Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

3296 Relikte des Weisen Drachen

Eine Gruppe historischer Artefakte, die dem Weisen Drachen aus Kisors Mittelalter zugeschrieben werden.

Die Artefakte wurden bei Ausgrabungen auf Kisor Beta gefunden. Eine stratigraphische Analyse ordnet die Funde dem Beginn des kisorischen Hochmittelalters zu. Angeblich stammen sie aus der Grabstätte des sogenannten Weisen Drachen, einer kisorischen Legende. Die Artefakte werden bei einem Chinti-Kommandounternehmen gestohlen. Sie sind seitdem verschollen. Der Vorfall hat gravierende Konsequenzen für Kisor.

Etwa 200 Jahre nach der Wiederbesiedlung ist Kisor immer noch unbedeutend. Kisor Beta hat im interstellaren Maßstab eine kleine Bevölkerung von wenigen Milliarden. Alpha ist noch in der Ökoformierung und hat einige hundert Millionen Bewohner. Die Wirtschaft des Systems ist robust und modern. Aber weder das System noch die Planeten haben eine gemeinsame Regierung. Es gibt mehrere große Nationen auf Alpha, Beta und dem Beta-Mond. Die internationale Struktur wird dominiert durch die Fraktionen der Wiederbesiedlung und die Umwälzungen nach dem Religionskrieg zwischen Singulariten und Alturisten 60 Jahre zuvor. Es gibt eine Art Völkerbund, der die Außenbeziehungen und die Systemverteidigung regelt.

Der kisorische Völkerbund ist formal mit den Menschen alliiert. Es gibt gute wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen mit der menschlichen Sphäre. Der Kontakt läuft vor allem über das nah gelegene Fox-System. Dessen interplanetare Zivilisation ist stark durch Menschen geprägt. Trotz des Verteidigungsbündnisses mit den Menschen nimmt Kisor nicht aktiv am Krieg gegen die Chinti teil. Kisor liegt abseits der Brennpunkte im Krieg zwischen Chinti und Menschen. Die Ausbreitung der Chinti-Schwärme ging in Richtung galaktisches Zentrum. Sie betraf die menschliche Sphäre viel mehr als Kisor. Inzwischen ist die Ausbreitung gestoppt. Die Menschen haben wesentliche Erfolge erzielt. Die Chinti stehen militärisch unter Druck. Sie befinden sich jetzt in einem Abwehrkampf gegen die Menschen und vermeiden es, andere Völker gegen sich aufzubringen. Sie suchen eher Verbündete. Sie wollen sicher keine neuen Feinde. Auch nicht ein kleines Einzelsystem wie Kisor.

Deshalb kommt der Angriff der Chinti auf Kisor völlig unerwartet.

Eigentlich ist der Angriff eher ein Kommandounternehmen, als eine militärische Operation. Mehrere neutrale Handelsschiffe im Orbit von Kisor Beta verwandeln sich plötzlich in Kriegsschiffe und Truppentransporter. Statt der angegebenen Handelsgüter führen sie Raumüberlegenheitswaffen und Landungstruppen mit sich. Sie greifen das nationale historische Archiv der Nation auf dem Südpolkontinent an. Ein Teil der Einheiten sichert den Luftraum über dem Nationalarchiv und die Orbitalebenen für etwa zwei Kilosekunden. Mech-Infanterie Landungstruppen aus Söldnern verschiedener Völker sichern einen Umkreis von zehn Kilometern auf dem Boden. Chinti-Spezialeinheiten stürmen einen (geheimen) Hochsicherheitsbereich des historischen Instituts. Offensichtlich wissen sie genau, wohin sie gehen müssen. Sie benutzen Expressröhren um das Forschungsinstitut zu erreichen, wo die Artefakte des Weisen Drachen aufbewahrt werden.

Der Weise Drache ist eine Sagengestalt aus dem kisorischen Frühmittelalter. Zwanzig Jahre zuvor hatte man bei Ausgrabungen nahe der untergegangenen Stadt Tis La Nat (im Norden des Südpolkontinents) einige Artefakte entdeckt. Die Artefakte passten nicht in die Zeit des Mittelalters. Und sie waren so unterschiedlich, dass sie eigentlich nicht zusammengehören konnten. Trotzdem lagen zusammen in einer Grabkammer, die nachweislich seit dem frühen Mittelalter nicht mehr geöffnet worden war. Dort hatten sie fünf Jahrtauende überdauert. In einer Grabkammer bei der sagenhaften Stadt Tis La Nat, unter den Trümmern der Nuklearexplosion, die Tis La Nat zerstörte. Außerdem unter den Trümmern der kinetischen Bombardierung durch die RogOzar und zusätzlich verborgen durch die Umgestaltung der Geografie während der Wiederbesiedlung Kisors. Viel Zeit und viele Ereignisse sind über die Artefakte hinweggegangen. Und viele Trümmer.

Die sagenumwobene Stadt Tis La Nat wurde erst während der geografischen Neugestaltung Betas entdeckt. Die Stadt war 5000 Jahre lang nur ein Mythos. Sie kam in den Legenden des frühen Mittelalters vor. Aber bis zur Wiederbesiedlung gab es keine konkreten Hinweise, dass sie wirklich existiert hatte. Die Ruinen waren so tief vergraben, dass sie nicht einmal mit den Hightech-Mitteln in der Zeit des Interianischen Imperiums entdeckt wurden. Bei der Neugestaltung Betas im Zuge der Wiederbesiedlung 200 Jahre zuvor stieß man auf erste Spuren. Aber damals war nicht die richtige Zeit für größere archäologische Ausgrabungen. 80 Jahre später, also vor etwa 120 Jahren, bestätigte die Tsibinda-Entdeckung den wahren Kern sehr alter Legenden. Archäologie im Kontext von Legenden wurde zur Mode und die Ausgrabungen nahmen zu. Aber Tis La Nat war bei weitem nicht der einzige Ausgrabungsort und die Mittel waren noch begrenzt denn Kisor Beta war mitten im Wiederaufbau.

Vor 25 Jahren wurde dann ein riesiges historisches Archiv mit Daten aus dem kisorischen Mittelalter entdeckt: die t5a-Kammer von Artu. Die t5a-Kammer enthielt viele Informationen zu den realen Ereignissen des Mittelalters, die bisher nur aus Sagen bekannt waren. Automatische Miner und Assoziierer brauchten nicht lang, um den Wissensschatz zu heben. Sie bestätigten die Existenz von Tis La Nat, die Zerstörung durch eine Nuklearexplosion und die geografische Lage. Mit dem neu gewonnenen Wohlstand und den nun verfügbaren Mitteln wurde Tis La Nat zu einem Brennpunkt archäologischer Ausgrabungen. Die Bots der Archäologen legten in kurzer Zeit viele Quadratkilometer frei. Darunter war auch ein alturistisches Gräberfeld aus der Zeit kurz vor dem Ende Tis La Nats.

In einer Grabkammer entdeckte man eine sehr seltene Titankiste mit sehr seltsamen Artefakten. Schnell kamen Spekulationen auf, dass es sich bei den Artefakten um die Überreste des sagenumwobenen Weisen Drachen handeln könnte. Der Weise Drache ist die zentrale Figur der Drachenlegenden. Durch die Figur des "Drachen in Kisorigestalt" sind die Drachenlegenden mit den "Reisen von Uri Tza Meka" verbunden. Da die Sagen um Uri Tza Meka durch die Tsibinda-Entdeckung bestätigt wurden, liegt die Vermutung nahe, dass auch die Drachenlegenden einen wahren Kern enthalten. Der "Drache in Kisorigestalt", später der Weise Drache genannt, ist ein Protagonist in "Uri Tza Mekas Reisen". Er bekam mit den Drachenlegenden gewissermaßen ein eigenes Spinoff.

In den Drachenlegenden ist der Weise Drache tausend Jahre lang auf Wanderschaft. Er erlebt unzählige Abenteuer. Die Abenteuer sind vermutlich fast alle fiktional. Viele Generationen von Geschichtenerzählern im zweiten und dritten Mittelalter-Jahrtausend haben Geschichten überliefert und sich immer wieder neue ausgedacht und hinzugefügt. Aber wenn die Figur des Drachen mit derjenigen aus "Uri Tza Mekas Reisen" übereinstimmt, dann gab es eine hochentwickelte Waffen-KI aus den Beständen des alte Solemischen Reiches, die in der Gestalt eines zeitgenössischen Kisori im frühen Mittelalter auf Kisor Beta aktiv war. Und in diesem Fall enthält die gefundene Titankiste womöglich einen technologischen Schatz.

Die Kiste enthält

- das Skelett eines Kisori,

- eine improvisierte, aber moderne Beinprothese,

- ein lädiertes mittelalterliches Kurzschwert und

- ein hypermodernes Nanokomplex-Arsenal.

Das Arsenal ist eine kleine runde Dose in der Größe eines Eishockey Pucks. Auf der Oberseite hat es eine IO-Matrix aus Millionen Signalfäden. Das Arsenal enthält eine KI und Mikrobot-Fabs, die einen externen Nanokomplex als "Körper" herstellen können. Theoretisch kann der Nanokomplex beliebig groß werden. Praktisch ist die Größe begrenzt durch den Energieverbrauch, die Zahl der Steuerungskanäle in Form von Signalfäden, die Produktionszeit und verfügbare Rohstoffe.

Das Schwert passt perfekt in das frühe Mittelalter. Es wurde aus einem Stahlträger herausgeschliffen. Eine ganz normale Vorgehensweise für einen mittelalterlichen Schmied in einer Welt in der Gigatonnen von Trümmern einer früheren Hightech-Zivilisation herumliegen. Das Schwert sieht abgenutzt und beschädigt aus. Es muss einmal sehr teuer gewesen sein. Denn mit mittelalterlichen Mitteln ist es sehr mühsam, ein Schwert aus einer modernen Stahlräger zu schleifen.

Das Skelett und die Beinprothese geben einen Einblick in die späte Geschichte des realen "Drachen in Kisorigestalt". In den frühen Drachenlegenden ist der Drache sehr mächtig. Er ist eine Art Superheld. Später schwinden seine physischen Fähigkeiten. Der Schwerpunkt verlagert sich von physischen Heldentaten zu magischen Fähigkeiten. Danach zu Weisheit und Diplomatie. Vermutlich ist der Drache zu Beginn in "Uri Tza Mekas Reisen" ein sogenannter Nanokomplex, ein Mikrobot-Agglomerat, das wie flüssiges Metall aussieht und aus unzähligen Mikrobots besteht. Für seine Wanderung unter den überlebenden Kisori wird er die Form eines Kisori angenommen haben. Er ist zu Höchstleistungen fähig und stark wie 100 Kisori.

Nach dem Zusammenbruch der modernen Zivilisation und dem Anbruch des Mittelalters gibt es keine Ladestationen mehr. Aber für einige Zeit gibt es noch Batterien. Die Hightech-Gesellschaft Kisors produzierte nicht nur einfache Nanokondensatoren. Energiespeicher basierend auf metallischem Wasserstoff und Quantenkondensaten habe eine tausendfach höhere Energiedichte. Möglicherweise gab es sogar chromodynamische Speicher mit 100k-facher Kapazität. Solche Hightech-Batterien können einen Nanokomplex Jahrzehnte lang versorgen.

Viele Geschichten drehen sich um die Suche nach Energiequellen. In der mittelalterlichen Beschreibung wurden diese als Edelsteine und andere Objekte mit Lebensenergie umschrieben. Hightech-Batterien können auch dramatisch explodieren, wenn sie beschädigt werden. Die Sprengkraft kann im Kilotonnen Bereich liegen. Explodierende Lebensenergie-Steine kommen in einigen frühen Geschichten vor, als Unfall oder als letzte Rettung in einer aussichtslosen Lage. Anscheinend setzte die KI ihre Energiezellen auch als Waffe ein.

In den ersten Jahrhunderten nach dem Fall sinkt der Techlevel Kisors immer weiter ab, bis er das – aus den Sagen bekannte – Niveau erreicht. Damit werden auch die Energiequellen schlechter und seltener. Der Drache muss improvisieren. Er lädt sich an Dampfturbinen mit elektrischen Generatoren und an den letzten funktionierenden Solaranlagen. Vielleicht lädt er sogar manuell mithilfe anderer Kisori. Er ist nun beschränkt durch begrenzte Energiespeicher und lange Ladezyklen. Deshalb vermeidet er energetisch anspruchsvolle Funktionen wie proaktive Schilde, Superagilität und Hochgeschwindigkeitsdarts. Er benutzt archaische Waffen und gelegentlich Mikrobot-Wolken als "Magie".

Im Laufe der tausendjährigen Laufzeit degradieren die Mikrobots. Es gibt spätere Drachengeschichten, in denen Glieder fehlen und in denen der Drache kleiner wird. Zeitweise ist er kleinwüchsig. Manchmal tritt er auch als Kind auf, obwohl er da schon 1000 Jahre alt sein muss. Vermutlich verliert der Drache im Lauf der Zeit immer mehr Mikrobots. Sein aktives Volumen schrumpft.

Er kann anscheinend keine Ersatzteile herstellen. Das ist eigentlich ungewöhnlich, denn ein hochentwickeltes Nanokomplex-Arsenal sollte Mikrobot-Fabs haben. Vielleicht fehlen Hightech-Metamaterialien als Fab-Input. Oder vielleicht sind die Fabs irgendwann einfach defekt. Wahrscheinlich gab es Schäden durch Kämpfe. Das Arsenal einer solemischen Waffen-KI ist sicher nicht speziell gegen mechanische Schocks durch archaische Waffen isoliert. Und ziemlich sicher ist es nicht für eine 1000-jährige Laufzeit ausgelegt. Das Arsenal kann immer weniger Ersatzteile produzieren. Irgendwann wahrscheinlich gar keine mehr.

