Eine Gruppe historischer Artefakte, die dem Weisen Drachen aus Kisors Mittelalter zugeschrieben werden.
Die Artefakte wurden bei Ausgrabungen auf Kisor Beta gefunden. Eine stratigraphische Analyse ordnet die Funde dem Beginn des kisorischen Hochmittelalters zu. Angeblich stammen sie aus der Grabstätte des sogenannten Weisen Drachen, einer kisorischen Legende. Die Artefakte werden bei einem Chinti-Kommandounternehmen gestohlen. Sie sind seitdem verschollen. Der Vorfall hat gravierende Konsequenzen für Kisor.
Etwa 200 Jahre nach der Wiederbesiedlung ist Kisor immer noch unbedeutend. Kisor Beta hat im interstellaren Maßstab eine kleine Bevölkerung von wenigen Milliarden. Alpha ist noch in der Ökoformierung und hat einige hundert Millionen Bewohner. Die Wirtschaft des Systems ist robust und modern. Aber weder das System noch die Planeten haben eine gemeinsame Regierung. Es gibt mehrere große Nationen auf Alpha, Beta und dem Beta-Mond. Die internationale Struktur wird dominiert durch die Fraktionen der Wiederbesiedlung und die Umwälzungen nach dem Religionskrieg zwischen Singulariten und Alturisten 60 Jahre zuvor. Es gibt eine Art Völkerbund, der die Außenbeziehungen und die Systemverteidigung regelt.
Der kisorische Völkerbund ist formal mit den Menschen alliiert. Es gibt gute wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen mit der menschlichen Sphäre. Der Kontakt läuft vor allem über das nah gelegene Fox-System. Dessen interplanetare Zivilisation ist stark durch Menschen geprägt. Trotz des Verteidigungsbündnisses mit den Menschen nimmt Kisor nicht aktiv am Krieg gegen die Chinti teil. Kisor liegt abseits der Brennpunkte im Krieg zwischen Chinti und Menschen. Die Ausbreitung der Chinti-Schwärme ging in Richtung galaktisches Zentrum. Sie betraf die menschliche Sphäre viel mehr als Kisor. Inzwischen ist die Ausbreitung gestoppt. Die Menschen haben wesentliche Erfolge erzielt. Die Chinti stehen militärisch unter Druck. Sie befinden sich jetzt in einem Abwehrkampf gegen die Menschen und vermeiden es, andere Völker gegen sich aufzubringen. Sie suchen eher Verbündete. Sie wollen sicher keine neuen Feinde. Auch nicht ein kleines Einzelsystem wie Kisor.
Deshalb kommt der Angriff der Chinti auf Kisor völlig unerwartet.
Eigentlich ist der Angriff eher ein Kommandounternehmen, als eine militärische Operation. Mehrere neutrale Handelsschiffe im Orbit von Kisor Beta verwandeln sich plötzlich in Kriegsschiffe und Truppentransporter. Statt der angegebenen Handelsgüter führen sie Raumüberlegenheitswaffen und Landungstruppen mit sich. Sie greifen das nationale historische Archiv der Nation auf dem Südpolkontinent an. Ein Teil der Einheiten sichert den Luftraum über dem Nationalarchiv und die Orbitalebenen für etwa zwei Kilosekunden. Mech-Infanterie Landungstruppen aus Söldnern verschiedener Völker sichern einen Umkreis von zehn Kilometern auf dem Boden. Chinti-Spezialeinheiten stürmen einen (geheimen) Hochsicherheitsbereich des historischen Instituts. Offensichtlich wissen sie genau, wohin sie gehen müssen. Sie benutzen Expressröhren um das Forschungsinstitut zu erreichen, wo die Artefakte des Weisen Drachen aufbewahrt werden.
Der Weise Drache ist eine Sagengestalt aus dem kisorischen Frühmittelalter. Zwanzig Jahre zuvor hatte man bei Ausgrabungen nahe der untergegangenen Stadt Tis La Nat (im Norden des Südpolkontinents) einige Artefakte entdeckt. Die Artefakte passten nicht in die Zeit des Mittelalters. Und sie waren so unterschiedlich, dass sie eigentlich nicht zusammengehören konnten. Trotzdem lagen zusammen in einer Grabkammer, die nachweislich seit dem frühen Mittelalter nicht mehr geöffnet worden war. Dort hatten sie fünf Jahrtauende überdauert. In einer Grabkammer bei der sagenhaften Stadt Tis La Nat, unter den Trümmern der Nuklearexplosion, die Tis La Nat zerstörte. Außerdem unter den Trümmern der kinetischen Bombardierung durch die RogOzar und zusätzlich verborgen durch die Umgestaltung der Geografie während der Wiederbesiedlung Kisors. Viel Zeit und viele Ereignisse sind über die Artefakte hinweggegangen. Und viele Trümmer.
Die sagenumwobene Stadt Tis La Nat wurde erst während der geografischen Neugestaltung Betas entdeckt. Die Stadt war 5000 Jahre lang nur ein Mythos. Sie kam in den Legenden des frühen Mittelalters vor. Aber bis zur Wiederbesiedlung gab es keine konkreten Hinweise, dass sie wirklich existiert hatte. Die Ruinen waren so tief vergraben, dass sie nicht einmal mit den Hightech-Mitteln in der Zeit des Interianischen Imperiums entdeckt wurden. Bei der Neugestaltung Betas im Zuge der Wiederbesiedlung 200 Jahre zuvor stieß man auf erste Spuren. Aber damals war nicht die richtige Zeit für größere archäologische Ausgrabungen. 80 Jahre später, also vor etwa 120 Jahren, bestätigte die Tsibinda-Entdeckung den wahren Kern sehr alter Legenden. Archäologie im Kontext von Legenden wurde zur Mode und die Ausgrabungen nahmen zu. Aber Tis La Nat war bei weitem nicht der einzige Ausgrabungsort und die Mittel waren noch begrenzt denn Kisor Beta war mitten im Wiederaufbau.
Vor 25 Jahren wurde dann ein riesiges historisches Archiv mit Daten aus dem kisorischen Mittelalter entdeckt: die t5a-Kammer von Artu. Die t5a-Kammer enthielt viele Informationen zu den realen Ereignissen des Mittelalters, die bisher nur aus Sagen bekannt waren. Automatische Miner und Assoziierer brauchten nicht lang, um den Wissensschatz zu heben. Sie bestätigten die Existenz von Tis La Nat, die Zerstörung durch eine Nuklearexplosion und die geografische Lage. Mit dem neu gewonnenen Wohlstand und den nun verfügbaren Mitteln wurde Tis La Nat zu einem Brennpunkt archäologischer Ausgrabungen. Die Bots der Archäologen legten in kurzer Zeit viele Quadratkilometer frei. Darunter war auch ein alturistisches Gräberfeld aus der Zeit kurz vor dem Ende Tis La Nats.
In einer Grabkammer entdeckte man eine sehr seltene Titankiste mit sehr seltsamen Artefakten. Schnell kamen Spekulationen auf, dass es sich bei den Artefakten um die Überreste des sagenumwobenen Weisen Drachen handeln könnte. Der Weise Drache ist die zentrale Figur der Drachenlegenden. Durch die Figur des "Drachen in Kisorigestalt" sind die Drachenlegenden mit den "Reisen von Uri Tza Meka" verbunden. Da die Sagen um Uri Tza Meka durch die Tsibinda-Entdeckung bestätigt wurden, liegt die Vermutung nahe, dass auch die Drachenlegenden einen wahren Kern enthalten. Der "Drache in Kisorigestalt", später der Weise Drache genannt, ist ein Protagonist in "Uri Tza Mekas Reisen". Er bekam mit den Drachenlegenden gewissermaßen ein eigenes Spinoff.
In den Drachenlegenden ist der Weise Drache tausend Jahre lang auf Wanderschaft. Er erlebt unzählige Abenteuer. Die Abenteuer sind vermutlich fast alle fiktional. Viele Generationen von Geschichtenerzählern im zweiten und dritten Mittelalter-Jahrtausend haben Geschichten überliefert und sich immer wieder neue ausgedacht und hinzugefügt. Aber wenn die Figur des Drachen mit derjenigen aus "Uri Tza Mekas Reisen" übereinstimmt, dann gab es eine hochentwickelte Waffen-KI aus den Beständen des alte Solemischen Reiches, die in der Gestalt eines zeitgenössischen Kisori im frühen Mittelalter auf Kisor Beta aktiv war. Und in diesem Fall enthält die gefundene Titankiste womöglich einen technologischen Schatz.
Die Kiste enthält
- das Skelett eines Kisori,
- eine improvisierte, aber moderne Beinprothese,
- ein lädiertes mittelalterliches Kurzschwert und
- ein hypermodernes Nanokomplex-Arsenal.
Das Arsenal ist eine kleine runde Dose in der Größe eines Eishockey Pucks. Auf der Oberseite hat es eine IO-Matrix aus Millionen Signalfäden. Das Arsenal enthält eine KI und Mikrobot-Fabs, die einen externen Nanokomplex als "Körper" herstellen können. Theoretisch kann der Nanokomplex beliebig groß werden. Praktisch ist die Größe begrenzt durch den Energieverbrauch, die Zahl der Steuerungskanäle in Form von Signalfäden, die Produktionszeit und verfügbare Rohstoffe.
Das Schwert passt perfekt in das frühe Mittelalter. Es wurde aus einem Stahlträger herausgeschliffen. Eine ganz normale Vorgehensweise für einen mittelalterlichen Schmied in einer Welt in der Gigatonnen von Trümmern einer früheren Hightech-Zivilisation herumliegen. Das Schwert sieht abgenutzt und beschädigt aus. Es muss einmal sehr teuer gewesen sein. Denn mit mittelalterlichen Mitteln ist es sehr mühsam, ein Schwert aus einer modernen Stahlräger zu schleifen.
Das Skelett und die Beinprothese geben einen Einblick in die späte Geschichte des realen "Drachen in Kisorigestalt". In den frühen Drachenlegenden ist der Drache sehr mächtig. Er ist eine Art Superheld. Später schwinden seine physischen Fähigkeiten. Der Schwerpunkt verlagert sich von physischen Heldentaten zu magischen Fähigkeiten. Danach zu Weisheit und Diplomatie. Vermutlich ist der Drache zu Beginn in "Uri Tza Mekas Reisen" ein sogenannter Nanokomplex, ein Mikrobot-Agglomerat, das wie flüssiges Metall aussieht und aus unzähligen Mikrobots besteht. Für seine Wanderung unter den überlebenden Kisori wird er die Form eines Kisori angenommen haben. Er ist zu Höchstleistungen fähig und stark wie 100 Kisori.
Nach dem Zusammenbruch der modernen Zivilisation und dem Anbruch des Mittelalters gibt es keine Ladestationen mehr. Aber für einige Zeit gibt es noch Batterien. Die Hightech-Gesellschaft Kisors produzierte nicht nur einfache Nanokondensatoren. Energiespeicher basierend auf metallischem Wasserstoff und Quantenkondensaten habe eine tausendfach höhere Energiedichte. Möglicherweise gab es sogar chromodynamische Speicher mit 100k-facher Kapazität. Solche Hightech-Batterien können einen Nanokomplex Jahrzehnte lang versorgen.
Viele Geschichten drehen sich um die Suche nach Energiequellen. In der mittelalterlichen Beschreibung wurden diese als Edelsteine und andere Objekte mit Lebensenergie umschrieben. Hightech-Batterien können auch dramatisch explodieren, wenn sie beschädigt werden. Die Sprengkraft kann im Kilotonnen Bereich liegen. Explodierende Lebensenergie-Steine kommen in einigen frühen Geschichten vor, als Unfall oder als letzte Rettung in einer aussichtslosen Lage. Anscheinend setzte die KI ihre Energiezellen auch als Waffe ein.
In den ersten Jahrhunderten nach dem Fall sinkt der Techlevel Kisors immer weiter ab, bis er das – aus den Sagen bekannte – Niveau erreicht. Damit werden auch die Energiequellen schlechter und seltener. Der Drache muss improvisieren. Er lädt sich an Dampfturbinen mit elektrischen Generatoren und an den letzten funktionierenden Solaranlagen. Vielleicht lädt er sogar manuell mithilfe anderer Kisori. Er ist nun beschränkt durch begrenzte Energiespeicher und lange Ladezyklen. Deshalb vermeidet er energetisch anspruchsvolle Funktionen wie proaktive Schilde, Superagilität und Hochgeschwindigkeitsdarts. Er benutzt archaische Waffen und gelegentlich Mikrobot-Wolken als "Magie".
Im Laufe der tausendjährigen Laufzeit degradieren die Mikrobots. Es gibt spätere Drachengeschichten, in denen Glieder fehlen und in denen der Drache kleiner wird. Zeitweise ist er kleinwüchsig. Manchmal tritt er auch als Kind auf, obwohl er da schon 1000 Jahre alt sein muss. Vermutlich verliert der Drache im Lauf der Zeit immer mehr Mikrobots. Sein aktives Volumen schrumpft.
Er kann anscheinend keine Ersatzteile herstellen. Das ist eigentlich ungewöhnlich, denn ein hochentwickeltes Nanokomplex-Arsenal sollte Mikrobot-Fabs haben. Vielleicht fehlen Hightech-Metamaterialien als Fab-Input. Oder vielleicht sind die Fabs irgendwann einfach defekt. Wahrscheinlich gab es Schäden durch Kämpfe. Das Arsenal einer solemischen Waffen-KI ist sicher nicht speziell gegen mechanische Schocks durch archaische Waffen isoliert. Und ziemlich sicher ist es nicht für eine 1000-jährige Laufzeit ausgelegt. Das Arsenal kann immer weniger Ersatzteile produzieren. Irgendwann wahrscheinlich gar keine mehr.
Der Drache muss Ressourcen sparen, das heißt, er muss sich schonen. Er wird zum Weisen, zum Berater und zum Diplomaten. Dabei kann er sich immer noch auf unerschöpfliche Datenspeicher verlassen – und auf hochentwickelte Memetik-Techniken. Als Diplomat erzielt er Kompromisse, die keiner der zeitgenössischen Kisori für möglich gehalten hätte. Der Legende nach konnte er sehr überzeugend sein.
Aber selbst bei einer schonenden Betriebsart degradieren die Elemente eines Nanokomplexes im Lauf der Zeit. Der Verlust war vermutlich um Größenordnungen geringer als der Schwund, den wir aus dem zivilen Bereich unserer Wirtschaft kennen. Aber auch militärische Qualität aus einer so hochentwickelten Zivilisation wie dem solemischen Reich hat ihre Grenzen. Irgendwann waren zu wenige Mikrobots übrig für eine glaubwürdige Kisorigestalt. Er musste sich wieder etwas einfallen lassen.
Die gefundenen Artefakte zeigen die Lösung des Problems. Im Skelett gibt es Spuren von Signalfasern, Reste der Mikrobot-Fäden. Sie durchziehen das ganze Skelett. Anscheinend benutzte der Drache – oder besser gesagt die KI des Arsenals – irgendwann biologische Kisorikörper als Androiden (sogenannte Bioroids). Er setzte die verbliebenen Mikrobots nur noch als Signalfasern ein. Dafür brauchte er allerdings einen funktionierenden Körper. Und nicht nur einen. Diese echten biologischen Körper alterten ganz normal. Alle paar Jahrzehnte musste der Drache in eine neue Hülle wechseln. In der Anfangszeit hatte er sich eine Kisori-Form gegeben, um nicht aufzufallen. Damals bekam er den Namen "Drache in Kisorigestalt". Als er dann zur Verwendung von Bioroiden übergehen musste, war er buchstäblich "in" Kisorigestalt.
Wie die KI lebende Kisori-Körper akquirierte, ist nicht bekannt. Aber die Drachenlegenden geben Hinweise. Der Drache konnte angeblich in Kisori hineinschlüpfen und diese übernehmen. Den Legenden zufolge war das ein langwieriger Prozess. Genau das was man bei Verdrahtung, Aktivierung und Individualisierung eines neuen Bioroids erwarten würde. Eine späte Drachengeschichte berichtet davon, dass der Drache einen Gefährten "beseelt", der gerade im Kampf gefallen war. Sicher konnte die KI mit ihren Mikrobots Verletzungen von innen heilen und sogar den Kreislauf wiederherstellen. Das musste allerdings schnell gehen bevor multiples Organversagen einsetzte.
