicht mehr zerstreuend. Es kann auch fokussieren, je nachdem, welche effektive Länge durch den Winkel... OMG. Es könnte eine Meta-Linse sein.
Während meines Mechatronik-Studiums in Addis Abeba im Seminar Nichtlineare Optik haben wir viele Beugungseffekte mit Metamaterialien durchgerechnet. Normalerweise sind Meta-Optiken sehr klein und für das Nahfeld gedacht. Aber wenn man das Ganze um eine Milliarde hochskaliert, dann bekommt man den gleichen Effekt mit makroskopischer Strukturierung und einer Million Kilometer Abstand. OMG. Jemand baut hier draußen vielleicht riesige fokussierende Meta-Optiken. Genau das, was das Design eigentlich verhindern soll.
"Zentrale, könnt Ihr mal simulieren, ob die projektive Verkürzung der Standardstruktur auf L1-Distanz fokussierend wirkt?"
Wenn das Absicht ist, dann missbraucht jemand SCALE, um ein Millionen Quadratkilometer großes Brennglas zu bauen. Man muss nur an den richtigen Stellen mehr Piezogelenke einbauen. Eine kleine Änderung im Bauplan. Die Autofabs stellen das dann automatisch her. Die Änderung ist fast unsichtbar, nur im Plan-Overlay zu sehen. Und wenn jemand ganz nahe herangeht, wie ich heute.
Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung, eine Reflexion ... Moment mal, bewegt sich die Blende? Oder ist es meine Relativbewegung. Man schwebt ja nie wirklich still. Deshalb die Sicherungsleine.
Jedenfalls – ich habe es nur gemerkt, weil die Gelenke nicht in meinen Plänen sind. Mein Implantat bekommt momentan seine Daten vom Anzug. Der Anzug-Controller reagiert immer so langsam, also ob er überlastet it. Ist das schon länger so? Hat er deshalb ein Update verpasst? Habe ich Pläne gesehen, die nicht für mich bestimmt waren? Ich sollte echt mal den Controller checken.
"Chrzz, tut mir leid Jomo. Du hättest echt mal den Controller checken sollen." – "Zentrale, stimmt. Was tut dir leid?"
Wieder ein Reflex. Ich sehe hoch. Eine Linie quer über die ganze Blende. Da läuft eine Welle über die Gitterstruktur. Ziemlich groß, wenn man das von hier sehen kann. Und kommt schnell näher. Zum Glück bin ich nicht fest verbunden mit dem Gitter. Nur über die Leine. Ups, die hat fast kein Spiel mehr, weil ich 30 Meter vom Kontaktpunkt weg bin, Anfängerfehler ... verdammt. Gleißendes Licht. Dunkelheit.
---- EVA Ende ----
Ein Jahr vor der geplanten Inbetriebnahme wird ein Techniker bei einem Unfall während eines EVA-Einsatzes getötet. Er überwacht persönlich einen Funktionstest bei dem die Blenden verschiedene Abschattungsprofile durchspielen sollen. Dabei zeigen einige Module Resonanzfrequenzen für die die Schwingungsdämpfung nicht ausgelegt ist. Der Anzug des Technikers ist über eine Sicherungsleine an einer Gitterstruktur befestigt. Unglücklicherweise bewirkt die Schwingung einen Ruck der Sicherungsleine, bei dem der Anzug an einen Träger geschleudert wird. Die dabei auftretenden Beschleunigungswerte sind letal. Die oszillierenden Segmente werden später durch Wartungsdrohnen unter Kontrolle gebracht.
#Ökologie #Technologie #Interplanetar #Verschwörung
http://jmp1.de/h2135
Geheimpläne und ihre fatalen Folgen
Oft hängen Ereignisse zusammen. Auch wenn sie über viele Jahre verteilt sind. Für alles gibt es einen Grund.
Drei Dinge, die scheinbar unabhängig sind. Aber sie haben einen gemeinsamen Grund. Den erfahren die Menschen erst 100 Jahre später.
#Machtpolitik #Aliens #Nanotechnologie #Verschwörung #Beinahekatastrophe
Drei Ereignisse:
Morgen kommt die Auflösung.
Drei Dinge, die scheinbar unabhängig sind. Aber sie haben einen gemeinsamen Grund. Den erfahren die Menschen erst 100 Jahre später.
#Machtpolitik #Aliens #Nanotechnologie #Verschwörung #Beinahekatastrophe
Drei Ereignisse:
- Eine gewagte Mission ins Unbekannte mit dem Ziel, sich einen Machtvorteil zu verschaffen: 2518 Geheime interstellare Mission
- Eine mysteriöse Beinahekatastrophe mit der ein eigentlich geheimes Projekt systemweit bekannt wird: 2540 Mukhagni-Zwischenfall
- Ein riesiger Betrug durch Aliens unter dem das ganze Sonnensystem leidet: 2574 Artu-Domäne, der größte Betrug aller Zeiten
Morgen kommt die Auflösung.
2630 Aufdeckung der Chanakya-Verschwörung
Nach einer Sperrfrist von 100 Jahren wird ein Infoblock der Magadha-Sangha Föderation/Venus freigegeben, der Hinweise auf den sogenannten Chanakya-Plan enthält. Der Infoblock ist nur einer von vielen, die regelmäßig nach Ablauf ihrer Geheimhaltungsfristen publiziert werden. Investigative Nachforschungen bringen einen weitreichenden Plan zutage, den Magadha-Sangha, ein Zusammenschluss reicher Venus Habitate in der ersten Hälfte des 26. Jahrhunderts verfolgte.
Der Plan zielte darauf ab, die fragmentierte interplanetare Zivilisation des Solsystems unter einem gemeinsamen politischen Dach zu vereinen. Magadha-Sangha und viele andere Fraktionen im inneren System betrachteten damals die Venus, den Schwesterplaneten der Erde, als neues Zentrum des Solsystems. Die Venus sollte die Nachfolge der Erde antreten, die sich vom Rest des Systems isoliert hatte. Zwar waren bis dahin alle Terraforming Aktivitäten gescheitert, aber es gab unzählige schwebende Habitate in der oberen Atmosphäre der Venus. Die Venus-Habitate bieten in 50 km Höhe die erdähnlichsten Lebensbedingungen im gesamten System, einschließlich einer irdischen Gravitation und freien Bereichen unter einem blauen Himmel. Auf der Venus gibt es die besten Lebensbedingungen für Menschen ohne genetische Anpassungen an niedrige Schwerkraft. Die Venus war ein Paradies für die Erd-Nostalgiker.
Die Magadha-Sangha Föderation versuchte mit dem Chanakya-Plan andere Siedlungen, Habitate und Raumstationen im ganzen System wirtschaftlich und politisch abhängig zu machen mit dem Ziel, dass diese dann der Venus-Föderation beitreten. Magadha-Sangha sollte der Nukleus der Venus-Föderation werden aus der dann die solare Föderation hervorgehen sollte.
Die unnachgiebige Haltung der venusischen Kreativ-Kartelle in der Galileo-Krise 2515 war wohl im Einklang mit dem Chanakya-Plan. Selbst in der größten Not beharrten sie auf der Einhaltung des DRM. Letztlich gab dies der Mengchu-Bewegung auftrieb und beschädigte eher die IP-Interessen der Kreativ-Kartelle. Die Galileo-Krise war wohl der erste große Fehlschlag des Chanakya-Plans, aber nicht der Einzige.