Der Drache muss Ressourcen sparen, das heißt, er muss sich schonen. Er wird zum Weisen, zum Berater und zum Diplomaten. Dabei kann er sich immer noch auf unerschöpfliche Datenspeicher verlassen – und auf hochentwickelte Memetik-Techniken. Als Diplomat erzielt er Kompromisse, die keiner der zeitgenössischen Kisori für möglich gehalten hätte. Der Legende nach konnte er sehr überzeugend sein.

Aber selbst bei einer schonenden Betriebsart degradieren die Elemente eines Nanokomplexes im Lauf der Zeit. Der Verlust war vermutlich um Größenordnungen geringer als der Schwund, den wir aus dem zivilen Bereich unserer Wirtschaft kennen. Aber auch militärische Qualität aus einer so hochentwickelten Zivilisation wie dem solemischen Reich hat ihre Grenzen. Irgendwann waren zu wenige Mikrobots übrig für eine glaubwürdige Kisorigestalt. Er musste sich wieder etwas einfallen lassen.

Die gefundenen Artefakte zeigen die Lösung des Problems. Im Skelett gibt es Spuren von Signalfasern, Reste der Mikrobot-Fäden. Sie durchziehen das ganze Skelett. Anscheinend benutzte der Drache – oder besser gesagt die KI des Arsenals – irgendwann biologische Kisorikörper als Androiden (sogenannte Bioroids). Er setzte die verbliebenen Mikrobots nur noch als Signalfasern ein. Dafür brauchte er allerdings einen funktionierenden Körper. Und nicht nur einen. Diese echten biologischen Körper alterten ganz normal. Alle paar Jahrzehnte musste der Drache in eine neue Hülle wechseln. In der Anfangszeit hatte er sich eine Kisori-Form gegeben, um nicht aufzufallen. Damals bekam er den Namen "Drache in Kisorigestalt". Als er dann zur Verwendung von Bioroiden übergehen musste, war er buchstäblich "in" Kisorigestalt.

Wie die KI lebende Kisori-Körper akquirierte, ist nicht bekannt. Aber die Drachenlegenden geben Hinweise. Der Drache konnte angeblich in Kisori hineinschlüpfen und diese übernehmen. Den Legenden zufolge war das ein langwieriger Prozess. Genau das was man bei Verdrahtung, Aktivierung und Individualisierung eines neuen Bioroids erwarten würde. Eine späte Drachengeschichte berichtet davon, dass der Drache einen Gefährten "beseelt", der gerade im Kampf gefallen war. Sicher konnte die KI mit ihren Mikrobots Verletzungen von innen heilen und sogar den Kreislauf wiederherstellen. Das musste allerdings schnell gehen bevor multiples Organversagen einsetzte.

Eine andere Geschichte berichtet, dass der Drache mit einem der unzähligen regionalen Kriegsfürsten verhandelte. Als die Verhandlungen scheiterten, opferte der Drache sein eigenes Leben, um einen mächtigen Zauber zu wirken, der die Seele des Widersachers friedlich stimmte. Der Kriegsherr brach den Angriff ab. Das bedrohte Volk war gerettet. Den Rest seines Lebens verbrachte der Kriegsherr damit, ein friedliches Reich aufzubauen. Das klingt ganz so als ob die KI in höchster Not ihren aktuellen Bioroiden aufgab, um einen neuen zu besetzen.

Jeder Wechsel und die nötige Neuverdrahtung wird Mikrobots gekostet haben. Die Lebensspanne des Drachen zwar sehr lang, aber endlich. Das Skelett, das gefunden wurde, war sehr alt. Es hatte mehrere Prothesen, darunter das ganze rechte Bein von der Hüfte bis zur Ferse. Wahrscheinlich versuchte die KI gegen Ende die Lebensdauer der Bioroiden zu strecken.

Der letzte Körper war alt und vielfach ausgebessert. Man nimmt an, dass die KI nicht mehr genügend Ressourcen hatte, um ein weiteres Mal zu wechseln. Möglicherweise war aber auch einfach gerade kein neuer Körper verfügbar, als der alte versagte. Vielleicht ist das Ende plötzlich gekommen, durch eine Infektion oder eine Verletzung. In fast allen Legenden ist der Drache eine Kraft des Guten in der (kisorischen) Welt. Nur sehr selten ist er auf der Seite des Bösen. Die KI scheint bis auf gewisse – moralisch gerechtfertigte – Ausnahmen keine lebenden Kisori übernommen und damit getötet zu haben.

Möglicherweise hat die KI am Ende beschlossen, sich in ihr Schicksal zu fügen und die Aktivität einzustellen. Sie ließ zu, dass Freunde den "gestorbenen" Weisen Drachen feierlich beerdigen. Das schließt man daraus, dass die sterblichen Überreste in einer sehr kostbaren Titankiste zusammen mit persönlichen Gegenständen beigesetzt wurden. Die Kisori gegen Ende des ersten Mittelalter-Jahrtausends konnten sicher kein Titan herstellen. Die Titanplatten der Kiste müssen Relikte der untergegangenen Hochzivilisation gewesen sein. Und nach 1000 Jahren Mittelalter gab es vermutlich nicht mehr viele gut erhaltene Stücke.

Der Weise Drache "starb" vor 5300 Jahren. Die KI ging nach einer Betriebszeit von 1200 Jahren in den Ruhezustand. Das hatte sie schon einmal getan. Die Kisori kannten sie als den Weisen Drachen. Aber vorher war sie eine militärische KI des solemischen Reiches. Nach dem verlorenen Krieg und dem Untergang des Reiches war sie für 700 Jahre im Ruhezustand bis Isulisamikal, das historische Vorbild des Sagengestalt Uri Tza Meka, sie entdeckte und aktivierte.

Die KI ist hochentwickelt. Mangels Mikrobot-Produktion kann sie selbst nicht mehr aktiv werden. Sie ist passiv und weitgehend ungefährlich, da sie sich ohne Mikrobots nicht physisch gegen Analysemaßnahmen wehren kann. Gleichzeitig enthält sie Wissen über militärische Technologien, die den unseren deutlich überlegen sind.

Diese Kombination macht das Nanokomplex-Arsenal zu einem einzigartigen Artefakt. Nirgendwo sonst gibt es eine voll funktionsfähige hightech Waffen-KI ohne Schutzmaßnahmen. Wer es schafft, die KI zu reaktivieren und das Knowhow zu extrahieren, kann sich einen militärischen Vorteil verschaffen. Das ist in Kriegs- und Krisenzeiten besonders interessant

- für die Menschen im Kampf gegen die Chinti-Schwärme,

- für die Verteidigung der Chinti gegen die Menschen,

- für Kisori als Sicherheit gegen die Menschen,

- für die kisorische Südpol-Nation, wo das Arsenal gefunden wurde, im Ringen um die Vorherrschaft auf dem Planeten.

- Und natürlich für viele andere interstellare Völker und Fraktionen in ihren eigenen Konflikten.

Gleich nach der Entdeckung der Artefakte wird eine Informationssperre verhängt.

Wissenschaftler der Südpol-Nation untersuchen das Arsenal.

Trotz der vermuteten Passivität muss man Sicherheitsmaßnahmen etablieren. Bevor man die KI mit Energie versorgt, wird das Arsenal durch geschachtelte Nano-Caves physisch abgeschirmt. Gleichzeitig gibt es eine informationstechnische Isolation. Innerhalb der Info-Isolation arbeitet eine leistungsfähige Analysetechnik. Aber es gibt nur einen schmalbandigen Kontrollkanal durch die Info-Perimeter für den Fall, dass die KI die Analysetechnik kompromittiert.

Die volle Bandbreite der modernen minimalinvasiven Fremdtechnologiediagnostik kommt zum Einsatz. Die Wissenschaftler setzen nanotechnische Sonden und Aktuatoren ein für Hardwareerkundung und Ebene-0 Info-Kartierung. Sie brauchen 10 Jahre für die Basisanalyse und weitere 5 Jahre bis eine Energieversorgung steht. Dann kommt die Phase der Informationsinfiltration. Nach 4 Jahren reagiert die KI auf Signale. Aber ohne Kenntnis der korrekten Aktivierungsprozeduren und Zugangscodes ist es schwer, die KI im Dienst der kisorischen Wissenschaftler zu aktivieren. Seitenkanalangriffe und physische Umgehung von Schutzbereichen zeigen keine Wirkung. Die Informationsarchitektur ist zu fremd. Die KI benutzt andere informationstechnische Grundlagen und Prinzipien als bekannte Technik.

Vor dem gleichen Problem stand auch Isulisamikal 6600 Jahre zuvor. Kann man den Legenden Glauben schenken, dann schaffte sie es innerhalb weniger Wochen, die solemischen KIs zu aktivieren und zum Dienst für Kisor zu bringen.

Möglicherweise hatte sie damals Zugriff auf Technologie, die uns heute fehlt. Immerhin war sie vor ihrem Einsatz im königlich-kisorischen Direktorat für Fremdtechnologie für viele Jahre als KI-Managerin im Dienst der Mercato-Hierarchie. Vielleicht verfolgte sie aber auch einfach einen anderen Ansatz. Der Legende nach war der Drache in Kisorigestalt ein Freund von Uri Tza Meka. Der Drache half Uri Tza Meka bei der Verteidigung seiner Heimat als Dank für die Erweckung aus einem 100-jährigen Schlaf (tatsächlich waren es 700 Jahre). Mit anderen Worten: Die historische Kisori Isulisamikal gewann die KI des Arsenals als Verbündeten und Freund. Isulisamikal scheint die KI nicht isoliert und gefangen gehalten zu haben. Letztlich ist die KI ein Individuum auf Bewusstseinsniveau und die Art wie sie behandelt wird bestimmt möglicherweise ihre internen Entscheidungsprozesse.

Jedenfalls erzielen die Wissenschaftler vom infohistorischen Institut des Nationalarchivs der Südpol-Nation nach 19 Jahren erste Erfolge. Sie kommunizieren mit der KI. Das ist ein Durchbruch, der hoffen lässt, dass verwertbare Ergebnisse nicht mehr fern sind.

Die Forschung läuft unter strenger Geheimhaltung. Aber die Nachricht vom Durchbruch bleibt nicht lange geheim. Die Südpol-Nation ist eng verbunden mit dem mittleren Fox-System und dort mit menschlich-singularitisch dominierten Konsortien. Viele der beteiligten Wissenschaftler, des Sicherheitspersonals und der politischen Führung sind Menschen. Menschen und Kisori sind etwa gleich stark vertreten. Die Südpol-Nation ist ein leuchtendes Beispiel für Interspezies-Kohabitation zwischen Menschen und Kisori. Das erlaubt den Nachrichtendiensten der Menschen einen guten Zugang. Die externe Aufklärung der Reshumanis von Cobol hat Kooperationspartner unter den Wissenschaftlern und Informanten in der Aufsichtsbehörde. So gelangt die Nachricht schnell nach Cobol.

Die Reshumanis von Cobol ist der militärisch-politische Arm der Menschheit im Krieg gegen die Chinti. Anfangs war sie nur ein Verteidigungsbündnis. Mit der Finanzreform vor 40 Jahren wurde die Reshumanis zur führenden interstellaren Organisationsform der menschlichen Sphäre. Inzwischen entwickelt sie interstellare Verwaltungsstrukturen. Der Begriff Reshumanis wird zum Synonym für das Imperium der Menschen. Ihr Zentrum ist bei Cobol. Dort ist der Sitz des Exekutivrates, die Vertretung der Mitgliedssysteme, -welten und -fraktionen.

Seit fast 100 Jahren führen die Menschen schon Krieg gegen die Chinti-Schwärme. Anfangs war es ein verzweifelter Abwehrkampf gegen einen unbekannten und brutalen Gegner. Aber im Lauf der Zeit lernte man die Chinti besser kennen. Die Kooperation mit abtrünnigen Chinti-Kleinschwärmen in den Randbereichen des Solsystems hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen und ihre Verbündeten die Chinti besser verstehen lernten.

100 Jahren Konflikt und Auseinandersetzung mit dem Gegner brachte eine Annäherung in Form von Wissen, Kontakten und Kommunikationskanälen. Insbesondere über die abtrünnigen Chinti-Schwärme gelang es sogar nachrichtendienstliche Kontakte herzustellen. Die andersartige Biologie macht solche Kontakte schwieriger als innerhalb einer Spezies. Aber es gibt immer neutrale Drittvölker, Unterwanderung bei Verbündeten, abtrünnige Fraktionen und Überläufer, die eigentlich Doppelagenten sind. Die Dichte solcher nachrichtendienstlichen Kontakte ist wesentlich geringer als innerhalb einer Spezies. Aber es gibt sie. Mit anderen Worten: die Reshumanis hat Informanten bei den Chinti. Und die Chinti-Schwärme haben Kontaktleute bei Reshumanis.

Über einen Doppelagenten bei einem abtrünnigen Schwarm in Sols Kuipergürtel kommt die Nachricht vom Durchbruch der Kisori zu den Chinti. Seit die Menschen den Vormarsch der Chinti gestoppt haben, ist das dominante Chinti-Schwarmherz alarmiert. Das Schwarmherz befürchtet zu Recht, dass die Menschen bald in die Offensive gehen. Das Schwarmherz sucht deshalb nach strategischen Disruptionen, nach Verbündeten und Technologien, die das Blatt wenden können. Zugriff auf solemische Waffentechnologie wäre so eine disruptive Entwicklung.

Die Chinti brauchen ein Jahr für die Vorbereitung der Extraktionsoperation auf Kisor:

- Sie verwandeln Handelsschiffe mit realen Routenhistorien in verdeckte Kriegsschiffe (Q-Ships).

- Sie heuern Söldner an, die als Fassade dienen und die orbitale Abschirmung übernehmen.

- Sie koordinieren die Flugpläne der Schiffe damit alle gleichzeitig den Orbit von Kisor Beta erreichen.

Die Extraktionsoperation ist erfolgreich.

Das Spezialkommando der Chinti kann

- Orbit, Orbitalzugang und Oberfläche sichern,

- das Nanokomplex-Arsenal lokalisieren,

- in den Forschungsbereich tief unter der Oberfläche eindringen,

- das Arsenal an sich bringen,

- ungehindert zur Oberfläche zurückkehren,

- die Beute in den Raum bringen,

- das System trotz Gegenwehr unter großen Verlusten verlassen

- und das solemische Nano-Arsenal mit der KI schließlich zum Schwarmherz in der Chinti-Domäne bringen.