Eine andere Geschichte berichtet, dass der Drache mit einem der unzähligen regionalen Kriegsfürsten verhandelte. Als die Verhandlungen scheiterten, opferte der Drache sein eigenes Leben, um einen mächtigen Zauber zu wirken, der die Seele des Widersachers friedlich stimmte. Der Kriegsherr brach den Angriff ab. Das bedrohte Volk war gerettet. Den Rest seines Lebens verbrachte der Kriegsherr damit, ein friedliches Reich aufzubauen. Das klingt ganz so als ob die KI in höchster Not ihren aktuellen Bioroiden aufgab, um einen neuen zu besetzen.
Jeder Wechsel und die nötige Neuverdrahtung wird Mikrobots gekostet haben. Die Lebensspanne des Drachen zwar sehr lang, aber endlich. Das Skelett, das gefunden wurde, war sehr alt. Es hatte mehrere Prothesen, darunter das ganze rechte Bein von der Hüfte bis zur Ferse. Wahrscheinlich versuchte die KI gegen Ende die Lebensdauer der Bioroiden zu strecken.
Der letzte Körper war alt und vielfach ausgebessert. Man nimmt an, dass die KI nicht mehr genügend Ressourcen hatte, um ein weiteres Mal zu wechseln. Möglicherweise war aber auch einfach gerade kein neuer Körper verfügbar, als der alte versagte. Vielleicht ist das Ende plötzlich gekommen, durch eine Infektion oder eine Verletzung. In fast allen Legenden ist der Drache eine Kraft des Guten in der (kisorischen) Welt. Nur sehr selten ist er auf der Seite des Bösen. Die KI scheint bis auf gewisse – moralisch gerechtfertigte – Ausnahmen keine lebenden Kisori übernommen und damit getötet zu haben.
Möglicherweise hat die KI am Ende beschlossen, sich in ihr Schicksal zu fügen und die Aktivität einzustellen. Sie ließ zu, dass Freunde den "gestorbenen" Weisen Drachen feierlich beerdigen. Das schließt man daraus, dass die sterblichen Überreste in einer sehr kostbaren Titankiste zusammen mit persönlichen Gegenständen beigesetzt wurden. Die Kisori gegen Ende des ersten Mittelalter-Jahrtausends konnten sicher kein Titan herstellen. Die Titanplatten der Kiste müssen Relikte der untergegangenen Hochzivilisation gewesen sein. Und nach 1000 Jahren Mittelalter gab es vermutlich nicht mehr viele gut erhaltene Stücke.
Der Weise Drache "starb" vor 5300 Jahren. Die KI ging nach einer Betriebszeit von 1200 Jahren in den Ruhezustand. Das hatte sie schon einmal getan. Die Kisori kannten sie als den Weisen Drachen. Aber vorher war sie eine militärische KI des solemischen Reiches. Nach dem verlorenen Krieg und dem Untergang des Reiches war sie für 700 Jahre im Ruhezustand bis Isulisamikal, das historische Vorbild des Sagengestalt Uri Tza Meka, sie entdeckte und aktivierte.
Die KI ist hochentwickelt. Mangels Mikrobot-Produktion kann sie selbst nicht mehr aktiv werden. Sie ist passiv und weitgehend ungefährlich, da sie sich ohne Mikrobots nicht physisch gegen Analysemaßnahmen wehren kann. Gleichzeitig enthält sie Wissen über militärische Technologien, die den unseren deutlich überlegen sind.
Diese Kombination macht das Nanokomplex-Arsenal zu einem einzigartigen Artefakt. Nirgendwo sonst gibt es eine voll funktionsfähige hightech Waffen-KI ohne Schutzmaßnahmen. Wer es schafft, die KI zu reaktivieren und das Knowhow zu extrahieren, kann sich einen militärischen Vorteil verschaffen. Das ist in Kriegs- und Krisenzeiten besonders interessant
- für die Menschen im Kampf gegen die Chinti-Schwärme,
- für die Verteidigung der Chinti gegen die Menschen,
- für Kisori als Sicherheit gegen die Menschen,
- für die kisorische Südpol-Nation, wo das Arsenal gefunden wurde, im Ringen um die Vorherrschaft auf dem Planeten.
- Und natürlich für viele andere interstellare Völker und Fraktionen in ihren eigenen Konflikten.
Gleich nach der Entdeckung der Artefakte wird eine Informationssperre verhängt.
Wissenschaftler der Südpol-Nation untersuchen das Arsenal.
Trotz der vermuteten Passivität muss man Sicherheitsmaßnahmen etablieren. Bevor man die KI mit Energie versorgt, wird das Arsenal durch geschachtelte Nano-Caves physisch abgeschirmt. Gleichzeitig gibt es eine informationstechnische Isolation. Innerhalb der Info-Isolation arbeitet eine leistungsfähige Analysetechnik. Aber es gibt nur einen schmalbandigen Kontrollkanal durch die Info-Perimeter für den Fall, dass die KI die Analysetechnik kompromittiert.
Die volle Bandbreite der modernen minimalinvasiven Fremdtechnologiediagnostik kommt zum Einsatz. Die Wissenschaftler setzen nanotechnische Sonden und Aktuatoren ein für Hardwareerkundung und Ebene-0 Info-Kartierung. Sie brauchen 10 Jahre für die Basisanalyse und weitere 5 Jahre bis eine Energieversorgung steht. Dann kommt die Phase der Informationsinfiltration. Nach 4 Jahren reagiert die KI auf Signale. Aber ohne Kenntnis der korrekten Aktivierungsprozeduren und Zugangscodes ist es schwer, die KI im Dienst der kisorischen Wissenschaftler zu aktivieren. Seitenkanalangriffe und physische Umgehung von Schutzbereichen zeigen keine Wirkung. Die Informationsarchitektur ist zu fremd. Die KI benutzt andere informationstechnische Grundlagen und Prinzipien als bekannte Technik.
Vor dem gleichen Problem stand auch Isulisamikal 6600 Jahre zuvor. Kann man den Legenden Glauben schenken, dann schaffte sie es innerhalb weniger Wochen, die solemischen KIs zu aktivieren und zum Dienst für Kisor zu bringen.
Möglicherweise hatte sie damals Zugriff auf Technologie, die uns heute fehlt. Immerhin war sie vor ihrem Einsatz im königlich-kisorischen Direktorat für Fremdtechnologie für viele Jahre als KI-Managerin im Dienst der Mercato-Hierarchie. Vielleicht verfolgte sie aber auch einfach einen anderen Ansatz. Der Legende nach war der Drache in Kisorigestalt ein Freund von Uri Tza Meka. Der Drache half Uri Tza Meka bei der Verteidigung seiner Heimat als Dank für die Erweckung aus einem 100-jährigen Schlaf (tatsächlich waren es 700 Jahre). Mit anderen Worten: Die historische Kisori Isulisamikal gewann die KI des Arsenals als Verbündeten und Freund. Isulisamikal scheint die KI nicht isoliert und gefangen gehalten zu haben. Letztlich ist die KI ein Individuum auf Bewusstseinsniveau und die Art wie sie behandelt wird bestimmt möglicherweise ihre internen Entscheidungsprozesse.
Jedenfalls erzielen die Wissenschaftler vom infohistorischen Institut des Nationalarchivs der Südpol-Nation nach 19 Jahren erste Erfolge. Sie kommunizieren mit der KI. Das ist ein Durchbruch, der hoffen lässt, dass verwertbare Ergebnisse nicht mehr fern sind.
Die Forschung läuft unter strenger Geheimhaltung. Aber die Nachricht vom Durchbruch bleibt nicht lange geheim. Die Südpol-Nation ist eng verbunden mit dem mittleren Fox-System und dort mit menschlich-singularitisch dominierten Konsortien. Viele der beteiligten Wissenschaftler, des Sicherheitspersonals und der politischen Führung sind Menschen. Menschen und Kisori sind etwa gleich stark vertreten. Die Südpol-Nation ist ein leuchtendes Beispiel für Interspezies-Kohabitation zwischen Menschen und Kisori. Das erlaubt den Nachrichtendiensten der Menschen einen guten Zugang. Die externe Aufklärung der Reshumanis von Cobol hat Kooperationspartner unter den Wissenschaftlern und Informanten in der Aufsichtsbehörde. So gelangt die Nachricht schnell nach Cobol.
Die Reshumanis von Cobol ist der militärisch-politische Arm der Menschheit im Krieg gegen die Chinti. Anfangs war sie nur ein Verteidigungsbündnis. Mit der Finanzreform vor 40 Jahren wurde die Reshumanis zur führenden interstellaren Organisationsform der menschlichen Sphäre. Inzwischen entwickelt sie interstellare Verwaltungsstrukturen. Der Begriff Reshumanis wird zum Synonym für das Imperium der Menschen. Ihr Zentrum ist bei Cobol. Dort ist der Sitz des Exekutivrates, die Vertretung der Mitgliedssysteme, -welten und -fraktionen.
Seit fast 100 Jahren führen die Menschen schon Krieg gegen die Chinti-Schwärme. Anfangs war es ein verzweifelter Abwehrkampf gegen einen unbekannten und brutalen Gegner. Aber im Lauf der Zeit lernte man die Chinti besser kennen. Die Kooperation mit abtrünnigen Chinti-Kleinschwärmen in den Randbereichen des Solsystems hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen und ihre Verbündeten die Chinti besser verstehen lernten.
100 Jahren Konflikt und Auseinandersetzung mit dem Gegner brachte eine Annäherung in Form von Wissen, Kontakten und Kommunikationskanälen. Insbesondere über die abtrünnigen Chinti-Schwärme gelang es sogar nachrichtendienstliche Kontakte herzustellen. Die andersartige Biologie macht solche Kontakte schwieriger als innerhalb einer Spezies. Aber es gibt immer neutrale Drittvölker, Unterwanderung bei Verbündeten, abtrünnige Fraktionen und Überläufer, die eigentlich Doppelagenten sind. Die Dichte solcher nachrichtendienstlichen Kontakte ist wesentlich geringer als innerhalb einer Spezies. Aber es gibt sie. Mit anderen Worten: die Reshumanis hat Informanten bei den Chinti. Und die Chinti-Schwärme haben Kontaktleute bei Reshumanis.
Über einen Doppelagenten bei einem abtrünnigen Schwarm in Sols Kuipergürtel kommt die Nachricht vom Durchbruch der Kisori zu den Chinti. Seit die Menschen den Vormarsch der Chinti gestoppt haben, ist das dominante Chinti-Schwarmherz alarmiert. Das Schwarmherz befürchtet zu Recht, dass die Menschen bald in die Offensive gehen. Das Schwarmherz sucht deshalb nach strategischen Disruptionen, nach Verbündeten und Technologien, die das Blatt wenden können. Zugriff auf solemische Waffentechnologie wäre so eine disruptive Entwicklung.
Die Chinti brauchen ein Jahr für die Vorbereitung der Extraktionsoperation auf Kisor:
- Sie verwandeln Handelsschiffe mit realen Routenhistorien in verdeckte Kriegsschiffe (Q-Ships).
- Sie heuern Söldner an, die als Fassade dienen und die orbitale Abschirmung übernehmen.
- Sie koordinieren die Flugpläne der Schiffe damit alle gleichzeitig den Orbit von Kisor Beta erreichen.
Die Extraktionsoperation ist erfolgreich.
Das Spezialkommando der Chinti kann
- Orbit, Orbitalzugang und Oberfläche sichern,
- das Nanokomplex-Arsenal lokalisieren,
- in den Forschungsbereich tief unter der Oberfläche eindringen,
- das Arsenal an sich bringen,
- ungehindert zur Oberfläche zurückkehren,
- die Beute in den Raum bringen,
- das System trotz Gegenwehr unter großen Verlusten verlassen
- und das solemische Nano-Arsenal mit der KI schließlich zum Schwarmherz in der Chinti-Domäne bringen.
Die Kommandoaktion schlägt natürlich große Wellen. Offiziell ist Kisor eine Kriegspartei auf der Seite der Menschen. Aber faktisch ist Kisor neutral. Der Angriff auf eine neutrale Macht kann gravierende Konsequenzen für die strategische Situation haben. Bis hin zur Öffnung einer neuen Front. Deshalb gehen die Chinti so vorsichtig wie möglich vor. Insbesondere verzichten Sie darauf, den angegriffenen Bereich hinterher zu bombardieren. Normalerweise hätte man zur Verschleierung der Operationsziele einen Umkreis von 100 Kilometern bis in zwei Kilometer Tiefe sterilisiert. Das hätte Millionen Kisorileben gekostet. Alternativ hätte man auch – wenn man schon mal da ist – den ganzen Planeten ausradieren können. Das war die Vorgehensweise der Chinti bei der sogenannten Chinti-Katastrophe zu Beginn des Krieges. Dabei verlor ein Drittel der solaren Bevölkerung das Leben.
Aber in diesem Fall versuchen die Chinti so wenig Schaden anzurichten, wie möglich. Sie verzichten auf eine Bombardierung. Die Kalkulation geht auf. Der kisorische Völkerbund protestiert. Die kisorische Systemverteidigung führt einen symbolischen Schlag gegen einen vorgeschobenen Posten der Chinti. Die Gegenaktion ist ohne militärische Bedeutung.
Die Zurückhaltung der Chinti sorgt dafür, dass das Operationsziel bei allen interessierten Parteien bekannt ist. Die Öffentlichkeit weiß nichts von den Artefakten des Weisen Drachen. Aber die politische Führung auf Kisor und die menschliche Reshumanis wissen genau worum es geht und was auf dem Spiel steht:
- Die kisorischen Nationen – Bürger und Regierungen – sind entsetzt, dass die Systemverteidigung den Angriff nicht verhindern konnte. Die Kommandoaktion war zu schnell wieder vorbei, bevor die Verteidigungskräfte eingreifen konnten.
- Die Südpol-Nation bedauert den Verlust, weil weitere Erkenntnisse vielleicht ihre Position auf Kisor gestärkt hätten.
- Insbesondere Vertreter des Singularismus hatten sich strategische Vorteile gegenüber dem immer noch dominierenden Alturismus erhofft, denn die nächste Auseinandersetzung zwischen Nationen der beiden Hauptreligionen ist nur eine Frage der Zeit.
- Historiker, KI-Manager und der militärisch industrielle Komplex Kisors bedauern den Verlust potenzieller Erkenntnisse jeweils aus der Sicht ihrer Branche und Wissenschaft.
- Der kisorische Völkerbund und die Systemverteidigung hatten sich Vorteile in einer hypothetischen zukünftigen Auseinandersetzung mit den Menschen erhofft. Obwohl Menschen und Kisori die meiste Zeit die gleichen Interessen hatten und obwohl es erfolgreiche Kohabitation gibt, waren Sol und Kisor nur selten freundschaftlich verbunden. Sol und Kisor haben schon zwei Mal Krieg gegeneinander geführt. Das erste Mal endete mit einer totalen Niederlage der Menschen und einer sehr nachsichtigen Haltung auf Kisors Seite. Die zweite Auseinandersetzung endete mit der gnadenlosen kinetischen Auslöschung Kisors. Das Solsystem war zu dieser Zeit von RogOzar besetzt und der Krieg war ein religiös motivierter Rachefeldzug der RogOzar. Die Menschheit wurde gezwungen daran teilzunehmen. Aber aus kisorischer Sicht kamen die Schiffe und Besatzungen, die den Vernichtungsschlag ausführten, von Sol. Kisor hatte es nicht leicht mit Sol. Momentan ist Kisor unbedeutend und die Reshumanis der Menschen entwickelt sich zu einem mächtigen Imperium. Aus Sicht der Kisori ist das keine gute Situation. Jeder asymmetrische Vorteil wäre willkommen gewesen. Deshalb hatte man die Existenz der Artefakte vor der Reshumanis geheim gehalten.
- Der Reshumanis Exekutivrat betrachtet die Angelegenheit als Verrat der Kisori an der Allianz. Die Tatsache, dass Kisor potenziell kriegsentscheidende Informationen vor den Menschen geheim gehalten hat, während die Menschheit um ihre Existenz kämpft, ist nicht zu entschuldigen. Dort ist man überzeugt, dass es die Pflicht der Kisori gewesen wäre, die Artefakte an Reshumanis zu übergeben. Außerdem hätte Reshumanis sie besser schützen können. Das stimmt vermutlich. Im Cobol-System hätte so ein Angriff keinen Erfolg gehabt. Noch schlimmer ist, dass jetzt der Feind Zugriff auf die Technologien hat. Die Artefakte zu verheimlichen, sie nicht gut zu schützen und dann dem Feind zu überlassen, wird als Kollaboration eingestuft.