Der Chanakya-Plan brach schließlich zusammen, als die Isolation der Erde endete. Mit der Öffnung der Erde nach dem Ende das Systemkriegs änderten sich schlagartig die Rahmenbedingungen. Die Entwicklung im Solsystem wurde dann wieder von den vielen Milliarden Menschen und dem wirtschaftlichen Potential der Erde bestimmt. Die interplanetare Zivilisation verlor an Bedeutung. Sie blieb technologisch, wirtschaftlich und kulturell wichtig, war aber nicht mehr dominant. Die Erde wurde schnell wieder zum Zentrum des Sonnensystems.
Die Veröffentlichung des Plans ist unangenehm für die damals Beteiligten. Manche sind auch 100 Jahre später noch politisch aktiv. Aber eigentlich ist die Tatsache, dass Magadha-Sangha einen langfristigen Plan hatte, wenig überraschend. Viele Fraktionen und Mächte haben Pläne und manche versuchen diese auch rücksichtslos durchzusetzen. Viel skandalöser als die Existenz des Plans sind einige Einzelaktionen und deren dramatische Folgen.
Besonders bemerkenswert ist die geheime Expedition in das Artu-System ab 2518. Die Mission sollte überlegene außerirdischer Technologie beschaffen. Dafür flogen einige der frühen Interstellarschiffe nach Artu. Die Expedition war erfolgreich und konnte tatsächlich Kontakt zur Artu-Zivilisation herstellen. Die Artu-Zivilisation ist sehr vielfältig und fragmentiert. Es gibt keine einheitliche Regierung. Die Expedition konnte nur mit einigen Clans handeln. Aber sie erreichte das Missionsziel. Sie brachte Technologie von Artu zurück.
Der Rückflug fand nicht, wie ursprünglich geplant, mit den eigenen Schiffen statt (was 11 Jahre gedauert hätte), sondern mit einem Schiff des q3-Clans von Artu in nur 6 Tagen.
Der erste Besuch eines extrasolaren Schiffes war also schon 2531, 13 Jahre vor der Ankunft des Marui-Händlers 2544 auf Ibadan. Aber die Flüge von Artu wurden geheim gehalten. Auch das ist ein kleiner Skandal, aber er wird in den Schatten gestellt von den weiteren Entwicklungen. Ab 2531 gab es regelmäßig geheimen Kontakt zwischen Magadha-Sangha und q3. Personal von Magadha-Sangha reiste nach Artu und q3-Sophonten waren in getarnten Schiffen im Solsystem unterwegs.
Wir kennen nicht die Gründe von q3, um sich im Solsystem zu engagieren und eine geheime Partnerschaft mit Magadha-Sangha einzugehen. Aber sicher bietet eine neue Zivilisation im Aufbruch, wie die Menschheit, großes Potential für einen kleinen aber technologisch weitentwickelten Partner. Die Motive von Magadha-Sangha sind offensichtlich. Magadha-Sangha erhielt exklusiven Zugriff auf überlegene Technologien. Sicher ist, dass q3 Infiltrationswerkzeuge lieferte, die alle solaren Informationsbarrieren überwinden konnten. Welche Einzelaktionen damit durchgeführt wurden, ist nicht bekannt. Mehrere bisher unerklärliche Ereignisse in den Jahren 2532 bis 2542 könnten darauf zurückzuführen sein, dass Magadha-Sangha weitreichenden Zugriff auf die Informationsinfrastruktur des Systems hatte.
Einige Dokumente verraten aber auch, das Magadha-Sangha mit der Kooperation unzufrieden war. q3 lieferte vor allem technische Geräte, aber wenig Know-how. Ursprünglich war Magadha-Sangha nur an Software und Know-how interessiert. Baupläne, mit denen man selbst überlegene Technik herstellen kann, sind wertvoller, als nur die Geräte ohne begleitendes Know-how. Leider begrenzte q3 den Zugang zu Software, Plänen und Informationen. Magadha-Sangha begann deshalb eigene Forschungen auf Basis der spärlichen Informationen von q3 und ohne q3 zu informieren.
Das führte einige Jahre später zum Mukhagni-Zwischenfall in einer der geheimen Forschungsanlagen. Dokumente, die über den Forschungsgegenstand Auskunft geben könnten, sind weiterhin geheim. Es gibt Hinweise, dass es sich um biologische Forschung mit Viren handelte. In Verbindung mit den öffentlich sichtbaren Ereignissen rund um Mukhagni 2540 macht das die Kessler-Viroidae Theorie wahrscheinlich.
Mitarbeiter von Magadha-Sangha könnten von ihren Artu-Partnern von den anorganischen Viren und ihrem Potential als Nano-Assembler/Disassembler gehört haben. Replikatoren, also Nano-Assembler, gehörten zur Liste gewünschter Technologien der ursprünglichen Artu-Expedition. Kessler-Viroidae waren seit 2478 bekannt. Die anorganischen Viren sind normalerweise nur schwach aktiv und harmlos. Heute wissen wir, dass sie Gene für aggressive Disassembler enthalten. Kessler-Viroidae sind in sehr geringen Mengen im interplanetaren Staub fast omnipräsent. So wurden sie auch entdeckt. Die Beschaffung des Basismaterials wäre für Magadha-Sangha also möglich gewesen, ohne Wissen von q3. Vielleicht hoffte Magadha-Sangha durch Manipulation der Viren Disassembler oder sogar spezialisierte Assembler herstellen zu können. Jedenfalls ging das gründlich schief und die Forschungsstation musste auf spektakuläre Weise - systemweit für alle sichtbar - zerstört werden.
Nach Mukhagni brach der Kontakt zu q3 ab. Die Artu-Sophonten scheinen das Solsystem fluchtartig verlassen zu haben. Anscheinend waren die Verantwortlichen bei q3 so von den Ereignissen schockiert, dass sie die Zusammenarbeit mit Magadha-Sangha sofort und vollständig beendeten. Das ist nach heutigem Wissen verständlich, denn es gilt als erwiesen, dass eine aggressive Variante dieser Viren vor ca. 30.000 Jahren den sogenannten Brand ausgelöst und dabei mehrere interplanetare Zivilisationen ausgelöscht hatte.
Man geht heute davon aus, dass es sich beim Mukhagni-Zwischenfall tatsächlich um eine aggressive Form der Kessler-Viroidae handelte. Mit welcher Technologie auch immer dort gearbeitet wurde. Dieser Teil des Chanakya-Plans brachte die Menschheit an den Rand der Vernichtung.
Danach wird es ruhig um den Chanakya-Plan. Aber die Artu-Expedition hat einige Jahre später noch andere gravierende Auswirkungen. 2574 erscheinen Schiffe von Artu im Solsystem und fordern Tribut. Es sind Vertreter eines anderen Artu-Clans. Sie hatten von der Menschheit erfahren und offensichtlich beschlossen, ihre technische Überlegenheit auszunutzen, um die Menschheit zu erpressen. Ein Schicksal, das viele Völker ereilt.
Bisher ging man davon aus, dass das Wissen über das Solsystem durch den Marui-Besuch 2544 nach Artu gelangte. Aber im Lichte der Chanakya-Veröffentlichungen ist ein anderer Weg wahrscheinlicher. Der Artu-Clan, dessen Schiffe im Solsystem erschienen, hatte in der Folge der Magadha-Sangha Expedition von der Menschheit erfahren und so auch die Position des Solsystems erhalten.
Man weiß nicht, ob dieser Clan schon bei der ersten Expedition mit Magadha-Sangha Personal zu tun hatte oder ob er erst später von q3 von der neuen Zivilisation im Solsystem erfuhr. Jedenfalls kommen sie mit ihren überlegenen Schiffen in das Solsystem. Sie behaupten Abgesandte eines Imperiums zu sein, der Artu-Domäne, und etablieren ein Tributsystem bei dem die Menschheit 1/128 ihrer Wirtschaftsleistung abliefern muss. Zuerst für 41 Jahre an die sogenannte Artu-Domäne und dann 15 Jahre an den Artu Polizei-Clan p53, der die Menschheit später wieder von der Artu-Domäne befreit.