Die Kommandoaktion schlägt natürlich große Wellen. Offiziell ist Kisor eine Kriegspartei auf der Seite der Menschen. Aber faktisch ist Kisor neutral. Der Angriff auf eine neutrale Macht kann gravierende Konsequenzen für die strategische Situation haben. Bis hin zur Öffnung einer neuen Front. Deshalb gehen die Chinti so vorsichtig wie möglich vor. Insbesondere verzichten Sie darauf, den angegriffenen Bereich hinterher zu bombardieren. Normalerweise hätte man zur Verschleierung der Operationsziele einen Umkreis von 100 Kilometern bis in zwei Kilometer Tiefe sterilisiert. Das hätte Millionen Kisorileben gekostet. Alternativ hätte man auch – wenn man schon mal da ist – den ganzen Planeten ausradieren können. Das war die Vorgehensweise der Chinti bei der sogenannten Chinti-Katastrophe zu Beginn des Krieges. Dabei verlor ein Drittel der solaren Bevölkerung das Leben.

Aber in diesem Fall versuchen die Chinti so wenig Schaden anzurichten, wie möglich. Sie verzichten auf eine Bombardierung. Die Kalkulation geht auf. Der kisorische Völkerbund protestiert. Die kisorische Systemverteidigung führt einen symbolischen Schlag gegen einen vorgeschobenen Posten der Chinti. Die Gegenaktion ist ohne militärische Bedeutung.

Die Zurückhaltung der Chinti sorgt dafür, dass das Operationsziel bei allen interessierten Parteien bekannt ist. Die Öffentlichkeit weiß nichts von den Artefakten des Weisen Drachen. Aber die politische Führung auf Kisor und die menschliche Reshumanis wissen genau worum es geht und was auf dem Spiel steht:

- Die kisorischen Nationen – Bürger und Regierungen – sind entsetzt, dass die Systemverteidigung den Angriff nicht verhindern konnte. Die Kommandoaktion war zu schnell wieder vorbei, bevor die Verteidigungskräfte eingreifen konnten.

- Die Südpol-Nation bedauert den Verlust, weil weitere Erkenntnisse vielleicht ihre Position auf Kisor gestärkt hätten.

- Insbesondere Vertreter des Singularismus hatten sich strategische Vorteile gegenüber dem immer noch dominierenden Alturismus erhofft, denn die nächste Auseinandersetzung zwischen Nationen der beiden Hauptreligionen ist nur eine Frage der Zeit.

- Historiker, KI-Manager und der militärisch industrielle Komplex Kisors bedauern den Verlust potenzieller Erkenntnisse jeweils aus der Sicht ihrer Branche und Wissenschaft.

- Der kisorische Völkerbund und die Systemverteidigung hatten sich Vorteile in einer hypothetischen zukünftigen Auseinandersetzung mit den Menschen erhofft. Obwohl Menschen und Kisori die meiste Zeit die gleichen Interessen hatten und obwohl es erfolgreiche Kohabitation gibt, waren Sol und Kisor nur selten freundschaftlich verbunden. Sol und Kisor haben schon zwei Mal Krieg gegeneinander geführt. Das erste Mal endete mit einer totalen Niederlage der Menschen und einer sehr nachsichtigen Haltung auf Kisors Seite. Die zweite Auseinandersetzung endete mit der gnadenlosen kinetischen Auslöschung Kisors. Das Solsystem war zu dieser Zeit von RogOzar besetzt und der Krieg war ein religiös motivierter Rachefeldzug der RogOzar. Die Menschheit wurde gezwungen daran teilzunehmen. Aber aus kisorischer Sicht kamen die Schiffe und Besatzungen, die den Vernichtungsschlag ausführten, von Sol. Kisor hatte es nicht leicht mit Sol. Momentan ist Kisor unbedeutend und die Reshumanis der Menschen entwickelt sich zu einem mächtigen Imperium. Aus Sicht der Kisori ist das keine gute Situation. Jeder asymmetrische Vorteil wäre willkommen gewesen. Deshalb hatte man die Existenz der Artefakte vor der Reshumanis geheim gehalten.

- Der Reshumanis Exekutivrat betrachtet die Angelegenheit als Verrat der Kisori an der Allianz. Die Tatsache, dass Kisor potenziell kriegsentscheidende Informationen vor den Menschen geheim gehalten hat, während die Menschheit um ihre Existenz kämpft, ist nicht zu entschuldigen. Dort ist man überzeugt, dass es die Pflicht der Kisori gewesen wäre, die Artefakte an Reshumanis zu übergeben. Außerdem hätte Reshumanis sie besser schützen können. Das stimmt vermutlich. Im Cobol-System hätte so ein Angriff keinen Erfolg gehabt. Noch schlimmer ist, dass jetzt der Feind Zugriff auf die Technologien hat. Die Artefakte zu verheimlichen, sie nicht gut zu schützen und dann dem Feind zu überlassen, wird als Kollaboration eingestuft.

Die Reshumanis verfolgt eine rigorose binäre Politik. Sie kennt nur Verbündete oder Gegner. Diese Kompromisslosigkeit war vielleicht einmal notwendig, als die Menschheit vor dem Abgrund stand. Aber inzwischen wurde der Vormarsch der Chinti gestoppt. Die Existenz der Menschheit ist nicht mehr unmittelbar bedroht. Trotzdem bleibt die Reshumanis beim Prinzip "wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Der Reshumanis-Exekutivrat will ein Exempel statuieren. Er beschließt, den "Verrat" mit dem Verlust der staatlichen Souveränität zu bestrafen. Wieder einmal erklären Menschen die Kisori zu Feinden.

Die Reshumanis schickt eine schwer bewaffnete Einsatzgruppe und Landungstruppen nach Kisor. Kisors Systemverteidigung weicht zurück und gibt den Orbit auf. Die zusammengewürfelten kisorischen Kräfte wären der Reshumanis-Flotte nicht gewachsen gewesen. Die Flotte ist materiell überlegen. Und sie ist kampferprobt im Chinti-Krieg, während die Kisori nur einige Erfahrungen mit Piraten haben. Das liegt aber auch daran, dass das Reshumanis-Oberkommando klarstellt, dass die Aktion nur der Südpol-Nation gilt und nicht ganz Kisor Beta oder dem System. Ein Einspruch mehrerer Großmächte im kisorischen Völkerbund verhindert, dass die gemeinsame Systemverteidigung aktiv wird. Einige kisorische Nationen spekulieren auf eine Schwächung des Südpols durch die Strafaktion der Reshumanis.

Die Landungstruppen der Reshumanis besetzen Kontrollknoten der Informationsinfrastruktur der Südpol-Nation auf dem Boden und im Orbit. Dabei müssen sie den Widerstand der lokalen Staatstruppen überwinden. Der physische Zugriff erlaub es dann, Informationskampfmittel einzuschleusen, die die Kontrolle über das Natz übernehmen. Finanz-, Verwaltungs- und Regierungsfunktionen werden von den Besatzungstruppen kontrolliert. Die Regierung des Südpols ist damit entmachtet. Das Reshumanis-Oberkommando spricht die standardmäßige Nukleardrohung aus. Damit wird staatlich organisierter Widerstand unterbunden. Kinetische Schläge stören größere Widerstandsaktionen. Trotzdem entsteht eine Guerillabewegung, die die Besatzungstruppen dauerhaft in Atem hält.

Die anderen kisorischen Nationen und Fraktionen auf Kisor Beta, Alpha und im System kommen auch nicht ganz ungeschoren davon. Der kisorische Völkerbund muss die Allianz mit der Reshumanis noch einmal formal bestätigen. Als äußeres Zeichen der wiederbelebten Allianz wird der Völkerbund außerdem verpflichtet, regelmäßigen einen materiellen Beitrag zu den Verteidigungsanstrengungen der Reshumanis zu leisten. In der Praxis wird damit ein Abgabesystem etabliert, mit dem die Reshumanis Steuern auf Kisor erhebt. Kisor wird so das erste tributpflichtige Sonnensystem außerhalb der Reshumanis.

Es ist ein weiterer Schritt in Richtung Imperium.

#Artefakt #Geschichte #Legende #KI #Mittelalter

http://jmp1.de/h3296

3270 Öffnung der XX-Kammer von Artu

Sie enthält die Vergangenheit der Völker von Artu und brisante Fakten zur gemeinsamen Geschichte von Artu und Kisor.

Das Artu-System hat keine natürlich bewohnbaren Planeten. Aber viele Himmelskörper des Systems sind bewohnt, mehrere auch mit sehr großen freien Bereichen in denen die Umweltbedingungen für die Völker von Artu angepasst sind. Der weitaus größte Teil der Zivilisation lebt im interplanetaren Raum, in planetaren Ringen und planetaren Sphären. Viele leben in rotierenden Habitaten. Einige dieser Habitate sind hunderte Kilometer groß.

Die Zivilisation von Artu ist sehr fragmentiert. Das Konzept von Territorialstaaten ist nicht bekannt, weder auf Planetenoberflächen, noch in Habitaten. Das System hat keine zentrale Regierung und auch keine regionalen Organisationen, die territoriale Ansprüche erheben. Es gibt unzählige souveräne "Clans", möglicherweise mehr als 100 Millionen, die keiner höheren Autorität untergeordnet sind. Oberhalb der Clan-Struktur gibt es nur Allianzen und Abkommen zwischen Clans. Da Clans und Clan-Bündnisse aber sehr dynamisch sind, haben auch Abkommen eine begrenzte Lebensdauer.

Es gibt viele verschiedene Völker und sie sind nur teilweise genetisch kompatibel. Die Artu-Zivilisation hat mehrere vollständig unterschiedliche Genlinien, die sich jeweils wieder in verwandte aber genetisch inkompatible Arten aufgliedern. Nach solarer Klassifizierung sind das verschiedene biologische "Gattungen" (wie Schimpanse, Orang-Utan, Mensch), jeweils mit vielen "Arten" und "Unterarten". Alle Gattungen und Arten scheinen gleichberechtigt. Die Clans orientieren sich nicht an der biologischen Abstammung oder an Familienzugehörigkeit. Die Mitgliedschaft in Clans scheint sich eher nach der beruflichen Orientierung zu richten. Die meisten Clans sind spezialisiert auf einen Beruf oder eine wirtschaftliche Aktivität.

Im Artu-System leben ca. 150 Milliarden Sophonten, biologische aus verschiedenen Gattungen und Arten, Mechs und Infosophonten. Die Zivilisation hat sich auf einige Nachbarsysteme ausgebreitet. Auch in den Nachbarsystemen gibt es keine bewohnten Planeten, dafür aber genauso lebendige interplanetare Zivilisationen. Insgesamt schätzt man, dass etwa 500 Milliarden Sophonten zu Artu gerechnet werden können. Das ist auch im interstellaren Vergleich eine große Zahl. Trotzdem ist die Bedeutung Artus eher gering. Gründe dafür liegen in der Fragmentierung, im geringen Drang zu Aktivitäten außerhalb der dicht bewohnten Systeme und in den ständigen Konflikten zwischen Clans oder Allianzen von Clans. Die Zivilisation ist im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt.

Andere Völker der Umgebung nehmen Artu eher als Störfaktor war. Das liegt daran, dass die Zersplitterung der Artu-Zivilisation eine einheitliche Außenpolitik verhindert. Da es nicht einmal Großmächte gibt, sondern nur die Clans, hängt die Außenwirkung alleine vom Verhalten einzelner Clans ab. Die wenigen Clans, die außerhalb von Artu aktiv sind, befinden sich nicht nur räumlich, sondern auch soziologisch am Rand der Gesellschaft. Manche haben fragwürdige Geschäftsmodelle und einen flexiblen moralischen Anspruch. Mit anderen Worten: man es im besten Fall mit Händlern zu tun, sonst aber eher mit Freibeutern und Dieben.

Das entspricht auch den Erfahrungen der solaren Menschheit. Der erste Kontakt mit Artu kam durch die sogenannte Artu-Domäne, eine Allianz von Clans, die ihre hochstehende Technik nutzten, um das gesamte Solsystem zu erpressen. Auch von den Konflikten zwischen Clans waren Menschen schon betroffen. In den Jahren der Alien-Kriege im Solsystem stritten Clans um die Abgaben der Menschen und nahmen dabei absolute keine Rücksicht auf die solare Zivilbevölkerung. Andere Völker machten ähnliche Erfahrungen. Artu wirkt auf die Nachbarn eher störend. Jedenfalls ist Artu keine Hilfe bei interstellaren Krisen und Bedrohungen.

Die Fragmentierung der Zivilisation begann im sogenannten ewigen Krieg von Artu. Der ewige Krieg war eine 1800-jährige Phase von ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen im Artu-System, die von 1000 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.) bis etwa in unser Jahr 800 andauerte. Unüberschaubar viele Fraktionen stritten sich um Ressourcen und Macht, um Religionen und Weltanschauungen, um Märkte und Handelsbeziehungen und um andere Themen, die für Menschen unverständlich sind. Einzelne Habitate stritten mit ihren Nachbarn, Allianzen bildeten sich, lösten sich auf und gruppierten sich neu. Viele Habitate wurden durch politische Differenzen zerrissen und zerfielen in mehrere Fraktionen, die sich dann oft unterschiedlichen Allianzen anschlossen. Rache für erlittenes Unrecht verlängerte immer wieder Auseinandersetzungen.

Dazu kommt, dass einige Kulturen von Artu eine Art individuelles Strafmandat kennen. Das ist ein Ersatz für Bestrafung durch den Staat in einer Kultur, die keine staatliche Autorität kennt. Einzelne Individuen, Clans oder Allianzen bestrafen andere. Daraufhin gibt es oft wiederum Rache, übertragene Vergeltung oder weitere individuelle Strafaktionen durch Dritte. Das ganze System ist nicht geregelt. Es ähnelt einer Kultur von Blutrache, in der sich Fehden über Generationen fortsetzen können. Hier wird es noch verschärft dadurch, dass dritte Parteien sich als Richter und Bestrafende einmischen können. Es einzige beschränkende Faktor ist, dass jeder, der Strafe ausübt, wieder die Strafe anderer fürchten muss.

