2705 Kriegserklärung der Koalition an Kisor.

Beginn des Kriegs gegen die Kisor Zwillinge.

Die Geschichtsschreibung nennt dieses Jahr als Beginn des Kriegszustands. Alles was vorher geschehen war, fällt unter die Begriffe Zwischenfall, Kommandounternehmen oder Polizeiaktion.

Schon seit 20 Jahre gibt es ständig direkte militärische Konfrontationen zwischen Soldaten der solaren Koalition und Kisors. Doch nahm die Öffentlichkeit davon weniger Notiz, als von spektakulären Aktionen, wie der Deportierung der solaren Diobe-Kolonisten oder der Ermordung der kisorischen Gildevertreter auf Afro.

Solche Ereignisse wären aber kein Anlass für einen totalen Krieg gewesen. Der Krieg entwickelt sich aus einer Eskalation der Gewalt, die wie so oft, auf unterschiedliche Verhältnisse und Denkweisen zweier Zivilisationen zurückzuführen ist.

Die öffentliche Meinung der Koalition nimmt den Kisor-Zwillingen vor allem ihre schnelle Bereitschaft übel, alle gegen Menschen gerichteten Aktionen zu unterstützen und die Koalitionsregierung fürchtet die Rivalität des technisch immer noch höherstehenden Kisor. Das Volk der Kisor-Planeten ist empört über die Kompromisslosigkeit mit der die Siedler auf schon bewohnten Planeten vorgehen, während der Rat der Gilden befürchtet seinen Einfluss und damit seine kommerzielle Macht in der Region zu verlieren.

So sind beide Regierungen entschlossen, ein Exempel zu statuieren und ihren Anspruch im Sektor Deimas durchzusetzen. Die beiden Kontrahenten werden erst nur durch Waffenlieferungen, dann aber auch durch Truppen unterstützt. Dies führt zur taktischen Notwendigkeit auch die Nachschubbasen des Gegners anzugreifen. Die ersten zwei interstellaren Stützpunkte, die angegriffen werden, gehörten Kisor. Kisor schlug zurück und bombardiert Koalitionsstützpunkte. Die Basen der Koalition liegen auf bewohnten Planeten und sind an Kolonien angeschlossen, während die Kisors auf unbewohnten Planeten lagen. Beim Angriff auf eine Koalitionsbasis bei Ifri wird nicht nur der militärische Stützpunkt getroffen, sondern auch mehrere Städte in Mitleidenschaft gezogen. Es gibt große Verluste unter der zivilen Bevölkerung. Die Koalitionsregierung sieht in einem Angriff auf Kisor die einzige angemessene Möglichkeit zu reagieren. Deshalb wird die Kriegserklärung abgegeben.

Der Überfall auf ihren Heimatplaneten kommt für die Bewohner Kisors völlig überraschend, da sie seit Jahrhunderten nur Stellvertreterkriege ausgefochten hatten und keinesfalls eine solche Eskalation erwarten.

Tatsächlich sind Angriffe auf den Heimatplaneten auch für Kisor nicht unbekannt. Kisor wurde im Lauf der Geschichte mehrmals überfallen und stark verwüstet. Allerdings waren diese Angriffe fast ausschließlich auf Neobarbaren zurückzuführen und nicht vergleichbar mit einem totalen Krieg zwischen zwei etablierten Völkern. Der letzte bedeutsame Angriff auf das Kisor-System liegt 150 Jahre zurück.

Die Blütezeit der Menschheit hätte wahrscheinlich noch mehrere Jahrzehnte angehalten, wäre sie nicht durch den ersten Krieg gegen Kisor abrupt beendet worden.

Vom Krieg sind nur die inneren Kolonien in Richtung Kisors bis 150 Lj, auf der abgewandten Seite bis 80 Lj und die Koalition selbst betroffen. Die äußeren Kolonien v.a. in Richtung galaktisches Zentrum werden kaum berührt.

#Krieg #interstellar #Eskalation

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2165 Yksityiskohta World Jam

Erste globale Zusammenkunft der Yksityis-Bewegung, genannt "YZero Con"

Der V-Con ist eine virtuelle Zusammenkunft von Yksityis-Anhängern. Die Veranstaltung wird jährliche abgehalten mit stark wachsenden Teilnehmerzahlen. 2165 sind es 20.000 Teilnehmer. Dann fünf Jahre später schon eine Million. Weitere zehn Jahre später um 2180 stößt der V-Con trotz virtueller Präsenz mit weltweit 20 Millionen Teilnehmern an organisatorische Grenzen.

Yksityiskohta (auch Yksityis, Eeqsitis) ist der Glaube an den Einzelnen, das Individuum und an das Entstehen des Gemeinwohls aus vielen Beiträgen von selbständigen Individuen. Der Glaube an das Jetzt und an den Lohn durch Arbeit, bzw. Lohn von der Natur durch Sorge für die Natur.

Entstanden ist Yksityis in Nordeuropa während des Crashs. Die Länder Nordeuropas gehörten Mitte des 21. Jahrhunderts zu den am höchsten entwickelten Gebieten der Erde. Sie waren deshalb besonders stark vom Ausfall der Technik betroffen; und vom harten nördlichen Klima, das plötzlich wieder eine zentrale Rolle spielte. Als große Organisationen, einschließlich der Kirchen, nicht helfen konnten, konzentrierten sich die Menschen auf sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten.

Damit verstärkte sich im Norden Europas ein seit der Jahrtausendwende wachsender Trend zur Abwendung von den organisierten Religionen. Viele Menschen finden in Yksityis eine neue spirituelle Heimat, die zu ihrer neuen Lebenswirklichkeit besser passt, als die Buchreligionen. Wichtige Elemente sind Selbstregulierung (Homöostase) und Selbstorganisation in lernfähigen Systemen. Es gibt Einflüsse der Gaia-Hypothese, von Naturreligionen, Shintoismus (Diesseitsbezogenheit, Kami in allen Dingen) und – bei besonders engagierten Gläubigen – dem Schamanismus.

Die Dynamik geht von der Basis aus und nicht von Organisationen oder Vordenkern. Nach den schmerzhaften Erfahrungen des Crashs hat der Glaube an Autoritäten gelitten. Viele Gemeinschaften mussten sich selbst helfen. Sie waren dabei in den ersten Jahren auf das angewiesen, was die Natur ihnen bot. Der Begriff Natur, der Mitte des 21. Jahrhunderts zum Synonym für bedrohte Umwelt geworden war, änderte sich wieder zur Lebensspenderin (Gaia, Muttererde).

Der westliche Trend zur Individualisierung und zur individuellen Freiheit bekam neuen Raum als die Durchsetzungsfähigkeit von Staaten abnahm. Auf der organisatorischen Ebene bedeutet Yksityis Dezentralisierung und Subsidiarität, mit der Betonung von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Darin drücken sich Verhaltensweisen aus, mit der eine ganze Generation aufgewachsen ist, als Probleme selbst oder in kleinen Gruppen gelöst werden mussten. Der Ansatz führt auch zur Ablehnung von Fremdsteuerung und Kontrolle, sowohl staatlicher, als auch gesellschaftlicher und religiöser Organisationen.

Der subsidiäre Aspekt von Yksityis findet sich auch in Eter-Technologien wieder, die ganz stark von nordeuropäischen Konzernen geprägt werden.

#Religion #Crash #Gaia

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3116 Shackleton-Aufstand

Sklavenaufstand in der Südpolregion des Erdmondes. Die irdischen Söldner der Fremdherrscher erheben sich. Sie wollen nicht mehr gegeneinander kämpfen.

Der Aufstand beginnt im offenen Bereich des Shoemaker-Kraters, wo dellianische Beschützer in bewaffneten Auseinandersetzungen um Einflussgebiete streiten. Nur wenige extrasolare Söldner sind beteiligt. Beiden Seiten benutzen vor allem menschliche Truppen. Seit einigen Jahrzehnten können sich die dellianischen Fremdherrscher des Solsystems keine extrasolaren Söldner mehr leisten. Deshalb werden verstärkt Menschen zum Kriegsdienst gezwungen. Sie werden als Söldner bezeichnet, sind aber meistens Sklaven, die von irdischen Regionen bereitgestellt werden müssen.

Der dellianische Beschützer der Erde (Terrax) lebt vor allem davon, dass er die anderen Beschützer mit Menschen versorgt. Der Beschützer der Erde wagt sich nicht selbst auf die Erde. Er regiert aus dem Orbit und zwingt Städte durch die Drohung mit kinetischer Bombardierung zur Kooperation. Die Erde hat keine Wahl, als immer wieder Menschen mit den angeforderten Fähigkeiten bereitzustellen. Neben technischen Spezialisierungen sind vor allem Kampfeinheiten für die vielen Territorialkonflikte unter den Beschützern gefragt.

Noch 100 Jahre zuvor entsandte die Erde nur die Menschen. Ihre Ausrüstung stellten die Auftraggeber. Inzwischen verlangt Terrax komplett ausgerüstete hochtechnisierte Kampfeinheiten, die selbständig agieren können. Auch die höheren Ränge der Befehlshierarchie sind mit Menschen besetzt. Die dellianischen Beschützer, die diese Einheiten von Terrax kaufen und einsetzen, können sich trotzdem auf die menschlichen Truppen verlassen. Das Personal einer Kampfeinheit kommt immer aus einer der 1000 irdischen Megastädte. Alle mussten ihre Angehörigen zurücklassen. Die Drohung mit der Auslöschung der Heimatstadt dient als Druckmittel, um das Wohlverhalten der Kampftruppen zu erzwingen.

Während der Shoemaker-Auseinandersetzung kämpfen auf beiden Seiten Einheiten aus dem Jakarta-Megaplex. Als im Lauf der Kämpfe Gefangene gemacht werden, kommt es zu direkten Kontakten zwischen den Gegnern. Dabei stehen sich auch Freunde, Bekannte und Kollegen gegenüber. Manche wurden auf derselben Akademie ausgebildet. Es kommt zu Verbrüderung und ersten Streiks. Die Nachricht pflanzt sich wie ein Lauffeuer fort. Innerhalb weniger Stunden legen die meisten Truppenteile die Waffen nieder. Extrasolare Söldner und menschliche Truppen, die weiterkämpfen wollen, werden entwaffnet.

Reserveeinheiten beim Palast des Shackleton-Beschützers bringen den Palast und seine militärischen Funktionen in ihre Gewalt. Von dort aus greifen sie die militärischen Einrichtungen anderer lunarer Beschützer an. Einige menschliche Palastwachen auf den ganzen Mond schließen sich dem Aufstand an. Sie versuchen ebenfalls, Kommandozentralen und Militärmaterial in ihre Gewalt zu bringen. Das gelingt aber nur in wenigen Fällen. Die meisten werden bei dem Versuch getötet.

Bis zu 12 % des Mondes sind zeitweise in der Hand der Rebellen. Shackleton verfügt über ein Drittel der interplanetaren Kampfmittel des Mondes. Der Beschützer von Shackleton ist Outsourcing-Dienstleister für die kollektive Verteidigung der Dellianer im Solsystem. Alle Beschützer müssen einen Beitrag zur Systemverteidigung leisten. Für die kleineren Protektorate ist es ineffizient selbst interplanetare Kampfmittel bereitzustellen. Deshalb haben viele lunare Beschützer ihren Pflichtanteil für die Systemverteidigung an Lunax ausgelagert. Das ist der Grund dafür, dass ein Drittel der Langstrecken-Feuerkraft des Mondes bei Shackleton konzentriert ist. Nach dem ersten ballistischen Schlagabtausch kontrollieren die Rebellen sogar die Hälfte der funktionsfähigen Langstrecken-Waffensysteme auf den Mond.

Mit diesen Waffen greifen die Aufständischen nun Beschützer im Erde-Mond System an. Sie bedrohen auch der Palast von Terrax im weiten Erdorbit. Die Rebellen wollen verhindern, dass sich Terrax an ihren Heimatstädten rächt. Terrax’ Palast und Hofstaat sind den Aufständischen ausgeliefert. Seine Verteidigung könnte einem konzentrierten Angriff der lunaren Langstreckenwaffen nicht standhalten. Aber er würde den Angriff früh genug bemerken, um noch irdischer Städte durch kinetische Schläge auszulöschen.

Terrax droht und verhandelt. Währenddessen organisieren sich die lunaren Beschützer. Sie mobilisieren ihre Truppen, um gemeinsam das Shackleton-Gebiet zurückzuerobern. Den Rebellen läuft die Zeit davon. Der Aufstand bleibt auf die Südhalbkugel des Mondes beschränkt. Andere Garnisonen irdischer Söldner im Solsystem schließen sich dem Aufstand nicht an.

Die Pattsituation hält einige Tage an. Dann geraten die Shackleton-Rebellen militärisch unter Druck. Sie müssen zurückweichen. Sie wehren sich gegen die Rückeroberung am Boden und durch weiter ballistische Angriffe auf dem Mond.

In einer spektakulären Kommandoaktion gelingt es den Rebellen, gleichzeitig die meisten Kampfmittel, die die Erde bedrohen, und den Palast von Terrax zu zerstören, ohne dass Terrax vorgewarnt wird. Scheinangriffe und Ablenkungsmanöver für diesen Befreiungsschlag verbrauchen einen Großteil der aktiven Langstrecken-Kapazität unter der Kontrolle der Rebellen. Damit ist die kinetische Bedrohung der irdischen Städte abgewendet.

Terrax hatte während den Verhandlungen seinen Palast verlassen ohne dass die Rebellen es bemerkten. Die Rebellen konnten zwar seinen Palast zerstören, aber nicht seine Infrastruktur ausschalten oder ihn selbst töten. Er mietet nukleare Langstreckenraketen von L5-Beschützern und lässt 12 Raketen auf Jakarta, Bandung und Medan abfeuern.

Seit 500 Jahren besitzt die Erde eine Abwehr gegen nicht-kinetische Angriffe als Teil der planetaren Verteidigung. Die Verteidigung wurde zwar im ersten Kisor-Krieg vollständig zerstört aber danach wiederaufgebaut. Später wurden die Abwehrsysteme immer wieder auf den neuesten Stand gebracht. Ein regional begrenzter Angriff von 12 Langstreckenraketen mit Tochtermunition sollte für die planetare Verteidigung kein Problem sein. Das System war ausgelegt für eine 10.000-fach höhere Belastung in totalen interstellaren Kriegen gegen Chinti und Kisor.

Aber nach 200 Jahren wirtschaftlichem Niedergang unter der dellianischen Besatzung ist das Verteidigungssystem in einem schlechten Zustand. Auch die 12 gemieteten Raketen sind nicht voll funktionsfähig. Eine detoniert beim Start und zerstört die Startanlage inklusive zwei weiterer Raketen in der Startphase. Neun Geschosse machen sich auf den Weg.

Die erste Phase der planetaren Verteidigung operiert normalerweise im hohen Erdorbit. Sie soll Langstreckenraketen neutralisieren, bevor die Tochtermunition freigesetzt wird. Diese Komponente ist nicht verfügbar, da die Plattformen von den Besatzern übernommen wurden.

Von den neun Langstreckenraketen versagen drei vor dem Absetzen der Tochtermunition. Sechs setzen ihre Tochtermunition ab: je 80 Gefechtsköpfe und die typischen Durchbruchshilfen. Etwa 13 % der Gefechtsköpfe kommen ohne Zutun der Abwehr vom Kurs ab oder verglühen nach Navigationsfehlern. 400 bleiben übrig.