Die Reshumanis verfolgt eine rigorose binäre Politik. Sie kennt nur Verbündete oder Gegner. Diese Kompromisslosigkeit war vielleicht einmal notwendig, als die Menschheit vor dem Abgrund stand. Aber inzwischen wurde der Vormarsch der Chinti gestoppt. Die Existenz der Menschheit ist nicht mehr unmittelbar bedroht. Trotzdem bleibt die Reshumanis beim Prinzip "wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Der Reshumanis-Exekutivrat will ein Exempel statuieren. Er beschließt, den "Verrat" mit dem Verlust der staatlichen Souveränität zu bestrafen. Wieder einmal erklären Menschen die Kisori zu Feinden.
Die Reshumanis schickt eine schwer bewaffnete Einsatzgruppe und Landungstruppen nach Kisor. Kisors Systemverteidigung weicht zurück und gibt den Orbit auf. Die zusammengewürfelten kisorischen Kräfte wären der Reshumanis-Flotte nicht gewachsen gewesen. Die Flotte ist materiell überlegen. Und sie ist kampferprobt im Chinti-Krieg, während die Kisori nur einige Erfahrungen mit Piraten haben. Das liegt aber auch daran, dass das Reshumanis-Oberkommando klarstellt, dass die Aktion nur der Südpol-Nation gilt und nicht ganz Kisor Beta oder dem System. Ein Einspruch mehrerer Großmächte im kisorischen Völkerbund verhindert, dass die gemeinsame Systemverteidigung aktiv wird. Einige kisorische Nationen spekulieren auf eine Schwächung des Südpols durch die Strafaktion der Reshumanis.
Die Landungstruppen der Reshumanis besetzen Kontrollknoten der Informationsinfrastruktur der Südpol-Nation auf dem Boden und im Orbit. Dabei müssen sie den Widerstand der lokalen Staatstruppen überwinden. Der physische Zugriff erlaub es dann, Informationskampfmittel einzuschleusen, die die Kontrolle über das Natz übernehmen. Finanz-, Verwaltungs- und Regierungsfunktionen werden von den Besatzungstruppen kontrolliert. Die Regierung des Südpols ist damit entmachtet. Das Reshumanis-Oberkommando spricht die standardmäßige Nukleardrohung aus. Damit wird staatlich organisierter Widerstand unterbunden. Kinetische Schläge stören größere Widerstandsaktionen. Trotzdem entsteht eine Guerillabewegung, die die Besatzungstruppen dauerhaft in Atem hält.
Die anderen kisorischen Nationen und Fraktionen auf Kisor Beta, Alpha und im System kommen auch nicht ganz ungeschoren davon. Der kisorische Völkerbund muss die Allianz mit der Reshumanis noch einmal formal bestätigen. Als äußeres Zeichen der wiederbelebten Allianz wird der Völkerbund außerdem verpflichtet, regelmäßigen einen materiellen Beitrag zu den Verteidigungsanstrengungen der Reshumanis zu leisten. In der Praxis wird damit ein Abgabesystem etabliert, mit dem die Reshumanis Steuern auf Kisor erhebt. Kisor wird so das erste tributpflichtige Sonnensystem außerhalb der Reshumanis.
Es ist ein weiterer Schritt in Richtung Imperium.
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3050 Gründung der königlichen Garde von Marduk
Die Garde besteht aus ca. 150 schweren Kreuzern, die jeweils von nur einer Person geflogen werden. Die Schiffe sind hochautomatisiert. Sie werden von den Piloten oder deren Familien selbst finanziert.
Die Mitgliedschaft bei den Solo-Fliegern ist eine Ehre. Sie ist für wohlhabende Familien, die nicht zur ersten Siedlerwelle gehören, eine Möglichkeit, in den (niederen) Adel aufzusteigen. Die "Verpflichtung als Solo" ist gleichzusetzen mit einem Ritterschlag.
Vor etwa 200 Jahren begann der sogenannte Barbarensturm. Damals fielen moderne Waffen in die Hände von archaischen Gesellschaften und Völkern mit anderen Moralsystemen. Die meisten hätten wohl nicht von selbst so hochstehende Technologie entwickelt und wären nie zu einer Gefahr für die interstellare Zivilisation geworden. Aber mit dem Zugriff auf schnelle Raumschiffe und automatische Waffensysteme wurden ihre Ethik, ihre Sitten und Handlungsweisen, interstellar wirksam. Das hatte fatale Folgen für die Hochzivilisationen der Umgebung.
Der wesentliche Auslöser für diese Entwicklung war der Rückzug des Interianischen Imperiums. Das Imperium kontaktierte viele Völker und versuchte sie in die interstellare Gesellschaft einzubinden. Beim plötzlichen Ende des Imperiums war der Prozess nicht abgeschlossen. Viele kontaktierte, aber noch nicht zivilisierte Völker, wurden sich selbst überlassen. Das Imperium gab damals Flottenstützpunkte an der Grenze auf, und einige Völker übernahmen die zugehörigen Depots. Dort fanden sie sehr moderne automatische Waffensysteme.
Gefördert wurde die Entwicklung vom gormanischen Bürgerkrieg, bei dem viele Fraktionen Söldner von ihren Heimatplaneten mit modernen Waffen ausstatteten.
Auch Hochzivilisationen trugen dazu bei, dass moderne Waffen in die falschen Hände fielen. Als die Handelsrouten unsicher wurden, heuerte sogar das Solsystem Söldner zum Schutz der Geleitzüge an.
Söldner, die Frachter beschützen, können später auch Handelsrouten angreifen. Das passierte damals immer wieder.
Dann wurden die ersten überraschten Hochzivilisationen von Barbaren angegriffen und manche konnten sich nicht verteidigen. Handelspartner fielen aus, interstellare Verbindungen wurden teuer und die äußeren Systeme waren unsicher. Nach 50 Jahren befanden sich die interstellar vernetzten Gesellschaften des Sektors in einer tiefen Wirtschaftskrise. Einige hatten schon zeitweise unter einer Fremdherrschaft zu leiden, andere versuchten aufzurüsten. Das war schwierig in einer Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs.
Mit einer modernen quartären Systemverteidigung, aus Ballistik-Schild, Tiefraumsperren, Minen und mobilen Einheiten, kann man Systeme sogar gegen massive Angriffe befestigen. Das ist selbst für wohlhabende Systeme eine teure und jahrzehntelange Anstrengung. Deshalb rüsteten die meisten Systeme nur mobile Kräfte aus. Das war ausreichend gegen Überfälle durch moderne Barbaren, meistens jedenfalls.
Weitere 100 Jahre später hatte sich die Situation so weit verschlechtert, dass viele Völker, Sonnensysteme und Territorialsouveränitäten sogar Probleme hatten, genügend Mittel für eine ständig einsatzbereite Verteidigungsflotte aufzubringen. Als Notlösung wurden deshalb im Krisenfall zivile Schiffe aufgerüstet. Auch bewaffnete Handelsschiffe wurden zur Verteidigung herangezogen. Die Handelsschiffe hatten sich sowieso bewaffnet, um Piraten abzuwehren, seit die Handelswege unsicher wurden.
Moderne Waffensysteme von interstellaren Hochzivilisationen haben ein gewaltiges Zerstörungspotential. Ein einziger leichter interianischer Kreuzer könnte einen ganzen Planeten unbewohnbar machen. Solche Waffen waren nun in den falschen Händen und dagegen versuchten sich Handelsschiffe zu wappnen. Deshalb war die Standardbewaffnung von Handelsschiffen in diesen schwierigen Zeiten nicht zu vernachlässigen. Sie leistete oft einen wesentlichen Beitrag zur Systemverteidigung. Die typische Verteidigungsflotte setzte sich zusammen aus eilig mit Lenkwaffenstartern ausgerüsteten Frachtern, bewaffneten Händlern und Einheiten der ordentlichen Marine.
Seit etwa 100 Jahren werden zusätzlich auch wohlhabende Privatleute und Konzerne zum Verteidigungsdienst herangezogen. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gibt es sehr reiche Individuen (zumindest bei Völkern, die das Konzept des Individuums kennen). Einige profitieren von der Verknappung von Ressourcen durch die problematische Handelssituation, andere profitieren von ihrer Nähe zu den lokalen Regierungen. Viele der Superreichen haben eigene Raumschiffe.
In guten Zeiten gibt es in interstellaren Gesellschaften märchenhafte Reichtümer, tausend Mal größer, als die Vermögen von Milliardären in planetengebundenen Regionalökonomien 1000 Jahre zuvor. Auch in schlechten Zeiten reicht es für eigene Raumschiffe, eine Yacht oder einen Interstellar-Jet, mit Waffen, die sich zumindest gegen Piraten zur Wehr setzen können. Und auch in Hochzivilisationen gibt es private Söldner, die davon leben, andere zu beschützen, und dafür in gut ausgerüsteten Schiffen unterwegs sind.
Diese Schiffe sind weitgehend automatisiert. Praktisch alle Funktionen des Raumschiffbetriebs werden von Drohnen, Mikrobots und KIs ausgefüllt. Das beginnt bei Nanotech- oder Biotech-basierten Putzkolonnenschwärmen und geht über Reparaturdrohnen bis hoch zu Managementfunktionen, die sonst durch Offiziere besetzt werden. Meistens haben diese Schiffe nur eine kleine Besatzung, oft sogar nur eine Person: den/die Eigentümerin.
Viele fliegen solo. Nur der Kapitän ist ein Sophont, ein Mensch, im originalen Bio-Körper, als Android oder sogar als Infosophont in die Schiffsysteme geladen. Alle anderen sind unbewusste KIs.
Man nennt sie Solos. Ein Mensch und sein Raumschiff.
Solos sind eine Elite. Sie sind genetisch optimiert und mit Nanotechnik aufgerüstet. Sie haben mehrere parallele Denkprozesse, beschleunigte Verarbeitung und unbegrenztes Erinnerungsvermögen. Ihre geistigen Fähigkeiten werden verstärkt durch spezialisierte Intuitionsquellen: Assoziationsbooster, Strategiesimulationen und taktische Optimierer, deren Ergebnisse durch Implantate in das Bewusstsein eingeblendet werden. Sie sind in der Lage, die vielen Ereignisse bei Auseinandersetzungen im Raum mit zigtausend Teilnehmern in mehreren Sensordimensionen zu erfassen und schnell die beste Handlungsweise abzuleiten. Sie stehen den beschleunigten Upload-Besatzungen von Offensivdrohnen in nichts nach.
Es gibt natürlich immer Ausnahmen, zum Beispiel reiche Erben, die sich ein Schiff leisten, um Solo zu werden. Aber auch diese Leute können Fähigkeitslücken schließen, wenn sie eine kleine Crew anheuern. Nicht alle Solos fliegen wirklich alleine. Manche haben Piloten, Taktiker, strategische Berater, soziale Gefährten oder eine "Nachtschicht", die das Kommando hat, während der Solo schläft, auch wenn das nur zwei Stunden am Tag sind.
Nicht nur die Fähigkeiten sind wichtig, sondern auch das Training. Gute Solos trainieren ständig für Krisensituationen. Sie simulieren Kämpfe gegen KI-Gegner und gegen andere Solos. Das Cockpit eines Solo-Schiffs wird vollständig von Sensoren gespeist. Es ist der perfekte Simulator für taktische Spiele.
Training für den Ernstfall nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Solo zu sein ist teuer und zeitaufwändig. Bei den meisten Solos liegt dem Reichtum ein Geschäftsimperium zugrunde. Und auch geerbter Reichtum muss verwaltet werden, umso mehr, wenn der Reichtum auf aktiven Geschäften basiert. Aber dafür bleibt eigentlich keine Zeit. Deshalb delegieren die meisten Solos die Verwaltung ihrer Unternehmen, um ihre ganze Zeit dem Training widmen zu können.
Überall in der menschlichen Sphäre gibt es Solos. In manchen Systemen nur wenige, woanders tausende. Dort stellen Solos neben bewaffneten Handelsschiffen, aufgerüsteten Frachtern und der regulären Marine das vierte Standbein.
Solos tragen nicht die Hauptlast einer Schlacht. Dafür gibt es die schwer bewaffneten Nahkampfplattformen, die Schlachtschiffe der Moderne. Die Schiffe der Solos sind eher in der Größenordnung von Fregatten und leichten Kreuzern. Sie sind sehr mobil und auch bei interplanetaren Distanzen und entsprechenden Lichtverzögerungen selbständig handlungsfähig. Deshalb werden sie oft als Scouts eingesetzt, bei Kommandoaktionen oder in größeren Verbänden als schnelle Eingreiftruppe für überraschende taktische Vorstöße.
Solos sind inzwischen so wichtig für die Systemverteidigung, dass lokale Regierungen ihre Verfügbarkeit für den Krisenfall sicherstellen müssen. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass die Solos des Systems freiwillig zur Verteidigung beitragen. Deshalb werden wohlhabende Personen verpflichtet, Solos zu stellen und auszurüsten.
Anfangs war das für viele eine große Last. Nicht alle der Superreichen fliegen eigene Raumschiffe. Und die notwendige Bewaffnung geht weit über das hinaus, was man zur einfachen Abschreckung von Piraten brauchen würde, nicht nur bezogen auf die Kapazität, sondern auch bei den Kosten. In der Praxis müssen alle, die es sich leisten können, alleine ein Kriegsschiff finanzieren. Auf der anderen Seite ist die Mitgliedschaft bei der Solo-Komponente der Systemverteidigung etwas Besonderes. Im Vergleich zur regulären Marine mit hunderttausenden oder Millionen Soldaten, ob Bios oder Infosophonten, sind tausend oder zehntausend Solos eine Elite-Einheit. So werden sie auch behandelt.
Es ist nie leicht, Superreiche zum Dienst zu verpflichten. Große Vermögen bieten immer Möglichkeiten, sich dem Dienst für das Heimatsystem zu entziehen. Deshalb versuchen Territorialsouveränitäten, die Aufgabe attraktiver zu machen, indem sie Solos auszeichnen und bevorzugen. Das funktioniert besonders gut in feudalen Strukturen.
Auf Marduk ist das Präsidentenamt inzwischen erblich und der Begriff Präsident wird verwendet wie früher ein Königstitel. Die Republik Marduk hat ein Parlament, das von Konzernen und wohlhabenden Familien dominiert wird. Sie nennen sich Abgeordnete, aber sie werden in sicheren Wahlkreisen lebenslang gewählt. Die Bedeutung der Begriffe hat sich verschoben. Man spricht immer noch von Präsident und Parlament, aber die wahre Bedeutung und die Wahrnehmung sind eher König oder Kaiser und Senat. Die Verpflichtung als Solo ist gleichbedeutend mit einem Ritterschlag.
Keine Familie kommt in das Parlament, ohne einen Solo zu stellen. Im Parlament sitzen Vertreter der ersten Siedler, deren Familien einen Großteil der Gebietsrechte im Marduk-Sonnensystem besitzen. Dabei handelt es sich um planetare Territorien in der Größenordnung von Kontinenten, aber auch um Eigentum an Orbitalringen, Orbitalraum, Asteroidenschürfrechten, Extraktionsrechten bei den Gasriesen und systemweite Rechte am elektromagnetischen Spektrum.
Im Parlament sitzt auch der "Geldadel", Familien, die später kamen, aber große Vermögen angehäuft haben. Dort werden die großen Geschäfte eingeleitet. Man kann wohlhabend sein, aber das wahre Geschäft – und dazu gehören die Staatsfinanzen – teilen die Abgeordneten unter sich auf. Da die Abgeordnetenzahl begrenzt ist, ist es nicht einfach, in das Parlament "gewählt" zu werden. Eine Voraussetzung dafür ist, dass man zur Solo-Komponente der Systemverteidigung beiträgt. Und so sind die "Mitglieder der Solo-Komponente der Republik Marduk" eigentlich die modernen Ritter des Königs, deren Familien auch die Senatoren stellen.
Eine ganz besondere Ehre ist die Verpflichtung als Solo für die präsidiale Schutzflotte. Das sind die 144 besten und am besten ausgerüsteten Solos. Es ist praktisch die moderne Prätorianergarde: 144 schwere Kreuzer zum Schutz des Präsidenten.
Nicht nur auf Marduk, auch in vielen anderen Systemen, gibt es ähnliche Entwicklungen. Der Begriff Solo steht für Zuverlässigkeit, Kompetenz, Mut, Unabhängigkeit und natürlich für märchenhaften Reichtum.
In einer Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs und der Renaissance feudaler Strukturen sind Solos das Ideal für viele Milliarden Sophonten, die sich ein besseres Leben wünschen.