Obwohl sich 1/128 der Wirtschaftsleistung nicht viel anhört, beläuft sich der akkumulierte Tribut fast auf ein halbes Jahres-Bruttosozialprodukt der solaren Wirtschaft. Das entspricht dem Wert der gesamten Gold- und Platinvorräte der Menschheit.
Während der Herrschaft der Artu-Domäne kommt es außerdem immer wieder zu Anschlägen auf die Tributinfrastruktur. Die Artu-Domäne geht zeitweilig gewaltsam vor und zerstört mehrere Habitate. Insgesamt verlieren im Raum 750.000 Habitat-Bewohner ihr Leben, davon 70.000 final. Auf der Erde brechen durch die Ankunft der Artu-Domäne Konflikte zwischen Expansionisten und Isolationisten wieder auf. Es kommt in der Folge zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit 230.000 Opfern, davon 150.000 final.
Magadha-Sangha ist nicht nur verantwortlich für die Beinahe-Vernichtung der gesamten Menschheit durch den Mukhagni-Zwischenfall, sondern auch für einen gigantischen wirtschaftlichen Verlust und 220.000 finale Opfer.
Die Magadha-Sangha erleidet einen signifikanten Reputationsverlust. Die Verantwortlichen des Chanakya-Plans, die noch politisch aktiv sind, müssen zurücktreten. Einige werden angeklagt. Nach Schadenersatzklagen gegen Magadha-Sangha müssen die meisten der beteiligten Venus Habitate Konkurs anmelden. Manche werden als abhängige Einheit übernommen. Andere müssen geräumt werden. Die Bewohner verlieren ihre Heimat und das leere Habitat wird verkauft.
#Verschwörung #Aliens #Erstkontakt
http://jmp1.de/h2630
Der Plan zielte darauf ab, die fragmentierte interplanetare Zivilisation des Solsystems unter einem gemeinsamen politischen Dach zu vereinen. Magadha-Sangha und viele andere Fraktionen im inneren System betrachteten damals die Venus, den Schwesterplaneten der Erde, als neues Zentrum des Solsystems. Die Venus sollte die Nachfolge der Erde antreten, die sich vom Rest des Systems isoliert hatte. Zwar waren bis dahin alle Terraforming Aktivitäten gescheitert, aber es gab unzählige schwebende Habitate in der oberen Atmosphäre der Venus. Die Venus-Habitate bieten in 50 km Höhe die erdähnlichsten Lebensbedingungen im gesamten System, einschließlich einer irdischen Gravitation und freien Bereichen unter einem blauen Himmel. Auf der Venus gibt es die besten Lebensbedingungen für Menschen ohne genetische Anpassungen an niedrige Schwerkraft. Die Venus war ein Paradies für die Erd-Nostalgiker.
Die Magadha-Sangha Föderation versuchte mit dem Chanakya-Plan andere Siedlungen, Habitate und Raumstationen im ganzen System wirtschaftlich und politisch abhängig zu machen mit dem Ziel, dass diese dann der Venus-Föderation beitreten. Magadha-Sangha sollte der Nukleus der Venus-Föderation werden aus der dann die solare Föderation hervorgehen sollte.
Die unnachgiebige Haltung der venusischen Kreativ-Kartelle in der Galileo-Krise 2515 war wohl im Einklang mit dem Chanakya-Plan. Selbst in der größten Not beharrten sie auf der Einhaltung des DRM. Letztlich gab dies der Mengchu-Bewegung auftrieb und beschädigte eher die IP-Interessen der Kreativ-Kartelle. Die Galileo-Krise war wohl der erste große Fehlschlag des Chanakya-Plans, aber nicht der Einzige.
Der Chanakya-Plan brach schließlich zusammen, als die Isolation der Erde endete. Mit der Öffnung der Erde nach dem Ende das Systemkriegs änderten sich schlagartig die Rahmenbedingungen. Die Entwicklung im Solsystem wurde dann wieder von den vielen Milliarden Menschen und dem wirtschaftlichen Potential der Erde bestimmt. Die interplanetare Zivilisation verlor an Bedeutung. Sie blieb technologisch, wirtschaftlich und kulturell wichtig, war aber nicht mehr dominant. Die Erde wurde schnell wieder zum Zentrum des Sonnensystems.
Die Veröffentlichung des Plans ist unangenehm für die damals Beteiligten. Manche sind auch 100 Jahre später noch politisch aktiv. Aber eigentlich ist die Tatsache, dass Magadha-Sangha einen langfristigen Plan hatte, wenig überraschend. Viele Fraktionen und Mächte haben Pläne und manche versuchen diese auch rücksichtslos durchzusetzen. Viel skandalöser als die Existenz des Plans sind einige Einzelaktionen und deren dramatische Folgen.
Besonders bemerkenswert ist die geheime Expedition in das Artu-System ab 2518. Die Mission sollte überlegene außerirdischer Technologie beschaffen. Dafür flogen einige der frühen Interstellarschiffe nach Artu. Die Expedition war erfolgreich und konnte tatsächlich Kontakt zur Artu-Zivilisation herstellen. Die Artu-Zivilisation ist sehr vielfältig und fragmentiert. Es gibt keine einheitliche Regierung. Die Expedition konnte nur mit einigen Clans handeln. Aber sie erreichte das Missionsziel. Sie brachte Technologie von Artu zurück.
Der Rückflug fand nicht, wie ursprünglich geplant, mit den eigenen Schiffen statt (was 11 Jahre gedauert hätte), sondern mit einem Schiff des q3-Clans von Artu in nur 6 Tagen.
Der erste Besuch eines extrasolaren Schiffes war also schon 2531, 13 Jahre vor der Ankunft des Marui-Händlers 2544 auf Ibadan. Aber die Flüge von Artu wurden geheim gehalten. Auch das ist ein kleiner Skandal, aber er wird in den Schatten gestellt von den weiteren Entwicklungen. Ab 2531 gab es regelmäßig geheimen Kontakt zwischen Magadha-Sangha und q3. Personal von Magadha-Sangha reiste nach Artu und q3-Sophonten waren in getarnten Schiffen im Solsystem unterwegs.
Wir kennen nicht die Gründe von q3, um sich im Solsystem zu engagieren und eine geheime Partnerschaft mit Magadha-Sangha einzugehen. Aber sicher bietet eine neue Zivilisation im Aufbruch, wie die Menschheit, großes Potential für einen kleinen aber technologisch weitentwickelten Partner. Die Motive von Magadha-Sangha sind offensichtlich. Magadha-Sangha erhielt exklusiven Zugriff auf überlegene Technologien. Sicher ist, dass q3 Infiltrationswerkzeuge lieferte, die alle solaren Informationsbarrieren überwinden konnten. Welche Einzelaktionen damit durchgeführt wurden, ist nicht bekannt. Mehrere bisher unerklärliche Ereignisse in den Jahren 2532 bis 2542 könnten darauf zurückzuführen sein, dass Magadha-Sangha weitreichenden Zugriff auf die Informationsinfrastruktur des Systems hatte.
Einige Dokumente verraten aber auch, das Magadha-Sangha mit der Kooperation unzufrieden war. q3 lieferte vor allem technische Geräte, aber wenig Know-how. Ursprünglich war Magadha-Sangha nur an Software und Know-how interessiert. Baupläne, mit denen man selbst überlegene Technik herstellen kann, sind wertvoller, als nur die Geräte ohne begleitendes Know-how. Leider begrenzte q3 den Zugang zu Software, Plänen und Informationen. Magadha-Sangha begann deshalb eigene Forschungen auf Basis der spärlichen Informationen von q3 und ohne q3 zu informieren.