In der zweiten Phase bekämpfen Railguns und Abfangraketen die einzelnen Sprengköpfe in der hohen Erdatmosphäre. Dabei müssen sie sich mit dem ganzen Spektrum elektronischer Kriegsführung befassen, das die Durchbruchshilfen der angreifenden Raketen entfalten. Die Sensoren der Verteidiger werden überschwemmt von falschen Signalen. Allerdings ist das elektronische Feuerwerk bei weitem nicht so stark wie wenn die elektronische Kriegsführung der Durchbruchshilfen ordentlich funktionieren würde. Elektronische Kriegsführung ist komplex. Viel komplexer als die Technik der Gefechtsköpfe, vor allem angesichts von elektronischen Gegenmaßnahmen und Gegen-Gegenmaßnahmen.

Railguns und Abfangraketen neutralisieren 80 % der anfliegenden Gefechtsköpfe, obwohl die Hälfte der verteidigenden Feuerkraft durch Täuschungskörper fehlgeleitet wird und zu viele Railguns und Abfangraketen schon beim Start fragmentieren. Dafür funktionieren die Hochgeschwindigkeits-Ausweichmanöver der Angreifer und deren aktive Schutzmechanismen auch nur teilweise. 10 % kommen durch die eigenen Ausweichmanöver vom Kurs ab. Defizite und Funktionsausfälle auf beiden Seiten kompensieren sich im Wesentlichen. 40 Gefechtsköpfe kommen durch.

Phase drei ist die Punktverteidigung durch Laser auf den letzten 50 Kilometern. Die Laser neutralisieren die Hälfte der verbliebenen Sprengköpfe. Weitere 30 % werden durch die verfrühte Detonation eines einzelnen Sprengkopfs eliminiert. Von den 14 zünden nur 10, davon zwei über dem offenen Meer nach einem misslungenen Ausweichmanöver nur Sekunden vor dem Aufschlag. Bandung und Medan werden von insgesamt acht Antimaterie-Sprengköpfen mit einigen Megatonnen Sprengkraft getroffen. Jakarta bleibt von einem direkten Treffer verschont, wird aber durch die Explosionen in Bandung in Mitleidenschaft gezogen. Jakarta, Bandung und Bogor bilden zusammen den West-Java Jakarta Megaplex.

Die Rebellen der Shackleton-Region auf dem Mond müssen die Zerstörung ihrer Heimat mitansehen, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Die militärische Situation auf dem Mond wird hoffnungslos. Die anderen Beschützer des Mondes rücken weiter vor. Inzwischen ist für die Angreifer auch Verstärkung von der Venus unterwegs. In ihrer Verzweiflung verwenden die Rebellen die letzten Langstreckenkapazitäten auf militärische Anlagen und Beschützerpaläste bei L5 und im Erdorbit. Dann werden sie innerhalb von wenigen Tagen überrannt. Auch deshalb, weil sich manche der Verteidiger in ihr Schicksal fügen. Es gibt keine Überlebenden.

Einen Monat später macht Terrax seine Drohung gegen die Heimatstädte von Söldnern wahr. Alle Heimatstädte von rebellierenden Truppenkontingenten werden angegriffen. Gegen die schnellen Projektile kinetischer Schläge ist das irdische Verteidigungssystem fast wirkungslos. Die Metropolregionen von Jakarta, Singapur, Tokio, Shanghai, Istanbul, Lima, Kairo, Paris, Chicago, Boston und Kinshasa werden ausgelöscht durch tausende bis zu 100 km/s schnelle Projektile, jedes mit einer nichtnuklearen Sprengkraft von 10 Kilotonnen TNT.

Die meisten der betroffenen Städte wurden (teilweise) evakuiert. In den 5 Wochen seit Beginn des Aufstands konnten weltweit 140 Millionen Menschen in Sicherheit gebracht werden. 70 Millionen wurden aus Städten evakuiert, die nicht angegriffen werden. Der Angriff auf Tokio, Chicago und Kinshasa kommt überraschend. Dort wurde nicht evakuiert. Insgesamt gibt es 85 Millionen Todesopfer. Die Hälfte davon in nicht evakuierten Regionen.

Fast alle Opfer sind final. Neben den Evakuierungen wurden weltweit auch 30 Millionen Backups angefertigt. Davon werden letztlich 5 Millionen benötigt, die meisten aber mangels Hardware nie physisch reaktiviert. Einige leben als Simulationen weiter. Der Großteil der Backups wird im Lauf der Zeit aus Kostengründen gelöscht.

#Aufstand #Krieg #Aliens

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2969 1000-jähriges Jubiläum der ersten Mondlandung

Den tausendsten Jahrestag der ersten Mondlandung hatten sich die Menschen anders vorgestellt.

Das 500. Jubiläum war ein großes Fest im ganzen Sonnensystem gewesen. Kurz zuvor war zum ersten Mal ein Schiff (effektiv) schneller als das Licht geflogen. Die interplanetare Zivilisation im Solsystem wuchs rasant und war im Begriff interstellar zu expandieren. Die Menschheit feierte damals ihre Errungenschaften. Es herrschte Aufbruchstimmung.

Aber im Jahr 1000 "nach Tranquility" ist alles anders. Es gibt keine Feiern und keine Aufbruchstimmung. Nichts ist wie es sein soll. Das Sonnensystem ist sein 70 Jahren besetzt. Erst kamen Leccianer-Horden, dann Rog-Ozar, dann Dellianer. Die solare Wirtschaft ist zusammengebrochen, geschwächt durch Misswirtschaft und ausgeblutet durch aufgezwungene interstellare Kriege. Die Verhältnisse haben sich umgedreht. Noch vor 75 Jahren beschäftigten solare Mächte die Neo-Barbaren als Söldner. Jetzt ist solare Menschheit selbst ein Hilfsvolk von Barbarenstämmen. Sie muss deren Kriege führen und die Mittel für die luxuriöse Lebensweise der Besatzer aufbringen.

Die Besatzer dominieren die Orbits der Planeten und die hohe Atmosphäre der Venus. Dort gibt es noch weitgehend funktionierende Technologie. Automatische Reparatursysteme halten viele technische Anlagen am Laufen und menschliche Sklaven kümmern sich um die dafür nötige Infrastruktur. Technisches Wissen ist gefragt im Orbit. Ohne technische Ausbildung ist man nichts. Aber mit, auch nicht viel. Alle Menschen sind Leibeigene irgendeines Herrschers. Die Menschen halten im Auftrag ihrer Eigentümer technische Systeme so gut wie möglich im Betrieb. Aber es gibt keine Weiterentwicklung und kein Wachstum. Im Gegenteil: die Fremdherrscher zehren von den Resten der einst blühenden interplanetaren Ökonomie. Der Wirtschaftsleistung des gesamten Systems ist von ihrem Höchststand auf ein Dreißigstel gesunken, auf nur 3,5 Prozent der ursprünglichen Wirtschaftsleistung. Und da die Erde isoliert ist, können die neuen Herren nur ein Drittel davon nutzen. Sie leben von einem Prozent der vorherigen Produktivität.

Nicht nur der Umfang der solaren Ökonomie ist dramatisch gesunken, sondern auch die Fähigkeiten. Teure Hochtechnologie ist nicht mehr verfügbar. Während der letzten Hochkonjunkturphase bauten solare Werften jedes Jahr Tausende Schiffe mit den modernsten Antrieben des Sektors und bis zu 6000-facher Lichtgeschwindigkeit (effektiv). Jetzt werden nur wenige Schiffe gebaut, meistens mit wiederverwendeten Teilen von ausgeschlachteten Einheiten. Moderne Antriebstechnologie wird nicht mehr hergestellt. Dafür benötigt man eine leistungsfähige industrielle Basis, die höchste Präzision liefern kann. Raumkrümmer-Antriebe sind sehr komplexe Maschinen. Sie basieren auf einer weitverzweigten Lieferkette von spezialisierten Unternehmen. Hochreine Rohstoffe müssen zu nanostrukturierten Metamaterialien verarbeitet werden, die dann zu Geräteteilen geformt und auf Picometer genau ausgerichtet werden. Die Anlagen müssen auch bei Terawatt Leistungsaufnahme ihre ideale Konfiguration behalten. Nur dann erreicht man so hohe (scheinbare) Geschwindigkeiten. Aber die wenigen noch aktiven Werften beherrschen diese Technologie nicht mehr. Was sie herstellen können, reicht nur noch für 500-fache Lichtgeschwindigkeit.

500-fache Lichtgeschwindigkeit: das war 1000 Jahre zuvor Utopie und vor 500 Jahren nur eine Theorie. Die Technologie ist immer noch viel höher entwickelt, als zur 500-Jahrfeier. Aber sie ist im Niedergang. Was jetzt benutzt wird, wurde vor mindestens 50 Jahren hergestellt. Die Infrastruktur wird immer älter. Sie wird automatisch gewartet. Aber wenn komplexe Produktionsanlagen ausfallen, dann genügen nicht immer KI-gesteuerte Wartungsbots. Für manche Reparatur bräuchte man die technischen Fähigkeiten der Originalhersteller oder Dienstleister mit entsprechendem Know-how. Die gibt es nicht mehr. Autofabs und Wartungsbots können die Alltagstechnik am Laufen halten. Aber für High-Tech fehlt die vernetzte hochspezialisierte Ökonomie.

Vor der Eroberung war die Erde der Mittelpunkt des Sonnensystems. Die solare Menschheit war noch neu auf der interstellaren Bühne. Die interplanetare Zivilisation war noch im Aufbau. Im Gegensatz zu älteren Zivilisationen, bei denen der größte Teil interplanetar ist, lebten noch immer die meisten Menschen auf der Planetenoberfläche. Moderne Technologie und fast unbeschränkte Energie ermöglichten eine Bevölkerung von zig Milliarden. Aber aus Sicht der Eroberer war die Erde ein Risiko. Tausend Megastädte, manche ein Meer von Gebäuden bis in die Stratosphäre, andere kilometertief eingegraben. Tausende Kilometer weit schwimmende Habitate auf den Ozeanen und Millionenstädte tief unter der Wasseroberfläche. Ein unübersehbares Gewirr von Kulturen, Ethnien und Motiven. Ein unkontrollierbares Chaos und viel zu viele Menschen.

Der interplanetare Teil der Zivilisation war viel leichter beherrschbar. In den Orbits von Erde, Venus, Mars und den äußeren Planeten lebten nur etwas mehr als eine Milliarde Menschen (einschließlich Mechs, Androiden, Uploads, autonome KI). Dort sind die Menschen von funktionierender Technik abhängig. Lebenserhaltende Technik ist zwar viel einfacher und belastbarer geworden in 1000 Jahren interplanetarer Raumfahrt. Vieles passiert automatisch. Ausrüstung wird in Autofabs billig produziert, Mikrobots warten und reinigen die Anlagen. Flexible Feldschirme schützen vor dem Vakuum. KI steuert alles und sorgt dafür, dass Menschen im Orbit fast so sorgenlos leben können, wie auf der Erde. Trotzdem ist es im Orbit viel einfacher, lebenserhaltende Technik abzuschalten oder zumindest damit zu drohen. Schon für die Atemluft braucht man viel Technik. Wenn man in einzelnen Segmenten einer Raumstation die Lebenserhaltung abschaltet, kann man jeden Aufstand im Keim ersticken. Orbitale Bevölkerung ist viel einfacher zu kontrollieren. Im Vergleich dazu war die Erde mit ihren vielen Milliarden Menschen für die Eroberer ein unkontrollierbarer Moloch. Die Erde war eine Gefahr. Deshalb wurde sie entschärft und isoliert.

Schon die Leccianer-Horden beschädigten bei ihrem Putsch die planetare Infrastruktur. Die später folgenden Herrscher griffen noch konsequenter durch. Sie kappten die Energielieferung von den sonnennahen Kraftwerken und sie zerstörten gezielt alle großen Fusionskraftwerke. Die Erde muss nun mit viel weniger Energie auskommen. Die Energie war essentiell für den Betrieb der Infrastruktur, die 40 Milliarden Menschen ein komfortables Leben ermöglichte. Nahrungsmittelproduktion in vertikalen Farmen, Transport und Verkehr, Güterproduktion, Zugang zum Orbit, alles benötigt Energie und vieles davon ist jetzt nicht mehr möglich – oder viel schlechter. Die Erde hat immer noch Energie, viel mehr, als vor 1000 Jahren. Auch moderne Technologie und Know-how sind vorhanden. Aber die Mittel sind begrenzt. Es ist nicht mehr Alles für Alle verfügbar. Lebensmittel sind rationiert. Medizin ist teuer. Der Verkehr ist regional und langsam. Waren werden nicht mehr mit 2000 km/h in Vakuumbahnen um den Globus transportiert. Es wird viel weniger hergestellt. Die Versorgung mit Rohstoffen ist zusammengebrochen. Die Erde lebt nun vom Bestand und von dem was über 1000 Jahre weggeworfen wurde. Müllhalden sind die primäre Rohstoffquelle.

Mit dem Energiemangel und dem Ausfall von Technologie ist die Arbeitsproduktivität dramatisch gefallen. In der Folge fielen die Löhne. Gleichzeitig stiegen die Preise, weil alles knapp wurde. Die Menschen auf der Erde sind arm. Die Erde ist nun ein Slum wo viele Milliarden Menschen um das Überleben kämpfen. Die medizinische Situation ist prekär. Es gibt kein Geld für all die Selbstverständlichkeiten moderner Medizin: korrektive Gentechnik, synthetische Biochemie, nichtinvasive Diagnostik, nanobasierte Prolongation, androidale Prothetik. Längst besiegte Krankheiten sind zurückgekehrt. Alterserscheinungen können nicht mehr korrigiert werden. Die Lebenserwartung ist unter 100 Jahre gesunken. Menschen sterben tatsächlich wieder endgültig. Eigentlich ist permanenter Tod genauso bizarr, wie 1000 Jahre zuvor eine Operation ohne Anästhesie oder ein Tod durch Infektion mangels Antibiotika. Das kommt schon vor – in Ausnahmefällen, aber eigentlich kann man etwas dagegen tun. Doch nun gibt es keine High-Tech Medizin mehr für alle. Es gibt auch keine Uploads, keine Backups, keine Reinkarnation als Android oder Simulation. Die Bevölkerung geht zurück – durch natürlichen endgültigen Tod – von mehr als 40 Milliarden auf 15 Milliarden.

Auf der Erde gibt es Widerstandsbewegungen. An Freiwilligen herrscht kein Mangel. So viele Menschen sind verzweifelt und wollen etwas unternehmen. Die Stadtguerillas sind gut ausgerüstet. Sie haben Präzisionswaffen und High-Tech Sprengstoffe. Sie sind körperlich und geistig zu Höchstleistungen fähig. Sie sind das Ergebnis von 1000 Jahren Genoptimierungen und Nanomods. Die meisten haben mehrere parallele Denkvorgänge, Assoziationsbooster, absolute Orientierung, verstärkte Sensorik, beschleunigte Motorik, erhöhten Metabolismus, manche – dank Bullet-Time Upgrade – für kurze Zeit ein beschleunigtes Bewusstsein. Die situationsbewusste KI ihrer Feldanzüge schützt sie im Gefecht durch punktuelle Verstärkung des Schirms. Eine adaptive Nanitenmatrix als Tarnkleidung macht sie auch in der Bewegung fast unsichtbar. Die automatische Zielerfassung der Waffen bekämpft Gegner selbständig, wenn der Auftrag einmal erteilt ist. Schwärme von Mikrobots erkunden und neutralisieren sogar verdeckte Bedrohungen. Jede(r) Einzelne von ihnen könnte es mit einem ganzen Infanteriebataillon vor 1000 Jahren aufnehmen. Sie sind auch den Söldnern der Unterdrücker weit überlegen.

Das Problem ist nur, dass sich die Besatzer nicht zeigen. Dem Widerstand fehlten konkrete Ziele. Sie können nicht in den Orbit gelangen und die Besatzer kommen selten auf die Oberfläche. Die fremden Herrscher des Solsystems haben die Erde abgeschrieben.

Ein Ende ist nicht abzusehen. Es gibt keine Feiern zum tausendjährigen Jubiläum und keine Hoffnung.