#Solo #Raumschiff #Ritter #Garde #Prätorianer
http://jmp1.de/h3050
Die Mitgliedschaft bei den Solo-Fliegern ist eine Ehre. Sie ist für wohlhabende Familien, die nicht zur ersten Siedlerwelle gehören, eine Möglichkeit, in den (niederen) Adel aufzusteigen. Die "Verpflichtung als Solo" ist gleichzusetzen mit einem Ritterschlag.
Vor etwa 200 Jahren begann der sogenannte Barbarensturm. Damals fielen moderne Waffen in die Hände von archaischen Gesellschaften und Völkern mit anderen Moralsystemen. Die meisten hätten wohl nicht von selbst so hochstehende Technologie entwickelt und wären nie zu einer Gefahr für die interstellare Zivilisation geworden. Aber mit dem Zugriff auf schnelle Raumschiffe und automatische Waffensysteme wurden ihre Ethik, ihre Sitten und Handlungsweisen, interstellar wirksam. Das hatte fatale Folgen für die Hochzivilisationen der Umgebung.
Der wesentliche Auslöser für diese Entwicklung war der Rückzug des Interianischen Imperiums. Das Imperium kontaktierte viele Völker und versuchte sie in die interstellare Gesellschaft einzubinden. Beim plötzlichen Ende des Imperiums war der Prozess nicht abgeschlossen. Viele kontaktierte, aber noch nicht zivilisierte Völker, wurden sich selbst überlassen. Das Imperium gab damals Flottenstützpunkte an der Grenze auf, und einige Völker übernahmen die zugehörigen Depots. Dort fanden sie sehr moderne automatische Waffensysteme.
Gefördert wurde die Entwicklung vom gormanischen Bürgerkrieg, bei dem viele Fraktionen Söldner von ihren Heimatplaneten mit modernen Waffen ausstatteten.
Auch Hochzivilisationen trugen dazu bei, dass moderne Waffen in die falschen Hände fielen. Als die Handelsrouten unsicher wurden, heuerte sogar das Solsystem Söldner zum Schutz der Geleitzüge an.
Söldner, die Frachter beschützen, können später auch Handelsrouten angreifen. Das passierte damals immer wieder.
Dann wurden die ersten überraschten Hochzivilisationen von Barbaren angegriffen und manche konnten sich nicht verteidigen. Handelspartner fielen aus, interstellare Verbindungen wurden teuer und die äußeren Systeme waren unsicher. Nach 50 Jahren befanden sich die interstellar vernetzten Gesellschaften des Sektors in einer tiefen Wirtschaftskrise. Einige hatten schon zeitweise unter einer Fremdherrschaft zu leiden, andere versuchten aufzurüsten. Das war schwierig in einer Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs.
Mit einer modernen quartären Systemverteidigung, aus Ballistik-Schild, Tiefraumsperren, Minen und mobilen Einheiten, kann man Systeme sogar gegen massive Angriffe befestigen. Das ist selbst für wohlhabende Systeme eine teure und jahrzehntelange Anstrengung. Deshalb rüsteten die meisten Systeme nur mobile Kräfte aus. Das war ausreichend gegen Überfälle durch moderne Barbaren, meistens jedenfalls.
Weitere 100 Jahre später hatte sich die Situation so weit verschlechtert, dass viele Völker, Sonnensysteme und Territorialsouveränitäten sogar Probleme hatten, genügend Mittel für eine ständig einsatzbereite Verteidigungsflotte aufzubringen. Als Notlösung wurden deshalb im Krisenfall zivile Schiffe aufgerüstet. Auch bewaffnete Handelsschiffe wurden zur Verteidigung herangezogen. Die Handelsschiffe hatten sich sowieso bewaffnet, um Piraten abzuwehren, seit die Handelswege unsicher wurden.
Moderne Waffensysteme von interstellaren Hochzivilisationen haben ein gewaltiges Zerstörungspotential. Ein einziger leichter interianischer Kreuzer könnte einen ganzen Planeten unbewohnbar machen. Solche Waffen waren nun in den falschen Händen und dagegen versuchten sich Handelsschiffe zu wappnen. Deshalb war die Standardbewaffnung von Handelsschiffen in diesen schwierigen Zeiten nicht zu vernachlässigen. Sie leistete oft einen wesentlichen Beitrag zur Systemverteidigung. Die typische Verteidigungsflotte setzte sich zusammen aus eilig mit Lenkwaffenstartern ausgerüsteten Frachtern, bewaffneten Händlern und Einheiten der ordentlichen Marine.
Seit etwa 100 Jahren werden zusätzlich auch wohlhabende Privatleute und Konzerne zum Verteidigungsdienst herangezogen. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gibt es sehr reiche Individuen (zumindest bei Völkern, die das Konzept des Individuums kennen). Einige profitieren von der Verknappung von Ressourcen durch die problematische Handelssituation, andere profitieren von ihrer Nähe zu den lokalen Regierungen. Viele der Superreichen haben eigene Raumschiffe.
In guten Zeiten gibt es in interstellaren Gesellschaften märchenhafte Reichtümer, tausend Mal größer, als die Vermögen von Milliardären in planetengebundenen Regionalökonomien 1000 Jahre zuvor. Auch in schlechten Zeiten reicht es für eigene Raumschiffe, eine Yacht oder einen Interstellar-Jet, mit Waffen, die sich zumindest gegen Piraten zur Wehr setzen können. Und auch in Hochzivilisationen gibt es private Söldner, die davon leben, andere zu beschützen, und dafür in gut ausgerüsteten Schiffen unterwegs sind.
Diese Schiffe sind weitgehend automatisiert. Praktisch alle Funktionen des Raumschiffbetriebs werden von Drohnen, Mikrobots und KIs ausgefüllt. Das beginnt bei Nanotech- oder Biotech-basierten Putzkolonnenschwärmen und geht über Reparaturdrohnen bis hoch zu Managementfunktionen, die sonst durch Offiziere besetzt werden. Meistens haben diese Schiffe nur eine kleine Besatzung, oft sogar nur eine Person: den/die Eigentümerin.
Viele fliegen solo. Nur der Kapitän ist ein Sophont, ein Mensch, im originalen Bio-Körper, als Android oder sogar als Infosophont in die Schiffsysteme geladen. Alle anderen sind unbewusste KIs.
Man nennt sie Solos. Ein Mensch und sein Raumschiff.
Solos sind eine Elite. Sie sind genetisch optimiert und mit Nanotechnik aufgerüstet. Sie haben mehrere parallele Denkprozesse, beschleunigte Verarbeitung und unbegrenztes Erinnerungsvermögen. Ihre geistigen Fähigkeiten werden verstärkt durch spezialisierte Intuitionsquellen: Assoziationsbooster, Strategiesimulationen und taktische Optimierer, deren Ergebnisse durch Implantate in das Bewusstsein eingeblendet werden. Sie sind in der Lage, die vielen Ereignisse bei Auseinandersetzungen im Raum mit zigtausend Teilnehmern in mehreren Sensordimensionen zu erfassen und schnell die beste Handlungsweise abzuleiten. Sie stehen den beschleunigten Upload-Besatzungen von Offensivdrohnen in nichts nach.
Es gibt natürlich immer Ausnahmen, zum Beispiel reiche Erben, die sich ein Schiff leisten, um Solo zu werden. Aber auch diese Leute können Fähigkeitslücken schließen, wenn sie eine kleine Crew anheuern. Nicht alle Solos fliegen wirklich alleine. Manche haben Piloten, Taktiker, strategische Berater, soziale Gefährten oder eine "Nachtschicht", die das Kommando hat, während der Solo schläft, auch wenn das nur zwei Stunden am Tag sind.
Nicht nur die Fähigkeiten sind wichtig, sondern auch das Training. Gute Solos trainieren ständig für Krisensituationen. Sie simulieren Kämpfe gegen KI-Gegner und gegen andere Solos. Das Cockpit eines Solo-Schiffs wird vollständig von Sensoren gespeist. Es ist der perfekte Simulator für taktische Spiele.
Training für den Ernstfall nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Solo zu sein ist teuer und zeitaufwändig. Bei den meisten Solos liegt dem Reichtum ein Geschäftsimperium zugrunde. Und auch geerbter Reichtum muss verwaltet werden, umso mehr, wenn der Reichtum auf aktiven Geschäften basiert. Aber dafür bleibt eigentlich keine Zeit. Deshalb delegieren die meisten Solos die Verwaltung ihrer Unternehmen, um ihre ganze Zeit dem Training widmen zu können.
Überall in der menschlichen Sphäre gibt es Solos. In manchen Systemen nur wenige, woanders tausende. Dort stellen Solos neben bewaffneten Handelsschiffen, aufgerüsteten Frachtern und der regulären Marine das vierte Standbein.
Solos tragen nicht die Hauptlast einer Schlacht. Dafür gibt es die schwer bewaffneten Nahkampfplattformen, die Schlachtschiffe der Moderne. Die Schiffe der Solos sind eher in der Größenordnung von Fregatten und leichten Kreuzern. Sie sind sehr mobil und auch bei interplanetaren Distanzen und entsprechenden Lichtverzögerungen selbständig handlungsfähig. Deshalb werden sie oft als Scouts eingesetzt, bei Kommandoaktionen oder in größeren Verbänden als schnelle Eingreiftruppe für überraschende taktische Vorstöße.
Solos sind inzwischen so wichtig für die Systemverteidigung, dass lokale Regierungen ihre Verfügbarkeit für den Krisenfall sicherstellen müssen. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass die Solos des Systems freiwillig zur Verteidigung beitragen. Deshalb werden wohlhabende Personen verpflichtet, Solos zu stellen und auszurüsten.
Anfangs war das für viele eine große Last. Nicht alle der Superreichen fliegen eigene Raumschiffe. Und die notwendige Bewaffnung geht weit über das hinaus, was man zur einfachen Abschreckung von Piraten brauchen würde, nicht nur bezogen auf die Kapazität, sondern auch bei den Kosten. In der Praxis müssen alle, die es sich leisten können, alleine ein Kriegsschiff finanzieren. Auf der anderen Seite ist die Mitgliedschaft bei der Solo-Komponente der Systemverteidigung etwas Besonderes. Im Vergleich zur regulären Marine mit hunderttausenden oder Millionen Soldaten, ob Bios oder Infosophonten, sind tausend oder zehntausend Solos eine Elite-Einheit. So werden sie auch behandelt.
Es ist nie leicht, Superreiche zum Dienst zu verpflichten. Große Vermögen bieten immer Möglichkeiten, sich dem Dienst für das Heimatsystem zu entziehen. Deshalb versuchen Territorialsouveränitäten, die Aufgabe attraktiver zu machen, indem sie Solos auszeichnen und bevorzugen. Das funktioniert besonders gut in feudalen Strukturen.
Auf Marduk ist das Präsidentenamt inzwischen erblich und der Begriff Präsident wird verwendet wie früher ein Königstitel. Die Republik Marduk hat ein Parlament, das von Konzernen und wohlhabenden Familien dominiert wird. Sie nennen sich Abgeordnete, aber sie werden in sicheren Wahlkreisen lebenslang gewählt. Die Bedeutung der Begriffe hat sich verschoben. Man spricht immer noch von Präsident und Parlament, aber die wahre Bedeutung und die Wahrnehmung sind eher König oder Kaiser und Senat. Die Verpflichtung als Solo ist gleichbedeutend mit einem Ritterschlag.
Keine Familie kommt in das Parlament, ohne einen Solo zu stellen. Im Parlament sitzen Vertreter der ersten Siedler, deren Familien einen Großteil der Gebietsrechte im Marduk-Sonnensystem besitzen. Dabei handelt es sich um planetare Territorien in der Größenordnung von Kontinenten, aber auch um Eigentum an Orbitalringen, Orbitalraum, Asteroidenschürfrechten, Extraktionsrechten bei den Gasriesen und systemweite Rechte am elektromagnetischen Spektrum.
Im Parlament sitzt auch der "Geldadel", Familien, die später kamen, aber große Vermögen angehäuft haben. Dort werden die großen Geschäfte eingeleitet. Man kann wohlhabend sein, aber das wahre Geschäft – und dazu gehören die Staatsfinanzen – teilen die Abgeordneten unter sich auf. Da die Abgeordnetenzahl begrenzt ist, ist es nicht einfach, in das Parlament "gewählt" zu werden. Eine Voraussetzung dafür ist, dass man zur Solo-Komponente der Systemverteidigung beiträgt. Und so sind die "Mitglieder der Solo-Komponente der Republik Marduk" eigentlich die modernen Ritter des Königs, deren Familien auch die Senatoren stellen.
Eine ganz besondere Ehre ist die Verpflichtung als Solo für die präsidiale Schutzflotte. Das sind die 144 besten und am besten ausgerüsteten Solos. Es ist praktisch die moderne Prätorianergarde: 144 schwere Kreuzer zum Schutz des Präsidenten.
Nicht nur auf Marduk, auch in vielen anderen Systemen, gibt es ähnliche Entwicklungen. Der Begriff Solo steht für Zuverlässigkeit, Kompetenz, Mut, Unabhängigkeit und natürlich für märchenhaften Reichtum.
In einer Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs und der Renaissance feudaler Strukturen sind Solos das Ideal für viele Milliarden Sophonten, die sich ein besseres Leben wünschen.
#Solo #Raumschiff #Ritter #Garde #Prätorianer
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2794 Das Auftauchen eines Hro sorgt für Unruhe unter den galaktischen Händlern
Das ist wahrscheinlich der erste Irun-Anwärter seit mehreren hundert Jahren, zumindest in unserem Sektor. Später, bei der Erwachsenenweihe des Hro, kommt es aber nicht zur Ausbildung eines Irun. Die Lage beruhigt sich wieder.
Ein Hro ist ein Mercato-Individuum mit herausragender Persönlichkeit. Zur Erwachsenenweihe eines Hro kommen tausende Sippenschiffe. Manche Quellen sprechen von hunderttausend Schiffen. Während der Weihezeremonie werden Mercato-Jugendliche innerhalb weniger Wochen zum Erwachsenen. Körper und Geist werden in einer Art Verpuppung transformiert. Manchmal entsteht dabei ein charismatischer Anführer, genannt Irun, der alle anwesenden Sippen in seinen Bann zieht. Es ist nicht bekannt, ob es sich um eine mentale Beeinflussung der anwesenden Mercatos handelt oder ob der Einfluss eher biochemisch oder psychologisch erklärbar ist. Auch eine mentale Kontrolle wäre letztlich ein elektromagnetischer Effekt. Untersuchungen lassen die Mercatos nicht zu und das Ereignis ist auch viel zu selten.
Eigentlich sind die Mercatos Händler. Der Name wurde sehr treffend geprägt beim ersten Kontakt im Solsystem. Sie sind in einzelnen Sippenschiffen unterwegs und betreiben interstellaren Handel zwischen vielen Völkern. Jedes Schiff beherbergt eine Familie oder eine Gruppe von Familien.
Mercatos gibt es schon seit Millionen Jahren und vermutlich sind sie in einem Großteil der Galaxie vertreten. Trotzdem haben ihre Schiffe sehr verschiedene Techlevel. Die Technik scheint eng verbunden mit der Kultur der Sippe. Sippen mit niedrigem Techlevel hätten viele Gelegenheiten für Upgrades. Das scheint aber nicht wichtig zu sein. Man hat schon langsame Raumkrümmer auf dem technischen Niveau der ersten solaren Generation gesehen, die für interstellare Distanzen Jahre brauchen. Aber es gibt auch Sippenschiffe mit effektiven Geschwindigkeiten, die wir nicht erreichen können. Gerüchten zufolge ist ein Sippenschiff sogar zur gleichen Zeit an mehreren Orten aufgetaucht. Leider handeln Mercatos nicht mit ihrer eigenen Technik, sondern nur mit Produkten und Informationen anderer Völker.