Das führte einige Jahre später zum Mukhagni-Zwischenfall in einer der geheimen Forschungsanlagen. Dokumente, die über den Forschungsgegenstand Auskunft geben könnten, sind weiterhin geheim. Es gibt Hinweise, dass es sich um biologische Forschung mit Viren handelte. In Verbindung mit den öffentlich sichtbaren Ereignissen rund um Mukhagni 2540 macht das die Kessler-Viroidae Theorie wahrscheinlich.
Mitarbeiter von Magadha-Sangha könnten von ihren Artu-Partnern von den anorganischen Viren und ihrem Potential als Nano-Assembler/Disassembler gehört haben. Replikatoren, also Nano-Assembler, gehörten zur Liste gewünschter Technologien der ursprünglichen Artu-Expedition. Kessler-Viroidae waren seit 2478 bekannt. Die anorganischen Viren sind normalerweise nur schwach aktiv und harmlos. Heute wissen wir, dass sie Gene für aggressive Disassembler enthalten. Kessler-Viroidae sind in sehr geringen Mengen im interplanetaren Staub fast omnipräsent. So wurden sie auch entdeckt. Die Beschaffung des Basismaterials wäre für Magadha-Sangha also möglich gewesen, ohne Wissen von q3. Vielleicht hoffte Magadha-Sangha durch Manipulation der Viren Disassembler oder sogar spezialisierte Assembler herstellen zu können. Jedenfalls ging das gründlich schief und die Forschungsstation musste auf spektakuläre Weise - systemweit für alle sichtbar - zerstört werden.
Nach Mukhagni brach der Kontakt zu q3 ab. Die Artu-Sophonten scheinen das Solsystem fluchtartig verlassen zu haben. Anscheinend waren die Verantwortlichen bei q3 so von den Ereignissen schockiert, dass sie die Zusammenarbeit mit Magadha-Sangha sofort und vollständig beendeten. Das ist nach heutigem Wissen verständlich, denn es gilt als erwiesen, dass eine aggressive Variante dieser Viren vor ca. 30.000 Jahren den sogenannten Brand ausgelöst und dabei mehrere interplanetare Zivilisationen ausgelöscht hatte.
Man geht heute davon aus, dass es sich beim Mukhagni-Zwischenfall tatsächlich um eine aggressive Form der Kessler-Viroidae handelte. Mit welcher Technologie auch immer dort gearbeitet wurde. Dieser Teil des Chanakya-Plans brachte die Menschheit an den Rand der Vernichtung.
Danach wird es ruhig um den Chanakya-Plan. Aber die Artu-Expedition hat einige Jahre später noch andere gravierende Auswirkungen. 2574 erscheinen Schiffe von Artu im Solsystem und fordern Tribut. Es sind Vertreter eines anderen Artu-Clans. Sie hatten von der Menschheit erfahren und offensichtlich beschlossen, ihre technische Überlegenheit auszunutzen, um die Menschheit zu erpressen. Ein Schicksal, das viele Völker ereilt.
Bisher ging man davon aus, dass das Wissen über das Solsystem durch den Marui-Besuch 2544 nach Artu gelangte. Aber im Lichte der Chanakya-Veröffentlichungen ist ein anderer Weg wahrscheinlicher. Der Artu-Clan, dessen Schiffe im Solsystem erschienen, hatte in der Folge der Magadha-Sangha Expedition von der Menschheit erfahren und so auch die Position des Solsystems erhalten.
Man weiß nicht, ob dieser Clan schon bei der ersten Expedition mit Magadha-Sangha Personal zu tun hatte oder ob er erst später von q3 von der neuen Zivilisation im Solsystem erfuhr. Jedenfalls kommen sie mit ihren überlegenen Schiffen in das Solsystem. Sie behaupten Abgesandte eines Imperiums zu sein, der Artu-Domäne, und etablieren ein Tributsystem bei dem die Menschheit 1/128 ihrer Wirtschaftsleistung abliefern muss. Zuerst für 41 Jahre an die sogenannte Artu-Domäne und dann 15 Jahre an den Artu Polizei-Clan p53, der die Menschheit später wieder von der Artu-Domäne befreit.
Obwohl sich 1/128 der Wirtschaftsleistung nicht viel anhört, beläuft sich der akkumulierte Tribut fast auf ein halbes Jahres-Bruttosozialprodukt der solaren Wirtschaft. Das entspricht dem Wert der gesamten Gold- und Platinvorräte der Menschheit.
Während der Herrschaft der Artu-Domäne kommt es außerdem immer wieder zu Anschlägen auf die Tributinfrastruktur. Die Artu-Domäne geht zeitweilig gewaltsam vor und zerstört mehrere Habitate. Insgesamt verlieren im Raum 750.000 Habitat-Bewohner ihr Leben, davon 70.000 final. Auf der Erde brechen durch die Ankunft der Artu-Domäne Konflikte zwischen Expansionisten und Isolationisten wieder auf. Es kommt in der Folge zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit 230.000 Opfern, davon 150.000 final.
Magadha-Sangha ist nicht nur verantwortlich für die Beinahe-Vernichtung der gesamten Menschheit durch den Mukhagni-Zwischenfall, sondern auch für einen gigantischen wirtschaftlichen Verlust und 220.000 finale Opfer.
Die Magadha-Sangha erleidet einen signifikanten Reputationsverlust. Die Verantwortlichen des Chanakya-Plans, die noch politisch aktiv sind, müssen zurücktreten. Einige werden angeklagt. Nach Schadenersatzklagen gegen Magadha-Sangha müssen die meisten der beteiligten Venus Habitate Konkurs anmelden. Manche werden als abhängige Einheit übernommen. Andere müssen geräumt werden. Die Bewohner verlieren ihre Heimat und das leere Habitat wird verkauft.
#Verschwörung #Aliens #Erstkontakt
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2518 Geheime interstellare Mission.
Eine Föderation reicher Venus Habitate rüstet insgeheim eine interstellare Expedition aus. Fünf Interstellarschiffe sollen 11 Jahre lang zu einem 80 Lichtjahre entfernten Sonnensystem reisen. Dort hat man schon 100 Jahre zuvor mit Teleskopen große Objekte im interplanetaren Raum entdeckt. Die Mission basiert auf der Annahme, dass dort eine weit fortgeschrittene Zivilisation existiert. Das Ziel der Mission besteht darin, fortschrittliche Technologie zu erwerben. Die Technologie wäre im Solsystem einzigartig. Man wäre damit allen anderen Fraktionen überlegen und niemand könnte auf absehbare Zeit ähnlich mächtige Technologien erwerben.
Das Projekt läuft unter dem Codenamen Long Shot im Rahmen des Chanakya Plans. Es wird durchgeführt vom Technologiedienst Ajatashatru und bekommt erhebliche Finanzmittel aus dem Haushalt der Magadha-Sangha Föderation.
Die Expedition ist eine sogenannte High-Risk/High-Reward Mission. Die Auftraggeber und die Teilnehmer gehen hohe Risiken ein. Sie versprechen sich ein Ergebnis, das die Machtverhältnisse im Solsystem zu ihren Gunsten ändern kann.
Bei der Planung der Mission werden potentiell interessante Technologien untersucht. Man erarbeitet einen Katalog von gewünschten disruptiven Technologien. Aber letztlich muss man der Besatzung vertrauen, dass sie die richtigen Technologien aufspürt. Technologien, die aus machtpolitischer Sicht interessant, aber dabei gleichzeitig für die Expedition erreichbar und transportierbar sind. Aufgrund der begrenzten Transportkapazität auf dem Rückflug rechnet man vor allem mit Nano- und Informationstechnologien, bzw. Know-how, z.B.:
- ein sogenanntes Orakel, eine eingeschlossene singuläre KI, die zuverlässige taktische oder strategische Prognosen erstellen und zukünftige Entwicklungen vorhersagen kann.