#Aliens #Eroberer #interplanetar #Wirtschaft #Technologie #Krise

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3010 Wiederbesiedlung Kisors.

Knapp 80 Jahre nachdem die Kisor-Planeten durch kinetische Bombardierung ausgelöscht wurden, beginnen einige Kisori mit der Wiederbesiedlung der Heimatwelten. Die Planeten sind vollständig verwüstet und vereist. Der Neuanfang ist schwer. Viele Fraktionen, auch von außerhalb des Systems, sind an dem Projekt beteiligt. Sie haben ein gemeinsames Ziel: die Wiederbesiedlung. Aber gleichzeitig konkurrieren alle um die besten Plätze auf den neu gestalteten Planeten. Und manche wenden dabei auch offen oder verdeckt Gewalt an.

Kisor hatte traditionell sehr wenige interplanetare Siedlungen und interstellare Kolonien. Die Bevölkerung im Kisor-System konzentrierte sich auf die zwei Planeten. Nur zwei Prozent der Kisori lebte im interplanetaren Raum. Bei den meisten hochentwickelten Völkern ist ein großer Teil der Zivilisation interplanetar und die Bevölkerung lebt in künstlichen Habitaten. Auch Kisor hatte interplanetare Infrastruktur. Es gab Ressourceextraktion in den Asteroidengürteln und bei den Gasriesen, Energiegewinnung in sonnennahen Orbits, massive orbitale Fabriken und natürlich die gigantischen Frachtterminals der kisorischen Gilden. Aber ein Großteil der interplanetaren Infrastruktur war automatisiert. Der Automatisierungsgrad war höher als bei vergleichbaren Völkern.

Nur die Handelsgilden hatten einst signifikantes interplanetares und interstellar aktives Personal. Aber die große Zeit der Gilden endete um 2800 mit dem Niedergang des interstellaren Handels. Interstellare Außenposten waren zur Zeit der Gilden fast ausschließlich funktional organisiert. Die Kisori dort betrachteten sich als temporär abgeordnete Vertreter der Heimatwelten und nicht als Siedler. Dementsprechend gering war die Bevölkerung und sie nahm mit dem Rückgang des Handels immer weiter ab.

Es gibt ein paar alte ehemalige Kolonialsysteme aus der Zeit des goldenen Reiches. Aber deren Besiedlung ist 10.000 Jahren her und die Völker haben sich inzwischen weit auseinanderentwickelt. Diese ehemaligen Kolonien betrachten sich nicht als Kisori. Sie sind nicht interessiert an der Neubesiedlung von zwei unwirtlichen Planeten. Tatsächlich wundern sie sich eher über ihre entfernten Verwandten und deren Fixierung auf die Planetenoberflächen.

Im Fox-System gibt es einen großen kisorischen Bevölkerungsanteil. Fox war 400 Jahre zuvor von Menschen besiedelt worden. Nach Religionskonflikten kamen kisorische Auswanderer dazu: Singulariten, die vor dem auf Kisor dominierenden Alturismus flohen. Im Lauf der Zeit wurde Fox zu einem Sammelpunkt für Singulariten. Auch viele Menschen nahmen den Singularismus an. Während der Fox-Bürgerkriege wurden die Singulariten wieder vertrieben. Sie flohen vom Planeten und siedelten sich im mittleren System der Fox-Gasriesen an. Das war anfangs sehr hart. Aber dann entwickelte sich dort eine lebendige interplanetare Zivilisation von Kisori und Menschen, die durch ihren gemeinsamen Glauben verbunden waren. Während der Fox-Bürgerkriege war das mittlere System vom bewohnbaren Planeten abgeschnitten. Später wurde die Grenze wieder durchlässiger. Aber immer noch gibt es zwei weitgehend getrennte Zivilisationen im System: die interplanetare Gesellschaft der Singulariten im mittleren System und die alturistische Regierung des Fox-Planeten. Die interplanetare Zivilisation hat sich inzwischen mit der Situation arrangiert. Trotzdem bleibt die Sehnsucht nach einem eigenen Planeten. Ein Planet, der für Kisori (und Menschen) geeignet ist. Und Fox ist nicht weit von Kisor entfernt. Einige Singulariten von Fox sehen nun die Chance, die Kisor-Planeten zu besiedeln. Sie stoßen dabei auf die Aktivitäten von Kisori, die die Katastrophe im Kisor-System überlebt haben und auch gerade dabei sind, die Planeten für eine Neubesiedlung vorzubereiten.

Bevor wirklich jemand auf der Planetenoberfläche leben kann, ist viel zu tun. Die Biosphäre der Planeten ist zerstört und es herrscht eine planetare Eiszeit. Die kinetische Bombardierung 80 Jahre zuvor wirbelte Tausende Kubikkilometer Staub und Asche in die Stratosphäre. Dort blieben die feinsten Teilchen mehrere Jahre. Sie reduzierten die Sonnenstrahlung auf der Oberfläche und die Planeten kühlten sich ab. Direkt nach der Katastrophe herrschte ein Dämmerlicht in dem die meisten Pflanzen starben und mit ihnen die Tiere. Dann froren die Planeten zu. Die Meere wurden zu Eiswüsten. Als der Himmel wieder aufklarte, waren die Planeten nicht mehr blaugrün, sondern weiß. Wegen der hohen Reflexion von Eis und Schnee kann die Sonnenstrahlung die Oberfläche nicht erwärmen.

Die Planeten haben einen neuen Gleichgewichtszustand bei eisigen Temperaturen eingenommen. Das ist nichts, was eine interplanetare Hochzivilisation nicht beheben könnte. Mit einigen Millionen Quadratkilometern Spiegel im Orbit könnte man die Temperaturen wieder anheben. Aber dem Kisor-System fehlt nun die industrielle Infrastruktur für so ein großes Unternehmen. Im verzweifelten Abwehrkampf vor und während der Katastrophe wurden die orbitale Industrie schwer getroffen. Der planetare Ring ist mangels aktiver Stützung zerbrochen und auf der Oberfläche niedergegangen. Alle interplanetaren Bevölkerungszentren sind zerstört. Die Bewohner waren vorher geflohen, wurden virtualisiert oder getötet. Nur tief eingegrabene Infrastruktur blieb erhalten.

Es gibt noch Außenseiter-Gesellschaften, Survivalisten und Oort-Bewohner, die absichtlich weit entfernt von den stets gefährdeten Planeten lebten und dort weiterhin leben. Sie haben nur ein geringes Interesse, ihre spärlichen Ressourcen nun für die Wiederbesiedlung der Planeten zu verwenden. Auf den Monden der Gasriesen liegen unzählige Zufluchtsstätten in denen Flüchtlinge eingelagert sind. Sie sind eingegraben auf den Eismonden. Ihre Notbesatzung wartet darauf, dass die Infrastruktur wiederhergestellt wird, damit sie die Flüchtlinge wecken können. Aber sie haben selbst keine Mittel für einen Neuanfang.

Die Wiederbesiedlung wird vor allem getragen von den wenigen interplanetaren Außenposten, die die Katastrophe überstanden haben. Einige interstellare militärischen Stützpunkte leisten wichtige Beträge.

Unabhängig davon wächst unter den Singulariten von Fox die Rückkehrbewegung. Die Singulariten sehen die einmalige Gelegenheit, Kisor unter dem Banner des Singularismus wiederaufzubauen und den Alturismus endgültig zu überwinden. Die wenigen Überlebenden (Alturisten) des Kisorsystems sind davon nicht begeistert. Genauso wenig wie die planetare Fox-Zivilisation, die nicht zusehen will, wie der Singularismus des mittleren Fox-Systems sich nach Kisor ausbreitet.

Auch in der planetaren Fox-Zivilisation gibt es inzwischen Bestrebungen, sich im Kisor System zu engagieren. Es geht vor allem darum, die Kisor Zwillinge dem Einfluss des mittleren Systems zu entziehen. Die Regierung des Fox-Planeten gibt bekannt, dass sie keine Besitzansprüche anerkennt, die sich aus Rettungsoperationen im Kisor-System ergeben. Einige gehen da weiter: im Notfall müsse Fox die Kisor-Planeten durch ein Protektorat vor dem Singularismus schützen.

Unter den Singulariten, die sich jetzt für die kisorische Wiederbesiedlung engagieren, sind auch viele Menschen. Menschen und Kisori haben eine wechselvolle Geschichte. Einst retteten Kisori die Menschen vor den Kelrecs. Dann folgte ein totaler Krieg zwischen Sol und Kisors Gilden, den die Menschen verloren. Nach dem Wiederaufbau waren Sol und Kisor ein Jahrhundert lang Verbündete gegen die Chinti-Schwarmvölker. Als die Chinti-Bedrohung entfiel, wurden aus Freunden Feinde. Der zweite Kisor-Krieg endete mit der vollständigen Vernichtung Kisors. Die Verantwortlichen dafür waren zwar Leccianer-Horden. Aber sie kamen von Sol und viele Schiffe hatten menschliche Besatzungen. Die Beziehungen zwischen Menschen und Kisori sind schwierig. Die Menschen unter den Singulariten hoffen jetzt im Rahmen der Wiederbesiedlung Einfluss auf Kisor zu bekommen. Das gefällt vielen kisorischen Singulariten nicht. Und schon gar nicht den lokalen Kisori, die 80 Jahre zuvor gegen solare Schiffe gekämpft und alles verloren hatten.

Das mittlere System von Fox ist einigermaßen wohlhabend. Jedenfalls viel wohlhabender als die Überlebenden des Kisor-Systems. Bei den Fox-Gasriesen gibt es viele Milliarden Sophonten und eine breite industrielle Basis. Aus der Rückkehrbewegung heraus werden mehrere Konsortien aktiv. Sie transportieren Megatonnen Material nach Kisor. Sie schaffen die industrielle Basis mit der man das Klima der Planeten korrigieren kann. Die Planeten müssen aufgetaut werden durch zusätzliche Sonnenenergie und einen künstlichen Treibhauseffekt.

Kisor Beta ist dafür besser geeignet als Alpha. Beta steht näher an der Sonne und ist deshalb noch etwas wärmer. Die Durchschnittstemperatur von Beta ist auch unter dem Gefrierpunkt von Wasser, aber am Äquator gibt es immerhin noch flüssiges Wasser. Und Beta hat einen großen Mond auf dem man Aluminium für Sonnenspiegel gewinnen kann.

Die Aktivitäten konzentrieren sich auf Kisor Beta. Wie Alpha wurde auch Beta einst künstlich bewohnbar gemacht. Bei Alpha waren es Unbekannte vor Millionen Jahren. Beta wurde von den Kisori selbst während des ersten kisorischen Reiches vor 14.000 Jahren ökoformiert. Jahrtausende später waren beide Planeten dicht besiedelt, hochentwickelt und gleichberechtigt. Trotzdem war Alpha der Ursprung und Beta die Kolonie. Das ließen die Einwohner Alphas ihre Brüder und Schwestern auf Beta nicht vergessen. Im kisorischen Mittelalter schrumpfte der Genpool auf Alpha zeitweise auf nur 10.000 Individuen. Reinrassige Alpha-Abkömmlinge sind heute an ihrem Aussehen deutlich erkennbar. Die besonderen Eigenschaften der Alpha-Genlinie gelten als aristokratisch – oder als dekadent, je nach Sichtweise. Beta kam schneller aus dem Mittelalter, entwickelte wieder interplanetare Raumfahrt und half Alpha beim Wiederaufbau. Seit damals gibt es eine freundschaftliche Konkurrenz zwischen Alpha, dem Ursprung des Volkes und Beta, der überlegenen Kolonie. Das Verhältnis wurde etwa 120 Jahre vor der Katastrophe sehr angespannt. Nationalistische Bewegungen gewannen damals die Oberhand auf Beta und schließlich annektierte die – damalige – diktatorische Regierung Betas die – zu dieser Zeit unabhängigen – Regionalstaaten Alphas. Aufgrund dieser Historie gibt es immer noch viele Vorbehalte. Die technisch vernünftige Entscheidung, sich zuerst auf Beta zu konzentrieren, wird von den lokalen Alpha-Kisori abgelehnt. Kisori von Alpha werden viel länger auf ihre Heimat warten müssen und es besteht die Gefahr, dass Beta einen uneinholbaren Entwicklungsvorsprung erhält. Viele Alpha-Kisori befürchten, dass Beta ihre Heimat dann wieder unterdrücken könnte, wie vor 200 Jahren. Sie beteiligen sich nicht an der Rücktransformation Betas, denn das ist nicht ihre Heimat. Manche versuchen die Aktivitäten für Beta zu verzögern. Einige auch mit Gewalt.

Für eine kleine Gruppe fundamentalistische Alturisten (Nur Altur) ist die Wiederbesiedlung ein Frevel. Sie wehren sich vor allem durch Propaganda, mit orbitalen Sendern und mit kilometergroßen Warnschildern im Orbit und auf dem Eis. Die "Spinner" von Nur Altur werden von den anderen Fraktionen nicht ernst genommen. Bis sie 3075 durch Sabotage das Projekt um Jahrzehnte zurückwerfen.

Die lokalen Kisori nehmen mit ihren bescheidenen Mitteln erste Erkundungen vor. Sie gründen kleine Stützpunkte auf der Planetenoberfläche und versuchen den Umfang der Aufgabe abzuschätzen.

Währenddessen beginnen Konsortien von Fox mit der Ressourceextraktion in den Asteroidengürteln und auf dem großen Mond von Kisor Beta. Sie bringen industrielle Autofabs heran und bereiten die Produktion von gigantischen orbitalen Spiegeln vor. Mit Ketten von Antimaterieexplosionen im kt Bereich werden Dämme aufgeschüttet, um Schmelzwasser zu kanalisieren. Megatonnen-Explosionen verteilen Wasserdampf in der Atmosphäre. Andere züchten biologische Prototypen. Sie suchen Genmaterial für Hunderttausende Spezies in Datenbanken und Reservaten. Die zukünftige Ökologie der Planeten wird simuliert. Die ersten Biofabs und Zuchtstationen werden aufgebaut. Später, wenn die Temperaturen sich normalisiert haben, müssen Gigatonnen biologischen Materials hergestellt werden, um die Ökosphäre neu zu starten.

Fast alle Fraktionen haben das gleiche Ziel: die Wiederbesiedlung der zwei Kisor Planeten zu ermöglichen. Sie arbeiten gemeinsam daran,die Planeten zu erwärmen und die Ökologie im globalen Maßstab wiederherzustellen. Gleichzeitig versuchen alle Fraktionen zu verhindern, dass andere zu viel Einfluss gewinnen oder schon in der Eiswüste ihre Claims abstecken.

Die lokalen Kisori sind mit viel Elan und Einsatzbereitschaft dabei. Sie haben den moralischen Anspruch auf die Planeten und individuelle Eigentumsansprüche auf ihrer Seite. Sie wollen ihr Land wiederhaben. Jede Hilfe von außen ist ihnen willkommen. Aber sie beobachten argwöhnisch die anderen Fraktionen. Auch die lokalen Kisori ziehen nicht alle an einem Strang. Sie kommen ursprünglich von verschiedenen Regionen des Planeten und auch da gab es schon Rivalitäten. Die ehemaligen Bewohner nördlicher Gebiete, die vorher das milde Klima des warmen Planeten genossen haben, würden sich jetzt gerne, wie alle anderen auch, in Äquatornähe niederlassen, da nun dort das mildeste Klima herrscht. Auch die lokalen Kisori konkurrieren um die besten Grundstücke.