Interplanetare Zivilisationen wie Artu sind generell anfällig für Fragmentierung. Fast die gesamte Bevölkerung lebt in Habitaten, in planetaren oder solaren Orbits. Die meisten Habitate haben nahe Nachbarn. Sie sind in Clustern organisiert. Dahinter beginnt die Lichtverzögerung (Light-Lag). Nur das eigene Habitat oder der Habitat-Cluster ist nahe genug für Echtzeit-Kommunikation, für ein schnelles Netz und für ständigen Austausch. Die nächsten Cluster sind mindestens Lichtsekunden entfernt, im äußeren System auch oft Minuten. Man kann mit ihnen handeln. Man kann Informationen austauschen. Aber die Verzögerung schafft eine gefühlte Distanz. Andere Habitat-Cluster sind weiter entfernt als die andere Seite eines Planeten. Die Lichtgeschwindigkeit lässt sich nicht umgehen (oder zumindest nur in noch viel weiter fortgeschrittenen Zivilisationen).

Diese Light-Lag bedingte Tendenz zur Fragmentierung betrifft alle interplanetaren Zivilisationen. Trotzdem können andere Völker größere Machtzentren herausbilden und Ordnungsstrukturen über Lichtminuten oder Lichtstunden etablieren. Bei Artu ist das nicht der Fall. Im Gegenteil, das weitgehend anarchische Rechtssystem führt immer wieder zu lokalen Konflikten. Das fördert eher noch kulturelle und politische Zersplitterung. Soziologische Modelle zeigen, dass das System instabil ist. Es gleitet schnell ins Chaos ab, wenn man es auf Menschen anwendet. Mit der Mentalität der Völker von Artu scheint das System etwas stabiler zu sein. Trotzdem kippte es anscheinend um das Jahr 1000 v.u.Z. Der Auslöser ist heute nicht mehr zu identifizieren. Vermutlich hat einer der vielen Kleinkonflikte über das ungeregelte Rechtssystem andere Parteien einbezogen und sich dann zu einem Flächenbrand ausgeweitet.

Der ewige Krieg führt zu einer bedeutenden Reduzierung der Bevölkerung und des Technologielevels. Überlichtschnelle Raumfahrt ist lange nicht mehr möglich. Aber es bleibt genügend Technologie für interplanetare Kriegsführung. Einzelne Akteure, Clans und Habitate können sich den Zerstörungen entziehen. Sie bewahren Datenbanken mit Know-how, vor allem Baupläne für Fabs und wissenschaftliche Erkenntnisse. Vieles davon kann nicht mehr benutzt werden, weil die Infrastruktur fehlt. Für die Herstellung von moderner Hightech-Ausrüstung braucht man eben nicht nur Baupläne, sondern auch die hochauflösenden Fabs und nanostrukturierte Metamaterialien als Fabinput. Das kann die Ökonomie eines einzelnen Habitats nicht bereitstellen. Schon gar nicht ein Clan von Survivalisten auf einem Kuiper-Gürtel Objekt.

Gegen Ende des ewigen Krieges, als die Auseinandersetzungen abnehmen, als mehr aufgebaut als zerstört wurde und als die Bevölkerung wieder wächst, kann man dann die Wissensdatenbanken nutzen und den Techlevel langsam wieder anheben.

Der erste neue Interstellarflug fällt in die Zeit in der sich das interianische Imperium in den lokalen Sektor ausbreitet. Das ist etwa gleichzeitig mit dem ersten interstellaren Aktivitaten der Kisor-Zwillinge, die sich gerade aus ihrer eigenen dunklen Epoche befreit haben. Um 1000 u.Z. brachte Interia Frieden und Ordnung in den Sektor (Pax Interiana). Artu und Kisor nehmen im Lauf der Zeit den imperialen Techlevel an. Die Völker entwickeln sich parallel weiter unter dem Schutz des Imperiums. Jedes mit seinen Eigenheiten. Artu zersplittert und interplanetar. Kisor gut organisiert und konzentriert auf Planetenoberflachen. Einige hundert Jahre später wird dann Kisor das interianische Regionalzentrum. Artu bleibt chaotisch.

Niemand wusste, dass die beiden Völker eine lange gemeinsame Geschichte haben. Sie ist viel länger als die 2000 Jahre seitdem beide die interstellare Raumfahrt wiederentdeckt haben – bis die t5a-Kammer geöffnet wird.

Die Kammer liegt auf einem der Eismonde des Artu-Systems unter einer 20 Kilometer dicken Eisschicht. Die sogenannte t5a-Kammer ist eigentlich eine tief eingegrabene automatische Basis, eine Kugel von 40 Meter Durchmesser mit einem Archiv der Zivilisation von Artu. Die Kammer ist für eine Konservierungsdauer von 2 Millionen Jahren ausgestattet. Tatsächlich wird sie schon nach 2700 Jahren wieder geöffnet. Die gesamte Basis ist angefüllt mit Langzeitdatenträgern und Archivausrüstung: Kopierstationen, Lesegeräte und Automaten, die regelmäßig alle Datenträger erneuern. Neben technisch/wissenschaftlichen Datenbanken, Kultur, Kunst und genügend Informationen um die Artu-typische Biosphäre aus Gen-Daten zu rekonstruieren, gibt es ein ausführliches historisches Archiv. Es enthält zwei spektakuläre Erkenntnisse zur gemeinsamen Geschichte von Kisor und Artu.

Die historischen Daten gehen 10.000 Jahre zurück. Weitere bruchstückhafte Aufzeichnungen und 10.000 Jahre alte Legenden reichen noch 3000 Jahre weiter. Die erste überraschende Erkenntnis ist, dass die Völker von Artu anscheinend von den sogenannten Balsachen abstammen.

Die Balsachen (die Bezeichnung ist eine schlechte Transkription aus dem Hoch-Kisori, eigentlich Bal Sar Kan: Plünderer, Menschen würden "Vandalen" sagen) waren die Nemesis des goldenen kisorischen Reiches vor 12.000 Jahren. Nach der kisorischen Geschichtsschreibung kamen die Balsachen in einer völkerwanderungsähnlichen Bewegung aus dem Sagittarius-Arm der Milchstraße. Sie kamen mit riesigen mobilen Habitaten und fielen über die hier ansässigen Völker her. Einige Flotten durchquerten damals das kisorische Reich und wo sie durchzogen hinterließen sie Zerstörung und Untergang. Kisor musste die Völker des Sektors schützen. Die Abwehrkämpfe gegen immer neue Wellen von Balsachen-Flotten dauerten 50 Jahre. Angeblich kamen zig Millionen Schiffe, viele davon große Habitate, mit insgesamt zehntausend Milliarden kriegerischen Individuen. Das goldene Reich war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Es mobilisierte alle Ressourcen und konnte die Raumschiffschwärme aufhalten. Sie wurden vernichtet oder vertrieben. Anscheinend hatten die Balsachen sich so gründlich den Hass der lokalen Völker zugezogen, dass das goldene Reich sie überall verfolgte, bis weit über die Grenzen des Reiches. Die Kisori vernichteten alle Balsachen, die sie finden konnten. Auch solche, die sich in unwirtliche Sonnensysteme ohne bewohnbare Planeten zurückgezogen hatten. Es gab großangelegte Suchoperationen und regelrechte Säuberungen ganzer Sonnensysteme. Das goldene Reich besiegte schließlich die Bedrohung. Aber die Anstrengungen waren zu groß und einige Zeit später zerbrach das Reich daran. Eine schmerzhafte Erfahrung im kollektiven Gedächtnis der Kisori, die das goldene Reich idealisieren.

Die Legenden aus der t5a-Kammer zeigen ein anderes Bild. Sie erzählen davon, dass die Vorfahren der Völker von Artu selbst Flüchtlinge waren. Sie mussten einer großen "dunklen" – aber sonst nicht genauer beschriebenen – Bedrohung ausweichen. Ihre Zivilisation war schon damals interplanetar und verteilt über viele Sonnensysteme. Sie versehen ihre Habitate mit langsamen Überlichttriebwerken und machen sich auf die Suche nach einer neuen Heimat, weit entfernt von der dunklen Bedrohung. Auf ihrem Weg nutzen sie die Ressourcen unbewohnter Systeme. Dann werden sie plötzlich angegriffen. Sie versuchen sich zu verteidigen, aber ihre zivilen Wohnschiffe sind den Angreifern nicht gewachsen. Sie werden erbarmungslos verfolgt. Viele versuchen sich in unbewohnten Systemen zu verstecken, meistens unter dem Eis von Monden der Gasriesen. Ihre mobilen Habitate sind zerstört. Nur einzelne militärische Begleitschiffe, die dem Massaker entkommen und Rettungsboote bleiben übrig. Die Schiffe werden zur Tarnung in das Eis eingeschmolzen. Aber die Angreifer suchen mit geradezu fanatischem Eifer.

Jahrzehnte der Verfolgung und der Dezimierung bringen unendliches Leid und Verlust. Sie sind von Regen in die Traufe geraten. Sie waren in einer riesigen kollektiven Anstrengung vor der dunklen Bedrohung geflohen, nur um dann auf der Suche nach einer neuen Heimat Aliens mit einem fanatischen Territorialinstinkt in die Hände zu fallen. Die meisten Verstecke werden irgendwann gefunden. Von den übrigen sind viele zu klein und nicht alleine lebensfähig. Nur einige größere Kolonien im Artu System überdaueren die lange Zeit. Aber die improvisierten Verstecke sind isoliert von den anderen Zufluchtsstätten. Sie sind zu klein, um ein hohes technisches Niveau zu bewahren. Geräte fallen mit der Zeit aus und können nicht ersetzt werden. Das Leben in den Zufluchtsstätten wird teilweise archaisch. Einfache automatisch Anlagen für die Lebenserhaltung werden oft von einer Priesterkaste gewartet.

Es dauerte 2000 Jahre bis in einigen Zufluchtsstätten eine technische Renaissance eintritt. Das ist der Zeitpunkt, wo die Legenden in zuverlässige historische Aufzeichnungen übergehen. Noch einmal 1000 Jahre später entwickelt sich eine interplanetare Zivilisation. Die Bevölkerung geht wieder in die Millionen. Sie ist verteilt auf tausende Habitate und Raumstationen. Die Technik entwickelt sich weiter und parallel dazu läuft eine bewegte interplanetare Geschichte ab. Clans und Allianzen kommen und gehen. Die Bevölkerung wächst um das Tausendfache. 2000 Jahre nach dem ersten Interplanetarflug, erreichen die ersten langsamen Raumkrümmer interstellare Nachbarsysteme.

Artu braucht viel länger als das Solsystem bis zur interstellaren Raumfahrt. Das stellt sich als Glücksfall heraus, denn so ist Artu nicht betroffen von der damaligen interstellaren Entwicklung. Das plötzliche Ende des Mercato-Imperiums hinterläßt viele ungeschützte Systeme. Kisor und viele andere hochentwickelte Völker werden durch Überfälle schwer getroffen. Kisor wird mehrmals geplündert. Das System verliert fast seine gesamte Bevölkerung und den Technologie-Baum bis hinab zu handgewickelten Elektromotoren und Windrädern. Es ist das sogenannte kisorische Mittelalter. Erst 3000 Jahre später kann die Technik auf Kisor wiederhergestellt werden. Da ist ungewöhnlich lang. Überall stehen noch alte technische Anlagen. Sie funktionieren zwar nicht mangels Energie und verfallen immer mehr, aber sie zeugen von besseren Zeiten und sie geben Hinweise für einen Neuanfang. Eigentlich müsste eine ehemals technische Gesellschaft, wie Kisor, die archaische Phase schneller hinter sich lassen können. Man erklärt das damit, dass alle zugänglichen Bodenschätze schon seit langer Zeit verbraucht sind und deshalb ein Neuanfang schwer ist.

An dieser Stelle liefert die Auswertung der t5a-Kammer eine zweite überraschende Erkenntnis. Wieder kreuzen sich die Wege von Artu und Kisor. Clans von Artu haben die Technik der Überlichttriebwerke langsam weiterentwickelt. Die Schiffe sind nun etwas schneller und die Reichweiten größer. 400 Jahre nach den ersten interstellaren Reisen entdeckt die Hightech-Zivilisation von Artu das archaische Kisor. Das ist etwa um 3000 vor unserer Zeitrechnung. Schnell identifiziert man die Kisori als die Feinde aus den alten Legenden. Nicht die dunkle Bedrohung, sondern die erbarmungslosen Jäger ihrer Vorfahren. Die Beschreibungen in den Legenden sind eindeutig. Und sie werden bestätigt durch uralte Datenaufzeichnungen der Schiffe, die einst unter dem Eis vergraben wurden.

Aus Sicht der Artu-Völker sind die Vorfahren der Kisori verantwortlich für den Tod von vielen tausend Milliarden. Die damaligen neuen Artu-Bewohner, die Nachkommen der Balsachen, sehen in den Kisori die kriegerischen Fanatiker ihrer Legenden. Es sind die Verantwortlichen für den Mord an ihren eigenen Vorfahren, die beinahe das gesamte Volk ausgelöscht hätten, nur weil sie nicht friedliche Wanderer durch ihr Reich ziehen lassen wollten.

Aber jetzt sind die Rollen vertauscht. Artu ist eine interstellare Hightech-Zivilisation und die zwei Kisor-Planeten sind hilflos. Auf Kisor-Beta, dem inneren bewohnbaren Planeten, leben insgesamt 300 Millionen in einer mittelalterlichen Gesellschaft. Das ist weniger als ein Hundertstel der Bevölkerung vor dem Fall und vermutlich sogar zehntausendmal weniger als zur Zeit des goldenen Reiches. Alpha, der äußere Planet, ist fast komplett entvölkert. Dort leben nur noch 5 Millionen Kisori in kleinen Dörfern oder als – fast steinzeitliche – Nomaden.