Die jungen Mercatos lernen in einer 30-jährigen Ausbildung alles was ein Mercato-Händler wissen muss. Sie lernen Sprachen und andere Ausdrucksweisen bis sie ohne Übersetzer kommunizieren können. Dabei verzichten sie auf elektronische Hilfsmittel wie Erinnerungsimplantate und Assoziationsbooster. An die Händler-Ausbildung schließt sich nach der Erwachsenenweihe eine 80-jährige Ausbildung zum Meisterhändler an. Meisterhändler spezialisieren sich auf einzelne Völker, auf die spezifischen Kulturen der Handelspartner, auf einzelne Organisationen und sogar auf Personen. Das wird natürlich dadurch begünstigt, dass Sophonten in vielen Hochkulturen sehr lange leben und sich immer wieder begegnen. Meisterhändler benutzen aktiv und passiv unterbewusste Regungen der Gesprächspartner. Sie führen Verhandlungen akzentfrei mit angenehmen überzeugenden Stimmen, die nicht vom Übersetzer stammen und sie beherrschen Memetik auf höchstem Niveau. In dieser Beziehung befinden sie sich bei vielen Völkern auf Augenhöhe mit ihren besten Verhandlungspartnern. All diese Techniken lernen sie in ihrer langen Ausbildung.
Mercatos haben Zeit. Sie handeln nur um ihr Schiff im Betrieb zu halten. Man kann bei Mercatos günstig einkaufen, weil sie nicht nach Reichtum streben, sondern nur für den Unterhalt handeln. Auf der anderen Seite stehen sie oft weniger unter dem Zwang zum Abschluss als ihre Handelspartner. Mercatos führen das gleiche Leben wie ihre Vorfahren und sie streben keine Änderung an. Sie warten auf die Ankunft eines Irun. Die meisten Mercatos erleben irgendwann einmal die Erwachsenenweihe eines Hro. Aber nur wenigen Generationen ist es vergönnt, einen Irun zu erleben. Es ist die sogenannte "gesegnete" Generation, die dem Irun folgen darf. Mit der Ankunft des Irun endet ein Zyklus und die galaktischen Händler gehen ihrer Bestimmung entgegen.
Der Irun sammelt alle Sippen im Umkreis von mehreren tausend Lichtjahren um sich. Dann führt er sie zu einer gemeinsamen Aufgabe. Aus Sicht der anderen Völker werden die Mercatos verrückt. Sie geben ihre normale Handelsaktivität abrupt auf und verfolgen den Plan des Irun. Mit dem Tod des Irun kehren sie dann wieder zum Handel in einzelnen Sippenschiffen zurück. Irun-Ereignisse sind so selten, dass man keine Regelmäßigkeiten erkennen kann. Im lokalen Sektor, den umliegenden 3.000 Lichtjahren, sind in den letzten 10.000 Jahren nur 3 Irun-Ereignisse bekannt. Es gibt Hinweise auf einige weitere. Aber deren Quellen sind nicht nachprüfbar und die Beschreibungen sind nicht eindeutig.
Sicher belegt ist die 700-jährige Irun-Phase zwischen dem solemischen Reich und dem Tren-Vuk-Sol-Interregnum vor 7.400 bis 6.700 Jahren. Damals gründeten Mercatos ein Imperium und verdrängten die lokalen Mächte mit militärischen Mitteln. Sie ließen keine anderen Militärmächte zu und unterbanden jede militärische Forschung bei den Völkern in ihrem Einflussbereich.
Der zweite bekannte Fall war nach kisorischen Aufzeichnungen um das Jahr 2.000 unserer Zeitrechnung als alle Mercatos plötzlich aus dem interianischen Imperium (und möglicherweise darüber hinaus) verschwanden. Unser – und damit Kisors – Teil des Imperiums stütze sich vorher sehr stark auf den Mercato-Handel. Das Verschwinden führte zum sogenannten achten interianischen Wirtschaftsminimum im Zeitalter von Addaja. Kisors Oligarchie füllte damals die entstandene Lücke und die Handelsorganisationen der herrschenden Familien wurden zu den ersten Handelsgilden.
Der dritte belegte Irun-Fall ist besonders spektakulär. Er zeigt wie lange Mercatos schon präsent sind und wie verschieden die Irun-Ereignisse ausfallen können. Im Jahr 2681 entdeckte eine der frühen solaren Expeditionen, die sogenannte Buniatishvili-Exkursion, eine uralte Roboterzivilisation auf Solberg 86 III. Die Roboter bewahren das historische Erbe ihrer Erbauer und geben bereitwillig Auskunft über die Geschichte des Systems in den letzten 30 Millionen Jahren. Fast alle Völker haben während ihrer Entwicklung mit KI-Ausbrüchen zu kämpfen und empfinden eine reine Mech-Zivilisation als Bedrohung. Deshalb mussten die Roboter von Solberg 86 im Lauf der Zeit viele Angriffe abwehren. Darunter war auch eine Mercato-Flotte. Vor 12 Millionen Jahren, nach solarer Zeitrechnung am 8. Juli, 12.063.275 vor unserer Zeitrechnung fiel eine riesige Flotte von Mercato-Sippenschiffen in das Solberg 86 System ein. Es gibt detaillierte Aufzeichnungen, Sensordaten und Videos von den Ereignissen. Die Roboter von Solberg 86 geben an, dass insgesamt 783.750 (+/- 20) Sippenschiffe anhand ihrer Triebwerkssignatur eindeutig identifiziert wurden. Von den Monden des Systems starteten damals unzählige Robot-Schiffe (in diesem Fall verweigern die Roboter genaue Zahlen) um das System und vor allem den dritten Planeten zu verteidigen. Aufnahmen und zeitsynchronisierte Sensordaten zeigen den mehrwöchigen Kampf im gesamten System. Sie zeigen auch die Ansprache des Irun vor dem letzten verzweifelten Angriff auf den dritten Planeten und das Ende des Mercato-Flaggschiffes. Dann sieht man in den Sensordaten, wie die Nachricht vom Tod des Irun sich unter den Sippenschiffen verbreitet und wie die überlebenden Sippen das System verlassen. Vermutlich kehren sie zu ihrer gewohnten Handelstätigkeit zurück. Die Roboter von Solberg 86 berichten, dass 95.700 (+/- 200) Sippenschiffe das System sofort verließen. 130.259 (+/- 3) blieben manövrierunfähig im System. Sie wurden mithilfe der Roboter im Lauf von einigen Jahren repariert und verließen Solberg 86 auch.
Übrigens: Teilnehmer der Buniatishvili-Exkursion erzählen, dass die Roboter zwar bereitwillig zu diesem Ereignis Auskunft geben, dabei aber immer wieder auf die Geschichte ihrer Erbauer hinweisen und fast etwas beleidigt wirken, wenn man sich nicht für die Erbauer interessiert.
Es gibt diverse kelanische Legenden mit Irun-Ereignissen. Aber wie bei kelanischen Legenden üblich, sind Realität und Fiktion nicht zu unterscheiden. Die Kelaner erzählen von vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen. In einem Fall lassen sich Mercatos in einem System nieder. Sie geben den Handel nicht auf, aber sie werden für tausend Jahre sesshaft und operieren von einem Heimatsystem aus. Tatsächlich wird diese Legende später bestätigt durch die Entdeckung eines verlassenen Systems mit eindeutigen Hinweisen auf eine große Mercato-Besiedlung auf Planeten und im interplanetaren Raum.
Andere kelanischen Legenden erzählen von Mercatos, die
- kollektiv ihre Schiffe schon kurz nach der Erwachsenenweihe zerstören,
- sich auf Planeten niederlassen und den Handel einstellen,
- mit Millionen Sippenschiffen die Galaxie verlassen,
- dafür sorgen, dass der Techlevel der anderen Völker sich auf hohem Niveau angleicht,
- plötzlich nur noch Informationen handeln aber keine physischen Waren mehr befördern,
- sich anderen Völkern als Söldner für militärische Aktionen zur Verfügung stellen,
- Schutzzonen errichten, um noch nicht raumfahrende Völker vor externen Kontakten zu schützen und raumfahrende Völker im Frühstadium vor Hightech-Plünderern,
- Mech-Leben, wie Roboter, Naniten und Computronium, bekämpfen,
- im großen Stil Ökoforming betreiben und in vorher unbewohnten Systemen Biosphärenreservate anlegen einschließlich vielversprechender Arten an der Grenze zur bewussten Intelligenz.
Ein Besucher des Mansalu-Komplexes im Jahr 2815 berichtet von einer statistischen Auswertung der Mansalu, die behauptet 900 Mercato-Irun-Ereignisse zu kennen, aus einem Zeitraum von 80.000 und bis in 20.000 Lichtjahre Entfernung. Das ergibt eine statistische Häufigkeit, die sich etwa mit unseren Analysen deckt, die allerdings nur auf 3 Ereignissen in 10.000 Jahren beruht. Die Mansalu behaupten, dass Mercatos statistisch
- in einem Drittel der Fälle kriegerisch werden,
- in einem Viertel altruistisch für andere Völker aktiv werden,
- sich in einem weiteren Viertel zurückziehen (wobei man annimmt, dass sie nicht einfach verschwinden, sondern sich einer Aufgabe zuwenden, die außerhalb des Erkenntnishorizonts der beobachtenden Völker liegt).
- Die übrigen 17% verteilen sich auf viele andere exzentrische Verhaltensweisen.
Die Studie lässt sich allerdings später – zur Zeit der Yalung im Mansalu-Komplex – nicht wiederfinden. (Vermutlich, weil die Yalung eine andere Politik verfolgen in Bezug auf die Freigabe von Informationen für weniger entwickelte Völker.)
Exosoziologen erklären das Irun-Phänomen als reinigendes Ereignis in einer sehr statischen Kultur. Es sorgt dafür, dass die gesellschaftliche Entwicklung regelmäßig zurückgesetzt wird. Durch die drastische Unterbrechung entsteht ein Bruch mit der Tradition der letzten Generationen in denen sich regional Fehlentwicklungen eingeschlichen haben könnten. Für die Mercatos ist vor allem das Ende der Irun-Phase bedeutend, wenn sie zu den Jahrmillionen alten ursprünglichen Verhaltensweisen zurückzukehren.
Es gibt Stimmen, die behaupten, dass das Irun-Phänomen auch für die anderen Völker wichtig ist. Ein Irun-Ereignis wirbelt die Machtverhältnisse im betroffenen Sektor oft durcheinander, wie im Fall des Tren-Vuk-Sol-Interregnums. Damals beendeten Mercatos das statische solemische Reich, allerdings um den Preis einer langen chaotischen Phase nach dem Ende des Mercato-Imperiums.
Das achte Addaja-interianische Wirtschaftsminimum nach dem Mercato-Verschwinden um 2000 unserer Zeitrechnung war der Wegbereiter für die kisorischen Gilden, die den Sektor auch nach dem interianischen Imperium noch lange stabilisierten. Und glaubt man kelanischen Legenden, dann könnte sogar die Ökoformung Kisor Alphas vor 10 Millionen Jahren und die Ansiedlung der kisorischen Primaten auf die galaktischen Händler zurückzuführen sein.
Der Mercato-Angriff auf Solberg 86 ist ein Hinweis darauf, dass die außerordentliche Wucht eines Irun-Ereignisses gewissermaßen "Altlasten" beseitigen kann, die normale interstellare Mächte sonst nicht bewältigen können. Auch wenn dieser eine Angriff scheiterte, lässt allein die Tatsache, dass er stattfand, vermuten, dass die Mercatos im Lauf der Zeit immer wieder "aufräumen". Wahrscheinlich ist es nicht gut, wenn sich immer mehr alte Mech-Zivilisationen in der Milchstraße ansammeln, deren Erbauer längst vergangen sind. Man kann davon ausgehen, dass Mercatos schon viele Mech-Zivilisationen beendet haben. Das wäre eine plausible Erklärung dafür, dass es nicht mehr Mech-Zivilisationen gibt.
Wären die Roboter von Solberg 86 den Mercatos unterlegen, dann wüssten wir nicht davon, weil sie uns nicht davon berichtet hätten. Eine dreiviertel Million Schiffe war offensichtlich nicht genug. Die dortige Roboterzivilisation scheint eine schlafende Superzivilisation zu sein, möglicherweise mit einer mobilisierbaren Kapazität von 1,6 auf der Kardashev-Skala. Das ist für Angreifer schwer zu überbieten. Gegen so eine massive Zivilisation kann man sich nur mit einen höheren Techlevel durchsetzen, nicht durch mehr Ressourcen oder Energie. Man kann ja nicht einen ganzen Stern zum Angriff mitbringen.
Vielleicht kommt irgendwann ein Irun, der die Vorgeschichte kennt, zehnmal so viele Schiffe versammelt und diese mit dem höchsten für Mercatos verfügbaren Techlevel ausstattet. Vielleicht dauert die Vorbereitung dafür tausend Jahre und vielleicht passiert ein Irun-Ereignis dieser Größenordnung auch nur alle 10 Millionen Jahre. Aber irgendwann wird es vermutlich auch für die Roboter von Solberg 86 III eng.
Das Irun-Phänomen bringt nicht nur Stabilität für die Mercato-Kultur, sondern es ist auch ein Reinigungsmechanismus für unsere Galaxie.
#Aliens #Handel #Phänomen #Geschichte #Imperium #Roboter #KI
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Ein Hro ist ein Mercato-Individuum mit herausragender Persönlichkeit. Zur Erwachsenenweihe eines Hro kommen tausende Sippenschiffe. Manche Quellen sprechen von hunderttausend Schiffen. Während der Weihezeremonie werden Mercato-Jugendliche innerhalb weniger Wochen zum Erwachsenen. Körper und Geist werden in einer Art Verpuppung transformiert. Manchmal entsteht dabei ein charismatischer Anführer, genannt Irun, der alle anwesenden Sippen in seinen Bann zieht. Es ist nicht bekannt, ob es sich um eine mentale Beeinflussung der anwesenden Mercatos handelt oder ob der Einfluss eher biochemisch oder psychologisch erklärbar ist. Auch eine mentale Kontrolle wäre letztlich ein elektromagnetischer Effekt. Untersuchungen lassen die Mercatos nicht zu und das Ereignis ist auch viel zu selten.
Eigentlich sind die Mercatos Händler. Der Name wurde sehr treffend geprägt beim ersten Kontakt im Solsystem. Sie sind in einzelnen Sippenschiffen unterwegs und betreiben interstellaren Handel zwischen vielen Völkern. Jedes Schiff beherbergt eine Familie oder eine Gruppe von Familien.
Mercatos gibt es schon seit Millionen Jahren und vermutlich sind sie in einem Großteil der Galaxie vertreten. Trotzdem haben ihre Schiffe sehr verschiedene Techlevel. Die Technik scheint eng verbunden mit der Kultur der Sippe. Sippen mit niedrigem Techlevel hätten viele Gelegenheiten für Upgrades. Das scheint aber nicht wichtig zu sein. Man hat schon langsame Raumkrümmer auf dem technischen Niveau der ersten solaren Generation gesehen, die für interstellare Distanzen Jahre brauchen. Aber es gibt auch Sippenschiffe mit effektiven Geschwindigkeiten, die wir nicht erreichen können. Gerüchten zufolge ist ein Sippenschiff sogar zur gleichen Zeit an mehreren Orten aufgetaucht. Leider handeln Mercatos nicht mit ihrer eigenen Technik, sondern nur mit Produkten und Informationen anderer Völker.
Die jungen Mercatos lernen in einer 30-jährigen Ausbildung alles was ein Mercato-Händler wissen muss. Sie lernen Sprachen und andere Ausdrucksweisen bis sie ohne Übersetzer kommunizieren können. Dabei verzichten sie auf elektronische Hilfsmittel wie Erinnerungsimplantate und Assoziationsbooster. An die Händler-Ausbildung schließt sich nach der Erwachsenenweihe eine 80-jährige Ausbildung zum Meisterhändler an. Meisterhändler spezialisieren sich auf einzelne Völker, auf die spezifischen Kulturen der Handelspartner, auf einzelne Organisationen und sogar auf Personen. Das wird natürlich dadurch begünstigt, dass Sophonten in vielen Hochkulturen sehr lange leben und sich immer wieder begegnen. Meisterhändler benutzen aktiv und passiv unterbewusste Regungen der Gesprächspartner. Sie führen Verhandlungen akzentfrei mit angenehmen überzeugenden Stimmen, die nicht vom Übersetzer stammen und sie beherrschen Memetik auf höchstem Niveau. In dieser Beziehung befinden sie sich bei vielen Völkern auf Augenhöhe mit ihren besten Verhandlungspartnern. All diese Techniken lernen sie in ihrer langen Ausbildung.