Die Konsortien des mittleren Fox-Systems arbeiten mit großem Materialeinsatz. Sie tragen die Hauptlast der Regeneration und daraus leiten Sie den Anspruch ab, sich später niederlassen zu dürfen. Sie gehen manchmal sehr bestimmt vor, wenn sie das Gefühl haben, dass lokale Kisori mit ihren "vernachlässigbaren" Operationen im Weg sind. Auf der anderen Seite stellen lokale Kisori auch mal absichtlich eine kleine Forschungsstation in ein Operationsgebiet, um zu verhindern, dass sich die Ansprüche der systemfremden Akteure verfestigen.

Die alturistische Regierung des Fox-Planeten etabliert als Forschungsstationen verkleidete Stützpunkte, und versucht die Oberflächenaktivitäten der Singulariten einzudämmen. Sie unterstützt die lokalen Kisori aus Glaubensgründen und um den Einfluss der Fox-Konsortien einzugrenzen. Die lokalen Kisori nehmen die Hilfe gerne an. Sie bleiben dabei aber misstrauisch. Schließlich ist auch die Fox-Regierung eine fremde Macht.

Die Planeten sind im Ödland, 500 Millionen Quadratkilometer Eiswüste. Es gibt keine globale Überwachung, keine staatlichen Strukturen. Eis-Blizzards mit -70 Grad Celsius können Wochen lang wüten. Gleiter gehen verloren. Forschungsstationen werden Opfer von Naturgewalten – und Sabotage. Unfälle passieren immer wieder. Im Notfall ist die nächste Unterstützung oft 2000 Kilometer entfernt und meistens die falsche Fraktion. Hilfe aus dem Orbit ist kaum möglich. Es gibt keine Massenstartsysteme mehr. Einst gab es einen orbitalen Ring mit aktiver Unterstützung und vielen Aufzügen, elektromagnetische Starter und orbitale Transferschleifen. Nun müssen Fähren per Hitzeschild landen und auf einer Fusionsflamme starten. Ein riesiger Aufwand.

Es wird mindestens 70 Jahre dauern, die Temperatur auf einen erträglichen Wert anzuheben, 100 Jahre bis sich die Wettermuster stabilisieren und 200 Jahre bis die Ökosphäre selbstständig funktioniert.

Beteiligte Fraktionen beim Projekt Beta Wiederbesiedlung:

- Beta-stämmige Überlebende der Katastrophe: aktiv, kooperativ (kleiner Mitteleinsatz).

- Alpha-stämmige Überlebende: grundsätzlich ablehnend, Verweigerung, Obstruktion, Sabotage, manche kooperativ (sehr geringer Mitteleinsatz).

- Lokale Außenseiter, Survivalisten und Oort-Bewohner: grundsätzlich gleichgültig, wenige positiv und kooperativ (sehr geringer Mitteleinsatz).

- "Nur Altur" Extremisten: entschiedene Ablehnung (sehr geringe Mittel nur zur Obstruktion).

- Manager und Flüchtlinge der Zufluchtsstätten: positiv passiv (kein Mitteleinsatz).

- Fox-Konsortien: sehr aktiv (hoher Mitteleinsatz).

- Planetare Fox-Regierung: ablehnend passiv (kleiner Mitteleinsatz für eigene Ziele).

Konflikte:

- Beta-stämmige Überlebende streiten untereinander um Gebietsansprüche. Dabei kommt es zu Gewaltanwendung auf der Planetenoberfläche, im Orbit Betas und im ganzen System auch gegen die Heimatstützpunkte einiger Akteure.

- Alpha-stämmige Überlebende versuchen das Projekt zu verhindern oder hinauszuzögern, im offenen Konflikt mit Beta-stämmigen und im Verborgenen gegen Fox-Konsortien.

- Einige lokale Überlebende betrachten die Passivität lokaler Außenseiter, die ihre Mittel nicht zur Verfügung stellen wollen, als Sabotage und gehen gegen diese vor, um ein Exempel zu statuieren.

- "Nur Altur" Extremisten wenden sich gegen alle aktiven Fraktionen durch lautstarke Propaganda und geheime Vorbereitung von Sabotageaktionen.

- "Nur Altur" und die planetare Fox-Regierung konspirieren trotz der Vorbehalte gegen Systemfremde auf der einen Seite und Missbehagen wegen Extremismus (bei gleichem Glauben) auf der anderen Seite.

- Die planetare Fox-Regierung unterstützt die lokalen Überlebenden, versucht aber gleichzeitig das Projekt zu schwächen, um die Fox-Konsortien zu behindern.

- Fraktionen der lokalen Überlebenden misstrauen zurecht den Motiven der Fox-Regierung, nehmen aber deren Hilfe an.

- Einige Fox-Konsortien missachten die Aktivitäten der lokalen Fraktionen und beschädigen diese aus Rücksichtslosigkeit und um Gebietsansprüche durchzusetzen.

- Moderate Konsortien lehnen Gewalt ab und befürchten eine Eskalation. Sie versuchen rücksichtslose Aktionen radikalerer Konsortien zu verhindern.

- Lokale Fraktionen fürchten Gebietsansprüche systemfremder Kräfte, vor allem der Fox-Konsortien, und gehen auch gewaltsam dagegen vor.

- Lokale Alturisten versuchen die Ausbreitung des Singularismus im Kisor System zu verhindern. Das erschwert Kooperationen zwischen Fox-Konsortien und den Überlebenden der Katastrophe.

- Die planetare Fox-Regierung versucht die Fox-Konsortien einzudämmen, aus religiösen und machtpolitischen Gründen. Dabei auch Sabotage im Verborgenen.

- Die Fox-Regierung droht mit der Etablierung eines Protektorats, falls die von Singulariten dominierten Konsortien des mittleren Fox-Systems die Kontrolle auf Kisor Beta übernehmen.

- Die Fox-Konsortien gehen im Verborgenen gegen geheime Stützpunkte der Fox-Regierung vor.

- Singulariten (vor allem der Fox-Konsortien) versuchen ein Wiedererstarken des Alturismus im Kisor-System zu verhindern.

- Radikale Vertreter der Rückkehrbewegung aus dem mittleren Fox-System unternehmen geheime Aktionen gegen lokale Fraktionen außerhalb des Projektkontextes im ganzen System.

- Einzelne Singulariten unter den Überlebenden arbeiten für lokale (alturistisch dominierte) Fraktionen und konspirieren insgeheim mit Fox-Konsortien.

- Menschen-dominierte Fox-Konsortien versuchen eigene Gebietsansprüche aufzubauen. Sie stehen in Konkurrenz zu Kisori-dominierten Konsortien.

- Viele Überlebende der Katastrophe lehnen die Beteiligung von Menschen vehement ab. Manche, vor allem Veteranen des letzten Kriegs, greifen zu Gewalt.

- Alle Fox-Konsortien versuchen die besten Gebiete zu beanspruchen und manche gehen dabei energisch gegen andere Konsortien und lokale Fraktionen vor.

- Bei allen Fraktionen gibt es Individuen, die sich zum Wohl des Gesamtprojekts gegen Sabotageaktivitäten ihrer eigenen Organisation wenden und dabei insgeheim mit anderen Fraktionen kooperieren.

- In moderaten Organisation gibt es Individuen, die mit radikalen Kräften konspirieren, um ihre Vorstellungen durchzusetzen.

#Aliens #Ökoforming #Terraforming #Sonnenspiegel #Religion #Konflikt #Sabotage

http://jmp1.de/h3010

3061 Ende der Chinti-Einigungskriege

Einem der letzten beiden dominierenden Schwärme (Krrz) gelingt es, seine Schwarmmarkierungen bei den meisten Schwarmherzen des letzten verbliebenen Konkurrenten (Zchf) zu platzieren. Sofort identifizieren sich die Individuen des jeweiligen Zchf Schwarmherzes mit Krrz und wechseln die Seiten. Damit gehören 70% der Chinti zu Krrz. Einzelne Zchf-Schwarmherzen können noch einige Jahre Widerstand leisten. Bis 3070 übernimmt Krrz einige kleinere Schwärme, die sich bis dahin aus den Auseinandersetzungen der großen Schwärme herausgehalten hatten. Die letzten bekannten Zchf-Schwarmherzen werden bis 3073 assimiliert. Alle Chinti gehören nun zum siegreichen Schwarm. Damit endet eine fast 300 Jahre lange Phase der streitenden Schwärme.

Chinti-Individuen aller Kasten werden mit den genetischen Markierungen des Schwarmherzes geboren. Damit gehören sie zu ihrem Schwarm. Sie werden von anderen erkannt und betrachten sich selbst als Mitglieder des Schwarms. Es ist nicht möglich einen Chinti zu überreden, zu bestechen oder zu bedrohen, um ihn zum Seitenwechsel zu bewegen. Die Loyalität ist nicht erschütterbar. Chinti-Individuen sind genetisch auf die Treue zum Schwarm (bzw. zu Schwarmherz) geprägt.

Diese genetische begründete Treue klingt nach irdischen/solaren Begriffen uneingeschränkt und unveränderbar. Aber in der Chinti-Biologie ist die genetische Struktur von Individuen flexibler. Chinti können Informationen durch genetisch kodierte Transmitterstoffe übertragen. Historisch wurde ein Großteil der permanenten Information genetisch gespeichert. Während die Menschen Schrift und Buchdruck entwickeln mussten, hatten die Chinti schon immer permanente Speichermöglichkeiten auf Gen-Basis fest eingebaut in ihre Biologie. Im modernen Informationszeitalter verwenden natürlich auch die Chinti digitale Speicher für die gigantischen Datenmengen einer modernen Zivilisation. Aber der grundlegende Mechanismus zur Weitergabe genetischer Information bleibt.

Schwarmmarkierungen sind genetisch kodiert. Sie werden mittels Gentransmitter durch die Luft übertragen. Die Chinti-Biologie ist dafür ausgelegt, schon Spuren von Gentransmittern zu erkennen und zu verarbeiten. Deshalb sind Chinti sehr empfänglich für die Schwarmmarkierungen, die von den siegreichen Truppen verbreitet werden. Die neuen Schwarmmarkierungen verbreiten sich rasant im Nervensystem eines Chinti-Individuums. Damit wechselt das Individuum die Schwarmzugehörigkeit. Aus menschlicher Sicht sieht das aus, wie eine Virusinfektion, die sehr schnell verläuft und die Meinungen und Gedanken des Infizierten manipuliert. Für die Chinti ist es der normale Ablauf. So verbreiten sich Informationen und Überzeugungen.

Für die Übertragung ist ein biologischer Kontakt nötig. Deshalb können Chinti sich mit technischen Abschirmungen widersetzen. Feldschirme, Feldanzüge oder einfache luftdichte Schutzanzüge reichen aus. Bei Kämpfen im Weltraum gibt es natürlich keinen Direktkontakt. Chinti-Schiffe kämpfen deshalb bis zum Ende. Sie geben nie auf. Historisch war das ganz anders. Bei archaischen Chinti wurden offene Feldschlachten durch die Übermacht der Schwarmmarkierungen in der Luft entschieden. Sobald eine der konkurrierenden Schwarmmarkierungen überwog, wechselten die Krieger die Seiten. Bei militärischen Konflikten ging es deshalb darum, die Anzahl der gegnerische Krieger zu verringern. Je weniger Krieger überlebten, desto weniger konnten ihre Schwarmmarkierungen verbreiten. Sobald eine Seite genetisch die Oberhand gewann, war die Schlacht entschieden. Die verbliebenen Truppen der unterlegenen Partei mussten nicht gefangengenommen werden, sondern sie schlossen sich dem überlegenen Schwarm an und wurden zu vollwertigen Mitgliedern des Schwarms. Die Windrichtung spielte eine große Rolle für die Taktik. Und der Einsatz von Markierern, eine Chinti-Kaste, die für die Verbreitung von Schwarmmarkierungen spezialisiert ist.

In modernen Auseinandersetzungen zwischen Schwarmherzen sind die (biologischen) Truppen vor fremden Schwarmmarkierungen geschützt. Will man heute einen Chinti-Krieger umdrehen, dann muss man ihn entwaffnen und seinen Schutzanzug entfernen oder seinen Feldschirm deaktivieren. Aber Chinti-Krieger geben nie auf. Es ist nicht leicht sie zu entwaffnen. Im Lauf der Zeit haben die Chinti viele Techniken entwickelt, um abgeschirmte feindliche Krieger zu markieren. Anfangs mit Markierungsbomben, die mit winzigen nicht tödlichen Splittern Schutzanzüge perforierten. Darauf reagierte man mit verstärkten Schutzanzügen und anderen Gegenmaßnahmen. Später kamen Nanobots dazu, die sich durch Panzerungen arbeiten und die Transmitterstoffe gleich mitführen. Zur Abwehr gibt es Nanophagen, Wolken von Verteidigungs-Nanobots, die Krieger einhüllen und vor den Gen-Bots schützen. Das sind die gleichen Techniken wie bei den Menschen mit dem Unterschied, dass die Waffen der Menschen versuchen zu töten oder zumindest auszuschalten, während Chinti versuchen zu markieren und umzudrehen.

Um ein Schwarmherz einzunehmen müssen nicht nur die Chinti-Individuen markiert werden, sondern auch das Schwarmherz. Schwarmherzen sind wesentlich resistenter als Individuen. Sie haben selbst große Mengen an Gentransmittern in den Drüsen wo diese produziert werden. Um ein Schwarmherz zu übernehmen, müssen die Angreifer die vorhandenen Gentransmitter möglichst gut entfernen. Dann versuchen mehrere Markierer die Genhoheit zu erlangen. Wie viele Markierer nötig sind und wie lange das dauert, hängt sehr stark von der Größe des zu übernehmenden Schwarmherzes ab. Man schätzt, dass 10-20 Markierer mehrere Stunden brauchen. Die Angreifer müssen dafür die Verteidiger des Schwarmherzes ausschalten und dann den Bereich sichern. Naturgemäß wird das Schwarmherz besonders gut verteidigt. Es ist einfacher, erst die Truppen der Verteidiger zu übernehmen und dann das unverteidigte Schwarmherz zu bearbeiten. Aber die frühe Einnahme des Schwarmherzes hat einen bedeutenden Vorteil für die Angreifer. Chinti-Individuen wollen die genetische Prägung ihres Schwarmherzes haben. Sobald sie erfahren, dass das Schwarmherz markiert wurde, versuchen sie von sich aus, die neue Genmarkierung zu erhalten. Sie bekommen die genetische Information entweder vom gerade übernommenen Schwarmherz, bei feindlichen Markierern oder einfach indem sie sich der Markierung nicht widersetzen. Mit anderen Worten: sobald das Schwarmherz markiert ist, folgen die Chinti-Krieger und alle anderen Kasten freiwillig.

Beide Strategien können gleichermaßen zum Erfolg führen. Man kann entweder die Truppen des Feindes zu besiegen oder das Schwarmherz einnehmen. Die Kombination der Strategien ergibt eine komplexe taktische Situation. In der Spieltheorie heißt diese Kombination "Symmetrisches Capture the Flag mit Siege Timer" parallel zu einem "Team Deathmatch mit Unit Flip".

#Krieg #Bürgerkrieg #Aliens #Genetik

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2997 Reshumanis erhält einen Versorgungsstützpunkt im Saturnsystem

Reshumanis, die Allianz zur Befreiung des Solsystems von der dellianischen Fremdherrschaft, erhält einen Versorgungsstützpunkt beim Saturn. Rohstoffe und Material für die Aktivitäten im Solsystem können nun lokal beschafft werden und müssen nicht mehr über interstellare Distanzen transportiert werden. Ein wichtiger Schritt für die Rückgewinnung des Solsystems.