Es gibt nicht viele Sonnensysteme mit bewohnbaren Planeten. Deshalb wäre dies eine gute Gelegenheit, den Kisori ihre Planeten abzunehmen. Aber die Biosphäre, die für Kisori geeignet ist, ist unbrauchbar für die Völker von Artu. Das müsste eine Hightech-Zivilisation wie Artu nicht aufhalten. Mit Geo- und Ökoengineering ließe sich das beheben. Aber die fragmentierte Artu-Gesellschaft ist nicht in der Lage so eine aufwändige Operation über einen langen Zeitraum durchzuführen. Das ist auch nicht nötig, denn die Völker von Artu, die Nachkommen der Balsachen, leben seit jeher (zumindest länger als die ältesten Legenden) in interplanetaren Habitaten oder in künstlichen freien Bereichen. Sie streben kein Leben auf Planetenoberflächen an.

Die Öffentlichkeit von Artu ist gespalten, wie man mit Kisor umgehen soll. Manche plädieren dafür, die Kisori sich selbst zu überlassen. Sie wollen den ehemaligen Feinden nicht helfen. Auf der anderen Seite ist das aber alles schon sehr lange her. Die Täter waren schließlich nicht die momentan lebenden Kisori, auch nicht ihre direkten Vorfahren, sondern eine ganz andere Zivilisation 6000 Jahre zuvor. Die Zivilisation der ehemaligen Feinde ist untergegangen, wieder auferstanden und nochmal untergegangen. Es gibt keinen Bezug mehr zu den Vor-Vorläufern. Keine Individuen, keine Organisationen, nicht einmal Aufzeichnungen haben die 6000 Jahre und den zweifachen Niedergang überdauert. Deshalb kann es eigentlich keine Schuld mehr geben. Andere fürchten sich, dass die Kisori, trotz der langen Zeit noch die gleiche kriegerische Mentalität haben könnten, die man aus den Legenden kennt. Diese Fraktion der Artu-Bewohner will verhindern, dass Kisor wieder eine interstellare Macht wird, die dann vielleicht Artu angreifen könnte.

Wie üblich gibt es keine einheitliche Vorgehensweise. Für die meisten Bewohner von Artu ist die Entdeckung der realen Nachkommen von Protagonisten aus alten Legenden nur eine Kuriosität. Aber einige Clans nehmen die Sache ernst. Sie werden aktiv, auf ganz verschiedene Weise. Es gibt gleichzeitig neutrale, konstruktive und destruktive Aktivitäten:

- Einige Clans beobachten die Kisori, um zu verhindern, dass Artu überrascht wird, falls Kisor sich aus den Trümmern erhebt.

- Exosoziologen, Exobiologen und Historiker untersuchen einzelne Kisori und ihre Gemeinschaften. Sie wollen einen Bezug zwischen den Legenden und der Realität herstellen. Sie wollen herausfinden, ob Kisori individuell oder als Gesellschaft so kriegerisch und rücksichtslos sind, wie in der Überlieferung beschrieben. Manche forschen in der Absicht die Kisori zu ändern falls nötig.

- Manche Clans versuchen die Not der kisorischen Bevölkerung zu lindern. Sie verteilen Lebensmittel und Medikamente. Dabei versuchen sie meistens nicht (als "Aliens") entdeckt zu werden. Zur Bevölkerung gelangt die Hilfe oft über einzelne eingeweihte Kisori, die als Heiler oder als Händler unterwegs sind. Impfungen gegen Infektionskrankheiten werden über Brunnen ausgebracht. Mangelerscheinungen begegnet man durch Zusätze in Getreidesilos. Die Hilfe geht vor allem an Kisor Alpha, wo es der Bevölkerung sehr schlecht geht, und an die städtische Bevölkerung auf Beta die in prekären hygienischen Verhältnissen lebt.

- Einige Helfer setzen bei der Technologie an. Sie versuchen den Kisori technisches Wissen zu geben oder alte Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Auch das geschieht oft indirekt über wenige Eingeweihte unter den Kisori oder durch Androiden in Kisori-Form. Die kisorischen Legenden sind voll von Zauberern, die Unmögliches möglich machen.

- Lokale Kisori-Herrscher dominieren oft nur eine Stadt und das Umland. Besonders auf Kisor-Beta gibt es ständig kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Nachbarn. Einige Clans von Artu versuchen Kriege zu unterbinden. Gelingt das nicht, dann versuchen sie eine schnelle Entscheidung herbeizuführen. Manche fördern größere stabile Strukturen, weil sich nur eine einigermaßen friedliche Gesellschaft wieder erholen kann. Kisorische Überlieferungen erzählen von berühmten Friedensstiftern, die zwischen Konfliktparteien vermitteln und Friedensabkommen erreichen, die niemand für möglich gehalten hätte. Sicher setzen die Artu-Clans dafür moderne Memetik-Techniken ein. Kommt es doch zum Krieg, dann werden Schlachten in der Überlieferung immer wieder von mächtigen Superhelden entschieden.

- Aber es gibt auch Clans, die eine technische Renaissance verhindern wollen. Sie sabotieren Fortschritte, manchmal durch subtile Manipulation, manchmal auch durch gewaltsame Zerstörung. Plötzliche Zerstörungen, ob durch orbitale kinetische Schläge oder durch konventionelle Sprengmittel, werden von der kisorischen Bevölkerung als Zorn Gottes, bzw. der Götter, Wüten von Riesen oder als Widerstand der Natur gegen Neuerungen wahrgenommen. Im Lauf der Zeit wird die Bevölkerung immer abergläubischer. Änderungen scheinen immer Rückschläge zu provozieren, wobei man die Reaktion je nach Weltanschauung den Göttern, Monstern oder der Natur zuschreibt. Nach einigen hundert Jahren gewinnen auf Kisor-Beta konservative Kräfte die Oberhand, die sich jeder Neuerung widersetzen, weil "Neuerungen erfahrungsgemäß immer Unheil bringen".

- Helfende Clans versuchen solche Sabotageaktionen zu verhindern. In besonders dramatischen Fällen kommt es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Clans von verschiedenen Enden des Spektrums. Auf die eingeborene Bevölkerung wirkt das wie Auseinandersetzungen zwischen Göttern oder Superhelden.

- Einzelne Clans beschränken sich nicht auf die Behinderung des Fortschritts. Sie gehen gewaltsam gegen die kisorische Bevölkerung vor. Besonders im frühen Mittelalter, am Anfang der Manipulation durch Artu-Clans, gibt es massive Gewalt gegen die eingeborene Bevölkerung. Mit den neuen Erkenntnissen kann man mehrere große Katastrophen aus alten kisorischen Legenden erklären:

- Auf dem Kontinent, der später einmal das "Land aller Gilden" sein würde, kennen viele Regionen die Legende von einer großen Flut. Die Flut wird ausgelöst durch Abschmelzen von Gletschern im zentralen Gebirgsmassiv des Kontinents mittels orbitaler Spiegel.

- Eine andere Geschichte zeugt vom Untergang der sagenhaften Stadt Tis La Nat, deren Bewohner in direkter Verbindung zu den Göttern standen. Ein Clan hatte die Stadt modernisiert, um sie zu einem Nukleus für die technische Renaissance zu machen. Die Idee war, ausgehend von einer Stadt immer weitere Bereiche zu modernisieren. Dafür offenbarten sich Artu-Sophonten in Androidenkörpern den Einwohnern. Sie brachten moderne Technik, Werkzeuge und sogar Fabs. Ein anderer Clan stoppte die Aktivitäten der Helfer durch eine nukleare Explosion, die Tis La Nat völlig zerstörte.

- Kisorische (alturistisch-) religiöse Texte berichten von einem Feuersturm, den der Gott Altur auf zwei Städte herabregnen ließ, als Strafe für deren unmoralische Lebensweise. Das Ereignis passt zeitlich zur Vernichtung einer großen Stadt, die durch einen Fluss in zwei Hälften geteilt war. In der Zwillingsstadt hatte ein Clan über mehrere Jahrzehnte behutsam wissenschaftliche und technische Schulen aufgebaut. Die Bevölkerung wandte sich langsam vom Aberglauben ab und einer wissenschaftlichen Denkweise zu. Alturistisch geprägte Nachbarregionen empfanden die Abwendung von Altur als Frevel. Irgendwann blitzte und donnerte es bei heiterem Himmel als ob ein unsichtbares Gewitter sich über den beiden Stadthälften entladen würde. Moderne Brandbomben fielen auf einige Quadratkilometer Holzhäuser. Die Zwillingsstadt brannte bis auf die Grundmauern nieder.

- Schon sehr früh versuchte eine Clan-Allianz einen Start-/Landeturm mit Konverter-Beschleuniger zu bauen. Damit sollten Materiallieferungen vom Orbit erleichtert werden. Der zentrale Schacht mit dem Beschleuniger wurde von einer Bergspitze 4 Kilometer tief in den Boden getrieben. Eingeborene Arbeiter errichteten auf dem Berg einen Turm "bis in die Wolken". Der Berggipfel lag immer im Nebel und die Wolkenbildung wurde für das Projekt künstlich verstärkt. Die Spitze eines 200 Meter hohen Turms ist vom Boden aus schon nicht mehr zu sehen. Dort geht der Beschleunigerschacht in eine 20 Kilometer hohe Feldröhre über, eine optisch transparente Nanomatrix, die das Innere der Röhre durch EM-Nahfelder aktiv unter Vakuum hält. Aber der Bau wird auf ungewöhnliche Weise sabotiert. Ein destruktiver Clan verbreitet ein Mem-aktives Designer-Virus unter der lokalen Bevölkerung. Das Virus senkt moralische Schwellen und erhöht das Aggressionspotential. Die eingeborenen Arbeiter greifen sich gegenseitig an. Dabei zerstören sie nicht nur den Turm, sondern auch die teure Feldröhre. Es gibt keinen weiteren Versuch, den Plan zu Ende zu bringen.

- Den größten Schaden richten verborgene Aktionen an, vor allem biologische Angriffe auf die eingeborene Bevölkerung. Die moderne kisorische Geschichtswissenschaft ging davon aus, dass die Bevölkerung der zwei Planeten durch Hunger, Seuchen und fehlende medizinische Versorgung auf 30 Millionen (ein Tausendstel) zurückging (Kisor-Alpha: 50.000). Aber nun stellt sich heraus, dass das Minimum schon bei 300 Millionen (Alpha: 5 Millionen) erreicht war. Erst der Eingriff einiger Artu-Clans mit biologischen Waffen reduzierte die Bevölkerung auf die historisch bekannten Werte. Einige Extremisten von Artu versuchten die Kisori auszurotten. Mit künstliche Viren töteten sie 90% der Bevölkerung (auf Alpha: 99%).

- Nur den Impfungen durch hilfsbereite Clans ist es zu verdanken, dass einige Kisori überlebten. Da man sich dabei auf die Städte konzentrieren musste, gab es auf Kisor-Alpha keine Impfungen. Dort sorgten nur natürliche Quer-Resistenzen dafür, dass immerhin 50.000 Kisori überlebten. Eine zweite Welle tödlicher Virenstämme war schon vorbereitet, als sich einige Clans zusammenschlossen, um die Ausbringung der Krankheitserreger mit Waffengewalt zu verhindern.

Clans mit einer positiven Einstellung gegenüber Kisor verfügten insgesamt über wesentlich mehr Ressourcen, als die negativen Kräfte. Aber Sabotage braucht oft nur eine kurze Einzelaktion während Hilfe eher ein langwieriger Aufbau ist. Langfristig setzten sich die destruktiven Kräfte durch. Die Kisori wurden zwar nicht vollständig ausgerottet, aber die beiden Planeten verharren 3000 Jahre im Mittelalter. Das wäre auch noch länger so weitergegangen, wenn in der Artu-Zivilisation nicht der ewige Krieg ausgebrochen wäre.

Schon kurz nach dem ersten systemweiten Aufflammen des ewigen Krieges werden die meisten Aktivitäten auf Kisor eingestellt. Später fehlen dann sogar die technologischen Mittel, um Kisor zu erreichen. Befreit von den Störungen bauchen die Kisori auf Beta nur 500 Jahre bis zur Industrialisierung, dann weitere 400 Jahre bis die Technik reif ist zur interplanetaren Raumfahrt und nochmal 900 Jahre bis zu den ersten interstellaren Aktivitäten mit einfacher Lichtgeschwindigkeit. Das ist die Zeit als auch Artu – zum ersten Mal nach dem ewigen Krieg – wieder Überlichtraumschiffe aussenden kann. Artu und Kisor befinden sich etwa auf dem gleichen Techlevel, haben aber keinen Kontakt. Beide entwickeln ihre Überlichttechnologie weiter. Aber um zügig interstellare Distanzen zu überwinden, benötigt man Überlichtfaktoren von 100 oder 1000. Die Technik ist sehr anspruchsvoll. Diese Entwicklung braucht Zeit. Typisch ist eine Verdreifachung der Geschwindigkeit alle 100 Jahre.

Als um das Jahr 1000 u.Z. die Pax Interiana anbricht, haben Artu und Kisor immer noch keinen Kontakt. Für Artu wäre es nun viel zu spät, um Kisor noch einzudämmen. Außerdem ist das Wissen um die Identität Kisors im ewigen Krieg verloren gegangen. Der ewige Krieg hat nicht nur die technologischen Fähigkeiten reduziert, sondern auch fast alle Datenbanken ausgelöscht. Nur in vereinzelten konservierten Archiven, wie der t5a-Kammer, gibt es dazu noch historische Aufzeichnungen.