Mercatos haben Zeit. Sie handeln nur um ihr Schiff im Betrieb zu halten. Man kann bei Mercatos günstig einkaufen, weil sie nicht nach Reichtum streben, sondern nur für den Unterhalt handeln. Auf der anderen Seite stehen sie oft weniger unter dem Zwang zum Abschluss als ihre Handelspartner. Mercatos führen das gleiche Leben wie ihre Vorfahren und sie streben keine Änderung an. Sie warten auf die Ankunft eines Irun. Die meisten Mercatos erleben irgendwann einmal die Erwachsenenweihe eines Hro. Aber nur wenigen Generationen ist es vergönnt, einen Irun zu erleben. Es ist die sogenannte "gesegnete" Generation, die dem Irun folgen darf. Mit der Ankunft des Irun endet ein Zyklus und die galaktischen Händler gehen ihrer Bestimmung entgegen.
Der Irun sammelt alle Sippen im Umkreis von mehreren tausend Lichtjahren um sich. Dann führt er sie zu einer gemeinsamen Aufgabe. Aus Sicht der anderen Völker werden die Mercatos verrückt. Sie geben ihre normale Handelsaktivität abrupt auf und verfolgen den Plan des Irun. Mit dem Tod des Irun kehren sie dann wieder zum Handel in einzelnen Sippenschiffen zurück. Irun-Ereignisse sind so selten, dass man keine Regelmäßigkeiten erkennen kann. Im lokalen Sektor, den umliegenden 3.000 Lichtjahren, sind in den letzten 10.000 Jahren nur 3 Irun-Ereignisse bekannt. Es gibt Hinweise auf einige weitere. Aber deren Quellen sind nicht nachprüfbar und die Beschreibungen sind nicht eindeutig.
Sicher belegt ist die 700-jährige Irun-Phase zwischen dem solemischen Reich und dem Tren-Vuk-Sol-Interregnum vor 7.400 bis 6.700 Jahren. Damals gründeten Mercatos ein Imperium und verdrängten die lokalen Mächte mit militärischen Mitteln. Sie ließen keine anderen Militärmächte zu und unterbanden jede militärische Forschung bei den Völkern in ihrem Einflussbereich.
Der zweite bekannte Fall war nach kisorischen Aufzeichnungen um das Jahr 2.000 unserer Zeitrechnung als alle Mercatos plötzlich aus dem interianischen Imperium (und möglicherweise darüber hinaus) verschwanden. Unser – und damit Kisors – Teil des Imperiums stütze sich vorher sehr stark auf den Mercato-Handel. Das Verschwinden führte zum sogenannten achten interianischen Wirtschaftsminimum im Zeitalter von Addaja. Kisors Oligarchie füllte damals die entstandene Lücke und die Handelsorganisationen der herrschenden Familien wurden zu den ersten Handelsgilden.
Der dritte belegte Irun-Fall ist besonders spektakulär. Er zeigt wie lange Mercatos schon präsent sind und wie verschieden die Irun-Ereignisse ausfallen können. Im Jahr 2681 entdeckte eine der frühen solaren Expeditionen, die sogenannte Buniatishvili-Exkursion, eine uralte Roboterzivilisation auf Solberg 86 III. Die Roboter bewahren das historische Erbe ihrer Erbauer und geben bereitwillig Auskunft über die Geschichte des Systems in den letzten 30 Millionen Jahren. Fast alle Völker haben während ihrer Entwicklung mit KI-Ausbrüchen zu kämpfen und empfinden eine reine Mech-Zivilisation als Bedrohung. Deshalb mussten die Roboter von Solberg 86 im Lauf der Zeit viele Angriffe abwehren. Darunter war auch eine Mercato-Flotte. Vor 12 Millionen Jahren, nach solarer Zeitrechnung am 8. Juli, 12.063.275 vor unserer Zeitrechnung fiel eine riesige Flotte von Mercato-Sippenschiffen in das Solberg 86 System ein. Es gibt detaillierte Aufzeichnungen, Sensordaten und Videos von den Ereignissen. Die Roboter von Solberg 86 geben an, dass insgesamt 783.750 (+/- 20) Sippenschiffe anhand ihrer Triebwerkssignatur eindeutig identifiziert wurden. Von den Monden des Systems starteten damals unzählige Robot-Schiffe (in diesem Fall verweigern die Roboter genaue Zahlen) um das System und vor allem den dritten Planeten zu verteidigen. Aufnahmen und zeitsynchronisierte Sensordaten zeigen den mehrwöchigen Kampf im gesamten System. Sie zeigen auch die Ansprache des Irun vor dem letzten verzweifelten Angriff auf den dritten Planeten und das Ende des Mercato-Flaggschiffes. Dann sieht man in den Sensordaten, wie die Nachricht vom Tod des Irun sich unter den Sippenschiffen verbreitet und wie die überlebenden Sippen das System verlassen. Vermutlich kehren sie zu ihrer gewohnten Handelstätigkeit zurück. Die Roboter von Solberg 86 berichten, dass 95.700 (+/- 200) Sippenschiffe das System sofort verließen. 130.259 (+/- 3) blieben manövrierunfähig im System. Sie wurden mithilfe der Roboter im Lauf von einigen Jahren repariert und verließen Solberg 86 auch.
Übrigens: Teilnehmer der Buniatishvili-Exkursion erzählen, dass die Roboter zwar bereitwillig zu diesem Ereignis Auskunft geben, dabei aber immer wieder auf die Geschichte ihrer Erbauer hinweisen und fast etwas beleidigt wirken, wenn man sich nicht für die Erbauer interessiert.
Es gibt diverse kelanische Legenden mit Irun-Ereignissen. Aber wie bei kelanischen Legenden üblich, sind Realität und Fiktion nicht zu unterscheiden. Die Kelaner erzählen von vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen. In einem Fall lassen sich Mercatos in einem System nieder. Sie geben den Handel nicht auf, aber sie werden für tausend Jahre sesshaft und operieren von einem Heimatsystem aus. Tatsächlich wird diese Legende später bestätigt durch die Entdeckung eines verlassenen Systems mit eindeutigen Hinweisen auf eine große Mercato-Besiedlung auf Planeten und im interplanetaren Raum.
Andere kelanischen Legenden erzählen von Mercatos, die
- kollektiv ihre Schiffe schon kurz nach der Erwachsenenweihe zerstören,
- sich auf Planeten niederlassen und den Handel einstellen,
- mit Millionen Sippenschiffen die Galaxie verlassen,
- dafür sorgen, dass der Techlevel der anderen Völker sich auf hohem Niveau angleicht,
- plötzlich nur noch Informationen handeln aber keine physischen Waren mehr befördern,
- sich anderen Völkern als Söldner für militärische Aktionen zur Verfügung stellen,
- Schutzzonen errichten, um noch nicht raumfahrende Völker vor externen Kontakten zu schützen und raumfahrende Völker im Frühstadium vor Hightech-Plünderern,
- Mech-Leben, wie Roboter, Naniten und Computronium, bekämpfen,
- im großen Stil Ökoforming betreiben und in vorher unbewohnten Systemen Biosphärenreservate anlegen einschließlich vielversprechender Arten an der Grenze zur bewussten Intelligenz.
Ein Besucher des Mansalu-Komplexes im Jahr 2815 berichtet von einer statistischen Auswertung der Mansalu, die behauptet 900 Mercato-Irun-Ereignisse zu kennen, aus einem Zeitraum von 80.000 und bis in 20.000 Lichtjahre Entfernung. Das ergibt eine statistische Häufigkeit, die sich etwa mit unseren Analysen deckt, die allerdings nur auf 3 Ereignissen in 10.000 Jahren beruht. Die Mansalu behaupten, dass Mercatos statistisch
- in einem Drittel der Fälle kriegerisch werden,
- in einem Viertel altruistisch für andere Völker aktiv werden,
- sich in einem weiteren Viertel zurückziehen (wobei man annimmt, dass sie nicht einfach verschwinden, sondern sich einer Aufgabe zuwenden, die außerhalb des Erkenntnishorizonts der beobachtenden Völker liegt).
- Die übrigen 17% verteilen sich auf viele andere exzentrische Verhaltensweisen.
Die Studie lässt sich allerdings später – zur Zeit der Yalung im Mansalu-Komplex – nicht wiederfinden. (Vermutlich, weil die Yalung eine andere Politik verfolgen in Bezug auf die Freigabe von Informationen für weniger entwickelte Völker.)
Exosoziologen erklären das Irun-Phänomen als reinigendes Ereignis in einer sehr statischen Kultur. Es sorgt dafür, dass die gesellschaftliche Entwicklung regelmäßig zurückgesetzt wird. Durch die drastische Unterbrechung entsteht ein Bruch mit der Tradition der letzten Generationen in denen sich regional Fehlentwicklungen eingeschlichen haben könnten. Für die Mercatos ist vor allem das Ende der Irun-Phase bedeutend, wenn sie zu den Jahrmillionen alten ursprünglichen Verhaltensweisen zurückzukehren.
Es gibt Stimmen, die behaupten, dass das Irun-Phänomen auch für die anderen Völker wichtig ist. Ein Irun-Ereignis wirbelt die Machtverhältnisse im betroffenen Sektor oft durcheinander, wie im Fall des Tren-Vuk-Sol-Interregnums. Damals beendeten Mercatos das statische solemische Reich, allerdings um den Preis einer langen chaotischen Phase nach dem Ende des Mercato-Imperiums.
Das achte Addaja-interianische Wirtschaftsminimum nach dem Mercato-Verschwinden um 2000 unserer Zeitrechnung war der Wegbereiter für die kisorischen Gilden, die den Sektor auch nach dem interianischen Imperium noch lange stabilisierten. Und glaubt man kelanischen Legenden, dann könnte sogar die Ökoformung Kisor Alphas vor 10 Millionen Jahren und die Ansiedlung der kisorischen Primaten auf die galaktischen Händler zurückzuführen sein.
Der Mercato-Angriff auf Solberg 86 ist ein Hinweis darauf, dass die außerordentliche Wucht eines Irun-Ereignisses gewissermaßen "Altlasten" beseitigen kann, die normale interstellare Mächte sonst nicht bewältigen können. Auch wenn dieser eine Angriff scheiterte, lässt allein die Tatsache, dass er stattfand, vermuten, dass die Mercatos im Lauf der Zeit immer wieder "aufräumen". Wahrscheinlich ist es nicht gut, wenn sich immer mehr alte Mech-Zivilisationen in der Milchstraße ansammeln, deren Erbauer längst vergangen sind. Man kann davon ausgehen, dass Mercatos schon viele Mech-Zivilisationen beendet haben. Das wäre eine plausible Erklärung dafür, dass es nicht mehr Mech-Zivilisationen gibt.
Wären die Roboter von Solberg 86 den Mercatos unterlegen, dann wüssten wir nicht davon, weil sie uns nicht davon berichtet hätten. Eine dreiviertel Million Schiffe war offensichtlich nicht genug. Die dortige Roboterzivilisation scheint eine schlafende Superzivilisation zu sein, möglicherweise mit einer mobilisierbaren Kapazität von 1,6 auf der Kardashev-Skala. Das ist für Angreifer schwer zu überbieten. Gegen so eine massive Zivilisation kann man sich nur mit einen höheren Techlevel durchsetzen, nicht durch mehr Ressourcen oder Energie. Man kann ja nicht einen ganzen Stern zum Angriff mitbringen.
Vielleicht kommt irgendwann ein Irun, der die Vorgeschichte kennt, zehnmal so viele Schiffe versammelt und diese mit dem höchsten für Mercatos verfügbaren Techlevel ausstattet. Vielleicht dauert die Vorbereitung dafür tausend Jahre und vielleicht passiert ein Irun-Ereignis dieser Größenordnung auch nur alle 10 Millionen Jahre. Aber irgendwann wird es vermutlich auch für die Roboter von Solberg 86 III eng.
Das Irun-Phänomen bringt nicht nur Stabilität für die Mercato-Kultur, sondern es ist auch ein Reinigungsmechanismus für unsere Galaxie.
#Aliens #Handel #Phänomen #Geschichte #Imperium #Roboter #KI
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3131 Entdeckung der interstellaren Ruinen des legendären Solemischen Reichs
Forscher von M'kele entdecken Ruinen des legendären Solemischen Reichs. Finanziert und geleitet wird die Gruppe von Ghislaine Tsibinda et Abo ne Umlambo einem wohlhabenden Autodidakten von M'kele, der sich intensiv mit den Legenden interstellarer Nachbarvölker beschäftigte. Tsibinda fand Hinweise auf verschollene interstellare Ruinen des legendären Reichs. Nach einer langen Suche entdecken die Forscher um Tsibinda schließlich riesige Infrastrukturcluster im interstellaren Raum, die schon vor langer Zeit aufgegeben wurden.
Mit der Entdeckung wird eines der großen Rätsel der modernen Geschichtswissenschaft gelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt waren fast keine Relikte des Solemischen Reichs gefunden worden, obwohl das Reich im lokalen Sektor Jahrtausende geherrscht hatte. Historiker gingen davon aus, dass die jeweiligen Nachfolgemächte die Infrastruktur übernommen und im Lauf der Zeit verändert haben. Tsibindas Entdeckung beweist, dass das Solemische Reich die meisten Mittel im interstellaren Raum bündelte, weitab von Sonnen und bewohnbaren Planeten. Die Installationen waren in der Nähe von Irrläuferplaneten und braunen Zwergen, die als Rohstoffquellen dienten. Die Konstruktionen waren riesig, aber ohne genaue Koordinaten verlieren sie sich im interstellaren Raum.
Warum sich diese Zivilisation von Sonnen fernhielt, ist nicht geklärt. Aber für eine High-Tech Zivilisation ist die Nähe zu einer Sonne nicht wichtig. Energie ist im Überfluss vorhanden, wenn es eine Wasserstoffquelle gibt, wie einen Eisriesen einen braunen Zwerg. Ein Leben im interstellaren Raum ist gar nicht so ungewöhnlich. Schon seit über 500 Jahren kennen die Menschen den Mansalu-Komplex. Ein Großteil der Mansalu lebt im interstellaren Raum.
Bei vielen Völkern gibt es mobile Habitate, die sich vor allem im interstellaren Raum aufhalten. Sie "ankern" an Einzelgängerplaneten und besuchen gelegentlich Sonnensysteme. Einige sind sehr groß, manchmal hundert Kilometer und von vielen Millionen Individuen bewohnt. Sie sind wirtschaftlich autark und sind eigene kleine Welten. Viele dieser Habitate sehen die hohe Dichte planetarer Systeme eher als Risiko, denn als Bereicherung an. Die Besonderheit im Fall des Solemischen Reichs ist, dass sich fast die gesamte Zivilisation im interstellaren Leerraum befand.
Ghislaine Tsibinda beginnt seine berufliche Karriere 2780 als Effizienzmanager bei Logistikdienstleistern im M'kele Orbit, wo er die automatische Optimierung von Dockingprozeduren überwacht. Er durchläuft verschiedene Stationen bis er schließlich 2890 Haupthafenmeister des Morogoro-Terminals wird. Damit ist er verantwortlich für die Abwicklung von 30% des Handelsvolumens im System.
Es ist eine schwierige Zeit. Das interstellare Frachtaufkommen geht zurück, weil die Handelswege unsicher werden und Märkte verlorengehen. Wenige Jahre später gerät sogar das Solsystem unter Fremdherrschaft und fällt damit als Handelspartner für M'kele aus. Tsibinda behält seine Stellung bis in die Zeit der Rückeroberung im Solsystem und setzt sich Anfang des 31. Jahrhunderts zur Ruhe, um seinem Hobby nachzugehen.
Schon sehr lange hatte er sich mit Legenden verschiedener interstellarer Völker beschäftigt. Sein besonderes Interesse gilt dem legendären Solemischen Reich in einem Zeitraum von vor 7000 bis 10000 Jahren. Aus dieser Zeit gibt es fast keine digitalen Aufzeichnungen. Die meisten Daten sind im dunklen Zeitalter nach dem Ende des Mercato-Imperiums verlorengegangen. Es gibt aber Sagen und Legenden bei Völkern, die schon vor 7000 Jahren (ca. 4000 v.Chr.) eine raumfahrende Zivilisation hatten.
Nach dem plötzlichen Ende des Mercato-Imperiums um 3700 v. Chr., stürzte der Sektor in ein dunkles Zeitalter. Die betroffenen Völker verloren den größten Teil ihrer technologischen Fähigkeiten. Neo-Barbaren, Hochzivilisationen und Völker mit inkompatiblen Moralsystemen gerieten in Konflikt. Die Auseinandersetzungen kosteten viel Kraft. Schutz vor Überfällen und Rüstung gegen die Nachbarn verbrauchten wertvolle Ressourcen. Oft waren die Bemühungen nicht langfristig erfolgreich. Systeme, Völker und Fraktionen versuchten sich zu behaupten, auch auf Kosten der Nachbarn. Über 1000 Jahre entstand keine stabilisierende Macht.