- Infiltrations- und Kryptanalyse-Software auf bisher unbekannter physikalischer oder informationstheoretischer Grundlage mit der man in gut geschützte solare Informationssysteme eindringen kann.
- Replikatoren, d.h. Nano-Assembler, die auf atomarer Ebene jedes Gerät in perfekter Qualität konstruieren können. Die besten solaren Autofabs arbeiten auf Basis von sub-Mikron Clustern, sind aber weit entfernt von molekularen oder atomaren Assemblern.
- Baupläne und theoretische Grundlagen für überlegene Energiesysteme, wie katalytische Antimaterieerzeugung oder Vakuumenergie.
- Grundlagen und Produktionsmittel für wesentlich schnellere ÜL-Triebwerke, möglicherweise auf Basis von Quanten Black Holes.
Magadha-Sangha geht sehr vorsichtig vor und will neue Machtmittel nicht offen einsetzen. Deshalb sind Waffen und waffenfähige Technologien weniger interessant.
Alle Technologien sind spekulativ. Man weiß nicht, ob sie überhaupt existieren und wenn sie existieren, ob sie für Menschen verfügbar wären. Aber die Grundannahme ist, dass eine Zivilisation mit hunderten oder tausenden Jahren Technologievorsprung viele Alltagstechnologien verwendet, die im Solsystem übermächtig wären.
Die Mission ist riskant. Man rechnet mit einer Erfolgsquote von 1:20. Die Schiffe sind mit den neuesten Faktor-7 ÜL-Triebwerken ausgerüstet. Der Flug dauert 11 Jahre, aber die neuen Triebwerke sind noch nie so lange am Stück gelaufen. Nach der Erfahrung mit den Flügen der Marco Polo nimmt die Expedition sehr viele Triebwerkskomponenten für Reparaturen mit. Zusätzlich ist ein Justierwerk von Dilan an Bord mit dem man defekte Konverterpole wieder ausrichten kann. Trotzdem rechnet man mit einem Totalausfallrisiko von 50 %, jeweils für Hin- und Rückflug. Dazu kommen die Unwägbarkeiten am Zielort. Was wird die Expedition dort vorfinden? Wird sie sich verständigen können? Welche Gefahren lauern dort? Wird es möglich sein, mit den mitgeführten Zahlungsmitteln Technologie zu erwerben?
Die Schiffe sind voll beladen mit Containern. Die Frachtkapazität teilt sich auf in Wohnquartiere und Lebenserhaltung (5 %), Proviant (5 %), diverse Edelmetalle und Seltene Erden als Zahlungsmittel (20 %), Triebwerkskomponenten (30%), Schiffsausrüstung, Autofabs und Material für Reparaturen (40 %).
Um Ressourcen zu sparen sind die meisten Teilnehmer Uploads in Mikro-Mechs. Trotzdem reisen 5 Menschen als Bios, weil man befürchtet, dass die Zivilisation am Zielort feindlich gegenüber einer reinen Mech-Besatzung eingestellt sein könnte. Die Menschen reisen in Biostasis.
Nach neun Jahren Vorbereitung verlassen die Schiffe einzeln unter verschiedenen Tarnidentitäten das System. Sie sammeln sich drei Lichttage nördlich der Ekliptik. Dann beginnt die lange Reise.
#Geheim #interstellar #Technologie #Reise
http://jmp1.de/h2518
Das Projekt läuft unter dem Codenamen Long Shot im Rahmen des Chanakya Plans. Es wird durchgeführt vom Technologiedienst Ajatashatru und bekommt erhebliche Finanzmittel aus dem Haushalt der Magadha-Sangha Föderation.
Die Expedition ist eine sogenannte High-Risk/High-Reward Mission. Die Auftraggeber und die Teilnehmer gehen hohe Risiken ein. Sie versprechen sich ein Ergebnis, das die Machtverhältnisse im Solsystem zu ihren Gunsten ändern kann.
Bei der Planung der Mission werden potentiell interessante Technologien untersucht. Man erarbeitet einen Katalog von gewünschten disruptiven Technologien. Aber letztlich muss man der Besatzung vertrauen, dass sie die richtigen Technologien aufspürt. Technologien, die aus machtpolitischer Sicht interessant, aber dabei gleichzeitig für die Expedition erreichbar und transportierbar sind. Aufgrund der begrenzten Transportkapazität auf dem Rückflug rechnet man vor allem mit Nano- und Informationstechnologien, bzw. Know-how, z.B.:
- ein sogenanntes Orakel, eine eingeschlossene singuläre KI, die zuverlässige taktische oder strategische Prognosen erstellen und zukünftige Entwicklungen vorhersagen kann.
- Infiltrations- und Kryptanalyse-Software auf bisher unbekannter physikalischer oder informationstheoretischer Grundlage mit der man in gut geschützte solare Informationssysteme eindringen kann.
- Replikatoren, d.h. Nano-Assembler, die auf atomarer Ebene jedes Gerät in perfekter Qualität konstruieren können. Die besten solaren Autofabs arbeiten auf Basis von sub-Mikron Clustern, sind aber weit entfernt von molekularen oder atomaren Assemblern.
- Baupläne und theoretische Grundlagen für überlegene Energiesysteme, wie katalytische Antimaterieerzeugung oder Vakuumenergie.
- Grundlagen und Produktionsmittel für wesentlich schnellere ÜL-Triebwerke, möglicherweise auf Basis von Quanten Black Holes.
Magadha-Sangha geht sehr vorsichtig vor und will neue Machtmittel nicht offen einsetzen. Deshalb sind Waffen und waffenfähige Technologien weniger interessant.
Alle Technologien sind spekulativ. Man weiß nicht, ob sie überhaupt existieren und wenn sie existieren, ob sie für Menschen verfügbar wären. Aber die Grundannahme ist, dass eine Zivilisation mit hunderten oder tausenden Jahren Technologievorsprung viele Alltagstechnologien verwendet, die im Solsystem übermächtig wären.
Die Mission ist riskant. Man rechnet mit einer Erfolgsquote von 1:20. Die Schiffe sind mit den neuesten Faktor-7 ÜL-Triebwerken ausgerüstet. Der Flug dauert 11 Jahre, aber die neuen Triebwerke sind noch nie so lange am Stück gelaufen. Nach der Erfahrung mit den Flügen der Marco Polo nimmt die Expedition sehr viele Triebwerkskomponenten für Reparaturen mit. Zusätzlich ist ein Justierwerk von Dilan an Bord mit dem man defekte Konverterpole wieder ausrichten kann. Trotzdem rechnet man mit einem Totalausfallrisiko von 50 %, jeweils für Hin- und Rückflug. Dazu kommen die Unwägbarkeiten am Zielort. Was wird die Expedition dort vorfinden? Wird sie sich verständigen können? Welche Gefahren lauern dort? Wird es möglich sein, mit den mitgeführten Zahlungsmitteln Technologie zu erwerben?
Die Schiffe sind voll beladen mit Containern. Die Frachtkapazität teilt sich auf in Wohnquartiere und Lebenserhaltung (5 %), Proviant (5 %), diverse Edelmetalle und Seltene Erden als Zahlungsmittel (20 %), Triebwerkskomponenten (30%), Schiffsausrüstung, Autofabs und Material für Reparaturen (40 %).