Bei der Öffnung der t5a-Kammer 3270 ist die Situation dann wieder völlig anders. Inzwischen sind 2200 Jahre vergangen und es ist viel passiert: Kisor war fast tausend Jahre lang interianisches Regionalzentrum. Als sich das Imperium zurückzog, übernahm Kisor den Sektor. Aber als die Menschen die interstellare Bühne betraten und von Artu-Clans erpresst wurden, mischte sich Kisor nicht ein. Später verteidigte Kisor dann doch das Solsystem gegen Plünderer. Und nach einem Krieg zwischen Kisor und Sol waren beide ein halbes Jahrhundert verbündet gegen die Chinti-Schwärme. Als diese Bedrohung in der "Zeit der streitenden Schwärme" entfiel, wurden Sol und Kisor wieder Gegner. Während der Besetzung des Solsystems durch Barbarenstämme wurde Kisor kinetisch bombardiert und wieder einmal fast ausgelöscht. Auch Artu und Sol wurden nach dem Ende der Chinti-Bürgerkriege schwer getroffen. Die meisten Völker des Sektors leiden noch unter den Nachwirkungen des Barbarensturms oder unter der aktuellen Chinti-Expansion.

Die Erkenntnisse der t5a-Kammer könnten zu neuen Verwerfungen zwischen den Völkern führen. Schließlich haben sich Kisor und Artu gegenseitig fast ausgelöscht und darüber hinaus – ebenfalls gegenseitig – für Jahrtausende auf das Existenzminimum reduziert.

Aber die Zusammenhänge, die jetzt bekannt werden, haben trotz ihrer Brisanz keine konkreten Auswirkungen. Kisor ist momentan wieder unbedeutend. Kisor-Beta ist – nach Bombardierung und Wiederherstellung – gerade erst wieder besiedelt worden. Kisor-Alpha ist immer noch eine Eiswüste.

Auch Artu wurde 60 Jahre zuvor durch einen Chinti-Angriff schwer getroffen. Ohne eine systematische Verteidigung mit Tiefraumsperren und Ballistikschild hatten die Insekten leichtes Spiel. Artu verlor etwa die Hälfte der Habitate, der Bevölkerung und der interplanetaren Infrastruktur. Die absoluten Zahlen sind trotzdem noch gewaltig und in 60 Jahren wurde viel wiederaufgebaut. Aber Artu ist immer noch zersplittert und ohne einheitliche Außenpolitik.

Die neuen Erkenntnisse sind doch nur historische Kuriositäten.

#Geschichte #interstellar #Crash #Wiederaufbau #Krieg #Verschwörung #Legenden

http://jmp1.de/h3270

2794 Das Auftauchen eines Hro sorgt für Unruhe unter den galaktischen Händlern

Das ist wahrscheinlich der erste Irun-Anwärter seit mehreren hundert Jahren, zumindest in unserem Sektor. Später, bei der Erwachsenenweihe des Hro, kommt es aber nicht zur Ausbildung eines Irun. Die Lage beruhigt sich wieder.

Ein Hro ist ein Mercato-Individuum mit herausragender Persönlichkeit. Zur Erwachsenenweihe eines Hro kommen tausende Sippenschiffe. Manche Quellen sprechen von hunderttausend Schiffen. Während der Weihezeremonie werden Mercato-Jugendliche innerhalb weniger Wochen zum Erwachsenen. Körper und Geist werden in einer Art Verpuppung transformiert. Manchmal entsteht dabei ein charismatischer Anführer, genannt Irun, der alle anwesenden Sippen in seinen Bann zieht. Es ist nicht bekannt, ob es sich um eine mentale Beeinflussung der anwesenden Mercatos handelt oder ob der Einfluss eher biochemisch oder psychologisch erklärbar ist. Auch eine mentale Kontrolle wäre letztlich ein elektromagnetischer Effekt. Untersuchungen lassen die Mercatos nicht zu und das Ereignis ist auch viel zu selten.

Eigentlich sind die Mercatos Händler. Der Name wurde sehr treffend geprägt beim ersten Kontakt im Solsystem. Sie sind in einzelnen Sippenschiffen unterwegs und betreiben interstellaren Handel zwischen vielen Völkern. Jedes Schiff beherbergt eine Familie oder eine Gruppe von Familien.

Mercatos gibt es schon seit Millionen Jahren und vermutlich sind sie in einem Großteil der Galaxie vertreten. Trotzdem haben ihre Schiffe sehr verschiedene Techlevel. Die Technik scheint eng verbunden mit der Kultur der Sippe. Sippen mit niedrigem Techlevel hätten viele Gelegenheiten für Upgrades. Das scheint aber nicht wichtig zu sein. Man hat schon langsame Raumkrümmer auf dem technischen Niveau der ersten solaren Generation gesehen, die für interstellare Distanzen Jahre brauchen. Aber es gibt auch Sippenschiffe mit effektiven Geschwindigkeiten, die wir nicht erreichen können. Gerüchten zufolge ist ein Sippenschiff sogar zur gleichen Zeit an mehreren Orten aufgetaucht. Leider handeln Mercatos nicht mit ihrer eigenen Technik, sondern nur mit Produkten und Informationen anderer Völker.

Die jungen Mercatos lernen in einer 30-jährigen Ausbildung alles was ein Mercato-Händler wissen muss. Sie lernen Sprachen und andere Ausdrucksweisen bis sie ohne Übersetzer kommunizieren können. Dabei verzichten sie auf elektronische Hilfsmittel wie Erinnerungsimplantate und Assoziationsbooster. An die Händler-Ausbildung schließt sich nach der Erwachsenenweihe eine 80-jährige Ausbildung zum Meisterhändler an. Meisterhändler spezialisieren sich auf einzelne Völker, auf die spezifischen Kulturen der Handelspartner, auf einzelne Organisationen und sogar auf Personen. Das wird natürlich dadurch begünstigt, dass Sophonten in vielen Hochkulturen sehr lange leben und sich immer wieder begegnen. Meisterhändler benutzen aktiv und passiv unterbewusste Regungen der Gesprächspartner. Sie führen Verhandlungen akzentfrei mit angenehmen überzeugenden Stimmen, die nicht vom Übersetzer stammen und sie beherrschen Memetik auf höchstem Niveau. In dieser Beziehung befinden sie sich bei vielen Völkern auf Augenhöhe mit ihren besten Verhandlungspartnern. All diese Techniken lernen sie in ihrer langen Ausbildung.

Mercatos haben Zeit. Sie handeln nur um ihr Schiff im Betrieb zu halten. Man kann bei Mercatos günstig einkaufen, weil sie nicht nach Reichtum streben, sondern nur für den Unterhalt handeln. Auf der anderen Seite stehen sie oft weniger unter dem Zwang zum Abschluss als ihre Handelspartner. Mercatos führen das gleiche Leben wie ihre Vorfahren und sie streben keine Änderung an. Sie warten auf die Ankunft eines Irun. Die meisten Mercatos erleben irgendwann einmal die Erwachsenenweihe eines Hro. Aber nur wenigen Generationen ist es vergönnt, einen Irun zu erleben. Es ist die sogenannte "gesegnete" Generation, die dem Irun folgen darf. Mit der Ankunft des Irun endet ein Zyklus und die galaktischen Händler gehen ihrer Bestimmung entgegen.

Der Irun sammelt alle Sippen im Umkreis von mehreren tausend Lichtjahren um sich. Dann führt er sie zu einer gemeinsamen Aufgabe. Aus Sicht der anderen Völker werden die Mercatos verrückt. Sie geben ihre normale Handelsaktivität abrupt auf und verfolgen den Plan des Irun. Mit dem Tod des Irun kehren sie dann wieder zum Handel in einzelnen Sippenschiffen zurück. Irun-Ereignisse sind so selten, dass man keine Regelmäßigkeiten erkennen kann. Im lokalen Sektor, den umliegenden 3.000 Lichtjahren, sind in den letzten 10.000 Jahren nur 3 Irun-Ereignisse bekannt. Es gibt Hinweise auf einige weitere. Aber deren Quellen sind nicht nachprüfbar und die Beschreibungen sind nicht eindeutig.

Sicher belegt ist die 700-jährige Irun-Phase zwischen dem solemischen Reich und dem Tren-Vuk-Sol-Interregnum vor 7.400 bis 6.700 Jahren. Damals gründeten Mercatos ein Imperium und verdrängten die lokalen Mächte mit militärischen Mitteln. Sie ließen keine anderen Militärmächte zu und unterbanden jede militärische Forschung bei den Völkern in ihrem Einflussbereich.

Der zweite bekannte Fall war nach kisorischen Aufzeichnungen um das Jahr 2.000 unserer Zeitrechnung als alle Mercatos plötzlich aus dem interianischen Imperium (und möglicherweise darüber hinaus) verschwanden. Unser – und damit Kisors – Teil des Imperiums stütze sich vorher sehr stark auf den Mercato-Handel. Das Verschwinden führte zum sogenannten achten interianischen Wirtschaftsminimum im Zeitalter von Addaja. Kisors Oligarchie füllte damals die entstandene Lücke und die Handelsorganisationen der herrschenden Familien wurden zu den ersten Handelsgilden.

Der dritte belegte Irun-Fall ist besonders spektakulär. Er zeigt wie lange Mercatos schon präsent sind und wie verschieden die Irun-Ereignisse ausfallen können. Im Jahr 2681 entdeckte eine der frühen solaren Expeditionen, die sogenannte Buniatishvili-Exkursion, eine uralte Roboterzivilisation auf Solberg 86 III. Die Roboter bewahren das historische Erbe ihrer Erbauer und geben bereitwillig Auskunft über die Geschichte des Systems in den letzten 30 Millionen Jahren. Fast alle Völker haben während ihrer Entwicklung mit KI-Ausbrüchen zu kämpfen und empfinden eine reine Mech-Zivilisation als Bedrohung. Deshalb mussten die Roboter von Solberg 86 im Lauf der Zeit viele Angriffe abwehren. Darunter war auch eine Mercato-Flotte. Vor 12 Millionen Jahren, nach solarer Zeitrechnung am 8. Juli, 12.063.275 vor unserer Zeitrechnung fiel eine riesige Flotte von Mercato-Sippenschiffen in das Solberg 86 System ein. Es gibt detaillierte Aufzeichnungen, Sensordaten und Videos von den Ereignissen. Die Roboter von Solberg 86 geben an, dass insgesamt 783.750 (+/- 20) Sippenschiffe anhand ihrer Triebwerkssignatur eindeutig identifiziert wurden. Von den Monden des Systems starteten damals unzählige Robot-Schiffe (in diesem Fall verweigern die Roboter genaue Zahlen) um das System und vor allem den dritten Planeten zu verteidigen. Aufnahmen und zeitsynchronisierte Sensordaten zeigen den mehrwöchigen Kampf im gesamten System. Sie zeigen auch die Ansprache des Irun vor dem letzten verzweifelten Angriff auf den dritten Planeten und das Ende des Mercato-Flaggschiffes. Dann sieht man in den Sensordaten, wie die Nachricht vom Tod des Irun sich unter den Sippenschiffen verbreitet und wie die überlebenden Sippen das System verlassen. Vermutlich kehren sie zu ihrer gewohnten Handelstätigkeit zurück. Die Roboter von Solberg 86 berichten, dass 95.700 (+/- 200) Sippenschiffe das System sofort verließen. 130.259 (+/- 3) blieben manövrierunfähig im System. Sie wurden mithilfe der Roboter im Lauf von einigen Jahren repariert und verließen Solberg 86 auch.

Übrigens: Teilnehmer der Buniatishvili-Exkursion erzählen, dass die Roboter zwar bereitwillig zu diesem Ereignis Auskunft geben, dabei aber immer wieder auf die Geschichte ihrer Erbauer hinweisen und fast etwas beleidigt wirken, wenn man sich nicht für die Erbauer interessiert.

Es gibt diverse kelanische Legenden mit Irun-Ereignissen. Aber wie bei kelanischen Legenden üblich, sind Realität und Fiktion nicht zu unterscheiden. Die Kelaner erzählen von vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen. In einem Fall lassen sich Mercatos in einem System nieder. Sie geben den Handel nicht auf, aber sie werden für tausend Jahre sesshaft und operieren von einem Heimatsystem aus. Tatsächlich wird diese Legende später bestätigt durch die Entdeckung eines verlassenen Systems mit eindeutigen Hinweisen auf eine große Mercato-Besiedlung auf Planeten und im interplanetaren Raum.

Andere kelanischen Legenden erzählen von Mercatos, die

- kollektiv ihre Schiffe schon kurz nach der Erwachsenenweihe zerstören,

- sich auf Planeten niederlassen und den Handel einstellen,

- mit Millionen Sippenschiffen die Galaxie verlassen,

- dafür sorgen, dass der Techlevel der anderen Völker sich auf hohem Niveau angleicht,

- plötzlich nur noch Informationen handeln aber keine physischen Waren mehr befördern,

- sich anderen Völkern als Söldner für militärische Aktionen zur Verfügung stellen,

- Schutzzonen errichten, um noch nicht raumfahrende Völker vor externen Kontakten zu schützen und raumfahrende Völker im Frühstadium vor Hightech-Plünderern,

- Mech-Leben, wie Roboter, Naniten und Computronium, bekämpfen,

- im großen Stil Ökoforming betreiben und in vorher unbewohnten Systemen Biosphärenreservate anlegen einschließlich vielversprechender Arten an der Grenze zur bewussten Intelligenz.

Ein Besucher des Mansalu-Komplexes im Jahr 2815 berichtet von einer statistischen Auswertung der Mansalu, die behauptet 900 Mercato-Irun-Ereignisse zu kennen, aus einem Zeitraum von 80.000 und bis in 20.000 Lichtjahre Entfernung. Das ergibt eine statistische Häufigkeit, die sich etwa mit unseren Analysen deckt, die allerdings nur auf 3 Ereignissen in 10.000 Jahren beruht. Die Mansalu behaupten, dass Mercatos statistisch

- in einem Drittel der Fälle kriegerisch werden,

- in einem Viertel altruistisch für andere Völker aktiv werden,

- sich in einem weiteren Viertel zurückziehen (wobei man annimmt, dass sie nicht einfach verschwinden, sondern sich einer Aufgabe zuwenden, die außerhalb des Erkenntnishorizonts der beobachtenden Völker liegt).