-- 2967, 30 Jahre vorher --

Ein Mann geht die Rampe hinunter auf das Dock des Titan-Terminals. Er ist groß, athletisch, charismatisch. Noch ist er ein Niemand. Keiner kennt ihn. Aber das wird sich bald ändern. Er ist Dellianer und er wird in der dellianischen Hierarchie aufsteigen. Dafür wurde er gemacht. Er hat ein Multitasking-Bewusstsein, ein beschleunigtes Nervensystem, Assoziationsbooster, die dellianische Variante des Ninja-Upgrades und genetisch angelegte Genie-Fähigkeiten im Memetik-Bereich. Er ist überzeugend. Er weiß, wie man sich durchsetzt und er wird sich durchsetzen. Er braucht 20 Jahre bis an die Spitze. Dann wird er Satirax, der Protektor des Saturn. Er glaubt, er kommt von den schwebenden Habitaten der Venus. Aber das ist eine eingepflanzte Erinnerung. Tatsächlich kommt er von Valerius, aus einem Spezialprogramm des memetischen Abwehrdienstes von Valerius.

--

Die Tatsache, dass Satirax, der dellianische Protektor des Saturn, den Menschen einen Stützpunkt gewährt, erscheint wie ein Wunder. Diese Öffnung bedroht die Herrschaft der Dellianer im Solsystem. Das weiß Satirax genauso wie der Protektor von Sol auf der Venus und alle anderen Protektorate im System. Aber für die lokalen Protektoren ist die Kontrolle ihres eigenen Machtbereichs wichtiger, als die eher abstrakte dellianische Gesamtherrschaft. Der Vorgang ist die Folge einer religiösen und wirtschaftlichen Entwicklung im äußeren System.

Satirax erhält für die Überlassung des Stützpunkts eine Pacht und für Ressourcenextraktionsrechte technische Unterstützung der Reshumanis und einen Anteil an den gewonnenen Rohstoffen. Für den Protektor des Saturn ist der Handel dringend nötig, denn das Protektorat Saturn ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die nach der Eroberung übernommene Infrastruktur ist nun gut 200 Jahre alt und schlecht gewartet. Ausrüstung, die auf dem Höhepunkt der Barbarenwelle geplündert wurde, ist sogar über 300 Jahre alt. Obwohl Autofabs und Reparaturschwärme sehr lange selbständig laufen können, macht sich der Verschleiß inzwischen bemerkbar. Gleichzeitig befindet sich die Bevölkerung im Niedergang. Es gibt nicht genügend Fachkräfte unter den menschlichen Sklaven und autonomen Mechs, um alle Anlagen manuell zu warten oder zumindest Wartungsbots in Betrieb zu halten. Der Niedergang der Wirtschaft reduziert das interplanetare Handelsvolumen zwischen äußerem und innerem System. Luxusgüter aus dem inneren System sind für den Saturn inzwischen unbezahlbar.

Die Schwierigkeiten des Saturn werden verstärkt durch ein religiös motiviertes Embargo der anderen äußeren Protektorate. Um das Jahr 2990 war Satirax mit seinem Hofstaat vom speziellen Uthoismus zum allgemeinen Uthoismus übergetreten. Einige Lehren des allgemeinen Uthoismus gelten den Anhängern des speziellen Uthoismus als Frevel. Aus der Sicht des speziellen Uthoismus sind die Allgemeinen schlimmer als Ungläubige, denn sie ignorieren nicht nur die Lehre des Uthoismus sondern sabotieren diese.

Kern des Uthoismus (Hindi, "sich erheben") ist die These, dass das Leben ein Auftrag des Universums ist, nach dem höchsten Glück zu streben. Mit dem Erreichen des perfekten Glückszustands kann das Individuum seine weltliche Hülle verlassen und zum transzendenten Wesen im Einklang mit dem Universum werden. Bürger in wohlhabenden Zivilisationen – und die Mächtigen in allen anderen technisch hochentwickelten Gesellschaften – sind im Wesentlichen unsterblich. Sie leben sehr lange in biologischen Körpern, später mit künstlichen Organen und technischer Unterstützung und schließlich als Uploads in Androidenkörpern oder in Simulationen. Der Tod ist eher ungewöhnlich. Das schadet der Attraktivität von ewigem Leben und Wiedergeburt nach dem Tod. Stattdessen wird in vielen Religionen eher ein besonders bemerkenswertes Ende nach einem langen guten Leben angestrebt. Das gilt auch für den Uthoismus, wo die Gläubigen das Ziel haben, nach einem langen glücklichen Leben auf dem Höhepunkt des Glücks mit dem Universum eins zu werden. In der Praxis werden zur Erreichung des transzendenten Zustands oft technische und biochemische Hilfsmittel verwendet.

Orthodoxe Uthoisten lehnen solche Hilfsmittel ab. Sie versuchen durch ihren gesellschaftlichen Status und die damit verbundene Macht glücklich zu werden. Dafür streben sie die höchsten Ebenen der dellianischen Hierarchie an. Sie vertreten den speziellen Uthoismus bei dem nur die Besten und Mächtigsten den höchsten Zustand erreichen. Orthodoxe Uthoisten sind oft sehr machtbesessen, rücksichtslos und erfolgreich. Für die Gläubigen des speziellen Uthoismus ist das Glück ein Nullsummenspiel. Andere müssen verlieren, damit sie gewinnen können. Deshalb ist es nur einer geringen Anzahl Individuen vergönnt, den transzendenten Zustand zu erreichen. Da Glück und Reichtum korreliert sind, haben die Mächtigen die besten Chancen. Daraus leiten die Mächtigen einen größeren Anspruch ab und im Umkehrschluss keinen Anspruch auf Transzendenz – und Glück – für niedrigere Ränge und Sklaven.

Im allgemeinen Uthoismus ist das Glück dagegen unbeschränkt und jeder Sophont kann die Transzendenz anstreben. Nach dem allgemeinen Uthoismus gilt das auch für Sklaven, obwohl deren Weg offensichtlich weiter und schwerer ist. Anhänger des allgemeinen Uthoismus werden von den Speziellen gehasst und verfolgt, da die Speziellen der Meinung sind, dass die Allgemeinen ihre Chancen auf Transzendenz verringern.

Unter Dellianern dominiert der spezielle Uthoismus. Viele Spezielle bemühen sich, ihre eigenen Chancen zu verbessern, indem sie andere am Glück hindern. Besonders menschliche Sklaven, aber auch niedrige dellianische Ränge werden schlecht behandelt oder sogar misshandelt, um deren Glückspfad zu erschweren. Jede Ebene der dellianischen Hierarchie im Solsystem versucht die untergeordnete Ebene zu unterdrücken. Auch viele Sklaven haben den Uthoismus angenommen oder handeln zumindest entsprechend, um nicht aufzufallen. Dadurch zieht sich die Praxis der Misshandlung von Untergebenen bis in die Ränge der Sklaven. Uthoismus ist nicht nur eine Religion, sondern auch ein effizientes Unterdrückungsinstrument.

Mit dem Übertritt zum allgemeinen Uthoismus verrät Satirax aus Sicht der dellianischen Mehrheit den Uthoismus. Unter der Herrschaft von Satirax dürfen sich alle Sophonten auf den Glückspfad begeben, auch wenn der Weg für die Sklaven sehr schwierig ist. Für orthodoxe Uthoisten verringern sich dadurch ihre Chancen auf Transzendenz. Sie bekämpfen deshalb Allgemeine wie Satirax. Mit dem Embargo gegen das Saturn-Protektorat versuchen die anderen Protektoren, Satirax in die Knie zu zwingen, um wieder einen Rechtgläubigen als Protektor des Saturn einzusetzen. In der Not öffnet Satirax sein Protektorat für die interstellare Reshumanis. Ein wichtiger Schritt für die Rückgewinnung des Solsystems.

-- 2987, 10 Jahre vorher  --

Eine Frau geht die Rampe hinunter. Sie ist schön, atemberaubend schön, nicht für Menschen, aber für Dellianer. Für Dellianer ist sie eine Göttin. Und sie ist intelligent, aufmerksam, unterhaltsam, zurückhaltend, manchmal ausgelassen und wild. Sie ist das personifizierte dellianische Schönheitsideal. Das Ergebnis von 200 Jahren Optimierung, von Simulationen, Tests und Iterationen. Die ursprüngliche Genvorlage basiert auf Jahrtausenden natürlicher Selektion in den Palästen von Dellia, lange bevor Dellianer interianische Raumschiffe bestiegen, um den Sektor zu erobern. In den Labors von HR-Technologies auf Valerius wurde ihre Genlinie für den Auftrag präpariert. Moderne solare Gensynthese angewendet auf die dellianische Biologie. Die Genlinie – ihr dellianischer Name bedeutet Andromeda, nach unserer Nachbargalaxie – war schon lange ein Ideal. Auf Valerius bekam sie zusätzliche Empathiebooster, Intelligenz-Upgrades und die genetische Programmierung, ihren Auftrag zu lieben. Sie wurde mit den modernsten Methoden ausgebildet und ist an planmäßig gestellten Herausforderungen zu einem selbstbewussten Charakter herangewachsen. Ein wichtiger Teil ihres Lebens war immer der Glaube an das Glück für alle Wesen. Sie wurde erzogen im Glauben, dass alle eine Chance haben sollen sich zu erheben und mit dem Universum eins zu werden. Sie ist das Endprodukt einer langen Reihe von Optimierungen, in der Genvorlage und in den prägenden Erlebnissen ihrer Jugend. Sie ist perfekt, perfekt gemacht. Perfekt für eine Person: den Protektor des Saturn. Sie ist das Geschenk eines Marui-Handelsfürsten für den Herrscher des Saturnsystems. Ihr Auftrag: Satirax vom wahren Glauben zu überzeugen.

--

Valerius war schon früh immer wieder von Barbarenüberfällen betroffen. Die Angreifer kamen mit automatischen Waffensystemen, die sie aus imperialen Depots entwendet hatten. Die Heimatverteidigung von Valerius hatte keine Chance. Deshalb waren einige Leute auf Valerius der Meinung, dass man nicht bei der Technik, sondern bei den Besatzungen der Raumschiffe ansetzen müsste, vielleicht sogar bei ihren Anführern. Das Spartakus-Projekt sollte die hochentwickelte solare Gentechnologie für Alien-Biologie nutzbar machen. Vor allem für Dellianer und andere Völker aus den Badlands. Es sollte Genvorlagen entwickeln und optimierte Individuen herstellen. Nicht alle waren davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, den Dellianern perfekte Anführer zu geben. Aber wenn man etwas so gut kennt, dass man es perfektionieren kann, dann kennt man auch seine Schwachstellen. Und die Produkte des Spartakus-Projekts haben eine Schwachstelle: eine genetisch eingestellte Neigung zu Andromedas.

#Religion #Wirtschaft #Besatzung #interplanetar

http://jmp1.de/h2997

2135 SCALE: Beginn eines großangelegten Programms gegen die Erderwärmung durch Reduzierung der Sonnenstrahlung auf die Erde

Der Name SCALE steht für "Solar Constant Adjustment at the Lagrangian point of Earth", ein Sonnenschirm zwischen Sonne und Erde.

Es gibt fünf Lagrange Punkte an denen sich die Schwerkraft von Sonne und Erde aufheben. Einer davon, der L1 Punkt, liegt genau zwischen Sonne und Erde in 1,5 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde. Objekte bleiben dort auch ohne Antrieb für lange Zeit am selben Ort.

Im Rahmen des SCALE Programms werden am L1 Punkt riesige Schattenblenden aus Aluminiumfolie aufgespannt. Im Lauf von 15 Jahren entsteht eine Fläche von drei Millionen Quadratkilometern. Das sind etwa zwei Prozent der Fläche der Erde von der Sonne aus gesehen. Damit kann man die Sonneneinstrahlung auf die Erde um zwei Prozent reduzieren und das reicht, um die globale Temperatur ein paar Grad abzusenken.

---- EVA (Extra Vehicular Activity) Außeneinsatz ----

Gleißendes Sonnenlicht. Dunkelheit. Dann regelt sich das adaptive Visier langsam ein. Ich sehe wieder was. Auch wenn alles gerade hinter dem Nachbild verschwindet, das die Sonne auf meiner Retina hinterlassen hat. Die Transparenzsteuerung des Visiers hat wieder zu langsam reagiert. Ich muss echt mal den Controller checken. Und ich sollte endlich lernen, nicht genau in Richtung Sonne zu sehen, wenn sich die Luke öffnet. Anfängerfehler. So kann ich nicht raus. Kurz warten, bis sich die Augen beruhigt haben.

"Chrzz" meldet sich die Audioverbindung, "Jomo, was ist los?". "Augen anpassen", antworte ich in der Hoffnung, dass mein kleines Missgeschick nicht auffällt. "Aha" kommt es von der anderen Seite, "du musst echt mal den Controller checken". Tja, meiner Einsatzleiterin Kuki Nguya entgeht nichts. Ist ja auch gut so. Also dann los.

Ich hangle mich am Handlauf vorwärts und gleite durch die Luke nach draußen. Nach einer Drehung habe ich wieder einmal die größte Wand des Sonnensystems vor mir. Wir sind am Habitat III, ein paar Kilometer vor den Schattenblenden auf der Sonnenseite. In alle Richtungen breiten sich die Blenden aus, über tausende Kilometer. Ein majestätischer Anblick. Der Beweis, dass die Menschen nicht aufgeben, dass es immer eine Lösung gibt. Auch für globale Probleme, wie die Erderwärmung. Ein Triumph menschlicher Ingenieurskunst. Ich bin ein bisschen stolz hier oben dabei zu sein. Zugegeben, fast alle, die im Orbit arbeiten, sind dabei, weil SCALE so viele Leute braucht, sogar EVA-Noobs wie mich. Trotzdem cool...

"Chrzz, dir ist klar, dass da unten der Betrieb steht". "Klar, bin unterwegs" antworte ich.

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SCALE reduziert die Sonnenstrahlung ohne Schatten zu werfen. Das erreicht man durch eine filigrane Strukturierung der Flächen und durch absichtlich herbeigeführte Beugungseffekte an den Rändern. Speziell achtet man darauf, dass kein Schlagschatten entsteht, damit auf der Erde nicht plötzlich mitten am Tag die Sonne verschwindet, wie bei einer Sonnenfinsterns. Die Gitter sind beweglich und steuerbar, um gezielt einzelne Regionen der Erde abzuschatten. Durch die aktive Steuerung kann man Hitzewellen abmildern, die Verdunstung über dem Meer verstärken und in trockenen Gebieten für mehr Niederschlag sorgen.

Beim Design wird außerdem darauf geachtet, dass SCALE nicht missbraucht werden kann. Bei der Konstruktion werden Sicherungen eingebaut, um zu verhindern, dass Sonnenstrahlung auf einzelne Stellen fokussiert werden kann. Die maximale regionale Verstärkung der Solarkonstante beträgt 2%. Die maximale Abschwächung der Strahlung 10%.

Die meisten Elemente von SCALE werden in lunaren Fabriken hergestellt. Millionen Tonnen Titan und Aluminium werden dort zu Gitterstrukturen und Folie verarbeitet. Der Rohstoffabbau auf dem Mond wird stark ausgeweitet. Noch auf der Mondoberfläche erzeugen Raffinerien Rohaluminium und Titan. Das Material wird dann in den Mondorbit geschossen und zu SCALE-Elementen weiterverarbeitet. Nach dem Transport zum L1-Punkt entfalten sich die Stabilisierungsgitter. Ferngesteuerte Manipulatoren beschichten die Gitterstrukturen mit sehr dünnen Aluminiumfolien. Einzelne Elemente sind mehrere Quadratkilometer groß und nur wenige hundert Tonnen schwer. Sie müssen in der Schwerelosigkeit nicht viel Gewicht aushalten. Nur der Sonnenwind und der Strahlungsdruck üben Kräfte aus.