Um Ressourcen zu sparen sind die meisten Teilnehmer Uploads in Mikro-Mechs. Trotzdem reisen 5 Menschen als Bios, weil man befürchtet, dass die Zivilisation am Zielort feindlich gegenüber einer reinen Mech-Besatzung eingestellt sein könnte. Die Menschen reisen in Biostasis.
Nach neun Jahren Vorbereitung verlassen die Schiffe einzeln unter verschiedenen Tarnidentitäten das System. Sie sammeln sich drei Lichttage nördlich der Ekliptik. Dann beginnt die lange Reise.
#Geheim #interstellar #Technologie #Reise
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2574 Artu-Domäne
Eine Gruppe von fremden Raumschiffen erscheint im Sonnensystem. Sie sind Abgesandte der Artu-Domäne, des interstellaren Herrschaftsbereichs von Artu zu dem das Solsystem gehört. Die Besatzung besteht aus einer bunten Mischung von Sophonten verschiedener Völker, der typischen Bevölkerung des Artu-Systems, wie es heißt. Die Neuankömmlinge verfügen über weit überlegene Technologie. Ihre Schiffe brauchen nur wenige Tage bis zum Solsystem während solare Schiffe eher 3 Jahre unterwegs wären. Die Schiffe der Flottille sind offensichtlich bewaffnet und man kann davon ausgehen, dass ihre Militärtechnik genauso überlegen ist, wie der ÜL-Antrieb.
Die fremden Schiffe beziehen Position beim Neptun und nehmen Kontakt zu den Behörden des Solsystems auf. Das ist nicht ganz einfach, denn es gibt keine einheitliche Regierung. Der Systemkrieg liegt erst wenige Jahre zurück. Das Konzil von Kalkutta ist dabei, sich zum Parlament der Koalition zu entwickeln. Es befasst sich aber im Wesentlichen mit den vielen Problemen der Erde nach dem Ende der langen Isolation. Die Koalition im interplanetaren Raum, die den Systemkrieg gewonnen hatte, verliert seit Kriegsende ihren Einfluss auf die Mitglieder im Raum. Ein Großteil der Kriegslast im inneren System wurde von den Truppen marsianischer Territorialsouveränitäten getragen. Diese sind aber inzwischen demilitarisiert. Die wohlhabenden Venus Habitate hatten materiell viel zum Sieg der Koalition beigetragen. Sie bilden aber keine größeren Körperschaften mit systemweitem Machtanspruch. Das äußere System, ist ein Flickenteppich an Habitaten, kommerziellen Organisationen und territorialen Souveränitäten auf den Monden der Gasriesen.
Die Abgesandten von Artu bezeichnen das Solsystem als Artu-Protektorat. Sie erklären der Menschheit die politische Struktur der näheren interstellaren Umgebung einschließlich der zentralen Stellung der Artu-Domäne. Sie wollen über einen Stützpunkt verhandeln. Die Artu-Domäne erwartet außerdem von neuen Protektoraten 1/128 ihrer Wirtschaftsleistung als Abgaben. Das ist ein Betrag, den man aufbringen kann und für den es sich nicht lohnt, sich mit überlegenen Aliens anzulegen. Die Abgesandten suchen eine Organisation, die die Abgaben im ganzen System einsammeln, verwalten und zum Transport bereitstellen kann. Die interplanetare Koalition mit Sitz in Vegas/Luna wäre eine natürliche Wahl. Zwei Schiffe fliegen weiter in das innere System, um sich mit Vertretern der Koalition zu treffen.
Viele andere Fraktionen wollen verhindern, dass der Koalition so eine wichtige Rolle zufällt. Nach dem Ende der Isolation der Erde sind die irdischen Mächte dabei, wieder eine bestimmende Rolle im Sonnensystem zu übernehmen. Immerhin repräsentieren sie den Großteil der solaren Bevölkerung. Die Eurasia-Fraktion in Kalkutta schickt eigene Vertreter, um unabhängige Verhandlungen einzuleiten. Im äußeren System wenden sich Vertreter verschiedener Mächte direkt an die bei Neptun wartenden Schiffe.
Die Medien des Systems überschlagen sich mit Meldungen, Gerüchten, Befürchtungen, Drohungen und Erklärungen von allen möglichen solaren Organisationen. Das ganze System ist in Aufruhr. Das empfindliche Kräftegleichgewicht zwischen Vertretern irdischen Völker in Kalkutta und dem interplanetaren Koalitionsrat in Vegas ist in Gefahr. Der Krieg droht wieder auszubrechen.
Die beiden Schiffe werden im Anflug auf Vegas/Luna von einem L5-Zielradar erfasst und mit Raketen beschossen. Sie wehren den Angriff mühelos ab und zerstören die feindlichen Plattformen. Die Schiffe kehren zum Neptun zurück.
Die Abgesandten erklären, selbst eine Organisation zum Einsammeln der Abgaben aufzubauen und wählen dafür eine Basis im Saturn-System. Die Flottille stößt zum Saturn vor und annektiert im Namen der Artu-Domäne Epimetheus, einen der kleineren unbewohnten Saturnmonde.
Die Abgesandten fordern nun Vertreter mehrerer Systemmächte auf, für Verhandlungen nach Epimetheus zu kommen und einen Plan vorzulegen wie die Abgaben aufgebracht werden sollen.
Im Lauf des nächsten Jahres organisieren viele interplanetare Mächte den Transport ihrer Abgaben nach Epimetheus. Die Abgaben werden vor allem in Form von Rohstoffen geleistet. Bei Epimetheus werden sie auf interstellare Frachter der Artu-Domäne umgeladen. Dafür entstehen rund um Epimetheus große Verladeterminals als Abgabeersatzleistung eines Titan-Konsortiums.
Die Staaten der Erde, die zusammen 90 % des Bruttosozialprodukts des Sonnensystems darstellen, beteiligen sich nur schleppend. Das hat ganz praktische Gründe. Die interplanetaren Transportkapazitäten reichen bei Weitem nicht aus, um den Anteil der Erde nach Epimetheus zu liefern. Die Zurückhaltung ist aber vor allem darauf zurückzuführen, dass die Erde gerade aus einer langen selbstgewählten Isolation kommt. Viele Bürger, aber auch Politiker der Erde, nehmen die neue Realität in einem interplanetaren, bzw. interstellaren Umfeld noch nicht wahr. Sie sind geprägt durch eine nachhaltige autarke Wirtschaft und eine geschlossene Gesellschaft ohne Außenbeziehungen. Die Tatsache, dass außerhalb der Erde und des Sonnensystems andere, weiter entwickelte, Völker und Fraktionen existieren, wollen viele nicht wahrhaben. Lieber würde man sich wieder vom Universum abkapseln. Stattdessen ist nun eine fremde unbekannte Macht in das Sonnensystem eingedrungen und fordert Tribut. Die schlimmsten Befürchtungen der Isolationisten werden wahr.
Auf der Erde brechen die Konflikte zwischen Expansionisten und Isolationisten wieder auf. Es gibt Anschläge auf Einrichtungen bei Epimetheus, auf Verladestationen bei den Rohstoffquellen und sogar auf interstellare Frachter. 2577 wird ein Frachter am Epimetheus-Terminal durch eine Nuklearexplosion zerstört. Daraufhin dehnt die Artu-Domäne den Sicherheitsbereich auf das gesamte Saturnsystem aus. Das Saturnsystem soll demilitarisiert werden. Alle lokalen Mächte müssen ihre Waffen abgeben. Das ruft natürlich Widerstand hervor. Viele Habitate weigern sich, den Abgesandten Artu's Zutritt zu gewähren. Vereinzelt gibt es heftige Kämpfe in Stationen. Die Bodentruppen Artu's sind im direkten Kampf weit überlegen. Trotzdem gibt es auch bei ihnen Verluste. Im Verlauf der Demilitarisierung werden mehrere Habitate und Stationen durch Bordkämpfe beschädigt.