- Die übrigen 17% verteilen sich auf viele andere exzentrische Verhaltensweisen.

Die Studie lässt sich allerdings später – zur Zeit der Yalung im Mansalu-Komplex – nicht wiederfinden. (Vermutlich, weil die Yalung eine andere Politik verfolgen in Bezug auf die Freigabe von Informationen für weniger entwickelte Völker.)

Exosoziologen erklären das Irun-Phänomen als reinigendes Ereignis in einer sehr statischen Kultur. Es sorgt dafür, dass die gesellschaftliche Entwicklung regelmäßig zurückgesetzt wird. Durch die drastische Unterbrechung entsteht ein Bruch mit der Tradition der letzten Generationen in denen sich regional Fehlentwicklungen eingeschlichen haben könnten. Für die Mercatos ist vor allem das Ende der Irun-Phase bedeutend, wenn sie zu den Jahrmillionen alten ursprünglichen Verhaltensweisen zurückzukehren.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass das Irun-Phänomen auch für die anderen Völker wichtig ist. Ein Irun-Ereignis wirbelt die Machtverhältnisse im betroffenen Sektor oft durcheinander, wie im Fall des Tren-Vuk-Sol-Interregnums. Damals beendeten Mercatos das statische solemische Reich, allerdings um den Preis einer langen chaotischen Phase nach dem Ende des Mercato-Imperiums.

Das achte Addaja-interianische Wirtschaftsminimum nach dem Mercato-Verschwinden um 2000 unserer Zeitrechnung war der Wegbereiter für die kisorischen Gilden, die den Sektor auch nach dem interianischen Imperium noch lange stabilisierten.  Und glaubt man kelanischen Legenden, dann könnte sogar die Ökoformung Kisor Alphas vor 10 Millionen Jahren und die Ansiedlung der kisorischen Primaten auf die galaktischen Händler zurückzuführen sein.

Der Mercato-Angriff auf Solberg 86 ist ein Hinweis darauf, dass die außerordentliche Wucht eines Irun-Ereignisses gewissermaßen "Altlasten" beseitigen kann, die normale interstellare Mächte sonst nicht bewältigen können. Auch wenn dieser eine Angriff scheiterte, lässt allein die Tatsache, dass er stattfand, vermuten, dass die Mercatos im Lauf der Zeit immer wieder "aufräumen". Wahrscheinlich ist es nicht gut, wenn sich immer mehr alte Mech-Zivilisationen in der Milchstraße ansammeln, deren Erbauer längst vergangen sind. Man kann davon ausgehen, dass Mercatos schon viele Mech-Zivilisationen beendet haben. Das wäre eine plausible Erklärung dafür, dass es nicht mehr Mech-Zivilisationen gibt.

Wären die Roboter von Solberg 86 den Mercatos unterlegen, dann wüssten wir nicht davon, weil sie uns nicht davon berichtet hätten. Eine dreiviertel Million Schiffe war offensichtlich nicht genug. Die dortige Roboterzivilisation scheint eine schlafende Superzivilisation zu sein, möglicherweise mit einer mobilisierbaren Kapazität von 1,6 auf der Kardashev-Skala. Das ist für Angreifer schwer zu überbieten. Gegen so eine massive Zivilisation kann man sich nur mit einen höheren Techlevel durchsetzen, nicht durch mehr Ressourcen oder Energie. Man kann ja nicht einen ganzen Stern zum Angriff mitbringen.

Vielleicht kommt irgendwann ein Irun, der die Vorgeschichte kennt, zehnmal so viele Schiffe versammelt und diese mit dem höchsten für Mercatos verfügbaren Techlevel ausstattet. Vielleicht dauert die Vorbereitung dafür tausend Jahre und vielleicht passiert ein Irun-Ereignis dieser Größenordnung auch nur alle 10 Millionen Jahre. Aber irgendwann wird es vermutlich auch für die Roboter von Solberg 86 III eng.

Das Irun-Phänomen bringt nicht nur Stabilität für die Mercato-Kultur, sondern es ist auch ein Reinigungsmechanismus für unsere Galaxie.

#Aliens #Handel #Phänomen #Geschichte #Imperium #Roboter #KI

http://jmp1.de/h2794

2469 Zum 500-jährigen Jubiläum der ersten Mondlandung im Meer der Ruhe.

Die ersten Aktivitäten der Menschen in den Jahrzehnten nach Tranquillity waren geprägt durch einige tief fliegende permanent besetzte Raumstationen und gelegentliche Orbitalflüge, angetrieben durch große und teure chemische Raketen. Viel hat sich seit damals geändert. Inzwischen leben 40 Millionen Menschen dauerhaft im interplanetaren Raum, auf den inneren Planeten und den äußeren Monden. Enge "Konservendosen" sind geräumigen Habitaten gewichen. Laser-Launcher und Linearbeschleuniger bringen Megatonnen Material in den Orbit. Und der orbitale Transfer ist noch viel umfangreicher, denn Erd- und Marsorbit sind sich energetisch – und damit wirtschaftlich – viel näher, als die Planetenoberflächen. 

Die interplanetare Wirtschaft floriert. Es gibt zwar Spannungen zwischen den Systemmächten, aber keine größeren militärischen Auseinandersetzungen. Die selbstgewählte Isolation der Erde besteht nun mehr als 100 Jahre. Anfangs war das Embargo der Erde dramatisch für Außenposten, Raumstationen und Habitate. Aber die interplanetare Zivilisation hat sich mit der Situation arrangiert. Der anfängliche Schock ist schon lange überwunden. Das Sonnensystem ist von der Erde unabhängig geworden. Die interplanetare Wirtschaft befindet sich in einer langanhaltenden Wachstumsphase.

Im vorangegangenen Jahrzehnt hat die Menschheit zwei große Sprünge nach vorn gemacht. Mit dem sogenannten Egalitätsflug erreichte ein Raumschiff erstmals die einfache Lichtgeschwindigkeit. Die Entwicklung von Überlichtantrieben macht weiter große Fortschritte. Gerade verließ das erste Auswandererschiff mit Raumkrümmerantrieb das Sonnensystem. Nur 42 Jahre später, ein Zeitraum kürzer als zwischen der sechsten und der siebten Mondlandung, wird das erste interstellare Handelsschiff zu den Sternen aufbrechen.

Nicht nur die Raumfahrt hat sich in den 500 Jahren seit Tranquility grundlegend geändert. Die Menschheit selbst hat sich verändert. Die meisten Menschen haben genetische Optimierungen, Assoziationsbooster, IQ-Upgrades und sogar Savant-Aspekte. Nano-Implantate sorgen für erweiterte Sensorik, Konnektivität und Datenspeicherung, 4-Farben-Sehen und mehrere parallele Denkprozesse. Die biologischen Körper sind 150 Jahre lang gesund und danach gibt es perfekte biomechanische Ersatzteile. Im Zeitalter von Mind-Backups ist der finale Tod durch Altersschwäche eher ungewöhnlich. Aber sogar dann kann man als Mech oder in einer Simulation weiterleben. Mit unzähligen Gen- und Nanomods haben sich Menschen an das Leben im Raum angepasst, darunter ZeroG-Hacks gegen Kalziumschwund, Nanobot-unterstützte Reparatur von Strahlenschäden, opponierende Zehen an den Füßen für ein Leben in der Schwerelosigkeit. Nicht alle Linien sind genetisch kompatibel. Der Genpool divergiert.

Erde und Sonnensystem haben große politische Umwälzungen erlebt. Es gab Kriege, Krisen, und Katastrophen. Es gab vereinte Weltregierungen und politische Fragmentierung. Die Zivilisation ist zusammengebrochen und wurde wiederaufgebaut. Es gab gewaltige Fortschritte in den Wissenschaften deren Auswirkungen auch das tägliche Leben sehr verändert haben. Durch den Klimawandel und den Anstieg des Meeresspiegels hat sich das Antlitz der Erde gewandelt. Aber die Menschen haben sich arrangiert. Und die Technologie hat dabei geholfen. Große Probleme wurden gelöst. Die Meere werden als Wohnraum genutzt. Energie ist günstig und die Erde hat gerade den Turnaround-Punkt erreicht ab dem sich die Ökologie wieder erholt. Die interplanetare Zivilisation hat ihre eigene Geschichte geschrieben mit Religionen und Ideologien, militärischen Eroberungen und Wirtschaftskonflikten. Machtzentren sind gekommen und gegangen. Nach der Isolation der Erde dominierte der Mond/L4/L5-Bereich, dann die vereinigten Mars Kolonien, später das Ganymed-Direktorat und gerade erleben wir die Blüte des äußeren Systems.

Die nächsten 500 Jahre werden genauso viele Veränderungen bringen. Die Menschen strecken ihre Fühler aus in die interstellare Umgebung. Dort bieten sich viele neue Möglichkeiten und existenzielle Gefahren. Das Solsystem geht durch einige schwere Krisen, interstellare Kriege, Besatzung, Befreiung, Sieg und Niederlage. Es ist selbst Aggressor und Opfer von Eroberung. Das Solsystem wird geeint und fragmentiert wieder. Die Menschen besiedeln andere Sonnensysteme. Manche sind so weit entfernt, dass ihre weitere Geschichte unabhängig vom Solsystem verläuft und sie ihren eigenen Weg unter den anderen Völkern finden müssen. Die Sphäre der Menschen wird multipolar. Andere Zentren entstehen neben dem Solsystem. Und dann wird die neue interstellare Menschheit in die dramatische Entwicklung des lokalen Sektors hineingezogen und muss lernen, dass Stabilität nicht der Normalfall ist.

#Mond #500 #Jubiläum #Geschichte

http://jmp1.de/h2469

2743 Werdegang der Kisor-Zwillinge.

Veröffentlichung der letzten Geschichtsbände von Thaddäus Podgorski. Darunter sind einige sehr detaillierte Beschreibungen der Geschichte regionaler Völker. Der Band über Kisor enthält Einzelheiten, die in keiner anderen Chronik verzeichnet sind. Woher Podgorski sein Wissen hatte wurde nie geklärt.

Eine Zusammenfassung von Podgorskis TriVi-Band "Werdegang der Kisor-Zwillinge":

Die Sonne des Kisor Systems ist ein F1 Stern mit der 9,1-fachen Leuchtkraft Sols. Ihre Ökosphäre ist also breit genug, um 2 Planeten aufzunehmen. Die beiden Planeten liegen in Entfernungen von 457 und 443 Mio. Kilometern, wobei anfangs nur Alpha, der äußere Planet bewohnbar war. Um Beta kreist ein atmosphärenloser Mond von 2000 km Durchmesser während Alpha keine Satelliten hat. Dem innersten Planeten fehlt die Kruste und der Schwermetallkern liegt frei. Der dritte Planet ist gegenläufig. Weiter von der Sonne entfernt finden sich noch 7 Planeten, davon 6 Gasriesen. Altur, der erste Gasriese mit 190.000 km Durchmesser ist doppelt beringt und ist von Beginn der Zivilisation an bis heute ein Objekt religiöser Verehrung.

Die Sonne ist bei einem Alter von 2,5 Mrd. Jahren schon am Ende ihrer Zeit auf der Hauptreihe angekommen und wird sich in etwa 100 Mio. Jahren zu einem roten Riesen entwickeln. Da das Planetensystem auch nicht älter ist als der Zentralstern, sind seit der Abkühlung Alphas und Betas erst wenige hundert Mio. Jahre vergangen. Es war also noch nicht genug Zeit zur Entstehung von höherem Leben, geschweige denn von intelligenten Wesen. Das spricht für einen fremden Ursprung des Lebens auf Kisor Alpha. Ein anderer Hinweis auf einen externen Ursprung war die Tatsache, dass nach Fossilienfunden vor ca. 10 Mio. Jahren plötzlich Pflanzen und Tiere gleichzeitig aufgetreten sind.

Das Leben wurde also von außerhalb des Planetensystems nach Alpha gebracht. Als Kisors Wissenschaftler zu dieser Erkenntnis gelangt waren, begannen sie nach dem Ursprung zu suchen. Dies war keine leichte Aufgabe, denn in 10 Mio. Jahren hatten sich die Formen auf Kisor und am Ursprungsort in verschiedene Richtungen entwickelt. Man fand Ähnlichkeiten und Verwandtschaften mit mehreren Planeten, darunter Syrak und Solberg 86 III. Es kristallisierte sich eine Häufung im Sektor Syrak heraus. Der Ursprungsort bleibt jedoch bis heute im Dunklen.

Eine unbekannte Rasse hatte also vor etwa 10 Mio. Jahren die Kohlendioxid-Atmosphäre Alphas in eine Sauerstoffatmosphäre umgewandelt und eine reiche Flora und Fauna angesiedelt. Dabei war auch ein vielversprechender warmblütiger, eierlegender und säugender reptilienähnlicher Primat, der schon ab und zu aus den Sumpfgebieten hervorkam, um in den Steppen zu jagen.

Fünf Mio. Jahre später hatte ein Zweig dieser Primaten wesentlich an Gewicht und Körpergröße zugenommen. Er warf mit erstaunlicher Treffsicherheit Steine nach seiner Beute und erhob sich auf die Hinterbeine, um über das hohe Steppengras zu blicken. Zu den sechsgliedrigen Greifhänden bildete sich ein größeres Gehirn aus und die Not der unzureichenden körperlichen Fähigkeiten führte zu einer Verfeinerung der Jagdmethoden. Zum Bau von raffinierten Fallen gebrauchte das Wesen vor 1 Mio. Jahren Werkzeuge und als Verständigungsmöglichkeit eine Unmenge von röhrenden Lauten, die sich langsam zu einer Sprache formierten.

Als der Doppelkontinent auf dem die Primaten lebten, getrennt wurde, entwickelten sich beide Zweige verschieden fort. Im Osten entstand ein nach vorne gebeugt gehendes Wesen mit einem starken Stützschwanz. Auf dem Westkontinent, der besonders stark von Raubtieren bevölkert war, wurde der Primat zum Pflanzenfresser und entwickelte sich zurück zu einem starken Läufer mit kleinem Gehirnvolumen.