Kisor traf es besonders hart. Kisor verlor den kompletten Technologiebaum jenseits von einfachen Elektromotoren. Alle Datentechnik war verloren. Kein Spin-Rechner, kein Assoziativspeicher überdauerte die 3000 Jahre bis Kisor sich erholt. Die Gesellschaft war lange Zeit archaisch, mit einer kuriosen Mischung aus Mittelalter-Technologie und Neuzeit. Es gab Schießpulver, Buchdruck und – für wohlhabende Leute – elektrisches Licht. Aber trotzdem war für die meisten Kisori der Alltag eher geprägt durch manuelle Arbeit, Karren mit Holzrädern und wasserkraftbetriebene Mühlen. In dieser Zeit lebte die Vergangenheit fort in Legenden, die oft mündlich überliefert wurden.
Später im neuen interplanetaren Zeitalter findet man auf Asteroiden und Monden des Kisor Systems uralte Außenposten, die die Zerstörungen und die lange Zeit überdauert haben. Dort gibt es noch funktionstüchtige Informationstechnik, vor allem automatische Steuerungen. Die neuen Kisori entdecken sogar zivile Datenspeicher mit – für sie damals schon – uralten Unterhaltungs- und Informationsprogrammen. Vor dieser Entdeckung kannten sie ihre Vorläuferzivilisation nur aus Legenden. Während des kisorischen Neubeginns (ca. 400 v.Chr.) waren diese schon über 3000 Jahre alt.
Eine der bekanntesten Geschichten aus dieser Zeit sind die "Reisen von Uri Tza Meka". Sie erzählen die Abenteuer von Uri Tza Meka in den Wolkenwelten. Wie er vom einfachen Elektrolehrling zum Helden wird, wie er das Wolkenreich und damit auch seine Heimat rettet. Er kehrt als König zurück. Aber in seiner Rückkehr liegt auch die Saat des Untergangs. Uri Tza Meka kämpft gegen feindliche Himmelsvölker doch schließlich stürzen diese den Himmel auf die Erde. Uri Tza Meka versucht vergeblich die Reste des Königreichs zusammenzuhalten. Es ist der klassische kisorische Schicksalsbogen. Der Aufstieg einer unbedeutenden Figur zum Helden und der darauffolgende Abstieg bis zum Untergang. Während irdische Heldengeschichten meistens am Höhepunkt enden (die sogenannte "Heldenreise") kennt die kisorische Kultur eher den Schicksalsbogen mit einem unerwarteten Aufstieg und einem bitteren, aber unvermeidlichen Ende.
In der irdischen Literatur kann der einfache Bauernsohn zum Helden werden und die Prinzessin heiraten. Der Weg dahin ist gefährlich, aber das Happy End ist fast garantiert, auch wenn das gute Ende durch die Hervorhebung der Risiken immer wieder infrage gestellt wird. In der kisorischen Literatur folgt dem Aufstieg zwangsläufig auch ein Abstieg. Das fatale Ende des kisorischen Schicksalsbogens ist genauso sicher, wie das irdische Happy End. Aber der Weg bis dahin ist interessant. Der Kampf gegen die Übermacht und das Opfer auf verlorenem Posten sind starke Motive. Der heldenhafte Widerstand gegen das unvermeidliche Ende ist genauso wichtig wie der unwahrscheinliche Aufstieg am Beginn der Geschichte.
Die moderne kisorische Literaturwissenschaft geht davon aus, dass der Schicksalsbogen während des Untergangs und des langen kisorischen Mittelalters entstand. Kisor war mehrmals in der Geschichte mächtig und wohlhabend. Aber besonders nach der langen friedlichen Phase während des Solemischen Reichs und des sich anschließenden Mercato-Imperiums, kam der Abstieg überraschend. Für mehr als 3000 Jahre gehörte Kisor zur interstellaren Zivilisation. Dann verschwand das Mercato-Imperium plötzlich und ließ die Kisor-Planeten ungeschützt zurück. In kurzer Zeit wurde die technische Infrastruktur bei Überfällen und Plünderungen weitgehend zerstört. Dabei verloren 90 % der Bevölkerung ihr Leben. Der Technologielevel sank schnell auf einen mittelalterlichen Stand und die Bevölkerung in wenigen Generationen auf nur ein Tausendstel. Das war eine traumatische Erfahrung, die tiefe Spuren im kulturellen Gedächtnis hinterlassen hat. Während der Mittelalter-Katastrophe, während des Abstiegs und in Jahrhunderten vergeblicher Versuche, die Technologie wiederzubeleben, entstanden die Geschichten vom scheiternden Helden, von enttäuschten Hoffnungen und vom unvermeidlichen Abwärtstrend.
Nach diesem Muster laufen die "Reisen von Uri Tza Meka". Kisorische Literaturwissenschaftler und Historiker hielten Uri Tza Meka für eine reine Sagengestalt, die den Untergang symbolisiert. Aber Ghislaine Tsibinda ist fasziniert von der Figur. Er glaubt, dass Uri Tza Meka's Reisen auf wahren Ereignissen beruhen. Ghislaine Tsibinda deutet die Wolkenwelten, bzw. das Wolkenreich als das Mercato-Imperium. Uri Tza Meka war vermutlich ein Info-Designer oder KI-Manager. Für Zuhörer während des kisorischen Mittelalters war der Beruf Uri Tza Mekas übersetzt in die Bezeichnung "Elektrolehrling". Elektrizität überdauert in Nischen das Mittelalter und die Elektromagie war den damaligen Kisori vertraut. Uri Tza Meka steigt am kisorischen Königshof auf und macht Karriere in der Mercato-Hierarchie. Dann folgt die Rettung des Wolkenreichs, also des Mercato-Imperiums. Es ist nicht klar, ob es dafür eine reale Basis gibt. Vielleicht ist dieser Teil nur eine notwendige dramaturgische Wendung für den Aufstieg Uri Tza Mekas zum Helden. Uri Tza Meka kehrt zurück nach Kisor. Und damit beginnt – nach kisorischer Deutung – erst der wichtigste Teil der Geschichte.
Uri Tza Meka ist sehr mächtig. Der Legende nach hat er den Titel "König der irdischen Dinge". Vielleicht war er tatsächlich König der Kisori. Kisor war zu dieser Zeit eine Monarchie. 400 Jahre zuvor war das Königtum aus dem Amt des Statthalters für die Mercatos entstanden. Und die Bezeichnung "König der irdischen Dinge" könnte auf das Oberhaupt der Kisori hindeuten, im Gegensatz zum "König des Himmels", dem informellen Mercato-Herrscher, dem Mercato-Irun. Allerdings gibt es in den alten kisorischen Datenquellen, die im neuen interplanetaren Zeitalter wiederentdeckt werden, keinen Hinweis darauf, dass die Erbfolge zugunsten eines heldenhaften Seiteneinsteigers unterbrochen wurde. Es gibt Nachrichtenartikel mit vielen Details über die letzten Jahre vor der Mittelalter-Katastrophe. Diese Quellen geben den letzten Stand vor dem Untergang wieder und die damaligen Personen sind gut bekannt. Wahrscheinlicher ist, dass Uri Tza Meka auf Ministerebene angesiedelt war, zuständig für Verteidigung oder Technologie. Möglicherweise ist Uri Tza Meka identisch mit Isulisamikal, der letzten Hauptabteilungsleiterin für Fremdtechnologie im Wissenschaftsdirektorat. Das würde zur Karriere eines Kisori passen, der, bzw. die nach einer interstellaren Karriere mit Technologiebezug nach Kisor zurückkehrt.
Der Name Isulisamikal klingt heute ungewöhnlich für Kisori. Aber das uns vertraute 3-teilige Namensschema entstand erst im kisorischen Mittelalter. Und bei der Überlieferung wurden die Namen der Protagonisten an die Erwartungen der Zuhörer angepasst. So könnte aus der realen Kisori Isulisamikal das Heldenepos Uri Tza Meka entstanden sein. Davon ist jedenfalls Ghislaine Tsibinda überzeugt.
Niemand hatte sich vorher für Isulisamikal interessiert. Sie lebte vor 6700 Jahren und war nur eine von damals mehr als 80 Milliarden Kisori. Aber Tsibinda hält sie für den Schlüssel zum Verständnis der Legende. Er verwendet nicht nur die Legende als Quelle, sondern beschäftigt sich auch intensiv mit Isulisamikals Lebenslauf und den Aktivitäten des damaligen Wissenschaftsdirektorats, soweit die uralten Quellen das zulassen.
Tsibinda sucht in den 20-er Jahren des 31. Jahrhunderts zuerst in öffentlich verfügbaren Datenbanken. Kisorische Historiker haben die wechselvolle Geschichte systematisch aufgearbeitet und alle Informationen aus früheren Epochen zusammengetragen. Dazu gehören riesige Mengen an Informationen aus dem 5. Jahrtausend v. Chr., also aus der Blütezeit vor der Mittelalter-Katastrophe. Das Material stammt vor allem aus Unterhaltungs- und Informationsangeboten von interplanetaren Außenposten im Kisor-System. Fast ein kompletter Abzug des damaligen Wissensstands war vefügbar. In geringerem Umfang gab es auch Daten zu noch früheren Blütezeiten, zum Goldenen Reich Kisors vor 12000 Jahren und zum ersten Reich vor 15000 Jahren.
Aber inzwischen hatte Kisor ein weiterer Schicksalsschlag getroffen. Zur Zeit der Recherchen von Ghislaine Tsibinda sind die Kisor-Zwillinge nur noch Staubwüsten. Hundert Jahre vor Tsibindas Recherchen hatten Leccianer von Sol mithilfe von Söldnern anderer Völker einen religiös motivierten Vernichtungsfeldzug gegen Kisor geführt. Kisor war damals schon geschwächt durch die Auseinandersetzungen mit der Sol-basierten ersten Reshumanis. Einige Zeit nachdem Sol an die Leccianer fiel, führten die Leccianer einen Rachefeldzug gegen das Kisor-System. Der Krieg endete mit der kinetischen Bombardierung der zwei Planeten und der Auslöschung der modernen kisorischen Zivilisation.
Der Sturz in das kisorische Mittelalter vor 6700 Jahren war die Nebenwirkung einer rücksichtslosen Plünderung gewesen. Aber der Schlag der Dellianer gegen Kisor im Jahr 2924 geschah mit dem Vorsatz, die Kisori für den vorangegangenen Frevel zu bestrafen. Für Kisor war das eine noch größere Katastrophe als 6700 Jahre zuvor. Die zwei Planeten wurden vollständig sterilisiert. Und dabei gingen natürlich auch die ausführlichen historischen Archive verloren.
Ghislaine Tsibinda führt zwischen 3050 und 3070 mehrere Expeditionen zu ehemaligen militärischen Außenposten in der näheren interstellaren Umgebung Kisors. Er hofft, dass dort noch Datenbanken existieren, in denen er Teile der historischen Archive finden kann. Die Auslöschung 2924 kam nicht so überraschend, wie die Mittelalter-Katastrophe 6700 Jahre zuvor. Sie war eher das fatale Ende eines 100 Jahre langen Niedergangs mit immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen. Die Kisori hatten oft Grund, sich zu sorgen und Daten in Sicherheit zu bringen. Vielleicht gibt es auf den militärischen Außenposten Datensicherungen des kisorischen Informationsverbunds, die auch zufällig die historischen Archive enthalten. Und vielleicht interessierten sich kisorische Militärhistoriker des 30. Jahrhundert n.Chr. in verzweifelten Situationen für die Maßnahmen, mit denen ihr Volk 6700 Jahre vorher schon einmal versucht hatte, den Untergang abzuwenden. Das war zumindest die Idee.
Tatsächlich findet die Gruppe um Tsibinda einige Backups. Nur erweist sich der Zugang zu den Daten in der Praxis als schwierig. Fast alle verlassenen Stützpunkte sind geplündert oder die Informationstechnik wurde inzwischen anders verwendet. Daten, die Tsibinda findet, sind fast immer verschlüsselt. Militärische Verschlüsselungstechnik ist quantenhart und nicht wiederherstellbar. Die Schlüssel sind schon lange verschollen. Ein Stützpunkt, den Tsibinda dabei entdeckt, ist immer noch besetzt von Militärpersonal und die Bewohner sind nicht glücklich darüber, dass jemand sie aufgespürt hat. Die Besatzung dieses geheimen Stützpunkts hütet tatsächlich Backups der (erneut) untergegangenen kisorischen Zivilisation mit dem Ziel, sie später an die neuen Kisori zu übergeben, wenn die Heimatplaneten wieder besiedelt werden. Aber die Daten unterliegen auch 100 Jahre später noch militärischer Geheimhaltung. Lange Verhandlungen, vertrauensbildende Maßnahmen und geheime materielle Hilfe über mehrere Jahre sind nötig, um den kommandierenden Offizier umzustimmen.
Die Kisori bieten Ghislaine Tsibinda schließlich Zugang zu zivilen Daten, die früher im kisorischen Netz frei verfügbar waren. Dazu gehören Unterhaltungsprogramme einschließlich der alten Überlieferungen, Enzyklopädien, Technologiedatenbanken und historische Archive, die auch Teile der 6700 Jahre alten Quellen enthalten. Das ist bei Weitem nicht ein kompletter Datenabzug des Netzes, denn die Speicherkapazität des Stützpunkts ist viel kleiner als die des Originals. Es sind speziell ausgewählte Daten, aber trotzdem so viel, dass sie nicht einfach übertragen oder kopiert werden können. Vor Ort laufen automatische Klassifizierer, Daten-Miner und Assoziationsagenten monatelang über die Daten bis sich ein Bild der Verhältnisse kurz vor der Mittelalter-Katastrophe formt.
Die letzten Nachrichten vor der Katastrophe beschreiben eine verzweifelte Situation. Kisor lag im Mercato-Imperium, war aber politisch unabhängig nachdem sich die Kisor-Planeten von Abgaben freigekauft hatten. Das Mercato-Imperium sorgte für Frieden und Handel. Aber die Situation war nur scheinbar stabil. Mercatos gründen eigentlich keine eigenen Herrschaftsbereiche. Sie sind Händler, unterwegs in Sippenschiffen ohne Machtambition. Von Zeit zu Zeit erscheint ein Individuum mit besonderem Charisma, ein Hro. Zur Erwachsenenweihe eines solchen Wesens kommen tausende Sippenschiffe. Aus der Transformation zum erwachsenen Mercato kann dann eine Persönlichkeit hervorgehen, die alle anwesenden Sippen in seinen Bann zieht, ein Anführer der die sonst autarken Sippen vereint, ein sogenannter Irun. Dann ändert sich das Verhaltensmuster der Mercatos im ganzen Sektor. Genau das war vor ca. 7500 Jahren geschehen. Die Mercatos wurden aggressiv. Sie bekämpften das Solemische Reich und zerstörten dessen interstellare Infrastruktur.
Danach beherrschten Mercatos den Sektor für einige Jahrhunderte. Aber mit dem Tod des Irun nach ca. 700 Jahren verschwand das Mercato-Imperium von einem Moment auf den anderen. Es hinterließ einen wohlhabenden aber schutzlosen Sektor. Die Mercatos hatten bei den Völkern innerhalb ihres Einflussbereichs jegliche militärische Technologie unterdrückt. Für viele Völker, Fraktionen und Machtbereiche außerhalb der Mercato-Grenzen waren die reichen ehemaligen Mercato-Vasallen nun eine legitime Beute. Nicht alle Völker haben eine so hochstehende Moral, wie der kisorische Alturismus. Viele interstellare Völker sind kulturell oder sogar biologisch anders strukturiert und haben inkompatible Ethiksysteme. Anscheinend brach eine Welle von Erpressungen, Plünderungen und Angriffen über die ehemaligen Mercato-Vasallen herein. Und mitten darin befanden sich die zwei Kisor-Planeten. Die Angreifer sind nicht bekannt. Es gibt Hinweise auf Chinti-Schwärme und auf Raubzüge abtrünniger interianischer Personen. Aber die meisten Gegner sind nicht identifizierbar.