Nach 3 Monaten eskalierendem Widerstand zerstören die Abgesandten Artu's den Verkehrsknotenpunkt Ibadan im Titanorbit. Die Station wird von einem Schwarm Mikrobots angegriffen. Die Bots verteilen sich über Ibadan, die Docks, die Werften, Containergerüste, Produktions- und Wohnbereiche. Sie zünden gleichzeitig ihre Antimaterie-Ladungen, jeweils ca. 10 mg. Der weitläufige Stationskomplex wird mit 40.000 Bewohnern ohne Vorwarnung vollständig zerstört. 8.000 Bios werden terminiert, davon 2523 final ohne Backup. Für die Mechs und Uploads liegt die Backup-Quote bei 95 %, also ca. 1600 Totalverluste. Das Gleiche passiert Gemini, dem großen Erde-Mond-L5 Doppelzylinder mit 600.000 Bewohnern und dem Venus Dom-Habitat Afrodt mit 55.000 Bewohnern. Wiederherstellung aus Backups: 91 %, Verlust der originalen biologischen Körpern: 220.000, akkumulierter Erinnerungsverlust: ca. 200 k Jahre.
Das Solsystem ist geschockt. Der organisierte Widerstand bricht zusammen. Das Saturnsystem wird demilitarisiert. Die Abgesandten erklären die Region um Saturn zum Kernprotektorat. Dem Kernprotektorat werden 1/16 der Wirtschaftsleistung als Abgaben auferlegt. Die Abgesandten erwähnen dabei auch Ressourcenprotektorate bei denen typischerweise 1/4 als Abgabe angesetzt werden.
Im Lauf der folgenden 10 Jahren erreicht die Abgabenquote im gesamten System 4/5 der geforderten Höhe. Das übrige Fünftel wird in Absprache mit den Abgesandten für die Logistik aufgewendet. Die solare Schiffbauindustrie stellt die notwendigen Transportkapazitäten zur Verfügung. Der Boom im Schiffsbau reißt die interplanetare Wirtschaft mit. Auch die Erde erlebt einen anhaltenden Aufschwung.
Das Saturnsystem bleibt Kernprotektorat.
Einige irdische Staaten boykottieren immer noch das Abgabensystem.
Im ganzen System gibt es immer wieder Anschläge auf die Transportinfrastruktur. Das Abgabensystem ist aber inzwischen dezentralisiert und nie in Gefahr.
In der Folge des Kontakts mit Thoris kommen 2588 erste Zweifel an der Darstellung der Abgesandten von Artu auf. Es dauert mehrere Jahre bis die Angaben zu den interstellaren Machtverhältnissen durch unabhängige Quellen überprüft werden können. Viele Informationen stellen sich als absichtliche Falschangaben heraus. 2593 ist den Regierungen des Solsystems klar, dass es keine Artu-Domäne gibt. Die sogenannten Abgesandten von Artu sind eine autonomer Clan aus dem Artu-System. Einer von sehr vielen. Im Artu-System gibt es keine Gesamtregierung und keine systemweite Organisation. Die Artu Zivilisation ist noch viel stärker fragmentiert, als die solare. Es gibt Millionen souveräner Einheiten (Clans), wenige Allianzen und keine großen Territorialstaaten.
Nach solaren Begriffen sind die "Abgesandten der Artu-Domäne" Freibeuter und Söldner. Aber im Solsystem sind sie weiterhin sehr mächtig und versuchen die Wahrheit zu unterdrücken.
Es dauert 15 Jahre bis eine Expedition der ADIC (die Behörde für Entwicklung und interstellare Beziehungen der Koalition) mit einem von Thoris gemieteten Schiff nach Artu gelangt. Die ADIC wird dabei von interplanetaren und irdischen Staaten des Solsystems unterstützt. Nach weiteren drei Jahren können Botschafter der Koalition p53, einen Polizei-Clan von Artu, überzeugen, gegen die Artu-Domäne vorzugehen. p53 stört die Aktivitäten der Domäne im Artu-System und vertreibt 2514 die Abgesandten aus dem Solsystem. Die Abgesandten leisten keinen Widerstand.
Als Aufwandsentschädigung für p53 bleibt das Abgabesystem zugunsten von p53 für weitere 18 Jahre aktiv. Die Abgabenlast des "Kernprotektorats Saturn" wird auf das gesamte Solsystem umgelegt.
#Imperium #Tribut #Interstellar
http://jmp1.de/h2574
Die fremden Schiffe beziehen Position beim Neptun und nehmen Kontakt zu den Behörden des Solsystems auf. Das ist nicht ganz einfach, denn es gibt keine einheitliche Regierung. Der Systemkrieg liegt erst wenige Jahre zurück. Das Konzil von Kalkutta ist dabei, sich zum Parlament der Koalition zu entwickeln. Es befasst sich aber im Wesentlichen mit den vielen Problemen der Erde nach dem Ende der langen Isolation. Die Koalition im interplanetaren Raum, die den Systemkrieg gewonnen hatte, verliert seit Kriegsende ihren Einfluss auf die Mitglieder im Raum. Ein Großteil der Kriegslast im inneren System wurde von den Truppen marsianischer Territorialsouveränitäten getragen. Diese sind aber inzwischen demilitarisiert. Die wohlhabenden Venus Habitate hatten materiell viel zum Sieg der Koalition beigetragen. Sie bilden aber keine größeren Körperschaften mit systemweitem Machtanspruch. Das äußere System, ist ein Flickenteppich an Habitaten, kommerziellen Organisationen und territorialen Souveränitäten auf den Monden der Gasriesen.
Die Abgesandten von Artu bezeichnen das Solsystem als Artu-Protektorat. Sie erklären der Menschheit die politische Struktur der näheren interstellaren Umgebung einschließlich der zentralen Stellung der Artu-Domäne. Sie wollen über einen Stützpunkt verhandeln. Die Artu-Domäne erwartet außerdem von neuen Protektoraten 1/128 ihrer Wirtschaftsleistung als Abgaben. Das ist ein Betrag, den man aufbringen kann und für den es sich nicht lohnt, sich mit überlegenen Aliens anzulegen. Die Abgesandten suchen eine Organisation, die die Abgaben im ganzen System einsammeln, verwalten und zum Transport bereitstellen kann. Die interplanetare Koalition mit Sitz in Vegas/Luna wäre eine natürliche Wahl. Zwei Schiffe fliegen weiter in das innere System, um sich mit Vertretern der Koalition zu treffen.
Viele andere Fraktionen wollen verhindern, dass der Koalition so eine wichtige Rolle zufällt. Nach dem Ende der Isolation der Erde sind die irdischen Mächte dabei, wieder eine bestimmende Rolle im Sonnensystem zu übernehmen. Immerhin repräsentieren sie den Großteil der solaren Bevölkerung. Die Eurasia-Fraktion in Kalkutta schickt eigene Vertreter, um unabhängige Verhandlungen einzuleiten. Im äußeren System wenden sich Vertreter verschiedener Mächte direkt an die bei Neptun wartenden Schiffe.
Die Medien des Systems überschlagen sich mit Meldungen, Gerüchten, Befürchtungen, Drohungen und Erklärungen von allen möglichen solaren Organisationen. Das ganze System ist in Aufruhr. Das empfindliche Kräftegleichgewicht zwischen Vertretern irdischen Völker in Kalkutta und dem interplanetaren Koalitionsrat in Vegas ist in Gefahr. Der Krieg droht wieder auszubrechen.