Vor 50.000 Jahren gab es schon die heutigen Kisori. Sie setzten über auf den Westkontinent und benutzten ihre laufstarken, aber nicht intelligenten Vettern als Reittiere.

Als Kisor etwa 14.000 v. Chr. nach irdischer Zeitrechnung von einem unbekannten Volk entdeckt wurde, war gerade die Eisenzeit angebrochen. Ein Landesteil eignete sich ziemlich schnell Fähigkeiten der Fremden an, besonders was die Waffentechnik betraf. 150 Jahre nach dem ersten Kontakt entschied dann der lokale Herrscher, dass die Zeit reif wäre. Er überrollte die in der Eisenzeit verbliebenen Nachbarvölker mit einer mit Strahlenwaffen ausgerüsteten Armee und errichtete ein Königreich auf dem Kontinent, der später einmal das "Land aller Gilden" genannt werden würde.

Diesem Herrscher folgten gerechte Könige, die den neuen Reichtum und die Modernisierungen gleichmäßig auf den ganzen Kontinent verteilten. Nach weiteren 250 Jahren wurde der ganze Planet industrialisiert und innerhalb von 300 Jahren war die Technik reif zur interplanetaren Raumfahrt. Die Technologie entwickelte sich rasant weiter. Wahrscheinlich gab es Hilfe von außen, denn schon 200 Jahre nach dem ersten interplanetaren Flug begann die interstellare Kolonisierung.

900 Jahre nachdem Kisor in der Eisenzeit entdeckt worden war, kolonisierten die Staaten Alphas schon die ersten Planeten der Nachbarsysteme. 350 weitere Jahre blühte das straff geführte Kolonialreich. Dann wurden die Unabhängigkeitsforderungen der inzwischen hochindustrialisierten Kolonien immer lauter. Es kam nach 50 Jahren zum Krieg. Der Krieg endete mit einer fast totalen Zerstörung der Kolonien. Dieses Ereignis prägt Kisor offensichtlich bis heute. Kisor hatte seit dieser Zeit keine Kolonien mehr und die Kisori, die für die Gilden auf anderen Planeten leben, sind für die Bevölkerung des Stammplaneten Kisori zweiter Klasse. Entsprechend werden Menschen, die irdische Kolonien bewohnen, nicht als Menschen von der Erde, sondern als eigenständige Völker angesehen. Als Mahnmal an diesen Bruderkrieg bleibt eine Sphäre von zerbombten und verseuchten Planeten um Kisor.

Binnen 300 Jahren stieg Kisor zu einem Kategorie-12 Planeten auf. Es gab eine Schar von Vasallenplaneten fremder Rassen. Kisor selbst wurde durch einen Bund seiner Nationen regiert. Als der erstarkte Vasall Uidor einen Krieg gegen Kisor führte und gewann, wurde das Vasallenreich Kisors in einen Bund seiner ehemaligen Untertanen umgewandelt. Der Bund hielt jedoch nur 150 Jahre, dann wurde er wieder von Kisor aus regiert. Nachdem Kisor seine Macht in weiteren 250 Jahren wieder gefestigt hatte, rief es die Gründung eines Reiches aus.

Über die erste Blüte des Reiches ist wenig bekannt. Man weiß aber, dass während dieser 2500 Jahre dauernden stabilen Phase der innere Planet Kisor Beta den Verhältnissen Alphas angepasst wurde.

Dem darauf folgenden Verfall des Reiches folgte nur 250 Jahre später ein erneuter Aufstieg des zweiten Reiches (des sog. goldenen Reiches) über dessen bewegte Geschichte viele Aufzeichnungen gefunden wurden. Dieser Zeitabschnitt wurde nach ca. 1600 Jahren beinahe auf dem Höhepunkt des goldenen Reiches durch die Balsachen abrupt beendet.

Die Balsachen waren ihrerseits aus ihrem Raumsektor, einem Gebiet des Sagittarius-Arms der Galaxis vertrieben worden und suchten in einer völkerwanderungsähnlichen Bewegung eine neue Heimat. Nach kisorischer Geschichtsschreibung taten sie dies mit verheerenden Auswirkungen für die ansässigen Völker. Das Reich Kisors kämpfte tapfer und blockte die Wanderung der Raumschiffschwärme ab. Die Anstrengungen über mehrere Jahrzehnte waren jedoch für Kisor zu groß gewesen, um sein Reich fest im Griff zu halten. Dazu kam noch, dass sich einige Planeten unter Kisors Schutz gut entwickelt hatten und eigene Machtzentren bildeten. Das goldene Reich brach innerhalb von 100 Jahren auseinander.

400 Jahre währte das Interregnum. Kein Planet wurde stark genug, um den Raumsektor zu befrieden, aber viele versuchten es und vergrößerten damit das Chaos. Kleinkriege wurden ausgetragen und Planeten verwüstet oder von Neobarbaren geplündert. Atomflammen loderten auf zu einem pyrotechnischen Feuerwerk, das Milliarden Wesen nicht sehen konnten, weil sie ein Teil der Flammen waren. Es grassierten Hungersnöte und Seuchen weil die Mittel fehlten, um sie zu bekämpfen, während tausende kleiner Könige und Diktatoren in den Ruinen Hof hielten.

Das Ende dieses dunklen Zeitalters kam in Gestalt des Solemischen Reiches. Dieses Reich hatte sich innerhalb von 6000 Jahren von mehreren Systemen in 1900 Lj. Entfernung ausgebreitet und hielt sich im hiesigen Sektor immerhin 2700 Jahre. Bis zum endgültigen Verschwinden nach einem schnellen Rückzug vergingen noch einmal 2100 Jahre. Damit zählt das Solemische Reich zu den größten und stabilsten der bekannten Geschichte. Der Grund für seinen Erfolg war, dass das Reich nicht, wie fast alle anderen, auf ein Volk, sondern auf eine Idee zurückzuführen war. In jedem Sektor gab es wenigstens ein Volk, das diese Idee aufnehmen und umsetzen konnte und damit zum Vertreter des Reiches im umliegenden Sektor wurde. Das Solemische Reich war also eher ein Bund vieler mächtiger Völker mit ähnlicher Denkweise.

Wie so viele friedliche Reiche endete auch das Solemische Reich durch Gewalt, nämlich den Krieg der Mercatos, die völlig überraschend ein Handelsimperium gründeten und dabei keine andere militärische Macht zuließen. Dies ist der einzige bekannte Fall, dass Mercatos überhaupt selbst kämpften. Trotz der gewaltigen Verbreitung der Mercatos (vermutlich ein Großteil der Milchstraße), erreichte das Mercato-Imperium nicht einmal die Größe des Solemischen Reiches.

Für die beiden Kisor Planeten ging die Übernahme in das Handelsimperium fast unbemerkt vonstatten. In den 500 Jahren, die Kisor dem Handelsimperium angehörte, entwickelten sich Alpha und Beta zu Kategorie-13 Planeten. Schließlich waren sie reich genug, um sich aus dem Handelsimperium freizukaufen. Sie blieben zwar von ihrer Lage her in das Mercato-Imperium eingebettet, waren aber unabhängig und mussten keine Abgaben mehr leisten.

Ein Relikt aus der Zeit im Handelsimperium war die Monarchie, die sich aus dem Hof des eingeborenen Statthalters für die Mercatos entwickelt hatte. Für 230 Jahre führten die Kisor-Zwillinge ein angenehmes Leben, da sie einerseits unabhängig waren, andererseits aber durch ihre Lage vor Kriegen und Überfällen geschützt waren, bis plötzlich alle Mercatos den Raumsektor verließen und das Handelsimperium aufgaben. Das Imperium verschwand über Nacht und ließ tausende ungeschützter Planeten zurück.

Mehrere Überfälle anderer Völker schwächten die Kisor-Planeten zu sehr, als dass sie eine wirksame Verteidigung gegen Angriffe von außen aufbauen konnten. Die letzte Plünderung hinterließ 2 völlig zerstörte Planeten. Die Angreifer hatten alle technischen Anlagen auf den Planeten und im Orbit und alle Großstädte mit 80 % der Bevölkerung zerstört.

Innerhalb weniger Generationen sank die Technik auf einen Stand im Mittelalter während die Bevölkerung durch Hungersnöte und Seuchen bei fehlender medizinischer Versorgung und auf nur ein Tausendstel zurückging. Design-Seuchen aus der High-Tech Vergangenheit trugen wesentlich zu diesem starken Bevölkerungsschwund bei. Auf Alpha sank die Bevölkerung im Minimum sogar auf nur 50.000 Individuen.

Die Vergangenheit lebte zwar als Ansporn weiter in den Legenden und es gab viele Versuche alte Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen, aber ohne Rohstoffvorkommen war ein neuer Anfang schwer, denn die Bodenschätze waren weitgehend ausgebeutet und fossile Rohstoffe hatte es nie gegeben.

Es dauerte 3000 Jahre bis die Technik auf Kisor Beta weit genug fortgeschritten war, um ein Interplanetarschiff zu bauen. Die Kisori besiedelten wieder ihr Sonnensystem. Nach weiteren 150 Jahren brach das energetische Zeitalter an und schließlich verließ der erste langsame Raumkrümmer wieder das System.

Eineinhalb Jahrhunderte später, die Kisori hatten gerade wieder Anschluss an die interstellare Gesellschaft gefunden, erschien eine Raumflotte von Interia über den Kisor-Zwillingen und verkündete, dass sie soeben Bürger des Interianischen Imperiums geworden wären.

Wie schon mehrmals in der Geschichte zeigte es sich auch hier wieder, dass sich die Kisor-Planeten unter dem friedenwahrenden Schutz eines Imperiums hervorragend entwickeln. Von der Kategorie 18 bei der Aufnahme ins Imperium stiegen die Kisor-Planeten auf bis zur Kategorie 13. Nachdem ihnen durch die 23. Strukturreform des Interianischen Imperiums das Regionalzentrum des Imperiumssektors übertragen worden war, beherrschte Kisor ein eigenes Reich innerhalb des Imperiums.

Neben der Steigerung des Einflusses durchlief Kisor die gesellschaftliche und politische Entwicklung, die zu den heutigen Verhältnissen führte. Die Executive wurde immer dominanter und es entstand ein vererbbares Präsidentenamt, so dass es niemand wunderte als die Monarchie ausgerufen wurde. Die Monarchie war aber entgegen allen Erwartungen sehr schwach und verbrauchte in 150 Jahren ca. 50 Könige und Königinnen aus mehreren Familien. Man einigte sich schließlich auf eine gemeinsame Regierung der Adelsfamilien unter einem aus ihrem Kreis gewählten Herrscher.

Die Wirtschafts- und Handelsorganisationen der Oligarchen absorbierten alle unabhängigen Unternehmen des Mittelstandes und wurden zu den ersten Gilden. Schließlich war die gesamte Wirtschaft einschließlich des Außenhandels in der Hand von ca. 30 Gilden. Die Gilden wurden zu den beherrschenden Handelsorganisationen des Sektors während ihr Einfluss auf Kisor selbst durch die Inosch, den Rat der Gilden auf Alpha, gefestigt war.

Die Landfläche Alphas und Betas wurde zwischen den Gilden aufgeteilt und das Durcheinander der Besitzungen, das noch von der Assimilation der Wirtschaft herrührte, beseitigt. Ein Kontinent wurde zum "Land aller Gilden" erklärt. Dort residiert der "Vater der Kisori", der immer aus der ersten Gilde gewählt wird, die hauptsächlich aus Geistes- und Naturwissenschaftlern besteht, aber kein eigenes Land besitzt.

Nach dem Rückzug des Interianischen Imperiums wurden die eigentlich starken Kisor-Planeten bei einem Überfall teilweise verwüstet. Sie erhielten und beschützten aber trotzdem ihren Einflussbereich.

Auch die Mercato-Schiffe tauchten wieder im Herrschaftsbereich Kisors auf, konnten aber wegen den seit langem ansässigen Gilden nicht Fuß fassen. Die Mercatos versuchten sich in der Sogwelle der sich ausbreitenden Menschheit zu etablieren, wurden aber auch von der Koalition durch die Protektionsgesetze in ihren Möglichkeiten so stark einschränkt, dass sie den Sektor wieder verließen.

Kisor beobachtete den Aufbruch der Menschheit mit Wohlwollen, später aber auch mit wachsender Besorgnis, die, wie sich herausstellte, berechtigt war.

Zeittafel nach irdischer Zeitrechnung:

-14000 In der Eisenzeit kontaktiert

-13900 Einigung des Heimatkontinents

-13700 Beginn der Industrialisierung

-13400 Beginn der interplanetaren Raumfahrt

-13200 Interstellarkolonisierung

-12800 Unabhängigkeitsforderungen der Kolonien

-12800 Kolonialkrieg

-12500 Kategorie 12, Vasallenreich

-12400 Verlust des Uidor Kriegs

-12200 Kisor Zentrum des Bundes

-12000 Gründung des ersten Reiches

-11000 Terraformung Betas

-9500 Verfall des Reiches

-9200 Zweites (goldenes) Reich

-7600 Einfall der Balsachen

-7500 Zerfall des zweiten Reiches, Interregnum

-7100 Aufnahme in das Solemische Reich

-4400 Übergang zum Mercato-Imperium

-3900 Freikauf von Abgaben

-3700 Ende des Mercato-Imperiums

-3600 Plünderung durch Neobarbaren

-3500 Beginn des kisorischen Mittelalters

-400 Industrialisierung

30 Interplanetarflug

250 Energetisches Zeitalter

900 Interstellarflug

1050 Aufnahme in das Interianische Imperium

1650 Interianisches Regionalzentrum

1900 Monarchie

2050 Oligarchie

2100 Erste Gilden

2220 Landreform der Gilden

2700 Rückzug des Interianischen Imperiums

2780 Ende des Gildesystems

2860 Imperialismus

#Wissenschaft #Geschichte #Bestseller #Mythen

http://jmp1.de/h2743