Die Flächen wirken wie Lichtsegel. Sie werden deshalb langsam von der Sonne in Richtung Erde gedrückt. Um das auszugleichen, ist die Position von SCALE etwas näher an der Sonne, wo die Schwerkraft der Sonne die der Erde überwiegt und die geringe Anziehung den Lichtsegel-Effekt kompensiert. Die Elemente halten ihre Position selbständig. Sie regeln den Ausgleich zwischen Sonnenanziehung und Strahlungsdruck indem sie einzelne Flächen kippen. Dadurch können sie sogar lateral driften und sich am L1-Punkt seitlich verschieben. Sie können sich zu größeren Gruppen zusammenschließen oder in offener Formation fliegen, je nach geplantem Schattenprofil.

SCALE gibt sehr vielen Menschen und Organisationen im weiten Erdorbit Arbeit. Die gesamte Arbeitskraft im HEO (High Earth Orbit) wird von SCALE in Anspruch genommen. Zeitweise kommt der Ausbau von L4/L5-Kolonien zum Stillstand.

Montagedrohnen leisten die Hauptarbeit. Die Drohnen werden von Ingenieuren aus Montagehubs ferngesteuert. Für die meisten Tätigkeiten brauchen die Drohnen keine menschliche Steuerung. Sie werden für ihre Aufgaben programmiert. Dann arbeiten sie selbständig und senden Fortschrittsberichte und Bilder an die Zentrale. Nur in Ausnahmefällen, bei Problemen oder Unfällen, müssen menschliche Operateure direkt eingreifen. Auch dafür werden Drohnen benutzt. Ganz selten muss jemand im Raumanzug raus, um vor Ort ein Problem zu lösen.

Der Bauplatz ist riesig. Noch nie hat die Menschheit eine so große Struktur gebaut. Zu jeder Zeit arbeiten tausende Konstruktionsdrohnen im Rahmen ihrer adaptiven Programmierung selbständig am Projekt. Und obwohl die Technologie automatischer Steuerungen und Problemlösungen inzwischen weit entwickelt ist, sorgt allein die Größe des Projekts dafür, dass immer irgendwo Menschen eingreifen müssen.

Die Lichtverzögerung von 5 Sekunden zwischen L1 und der Erde ist zu groß, als dass man alles ferngesteuert machen kann. 100 Ingenieure sind vor Ort, um auf unerwartete Situationen zu reagieren. Für sie werden bei L1 neue Habitate gebaut. Einschließlich Betriebspersonal für die Habitate und Logistikspezialisten für den Materialfluss arbeiten über 200 Menschen bei L1. Das ist fast ein Viertel der gesamten interplanetaren Bevölkerung. Aber nur 10 Menschen sind im "Außendienst" mit EVA-Aktivitäten beschäftigt. Fast alles läuft automatisch ab. Die Menschen konzentrieren sich auf wenige Habitate und Montagehubs. Auf Millionen Quadratkilometern gibt es nur automatische Drohnen. Zwischen den Einsatzorten von Menschen liegen typischerweise 1000 Kilometer.

---- EVA (Extra Vehicular Activity) Außeneinsatz ----

"Zentrale, Spezialist Amadi auf EVA 49-05-B in Position BG/53", melde ich, "Kameradrohnen sind online, Telemetrie auf GO, bitte bestätigen." – "Chrzz, bestätige, Kamera und Telemetrie kommen rein."

Ich schwebe direkt vor einer kilometergroßen Schattenblende, eine von Millionen. Aus der Entfernung wirken sie wie ebene Flächen. Aber aus der Nähe sieht man ihre Struktur, die Streben, die elektromechanischen Gelenke. Das Aluminimum der Schattenblenden ist nicht durchgehend. Es hat unzählige Ausschnitte wo Sonnenlicht durchkommt. Wie wenn man mit einer 10 Meter großen Plätzchenform vierblättrige Kleeblätter aus der Aluminiumfolie ausgestanzt hat. Eins nach dem anderen, kilometerweit. Die Ausschnitte sind so geformt, dass Sonnenlicht in den Schatten hineingebeugt wird, damit nirgends ein Kernschatten entsteht und vor allem damit nicht aus Versehen zu viel Licht auf eine Stelle gelenkt wird. Das hätte fatale Folgen für die betroffene Region auf der Erde. Ein Superbrennstrahl. Dagegen gibt es viele Sicherungen, optisch, mechanisch und digital. Die ganze Konstruktion ist so gemacht, dass nichts passieren kann.

Jedenfalls – ein Test an einer gerade fertiggestellten Blende war mit einem Fehler abgebrochen. Die Drohnen konnten den Fehler nicht finden. Die Debugger-KI meint, es liegt kein Fehler vor. Alles nach Spezifikation. Aber trotzdem geht die Blende nicht mehr in die Ausgangslage zurück. Also muss jemand raus und nachsehen. Und hier bin ich. Ich drifte näher an das klemmende Element.

"Zentrale, hier ist ein Panel abgebogen. Ich sehe mir das mal genauer an." – "Chrzz, verstanden."

Ich hake meine Sicherungsleine an die nächste Strebe und ziehe mich an das fehlerhafte Element. Der Titanträger ist an der Stelle abgeknickt – aber ohne die typischen Knickfalten. Das sieht nicht wie ein Bruch aus. Eher wie eines der Piezogelenke. Als ob das so gedacht war. Mit der behandschuhten Hand schiebe ich das Ding wieder in die gerade Position. Das geht viel leichter, als wenn man eine verbogene Titanstange wieder geradebiegen will. Es ist tatsächlich ein Gelenk. Die Dinger sind so klein und in die Stangen integriert, dass man sie nur bemerkt, wenn man ganz genau hinschaut. Wenn es gerade ist, dann sieht man nur wo das glänzende Titan etwas matter wird. Da sitzen tausende Piezoaktuatoren hintereinander, die sich jeweils nur Bruchteile eines Grads bewegen. In der Summe erreichen sie bis zu 180 Grad. Aber was hat ein Gelenk hier zu suchen?

Mein Neuroimplantat blendet mir die Konstruktionspläne über das Livebild meiner Augen ein. Ich flippe durch die Ebenen. Diagramme wechseln sich ab: Makrostruktur, Elektrik, Sensoren, theoretischer mechanischer Stress, aktueller mechanischer Stress, elektromechanische Aktuatoren, Steuernetzwerk, Sensornetzwerk... Moment, zurück. Beim Aktuatoren-Diagramm hätte an der Stelle hier eigentlich was erscheinen sollen. Aber da ist kein Gelenk verzeichnet. Das Ding ist nicht im Plan. Die KI behauptet, dass alles nach Plan gebaut ist. Hat sie einen anderen Bauplan?

Ich ziehe mich an der Querstrebe ein paar Meter weiter und sehe mir dabei den Titanträger genau an. Zehn Meter weiter ist wieder eine Stelle an der das glänzende Titan auf ein paar Zentimeter Länge etwas matter wird. Noch ein Gelenk. Dann noch eins. WTF. Laut Plan gibt es nur ein Gelenk. Das sitzt genau in der Mitte der 1000 Meter breiten Sonnenblende. Es dient dazu, die Blende zu kippen, damit sie sich wie ein Lichtsegel seitlich bewegt. Allerdings gibt es auch Blenden mit Spezialfunktionen. Die haben andere Konfigurationen: Stromgeneratoren mit Solarzellen, Backup-Module, Lichtsegel-Traktoren, Express-Module. Express-Module haben viele Gelenke. Aber dafür keine Kleeblattstruktur.

"Ähm, Zentrale, hier ist was komisch." – "Chrzz, Jomo, geht es genauer?"

"Hier sind viele Gelenke. Eins war gebogen." – "Chrzz, das passt. Das ist ein Express-Modul mit Jalousie-Funktion."

"Verstanden." – "Chrzz, gut, dass du das geklärt hast. Komm wieder rein."

"Verstanden."

"Sie sind nicht auf meinem Plan!" – Pause – "Chrzz, Spezialist Amadi, brechen Sie ab. Der Einsatz ist beendet. Das ist ein Befehl."

"Verstanden." – Ist ja gut, ich komme.

Aber das hier ist kein Jalousie-Modul, sondern eine Standardblende mit dem normalen inversen Kleeblattmuster. Express-Jalousie-Module sind durchgehend, ohne Öffnungen, ohne Kleeblätter. Das passt überhaupt nicht. WTF.

Hm, Gelenke in 10 Meter Abstand. Mal davon abgesehen, dass die Express-Module ein 50 Meter Raster haben. Wenn man die inversen Kleeblätter durch Abwinkeln verkürzt, dann wirkt das Muster nicht mehr zerstreuend. Es kann auch fokussieren, je nachdem, welche effektive Länge durch den Winkel... OMG. Es könnte eine Meta-Linse sein.

Während meines Mechatronik-Studiums in Addis Abeba im Seminar Nichtlineare Optik haben wir viele Beugungseffekte mit Metamaterialien durchgerechnet. Normalerweise sind Meta-Optiken sehr klein und für das Nahfeld gedacht. Aber wenn man das Ganze um eine Milliarde hochskaliert, dann bekommt man den gleichen Effekt mit makroskopischer Strukturierung und einer Million Kilometer Abstand. OMG. Jemand baut hier draußen vielleicht riesige fokussierende Meta-Optiken. Genau das, was das Design eigentlich verhindern soll.

"Zentrale, könnt Ihr mal simulieren, ob die projektive Verkürzung der Standardstruktur auf L1-Distanz fokussierend wirkt?"

Wenn das Absicht ist, dann missbraucht jemand SCALE, um ein Millionen Quadratkilometer großes Brennglas zu bauen. Man muss nur an den richtigen Stellen mehr Piezogelenke einbauen. Eine kleine Änderung im Bauplan. Die Autofabs stellen das dann automatisch her. Die Änderung ist fast unsichtbar, nur im Plan-Overlay zu sehen. Und wenn jemand ganz nahe herangeht, wie ich heute.

Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung, eine Reflexion ... Moment mal, bewegt sich die Blende? Oder ist es meine Relativbewegung. Man schwebt ja nie wirklich still. Deshalb die Sicherungsleine.

Jedenfalls – ich habe es nur gemerkt, weil die Gelenke nicht in meinen Plänen sind. Mein Implantat bekommt momentan seine Daten vom Anzug. Der Anzug-Controller reagiert immer so langsam, also ob er überlastet it. Ist das schon länger so? Hat er deshalb ein Update verpasst? Habe ich Pläne gesehen, die nicht für mich bestimmt waren? Ich sollte echt mal den Controller checken.

"Chrzz, tut mir leid Jomo. Du hättest echt mal den Controller checken sollen." – "Zentrale, stimmt. Was tut dir leid?"

Wieder ein Reflex. Ich sehe hoch. Eine Linie quer über die ganze Blende. Da läuft eine Welle über die Gitterstruktur. Ziemlich groß, wenn man das von hier sehen kann. Und kommt schnell näher. Zum Glück bin ich nicht fest verbunden mit dem Gitter. Nur über die Leine. Ups, die hat fast kein Spiel mehr, weil ich 30 Meter vom Kontaktpunkt weg bin, Anfängerfehler ... verdammt. Gleißendes Licht. Dunkelheit.

---- EVA Ende ----

Ein Jahr vor der geplanten Inbetriebnahme wird ein Techniker bei einem Unfall während eines EVA-Einsatzes getötet. Er überwacht persönlich einen Funktionstest bei dem die Blenden verschiedene Abschattungsprofile durchspielen sollen. Dabei zeigen einige Module Resonanzfrequenzen für die die Schwingungsdämpfung nicht ausgelegt ist. Der Anzug des Technikers ist über eine Sicherungsleine an einer Gitterstruktur befestigt. Unglücklicherweise bewirkt die Schwingung einen Ruck der Sicherungsleine, bei dem der Anzug an einen Träger geschleudert wird. Die dabei auftretenden Beschleunigungswerte sind letal. Die oszillierenden Segmente werden später durch Wartungsdrohnen unter Kontrolle gebracht.

#Ökologie #Technologie #Interplanetar #Verschwörung

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3131 Entdeckung der interstellaren Ruinen des legendären Solemischen Reichs

Forscher von M'kele entdecken Ruinen des legendären Solemischen Reichs. Finanziert und geleitet wird die Gruppe von Ghislaine Tsibinda et Abo ne Umlambo einem wohlhabenden Autodidakten von M'kele, der sich intensiv mit den Legenden interstellarer Nachbarvölker beschäftigte. Tsibinda fand Hinweise auf verschollene interstellare Ruinen des legendären Reichs. Nach einer langen Suche entdecken die Forscher um Tsibinda schließlich riesige Infrastrukturcluster im interstellaren Raum, die schon vor langer Zeit aufgegeben wurden.

Mit der Entdeckung wird eines der großen Rätsel der modernen Geschichtswissenschaft gelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt waren fast keine Relikte des Solemischen Reichs gefunden worden, obwohl das Reich im lokalen Sektor Jahrtausende geherrscht hatte. Historiker gingen davon aus, dass die jeweiligen Nachfolgemächte die Infrastruktur übernommen und im Lauf der Zeit verändert haben. Tsibindas Entdeckung beweist, dass das Solemische Reich die meisten Mittel im interstellaren Raum bündelte, weitab von Sonnen und bewohnbaren Planeten. Die Installationen waren in der Nähe von Irrläuferplaneten und braunen Zwergen, die als Rohstoffquellen dienten. Die Konstruktionen waren riesig, aber ohne genaue Koordinaten verlieren sie sich im interstellaren Raum.

Warum sich diese Zivilisation von Sonnen fernhielt, ist nicht geklärt. Aber für eine High-Tech Zivilisation ist die Nähe zu einer Sonne nicht wichtig. Energie ist im Überfluss vorhanden, wenn es eine Wasserstoffquelle gibt, wie einen Eisriesen einen braunen Zwerg. Ein Leben im interstellaren Raum ist gar nicht so ungewöhnlich. Schon seit über 500 Jahren kennen die Menschen den Mansalu-Komplex. Ein Großteil der Mansalu lebt im interstellaren Raum.

Bei vielen Völkern gibt es mobile Habitate, die sich vor allem im interstellaren Raum aufhalten. Sie "ankern" an Einzelgängerplaneten und besuchen gelegentlich Sonnensysteme. Einige sind sehr groß, manchmal hundert Kilometer und von vielen Millionen Individuen bewohnt. Sie sind wirtschaftlich autark und sind eigene kleine Welten. Viele dieser Habitate sehen die hohe Dichte planetarer Systeme eher als Risiko, denn als Bereicherung an. Die Besonderheit im Fall des Solemischen Reichs ist, dass sich fast die gesamte Zivilisation im interstellaren Leerraum befand.

Ghislaine Tsibinda beginnt seine berufliche Karriere 2780 als Effizienzmanager bei Logistikdienstleistern im M'kele Orbit, wo er die automatische Optimierung von Dockingprozeduren überwacht. Er durchläuft verschiedene Stationen bis er schließlich 2890 Haupthafenmeister des Morogoro-Terminals wird. Damit ist er verantwortlich für die Abwicklung von 30% des Handelsvolumens im System.

Es ist eine schwierige Zeit. Das interstellare Frachtaufkommen geht zurück, weil die Handelswege unsicher werden und Märkte verlorengehen. Wenige Jahre später gerät sogar das Solsystem unter Fremdherrschaft und fällt damit als Handelspartner für M'kele aus. Tsibinda behält seine Stellung bis in die Zeit der Rückeroberung im Solsystem und setzt sich Anfang des 31. Jahrhunderts zur Ruhe, um seinem Hobby nachzugehen.

Schon sehr lange hatte er sich mit Legenden verschiedener interstellarer Völker beschäftigt. Sein besonderes Interesse gilt dem legendären Solemischen Reich in einem Zeitraum von vor 7000 bis 10000 Jahren. Aus dieser Zeit gibt es fast keine digitalen Aufzeichnungen. Die meisten Daten sind im dunklen Zeitalter nach dem Ende des Mercato-Imperiums verlorengegangen. Es gibt aber Sagen und Legenden bei Völkern, die schon vor 7000 Jahren (ca. 4000 v.Chr.) eine raumfahrende Zivilisation hatten.