Die beiden Schiffe werden im Anflug auf Vegas/Luna von einem L5-Zielradar erfasst und mit Raketen beschossen. Sie wehren den Angriff mühelos ab und zerstören die feindlichen Plattformen. Die Schiffe kehren zum Neptun zurück.
Die Abgesandten erklären, selbst eine Organisation zum Einsammeln der Abgaben aufzubauen und wählen dafür eine Basis im Saturn-System. Die Flottille stößt zum Saturn vor und annektiert im Namen der Artu-Domäne Epimetheus, einen der kleineren unbewohnten Saturnmonde.
Die Abgesandten fordern nun Vertreter mehrerer Systemmächte auf, für Verhandlungen nach Epimetheus zu kommen und einen Plan vorzulegen wie die Abgaben aufgebracht werden sollen.
Im Lauf des nächsten Jahres organisieren viele interplanetare Mächte den Transport ihrer Abgaben nach Epimetheus. Die Abgaben werden vor allem in Form von Rohstoffen geleistet. Bei Epimetheus werden sie auf interstellare Frachter der Artu-Domäne umgeladen. Dafür entstehen rund um Epimetheus große Verladeterminals als Abgabeersatzleistung eines Titan-Konsortiums.
Die Staaten der Erde, die zusammen 90 % des Bruttosozialprodukts des Sonnensystems darstellen, beteiligen sich nur schleppend. Das hat ganz praktische Gründe. Die interplanetaren Transportkapazitäten reichen bei Weitem nicht aus, um den Anteil der Erde nach Epimetheus zu liefern. Die Zurückhaltung ist aber vor allem darauf zurückzuführen, dass die Erde gerade aus einer langen selbstgewählten Isolation kommt. Viele Bürger, aber auch Politiker der Erde, nehmen die neue Realität in einem interplanetaren, bzw. interstellaren Umfeld noch nicht wahr. Sie sind geprägt durch eine nachhaltige autarke Wirtschaft und eine geschlossene Gesellschaft ohne Außenbeziehungen. Die Tatsache, dass außerhalb der Erde und des Sonnensystems andere, weiter entwickelte, Völker und Fraktionen existieren, wollen viele nicht wahrhaben. Lieber würde man sich wieder vom Universum abkapseln. Stattdessen ist nun eine fremde unbekannte Macht in das Sonnensystem eingedrungen und fordert Tribut. Die schlimmsten Befürchtungen der Isolationisten werden wahr.
Auf der Erde brechen die Konflikte zwischen Expansionisten und Isolationisten wieder auf. Es gibt Anschläge auf Einrichtungen bei Epimetheus, auf Verladestationen bei den Rohstoffquellen und sogar auf interstellare Frachter. 2577 wird ein Frachter am Epimetheus-Terminal durch eine Nuklearexplosion zerstört. Daraufhin dehnt die Artu-Domäne den Sicherheitsbereich auf das gesamte Saturnsystem aus. Das Saturnsystem soll demilitarisiert werden. Alle lokalen Mächte müssen ihre Waffen abgeben. Das ruft natürlich Widerstand hervor. Viele Habitate weigern sich, den Abgesandten Artu's Zutritt zu gewähren. Vereinzelt gibt es heftige Kämpfe in Stationen. Die Bodentruppen Artu's sind im direkten Kampf weit überlegen. Trotzdem gibt es auch bei ihnen Verluste. Im Verlauf der Demilitarisierung werden mehrere Habitate und Stationen durch Bordkämpfe beschädigt.
Nach 3 Monaten eskalierendem Widerstand zerstören die Abgesandten Artu's den Verkehrsknotenpunkt Ibadan im Titanorbit. Die Station wird von einem Schwarm Mikrobots angegriffen. Die Bots verteilen sich über Ibadan, die Docks, die Werften, Containergerüste, Produktions- und Wohnbereiche. Sie zünden gleichzeitig ihre Antimaterie-Ladungen, jeweils ca. 10 mg. Der weitläufige Stationskomplex wird mit 40.000 Bewohnern ohne Vorwarnung vollständig zerstört. 8.000 Bios werden terminiert, davon 2523 final ohne Backup. Für die Mechs und Uploads liegt die Backup-Quote bei 95 %, also ca. 1600 Totalverluste. Das Gleiche passiert Gemini, dem großen Erde-Mond-L5 Doppelzylinder mit 600.000 Bewohnern und dem Venus Dom-Habitat Afrodt mit 55.000 Bewohnern. Wiederherstellung aus Backups: 91 %, Verlust der originalen biologischen Körpern: 220.000, akkumulierter Erinnerungsverlust: ca. 200 k Jahre.
Das Solsystem ist geschockt. Der organisierte Widerstand bricht zusammen. Das Saturnsystem wird demilitarisiert. Die Abgesandten erklären die Region um Saturn zum Kernprotektorat. Dem Kernprotektorat werden 1/16 der Wirtschaftsleistung als Abgaben auferlegt. Die Abgesandten erwähnen dabei auch Ressourcenprotektorate bei denen typischerweise 1/4 als Abgabe angesetzt werden.
Im Lauf der folgenden 10 Jahren erreicht die Abgabenquote im gesamten System 4/5 der geforderten Höhe. Das übrige Fünftel wird in Absprache mit den Abgesandten für die Logistik aufgewendet. Die solare Schiffbauindustrie stellt die notwendigen Transportkapazitäten zur Verfügung. Der Boom im Schiffsbau reißt die interplanetare Wirtschaft mit. Auch die Erde erlebt einen anhaltenden Aufschwung.
Das Saturnsystem bleibt Kernprotektorat.
Einige irdische Staaten boykottieren immer noch das Abgabensystem.
Im ganzen System gibt es immer wieder Anschläge auf die Transportinfrastruktur. Das Abgabensystem ist aber inzwischen dezentralisiert und nie in Gefahr.
In der Folge des Kontakts mit Thoris kommen 2588 erste Zweifel an der Darstellung der Abgesandten von Artu auf. Es dauert mehrere Jahre bis die Angaben zu den interstellaren Machtverhältnissen durch unabhängige Quellen überprüft werden können. Viele Informationen stellen sich als absichtliche Falschangaben heraus. 2593 ist den Regierungen des Solsystems klar, dass es keine Artu-Domäne gibt. Die sogenannten Abgesandten von Artu sind eine autonomer Clan aus dem Artu-System. Einer von sehr vielen. Im Artu-System gibt es keine Gesamtregierung und keine systemweite Organisation. Die Artu Zivilisation ist noch viel stärker fragmentiert, als die solare. Es gibt Millionen souveräner Einheiten (Clans), wenige Allianzen und keine großen Territorialstaaten.
Nach solaren Begriffen sind die "Abgesandten der Artu-Domäne" Freibeuter und Söldner. Aber im Solsystem sind sie weiterhin sehr mächtig und versuchen die Wahrheit zu unterdrücken.
Es dauert 15 Jahre bis eine Expedition der ADIC (die Behörde für Entwicklung und interstellare Beziehungen der Koalition) mit einem von Thoris gemieteten Schiff nach Artu gelangt. Die ADIC wird dabei von interplanetaren und irdischen Staaten des Solsystems unterstützt. Nach weiteren drei Jahren können Botschafter der Koalition p53, einen Polizei-Clan von Artu, überzeugen, gegen die Artu-Domäne vorzugehen. p53 stört die Aktivitäten der Domäne im Artu-System und vertreibt 2514 die Abgesandten aus dem Solsystem. Die Abgesandten leisten keinen Widerstand.
Als Aufwandsentschädigung für p53 bleibt das Abgabesystem zugunsten von p53 für weitere 18 Jahre aktiv. Die Abgabenlast des "Kernprotektorats Saturn" wird auf das gesamte Solsystem umgelegt.
#Imperium #Tribut #Interstellar
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