Nach dem plötzlichen Ende des Mercato-Imperiums um 3700 v. Chr., stürzte der Sektor in ein dunkles Zeitalter. Die betroffenen Völker verloren den größten Teil ihrer technologischen Fähigkeiten. Neo-Barbaren, Hochzivilisationen und Völker mit inkompatiblen Moralsystemen gerieten in Konflikt. Die Auseinandersetzungen kosteten viel Kraft. Schutz vor Überfällen und Rüstung gegen die Nachbarn verbrauchten wertvolle Ressourcen. Oft waren die Bemühungen nicht langfristig erfolgreich. Systeme, Völker und Fraktionen versuchten sich zu behaupten, auch auf Kosten der Nachbarn. Über 1000 Jahre entstand keine stabilisierende Macht.

Kisor traf es besonders hart. Kisor verlor den kompletten Technologiebaum jenseits von einfachen Elektromotoren. Alle Datentechnik war verloren. Kein Spin-Rechner, kein Assoziativspeicher überdauerte die 3000 Jahre bis Kisor sich erholt. Die Gesellschaft war lange Zeit archaisch, mit einer kuriosen Mischung aus Mittelalter-Technologie und Neuzeit. Es gab Schießpulver, Buchdruck und – für wohlhabende Leute – elektrisches Licht. Aber trotzdem war für die meisten Kisori der Alltag eher geprägt durch manuelle Arbeit, Karren mit Holzrädern und wasserkraftbetriebene Mühlen. In dieser Zeit lebte die Vergangenheit fort in Legenden, die oft mündlich überliefert wurden.

Später im neuen interplanetaren Zeitalter findet man auf Asteroiden und Monden des Kisor Systems uralte Außenposten, die die Zerstörungen und die lange Zeit überdauert haben. Dort gibt es noch funktionstüchtige Informationstechnik, vor allem automatische Steuerungen. Die neuen Kisori entdecken sogar zivile Datenspeicher mit – für sie damals schon – uralten Unterhaltungs- und Informationsprogrammen. Vor dieser Entdeckung kannten sie ihre Vorläuferzivilisation nur aus Legenden. Während des kisorischen Neubeginns (ca. 400 v.Chr.) waren diese schon über 3000 Jahre alt.

Eine der bekanntesten Geschichten aus dieser Zeit sind die "Reisen von Uri Tza Meka". Sie erzählen die Abenteuer von Uri Tza Meka in den Wolkenwelten. Wie er vom einfachen Elektrolehrling zum Helden wird, wie er das Wolkenreich und damit auch seine Heimat rettet. Er kehrt als König zurück. Aber in seiner Rückkehr liegt auch die Saat des Untergangs. Uri Tza Meka kämpft gegen feindliche Himmelsvölker doch schließlich stürzen diese den Himmel auf die Erde. Uri Tza Meka versucht vergeblich die Reste des Königreichs zusammenzuhalten. Es ist der klassische kisorische Schicksalsbogen. Der Aufstieg einer unbedeutenden Figur zum Helden und der darauffolgende Abstieg bis zum Untergang. Während irdische Heldengeschichten meistens am Höhepunkt enden (die sogenannte "Heldenreise") kennt die kisorische Kultur eher den Schicksalsbogen mit einem unerwarteten Aufstieg und einem bitteren, aber unvermeidlichen Ende.

In der irdischen Literatur kann der einfache Bauernsohn zum Helden werden und die Prinzessin heiraten. Der Weg dahin ist gefährlich, aber das Happy End ist fast garantiert, auch wenn das gute Ende durch die Hervorhebung der Risiken immer wieder infrage gestellt wird. In der kisorischen Literatur folgt dem Aufstieg zwangsläufig auch ein Abstieg. Das fatale Ende des kisorischen Schicksalsbogens ist genauso sicher, wie das irdische Happy End. Aber der Weg bis dahin ist interessant. Der Kampf gegen die Übermacht und das Opfer auf verlorenem Posten sind starke Motive. Der heldenhafte Widerstand gegen das unvermeidliche Ende ist genauso wichtig wie der unwahrscheinliche Aufstieg am Beginn der Geschichte.

Die moderne kisorische Literaturwissenschaft geht davon aus, dass der Schicksalsbogen während des Untergangs und des langen kisorischen Mittelalters entstand. Kisor war mehrmals in der Geschichte mächtig und wohlhabend. Aber besonders nach der langen friedlichen Phase während des Solemischen Reichs und des sich anschließenden Mercato-Imperiums, kam der Abstieg überraschend. Für mehr als 3000 Jahre gehörte Kisor zur interstellaren Zivilisation. Dann verschwand das Mercato-Imperium plötzlich und ließ die Kisor-Planeten ungeschützt zurück. In kurzer Zeit wurde die technische Infrastruktur bei Überfällen und Plünderungen weitgehend zerstört. Dabei verloren 90 % der Bevölkerung ihr Leben. Der Technologielevel sank schnell auf einen mittelalterlichen Stand und die Bevölkerung in wenigen Generationen auf nur ein Tausendstel. Das war eine traumatische Erfahrung, die tiefe Spuren im kulturellen Gedächtnis hinterlassen hat. Während der Mittelalter-Katastrophe, während des Abstiegs und in Jahrhunderten vergeblicher Versuche, die Technologie wiederzubeleben, entstanden die Geschichten vom scheiternden Helden, von enttäuschten Hoffnungen und vom unvermeidlichen Abwärtstrend.

Nach diesem Muster laufen die "Reisen von Uri Tza Meka". Kisorische Literaturwissenschaftler und Historiker hielten Uri Tza Meka für eine reine Sagengestalt, die den Untergang symbolisiert. Aber Ghislaine Tsibinda ist fasziniert von der Figur. Er glaubt, dass Uri Tza Meka's Reisen auf wahren Ereignissen beruhen. Ghislaine Tsibinda deutet die Wolkenwelten, bzw. das Wolkenreich als das Mercato-Imperium. Uri Tza Meka war vermutlich ein Info-Designer oder KI-Manager. Für Zuhörer während des kisorischen Mittelalters war der Beruf Uri Tza Mekas übersetzt in die Bezeichnung "Elektrolehrling". Elektrizität überdauert in Nischen das Mittelalter und die Elektromagie war den damaligen Kisori vertraut. Uri Tza Meka steigt am kisorischen Königshof auf und macht Karriere in der Mercato-Hierarchie. Dann folgt die Rettung des Wolkenreichs, also des Mercato-Imperiums. Es ist nicht klar, ob es dafür eine reale Basis gibt. Vielleicht ist dieser Teil nur eine notwendige dramaturgische Wendung für den Aufstieg Uri Tza Mekas zum Helden. Uri Tza Meka kehrt zurück nach Kisor. Und damit beginnt – nach kisorischer Deutung – erst der wichtigste Teil der Geschichte.

Uri Tza Meka ist sehr mächtig. Der Legende nach hat er den Titel "König der irdischen Dinge". Vielleicht war er tatsächlich König der Kisori. Kisor war zu dieser Zeit eine Monarchie. 400 Jahre zuvor war das Königtum aus dem Amt des Statthalters für die Mercatos entstanden. Und die Bezeichnung "König der irdischen Dinge" könnte auf das Oberhaupt der Kisori hindeuten, im Gegensatz zum "König des Himmels", dem informellen Mercato-Herrscher, dem Mercato-Irun. Allerdings gibt es in den alten kisorischen Datenquellen, die im neuen interplanetaren Zeitalter wiederentdeckt werden, keinen Hinweis darauf, dass die Erbfolge zugunsten eines heldenhaften Seiteneinsteigers unterbrochen wurde. Es gibt Nachrichtenartikel mit vielen Details über die letzten Jahre vor der Mittelalter-Katastrophe. Diese Quellen geben den letzten Stand vor dem Untergang wieder und die damaligen Personen sind gut bekannt. Wahrscheinlicher ist, dass Uri Tza Meka auf Ministerebene angesiedelt war, zuständig für Verteidigung oder Technologie. Möglicherweise ist Uri Tza Meka identisch mit Isulisamikal, der letzten Hauptabteilungsleiterin für Fremdtechnologie im Wissenschaftsdirektorat. Das würde zur Karriere eines Kisori passen, der, bzw. die nach einer interstellaren Karriere mit Technologiebezug nach Kisor zurückkehrt.

Der Name Isulisamikal klingt heute ungewöhnlich für Kisori. Aber das uns vertraute 3-teilige Namensschema entstand erst im kisorischen Mittelalter. Und bei der Überlieferung wurden die Namen der Protagonisten an die Erwartungen der Zuhörer angepasst. So könnte aus der realen Kisori Isulisamikal das Heldenepos Uri Tza Meka entstanden sein. Davon ist jedenfalls Ghislaine Tsibinda überzeugt.

Niemand hatte sich vorher für Isulisamikal interessiert. Sie lebte vor 6700 Jahren und war nur eine von damals mehr als 80 Milliarden Kisori. Aber Tsibinda hält sie für den Schlüssel zum Verständnis der Legende. Er verwendet nicht nur die Legende als Quelle, sondern beschäftigt sich auch intensiv mit Isulisamikals Lebenslauf und den Aktivitäten des damaligen Wissenschaftsdirektorats, soweit die uralten Quellen das zulassen.

Tsibinda sucht in den 20-er Jahren des 31. Jahrhunderts zuerst in öffentlich verfügbaren Datenbanken. Kisorische Historiker haben die wechselvolle Geschichte systematisch aufgearbeitet und alle Informationen aus früheren Epochen zusammengetragen. Dazu gehören riesige Mengen an Informationen aus dem 5. Jahrtausend v. Chr., also aus der Blütezeit vor der Mittelalter-Katastrophe. Das Material stammt vor allem aus Unterhaltungs- und Informationsangeboten von interplanetaren Außenposten im Kisor-System. Fast ein kompletter Abzug des damaligen Wissensstands war vefügbar. In geringerem Umfang gab es auch Daten zu noch früheren Blütezeiten, zum Goldenen Reich Kisors vor 12000 Jahren und zum ersten Reich vor 15000 Jahren.

Aber inzwischen hatte Kisor ein weiterer Schicksalsschlag getroffen. Zur Zeit der Recherchen von Ghislaine Tsibinda sind die Kisor-Zwillinge nur noch Staubwüsten. Hundert Jahre vor Tsibindas Recherchen hatten Leccianer von Sol mithilfe von Söldnern anderer Völker einen religiös motivierten Vernichtungsfeldzug gegen Kisor geführt. Kisor war damals schon geschwächt durch die Auseinandersetzungen mit der Sol-basierten ersten Reshumanis. Einige Zeit nachdem Sol an die Leccianer fiel, führten die Leccianer einen Rachefeldzug gegen das Kisor-System. Der Krieg endete mit der kinetischen Bombardierung der zwei Planeten und der Auslöschung der modernen kisorischen Zivilisation.

Der Sturz in das kisorische Mittelalter vor 6700 Jahren war die Nebenwirkung einer rücksichtslosen Plünderung gewesen. Aber der Schlag der Dellianer gegen Kisor im Jahr 2924 geschah mit dem Vorsatz, die Kisori für den vorangegangenen Frevel zu bestrafen. Für Kisor war das eine noch größere Katastrophe als 6700 Jahre zuvor. Die zwei Planeten wurden vollständig sterilisiert. Und dabei gingen natürlich auch die ausführlichen historischen Archive verloren.

Ghislaine Tsibinda führt zwischen 3050 und 3070 mehrere Expeditionen zu ehemaligen militärischen Außenposten in der näheren interstellaren Umgebung Kisors. Er hofft, dass dort noch Datenbanken existieren, in denen er Teile der historischen Archive finden kann. Die Auslöschung 2924 kam nicht so überraschend, wie die Mittelalter-Katastrophe 6700 Jahre zuvor. Sie war eher das fatale Ende eines 100 Jahre langen Niedergangs mit immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen. Die Kisori hatten oft Grund, sich zu sorgen und Daten in Sicherheit zu bringen. Vielleicht gibt es auf den militärischen Außenposten Datensicherungen des kisorischen Informationsverbunds, die auch zufällig die historischen Archive enthalten. Und vielleicht interessierten sich kisorische Militärhistoriker des 30. Jahrhundert n.Chr. in verzweifelten Situationen für die Maßnahmen, mit denen ihr Volk 6700 Jahre vorher schon einmal versucht hatte, den Untergang abzuwenden. Das war zumindest die Idee.

Tatsächlich findet die Gruppe um Tsibinda einige Backups. Nur erweist sich der Zugang zu den Daten in der Praxis als schwierig. Fast alle verlassenen Stützpunkte sind geplündert oder die Informationstechnik wurde inzwischen anders verwendet. Daten, die Tsibinda findet, sind fast immer verschlüsselt. Militärische Verschlüsselungstechnik ist quantenhart und nicht wiederherstellbar. Die Schlüssel sind schon lange verschollen. Ein Stützpunkt, den Tsibinda dabei entdeckt, ist immer noch besetzt von Militärpersonal und die Bewohner sind nicht glücklich darüber, dass jemand sie aufgespürt hat. Die Besatzung dieses geheimen Stützpunkts hütet tatsächlich Backups der (erneut) untergegangenen kisorischen Zivilisation mit dem Ziel, sie später an die neuen Kisori zu übergeben, wenn die Heimatplaneten wieder besiedelt werden. Aber die Daten unterliegen auch 100 Jahre später noch militärischer Geheimhaltung. Lange Verhandlungen, vertrauensbildende Maßnahmen und geheime materielle Hilfe über mehrere Jahre sind nötig, um den kommandierenden Offizier umzustimmen.

Die Kisori bieten Ghislaine Tsibinda schließlich Zugang zu zivilen Daten, die früher im kisorischen Netz frei verfügbar waren. Dazu gehören Unterhaltungsprogramme einschließlich der alten Überlieferungen, Enzyklopädien, Technologiedatenbanken und historische Archive, die auch Teile der 6700 Jahre alten Quellen enthalten. Das ist bei Weitem nicht ein kompletter Datenabzug des Netzes, denn die Speicherkapazität des Stützpunkts ist viel kleiner als die des Originals. Es sind speziell ausgewählte Daten, aber trotzdem so viel, dass sie nicht einfach übertragen oder kopiert werden können. Vor Ort laufen automatische Klassifizierer, Daten-Miner und Assoziationsagenten monatelang über die Daten bis sich ein Bild der Verhältnisse kurz vor der Mittelalter-Katastrophe formt.

Die letzten Nachrichten vor der Katastrophe beschreiben eine verzweifelte Situation. Kisor lag im Mercato-Imperium, war aber politisch unabhängig nachdem sich die Kisor-Planeten von Abgaben freigekauft hatten. Das Mercato-Imperium sorgte für Frieden und Handel. Aber die Situation war nur scheinbar stabil. Mercatos gründen eigentlich keine eigenen Herrschaftsbereiche. Sie sind Händler, unterwegs in Sippenschiffen ohne Machtambition. Von Zeit zu Zeit erscheint ein Individuum mit besonderem Charisma, ein Hro. Zur Erwachsenenweihe eines solchen Wesens kommen tausende Sippenschiffe. Aus der Transformation zum erwachsenen Mercato kann dann eine Persönlichkeit hervorgehen, die alle anwesenden Sippen in seinen Bann zieht, ein Anführer der die sonst autarken Sippen vereint, ein sogenannter Irun. Dann ändert sich das Verhaltensmuster der Mercatos im ganzen Sektor. Genau das war vor ca. 7500 Jahren geschehen. Die Mercatos wurden aggressiv. Sie bekämpften das Solemische Reich und zerstörten dessen interstellare Infrastruktur.

Danach beherrschten Mercatos den Sektor für einige Jahrhunderte. Aber mit dem Tod des Irun nach ca. 700 Jahren verschwand das Mercato-Imperium von einem Moment auf den anderen. Es hinterließ einen wohlhabenden aber schutzlosen Sektor. Die Mercatos hatten bei den Völkern innerhalb ihres Einflussbereichs jegliche militärische Technologie unterdrückt. Für viele Völker, Fraktionen und Machtbereiche außerhalb der Mercato-Grenzen waren die reichen ehemaligen Mercato-Vasallen nun eine legitime Beute. Nicht alle Völker haben eine so hochstehende Moral, wie der kisorische Alturismus. Viele interstellare Völker sind kulturell oder sogar biologisch anders strukturiert und haben inkompatible Ethiksysteme. Anscheinend brach eine Welle von Erpressungen, Plünderungen und Angriffen über die ehemaligen Mercato-Vasallen herein. Und mitten darin befanden sich die zwei Kisor-Planeten. Die Angreifer sind nicht bekannt. Es gibt Hinweise auf Chinti-Schwärme und auf Raubzüge abtrünniger interianischer Personen. Aber die meisten Gegner sind nicht identifizierbar.

Die Nachrichten von vor 6700 Jahren sind dramatisch. Kisor wird immer wieder von bewaffneten Angreifern bedroht. Interplanetare Infrastruktur und planetare Ziele werden gewaltsam zerstört, mal als Warnung, mal als Bestrafung. Kisor ist hilflos und versucht eine Verteidigung aufzubauen, aber die Angriffe kommen in kurzen Abständen. Die planetaren Orbits werden besetzt. Der interplanetare Verkehr wird unterbunden und die Infrastruktur wird geplündert. Ständig kommen neue schreckliche Nachrichten. Parallel zu den verzweifelten Verteidigungsanstrengungen gibt es anscheinend eine Initiative des Wissenschaftsdirektorats, um die – damals 700 alte – solemische Militärtechnologie nutzbar zu machen. Das wird nirgends genau beschrieben. Aber aus der Kombination der Tatsachenberichte alter digitaler Quellen und der überlieferten Legenden lässt sich ableiten, dass irgendwann eine kleine Gruppe von kisorischen Akteuren überraschend mächtige militärische Mittel einsetzte und Angreifer zurückschlug. In der alten – modernen – Berichten gelingt es dem Wissenschaftsdirektorat mit Exotechnologie ein Verteidigungssystem aufzubauen. Man kann davon ausgehen, dass Isulisamikal, die damalige Hauptabteilungsleiterin für Fremdtechnologie beteiligt war.

In der neueren – archaischen – Erzählung reist Uri Tza Meka zu fernen Inseln auf der Suche nach feuerspeienden Ungeheuern (Menschen würden "Drachen" sagen), die der Überlieferung nach durch Elektromagier gezähmt werden können. In der modernen Deutung eine Umschreibung für autonome Waffensysteme, die durch KI-Manager dirigiert werden. In den modernen Berichten gibt es keine Einzelheiten dazu, wie und wo das Wissenschaftsdirektorat an die Waffen kam. Die Details wurden sicher geheim gehalten. Ghislaine Tsibinda geht von der Hypothese aus, dass es sich bei den "Inseln" um solemische Infrastrukturcluster im interstellaren Raum handelt. Der Legende nach schlafen die Drachen in den Ruinen alter Burgen. Eine ziemlich treffende Beschreibung für stillgelegte KI-gesteuerte Waffensysteme in den zerstörten Überresten solemischer Anlagen.

Das Uri Tza Meka Epos beschreibt die gefährliche Wiedererweckung der Drachen. Dabei muss Uri Tza Meka Aufgaben erfüllen, Abenteuer bestehen, Rätsel lösen und am Ende die Drachen mit einer List zähmen. Auch das lässt sich modern interpretieren. Sicher sind Rätsel zu lösen, denn es gilt 700 Jahre alte Exotechnologie in Betrieb zu nehmen. Dabei gibt es nicht nur Probleme mit der fremden Informationsarchitektur, sondern auch mit Sicherheitsroutinen, die auf kreative Weise ausgeschaltet werden müssen. Autonome bewusste KI kann man neu programmieren oder – wenn das nicht möglich ist – überzeugen zu kooperieren. Das kann auch geschehen indem man die KI täuscht, z.B. indem man vorgibt, dass sie gegen ihre alten Feinde kämpft. Die Beschreibung "zähmen durch eine List" deutet darauf hin, dass die Kisori damals die KI der Waffensysteme erfolgreich manipulieren konnten.

Heute ist nicht mehr zu erkennen welche Waffensysteme damals eingesetzt wurden, aber vermutlich waren sie sehr hoch entwickelt. Sie stammten aus einem High-Tech Konflikt zwischen dem solemischen Reich, einem der größten und ältesten Machtbereiche, die es jemals gegeben hatte und den Mercatos, die vermutlich seit Millionen Jahren in Sippenschiffen Raumfahrt betreiben und manchmal überraschende Informations- und Ausrüstungsressourcen haben. Jedenfalls scheinen die Waffen den Angreifern Kisors vor 6700 Jahren weit überlegen gewesen zu sein. Solange sie funktionierten.

Irgendwann waren die Waffen unbrauchbar. Es ist nicht klar, ob es daran lag, dass der Einsatz Munition benötigte, die die kisorische Technologie nicht herstellen konnte. Oder ob die KI der Waffensysteme die Manipulation durchschaute und nicht mehr im Sinne der Kisori aktiv sein wollte. Die Legende sagt, dass die Drachen mit einem Zauber belegt waren und durch den Dienst für Uri Tza Meka von ihrem Bann befreit wurden. Jeder Drache war nur zu einer Schlacht bereit und flog dann davon. Die Drachen hatten den Untergang nur aufgehalten. Uri Tza Meka konnte mit ihrer Hilfe einen Teil seines Volkes vor der Vernichtung bewahren.

Eine neue Expedition zu den Dracheninseln soll noch einmal die Rettung bringen. Doch in der Nacht vor der Abreise wird der Plan verraten. Uri Tza Meka gerät in einen Hinterhalt. Er opfert sich selbst, um die Insignien des Königs in Sicherheit zu bringen. Zu den Insignien gehört das Buch der Elektromagie mit den Beschwörungen, die Drachen zähmen, und eine Karte der Dracheninseln. Nach moderner Lesart also Kommandocodes für die Waffen-KI, Aktivierungsprozeduren und Koordinaten der solemischen Relikte. Die digital aufgezeichnete Geschichte endet hier. In dem Moment als die interplanetare Zivilisation Kisors vor 6700 Jahren unter den Angriffen zerbricht.

Aber die mündliche Überlieferung geht nach Uri Tza Mekas Opfer weiter. An das Uri Tza Meka Epos schließen nahtlos die "Drachengeschichten" an. Es gibt unzählige Geschichten mit einem Drachen in der Gestalt eines Kisori als eine Art Superheld. Der Legende zufolge war der Drache ein Freund von Uri Tza Meka. Als Dank für die Erweckung aus dem hundertjährigen Schlaf, dient der Drache Uri Tza Meka. Am Anfang hat er riesige Kräfte und er zerschmettert alle Gegner. Aber eines Tages wird er mit einem Fluch belegt, der ihn in den Körper eines Kisori bannt und ihm seine Macht nimmt. Fortan braucht er nach großen Anstrengungen lange Erholungspausen. Er ist stark aber nicht mehr unbesiegbar.

Nach dem Ende von Uri Tza Meka wandert der Drache 1000 Jahre durch das Land. Er hilft den einfachen Kisori. Er bekämpft das Böse und versucht die zerbrochene Welt wieder zusammenzusetzen. Dabei führt er immer noch die Königsinsignien mit sich, die er von Uri Tza Meka erhalten hat – einschließlich der Karte von den Dracheninseln. Er bewahrt die Karte mit dem Ziel, irgendwann wieder von den Dracheninseln Hilfe zu holen. Viele der Drachengeschichten laufen nach dem kisorischen Schicksalsbogen ab: Der Drache entdeckt einen Schatz (also Technologie oder Informationen). Damit gibt es Hoffnung für den Wiederaufbau. Dann kommt ein Rückschlag und am Ende zieht der Drache alleine weiter.

In der modernen Deutung von Ghislaine Tsibinda ist der Drache eine der solemischen KIs. Die KI wird von Isulisamikal reaktiviert und hilft als Steuerung für solemische Waffensysteme bei der Verteidigung Kisors. Irgendwann scheint das nicht mehr zu funktionieren. Vielleicht wird die KI im Kampf informationstechnisch beschädigt, vielleicht auch ihre physischen Schnittstellen. Jedenfalls kann sie keine Waffensysteme mehr steuern. Damit fällt ein wichtiger Teil der Verteidigung aus und Kisor wird schließlich überrannt. Im Moment höchster Not überträgt Isulisamikal die wichtigsten Daten und Koordinaten an die KI.

Nach der Katastrophe wandert die KI dann wohl tatsächlich sehr lange auf Kisor Beta umher. Als "Drache in Kisorigestalt" benutzt die KI anscheinend einen kisorischen Androidenkörper oder vielleicht ist sie sogar ein Nanokomplex, der eine beliebige Gestalt annehmen kann und die Kisori-Form wählt. Die KI versucht der Bevölkerung zu helfen. Sie versucht Technik wieder in Betrieb zu nehmen und den Abstieg aufzuhalten. Immer wieder muss sie auch kämpfen, mal mit Makroaktoren ("Schild, Schwert, Hammer"), mal mit Nanotech ("Zauberei") oder mit Memetik-Techniken ("Verführung"). Vermutlich kämpft sie gegen kisorische Warlords um das Chaos abzuwenden. Vielleicht auch gegen späte interstellare Eindringlinge um deren Transportmittel mit dem Ziel, Hilfe für Kisor zu holen. Die Kampfkraft der KI ist beschränkt durch die notwendigen "Pausen nach Anstrengungen". Das klingt, also ob die Ladeleistung sehr begrenzt ist und ihr Energiespeicher lange zur Aufladung braucht.

Das Ende der Drachenlegenden ist offen. Es ist nicht bekannt, ob die KI irgendwann zerstört wurde, ob die Selbstreparatur versagte, oder ob sie das ganze 3000 Jahre lange Mittelalter überdauerte und bis in die kisorische Moderne aktiv war.

Ghislaine Tsibinda konzentriert seine Analyse auf die Karte der Dracheninseln und auf die Aktivitäten des Wissenschaftsdirektorats. In den 100 Jahre alten Backups befinden sich viele indirekte Hinweise auf Aktionen des Wissenschaftsdirektorats zur fraglichen Zeit.

- Es gibt Anfragen von kisorischen NGOs an die damalige königliche Administration. Die Antworten enthalten Angaben zu Daten, Orten und Personen.

- Ein Verhandlungsprotokoll zu einer Schadenersatzklage benennt das genaue Ankunftsdatum eines Zeugen, der laut anderer Unterlagen ein Mitarbeiter von Isulisamikal war. Daraus lassen sich Reisezeiten ableiten.

- Auch vor 6700 Jahren auf Kisor gab es schon Geheimnisbeobachter, Leute, deren Hobby es ist, mit Campingstühlen an Militärbasen auszuharren (oder sich mit ferngesteuerten Teleskopen an Asteroidenstützpunkte anzuschleichen) und den Flugverkehr minutiös aufzeichnen, um Muster in geheimen Regierungsaktivitäten zu erkennen. Diese Geheimnisbeobachter stellten umfangreiche Listen von Starts und Landungen in das öffentliche Netz Kisors. Teile davon sind in den Backups erhalten.

Aus all diesen Quellen erstellt ein assoziativer Daten-Miner eine 4-dimensionale Wahrscheinlichkeitsverteilung für Aktivitäten der Einsatzgruppe um Isulisamikal.

Ein anderer Miner durchforstet die Drachengeschichten auf Darstellungen der Karte. In einigen Geschichten wird auf die Karte Bezug genommen. Entweder auf ihren Inhalt oder auf relative Abstände von bekannten Wegmarken. Sind die "Dreiecksberge 2 Stunden vor den unsichtbaren Klippen" identisch mit den Pyramiden im Abunnaz-System? Und ist mit den "Klippen" eine bekannte Gravitationssenke aus dunkler Materie in 1,4 Lichtjahren Entfernung gemeint? Der Miner bewertet die Realitätstreue der Hinweise und modelliert aus der Synthese aller Angaben mögliche Varianten der Karte.

Aus der Kombination von probabilistischen Bewegungsdaten mit den potentiellen Kartenvarianten – und unter Berücksichtigung der Sternenbewegung in 6700 Jahren – entstehen mögliche Ziele. Die meisten Zielkoordinaten liegen im interstellaren Raum und viele haben eine Ungenauigkeit von Lichtwochen. Aber wenn man davon ausgeht, dass die solemischen Infrastrukturkomplexe sich in der Nähe von Rohstoffquellen befinden, muss man "nur" nach Planetenmassen in einigen Kubik-Lichtjahren suchen. Eine riesige, aber lösbare Aufgabe.

Ghislaine Tsibinda und seine Partner mobilisieren die Öffentlichkeit von M'kele. Eine sehr erfolgreiche Crowd-Funding Kampagne bringt die notwendige Finanzierung für eine kleine Flotte von gecharterten Suchschiffen. Die Crews setzen sich aus Freiwilligen zusammen. Ein Teil der Ausrüstung und Lebensmittel wird über Merchandising und Product-Placement in Infotainment-Programmen finanziert. Später kommen sogar Enthusiasten von M'kele mit privaten Schiffen dazu. Der Informationsdienst der Kampagne vergibt Suchvolumina an alle, die sich beteiligen wollen. Kampagnentokens und Gewinnanteile werden an der Börse gehandelt. In 12 Jahren werden über 50 % des Suchraumes bearbeitet. Glaubt man Tsibindas Grundannahme, dass die Legenden einen wahren Kern haben, dann steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit pro Suchvolumen an, je länger die Suche dauert. Die Börsenwerte schießen in die Höhe und kommerzielle Prospektoren steigen ein.

Nach 17 Jahren und nach 91 % des wahrscheinlichkeitsgewichteten Suchraumes entdeckt eines der Freiwilligenschiffe endlich einen solemischen Infrastrukturkomplex: riesige Installationen im Raum, ehemals rotierende Habitate, jetzt auseinanderdriftende Fragmente, zerstörte Segmente von Konverterstrecken, aber auch gut erhaltene Bereiche.

Später findet man heraus, dass private Prospektoren die Koordinaten schon seit 5 Jahren kannten. Sie meldeten den Fund nicht, um die Ressourcen heimlich zu nutzen. Da alle Teilnehmer, die Suchvolumina von der Kampagne bezogen, sich den Statuten der Kampagne verpflichten mussten, können die Prospektoren keine Eigentumsrechte geltend machen. Der Komplex wird der Kampagne von Ghislaine Tsibinda zugesprochen.

Ghislaine Tsibinda erklärt sein Lebenswerk für beendet. 361 Jahre nach seiner Aktivierung als Logistikmanagement-KI schaltet er sich ab. Seine letzte Wave: "Besser wird's nicht". Er hatte den kisorischen Schicksalsbogen nie gemocht. Ein Abstieg kommt für ihn nicht in Frage.

Eine von Tsibinda autorisierte (statische) Persönlichkeitssimulation ist öffentlich verfügbar und steht jederzeit für Fragen und Diskussionen bereit.

Zeitleiste: 10000 - 7400 Jahre vor Tsibindas Recherchen liegt Kisor im solemischen Reich, dann 700 Jahre im Mercato-Imperium, ab 6700 für ca. 3000 Jahre Mittelalter bis 3.400, seit 3000 eine neue interplanetare Zivilisation, seit 2000 Jahren auch interstellar, schließlich 100 Jahre vor Tsibindas Recherchen die gezielte Auslöschung im dellianischen Kreuzzug.

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