Die Nachrichten von vor 6700 Jahren sind dramatisch. Kisor wird immer wieder von bewaffneten Angreifern bedroht. Interplanetare Infrastruktur und planetare Ziele werden gewaltsam zerstört, mal als Warnung, mal als Bestrafung. Kisor ist hilflos und versucht eine Verteidigung aufzubauen, aber die Angriffe kommen in kurzen Abständen. Die planetaren Orbits werden besetzt. Der interplanetare Verkehr wird unterbunden und die Infrastruktur wird geplündert. Ständig kommen neue schreckliche Nachrichten. Parallel zu den verzweifelten Verteidigungsanstrengungen gibt es anscheinend eine Initiative des Wissenschaftsdirektorats, um die – damals 700 alte – solemische Militärtechnologie nutzbar zu machen. Das wird nirgends genau beschrieben. Aber aus der Kombination der Tatsachenberichte alter digitaler Quellen und der überlieferten Legenden lässt sich ableiten, dass irgendwann eine kleine Gruppe von kisorischen Akteuren überraschend mächtige militärische Mittel einsetzte und Angreifer zurückschlug. In der alten – modernen – Berichten gelingt es dem Wissenschaftsdirektorat mit Exotechnologie ein Verteidigungssystem aufzubauen. Man kann davon ausgehen, dass Isulisamikal, die damalige Hauptabteilungsleiterin für Fremdtechnologie beteiligt war.
In der neueren – archaischen – Erzählung reist Uri Tza Meka zu fernen Inseln auf der Suche nach feuerspeienden Ungeheuern (Menschen würden "Drachen" sagen), die der Überlieferung nach durch Elektromagier gezähmt werden können. In der modernen Deutung eine Umschreibung für autonome Waffensysteme, die durch KI-Manager dirigiert werden. In den modernen Berichten gibt es keine Einzelheiten dazu, wie und wo das Wissenschaftsdirektorat an die Waffen kam. Die Details wurden sicher geheim gehalten. Ghislaine Tsibinda geht von der Hypothese aus, dass es sich bei den "Inseln" um solemische Infrastrukturcluster im interstellaren Raum handelt. Der Legende nach schlafen die Drachen in den Ruinen alter Burgen. Eine ziemlich treffende Beschreibung für stillgelegte KI-gesteuerte Waffensysteme in den zerstörten Überresten solemischer Anlagen.
Das Uri Tza Meka Epos beschreibt die gefährliche Wiedererweckung der Drachen. Dabei muss Uri Tza Meka Aufgaben erfüllen, Abenteuer bestehen, Rätsel lösen und am Ende die Drachen mit einer List zähmen. Auch das lässt sich modern interpretieren. Sicher sind Rätsel zu lösen, denn es gilt 700 Jahre alte Exotechnologie in Betrieb zu nehmen. Dabei gibt es nicht nur Probleme mit der fremden Informationsarchitektur, sondern auch mit Sicherheitsroutinen, die auf kreative Weise ausgeschaltet werden müssen. Autonome bewusste KI kann man neu programmieren oder – wenn das nicht möglich ist – überzeugen zu kooperieren. Das kann auch geschehen indem man die KI täuscht, z.B. indem man vorgibt, dass sie gegen ihre alten Feinde kämpft. Die Beschreibung "zähmen durch eine List" deutet darauf hin, dass die Kisori damals die KI der Waffensysteme erfolgreich manipulieren konnten.
Heute ist nicht mehr zu erkennen welche Waffensysteme damals eingesetzt wurden, aber vermutlich waren sie sehr hoch entwickelt. Sie stammten aus einem High-Tech Konflikt zwischen dem solemischen Reich, einem der größten und ältesten Machtbereiche, die es jemals gegeben hatte und den Mercatos, die vermutlich seit Millionen Jahren in Sippenschiffen Raumfahrt betreiben und manchmal überraschende Informations- und Ausrüstungsressourcen haben. Jedenfalls scheinen die Waffen den Angreifern Kisors vor 6700 Jahren weit überlegen gewesen zu sein. Solange sie funktionierten.
Irgendwann waren die Waffen unbrauchbar. Es ist nicht klar, ob es daran lag, dass der Einsatz Munition benötigte, die die kisorische Technologie nicht herstellen konnte. Oder ob die KI der Waffensysteme die Manipulation durchschaute und nicht mehr im Sinne der Kisori aktiv sein wollte. Die Legende sagt, dass die Drachen mit einem Zauber belegt waren und durch den Dienst für Uri Tza Meka von ihrem Bann befreit wurden. Jeder Drache war nur zu einer Schlacht bereit und flog dann davon. Die Drachen hatten den Untergang nur aufgehalten. Uri Tza Meka konnte mit ihrer Hilfe einen Teil seines Volkes vor der Vernichtung bewahren.
Eine neue Expedition zu den Dracheninseln soll noch einmal die Rettung bringen. Doch in der Nacht vor der Abreise wird der Plan verraten. Uri Tza Meka gerät in einen Hinterhalt. Er opfert sich selbst, um die Insignien des Königs in Sicherheit zu bringen. Zu den Insignien gehört das Buch der Elektromagie mit den Beschwörungen, die Drachen zähmen, und eine Karte der Dracheninseln. Nach moderner Lesart also Kommandocodes für die Waffen-KI, Aktivierungsprozeduren und Koordinaten der solemischen Relikte. Die digital aufgezeichnete Geschichte endet hier. In dem Moment als die interplanetare Zivilisation Kisors vor 6700 Jahren unter den Angriffen zerbricht.
Aber die mündliche Überlieferung geht nach Uri Tza Mekas Opfer weiter. An das Uri Tza Meka Epos schließen nahtlos die "Drachengeschichten" an. Es gibt unzählige Geschichten mit einem Drachen in der Gestalt eines Kisori als eine Art Superheld. Der Legende zufolge war der Drache ein Freund von Uri Tza Meka. Als Dank für die Erweckung aus dem hundertjährigen Schlaf, dient der Drache Uri Tza Meka. Am Anfang hat er riesige Kräfte und er zerschmettert alle Gegner. Aber eines Tages wird er mit einem Fluch belegt, der ihn in den Körper eines Kisori bannt und ihm seine Macht nimmt. Fortan braucht er nach großen Anstrengungen lange Erholungspausen. Er ist stark aber nicht mehr unbesiegbar.
Nach dem Ende von Uri Tza Meka wandert der Drache 1000 Jahre durch das Land. Er hilft den einfachen Kisori. Er bekämpft das Böse und versucht die zerbrochene Welt wieder zusammenzusetzen. Dabei führt er immer noch die Königsinsignien mit sich, die er von Uri Tza Meka erhalten hat – einschließlich der Karte von den Dracheninseln. Er bewahrt die Karte mit dem Ziel, irgendwann wieder von den Dracheninseln Hilfe zu holen. Viele der Drachengeschichten laufen nach dem kisorischen Schicksalsbogen ab: Der Drache entdeckt einen Schatz (also Technologie oder Informationen). Damit gibt es Hoffnung für den Wiederaufbau. Dann kommt ein Rückschlag und am Ende zieht der Drache alleine weiter.
In der modernen Deutung von Ghislaine Tsibinda ist der Drache eine der solemischen KIs. Die KI wird von Isulisamikal reaktiviert und hilft als Steuerung für solemische Waffensysteme bei der Verteidigung Kisors. Irgendwann scheint das nicht mehr zu funktionieren. Vielleicht wird die KI im Kampf informationstechnisch beschädigt, vielleicht auch ihre physischen Schnittstellen. Jedenfalls kann sie keine Waffensysteme mehr steuern. Damit fällt ein wichtiger Teil der Verteidigung aus und Kisor wird schließlich überrannt. Im Moment höchster Not überträgt Isulisamikal die wichtigsten Daten und Koordinaten an die KI.
Nach der Katastrophe wandert die KI dann wohl tatsächlich sehr lange auf Kisor Beta umher. Als "Drache in Kisorigestalt" benutzt die KI anscheinend einen kisorischen Androidenkörper oder vielleicht ist sie sogar ein Nanokomplex, der eine beliebige Gestalt annehmen kann und die Kisori-Form wählt. Die KI versucht der Bevölkerung zu helfen. Sie versucht Technik wieder in Betrieb zu nehmen und den Abstieg aufzuhalten. Immer wieder muss sie auch kämpfen, mal mit Makroaktoren ("Schild, Schwert, Hammer"), mal mit Nanotech ("Zauberei") oder mit Memetik-Techniken ("Verführung"). Vermutlich kämpft sie gegen kisorische Warlords um das Chaos abzuwenden. Vielleicht auch gegen späte interstellare Eindringlinge um deren Transportmittel mit dem Ziel, Hilfe für Kisor zu holen. Die Kampfkraft der KI ist beschränkt durch die notwendigen "Pausen nach Anstrengungen". Das klingt, also ob die Ladeleistung sehr begrenzt ist und ihr Energiespeicher lange zur Aufladung braucht.
Das Ende der Drachenlegenden ist offen. Es ist nicht bekannt, ob die KI irgendwann zerstört wurde, ob die Selbstreparatur versagte, oder ob sie das ganze 3000 Jahre lange Mittelalter überdauerte und bis in die kisorische Moderne aktiv war.
Ghislaine Tsibinda konzentriert seine Analyse auf die Karte der Dracheninseln und auf die Aktivitäten des Wissenschaftsdirektorats. In den 100 Jahre alten Backups befinden sich viele indirekte Hinweise auf Aktionen des Wissenschaftsdirektorats zur fraglichen Zeit.
- Es gibt Anfragen von kisorischen NGOs an die damalige königliche Administration. Die Antworten enthalten Angaben zu Daten, Orten und Personen.
- Ein Verhandlungsprotokoll zu einer Schadenersatzklage benennt das genaue Ankunftsdatum eines Zeugen, der laut anderer Unterlagen ein Mitarbeiter von Isulisamikal war. Daraus lassen sich Reisezeiten ableiten.
- Auch vor 6700 Jahren auf Kisor gab es schon Geheimnisbeobachter, Leute, deren Hobby es ist, mit Campingstühlen an Militärbasen auszuharren (oder sich mit ferngesteuerten Teleskopen an Asteroidenstützpunkte anzuschleichen) und den Flugverkehr minutiös aufzeichnen, um Muster in geheimen Regierungsaktivitäten zu erkennen. Diese Geheimnisbeobachter stellten umfangreiche Listen von Starts und Landungen in das öffentliche Netz Kisors. Teile davon sind in den Backups erhalten.
Aus all diesen Quellen erstellt ein assoziativer Daten-Miner eine 4-dimensionale Wahrscheinlichkeitsverteilung für Aktivitäten der Einsatzgruppe um Isulisamikal.
Ein anderer Miner durchforstet die Drachengeschichten auf Darstellungen der Karte. In einigen Geschichten wird auf die Karte Bezug genommen. Entweder auf ihren Inhalt oder auf relative Abstände von bekannten Wegmarken. Sind die "Dreiecksberge 2 Stunden vor den unsichtbaren Klippen" identisch mit den Pyramiden im Abunnaz-System? Und ist mit den "Klippen" eine bekannte Gravitationssenke aus dunkler Materie in 1,4 Lichtjahren Entfernung gemeint? Der Miner bewertet die Realitätstreue der Hinweise und modelliert aus der Synthese aller Angaben mögliche Varianten der Karte.
Aus der Kombination von probabilistischen Bewegungsdaten mit den potentiellen Kartenvarianten – und unter Berücksichtigung der Sternenbewegung in 6700 Jahren – entstehen mögliche Ziele. Die meisten Zielkoordinaten liegen im interstellaren Raum und viele haben eine Ungenauigkeit von Lichtwochen. Aber wenn man davon ausgeht, dass die solemischen Infrastrukturkomplexe sich in der Nähe von Rohstoffquellen befinden, muss man "nur" nach Planetenmassen in einigen Kubik-Lichtjahren suchen. Eine riesige, aber lösbare Aufgabe.
Ghislaine Tsibinda und seine Partner mobilisieren die Öffentlichkeit von M'kele. Eine sehr erfolgreiche Crowd-Funding Kampagne bringt die notwendige Finanzierung für eine kleine Flotte von gecharterten Suchschiffen. Die Crews setzen sich aus Freiwilligen zusammen. Ein Teil der Ausrüstung und Lebensmittel wird über Merchandising und Product-Placement in Infotainment-Programmen finanziert. Später kommen sogar Enthusiasten von M'kele mit privaten Schiffen dazu. Der Informationsdienst der Kampagne vergibt Suchvolumina an alle, die sich beteiligen wollen. Kampagnentokens und Gewinnanteile werden an der Börse gehandelt. In 12 Jahren werden über 50 % des Suchraumes bearbeitet. Glaubt man Tsibindas Grundannahme, dass die Legenden einen wahren Kern haben, dann steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit pro Suchvolumen an, je länger die Suche dauert. Die Börsenwerte schießen in die Höhe und kommerzielle Prospektoren steigen ein.
Nach 17 Jahren und nach 91 % des wahrscheinlichkeitsgewichteten Suchraumes entdeckt eines der Freiwilligenschiffe endlich einen solemischen Infrastrukturkomplex: riesige Installationen im Raum, ehemals rotierende Habitate, jetzt auseinanderdriftende Fragmente, zerstörte Segmente von Konverterstrecken, aber auch gut erhaltene Bereiche.
Später findet man heraus, dass private Prospektoren die Koordinaten schon seit 5 Jahren kannten. Sie meldeten den Fund nicht, um die Ressourcen heimlich zu nutzen. Da alle Teilnehmer, die Suchvolumina von der Kampagne bezogen, sich den Statuten der Kampagne verpflichten mussten, können die Prospektoren keine Eigentumsrechte geltend machen. Der Komplex wird der Kampagne von Ghislaine Tsibinda zugesprochen.
Ghislaine Tsibinda erklärt sein Lebenswerk für beendet. 361 Jahre nach seiner Aktivierung als Logistikmanagement-KI schaltet er sich ab. Seine letzte Wave: "Besser wird's nicht". Er hatte den kisorischen Schicksalsbogen nie gemocht. Ein Abstieg kommt für ihn nicht in Frage.
Eine von Tsibinda autorisierte (statische) Persönlichkeitssimulation ist öffentlich verfügbar und steht jederzeit für Fragen und Diskussionen bereit.
Zeitleiste: 10000 - 7400 Jahre vor Tsibindas Recherchen liegt Kisor im solemischen Reich, dann 700 Jahre im Mercato-Imperium, ab 6700 für ca. 3000 Jahre Mittelalter bis 3.400, seit 3000 eine neue interplanetare Zivilisation, seit 2000 Jahren auch interstellar, schließlich 100 Jahre vor Tsibindas Recherchen die gezielte Auslöschung im dellianischen Kreuzzug.
#Entdeckung #Ruinen #Interstellar #Sagen #Legenden #KI
http://jmp1.de/h3131
Mit der Entdeckung wird eines der großen Rätsel der modernen Geschichtswissenschaft gelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt waren fast keine Relikte des Solemischen Reichs gefunden worden, obwohl das Reich im lokalen Sektor Jahrtausende geherrscht hatte. Historiker gingen davon aus, dass die jeweiligen Nachfolgemächte die Infrastruktur übernommen und im Lauf der Zeit verändert haben. Tsibindas Entdeckung beweist, dass das Solemische Reich die meisten Mittel im interstellaren Raum bündelte, weitab von Sonnen und bewohnbaren Planeten. Die Installationen waren in der Nähe von Irrläuferplaneten und braunen Zwergen, die als Rohstoffquellen dienten. Die Konstruktionen waren riesig, aber ohne genaue Koordinaten verlieren sie sich im interstellaren Raum.
Warum sich diese Zivilisation von Sonnen fernhielt, ist nicht geklärt. Aber für eine High-Tech Zivilisation ist die Nähe zu einer Sonne nicht wichtig. Energie ist im Überfluss vorhanden, wenn es eine Wasserstoffquelle gibt, wie einen Eisriesen einen braunen Zwerg. Ein Leben im interstellaren Raum ist gar nicht so ungewöhnlich. Schon seit über 500 Jahren kennen die Menschen den Mansalu-Komplex. Ein Großteil der Mansalu lebt im interstellaren Raum.
Bei vielen Völkern gibt es mobile Habitate, die sich vor allem im interstellaren Raum aufhalten. Sie "ankern" an Einzelgängerplaneten und besuchen gelegentlich Sonnensysteme. Einige sind sehr groß, manchmal hundert Kilometer und von vielen Millionen Individuen bewohnt. Sie sind wirtschaftlich autark und sind eigene kleine Welten. Viele dieser Habitate sehen die hohe Dichte planetarer Systeme eher als Risiko, denn als Bereicherung an. Die Besonderheit im Fall des Solemischen Reichs ist, dass sich fast die gesamte Zivilisation im interstellaren Leerraum befand.
Ghislaine Tsibinda beginnt seine berufliche Karriere 2780 als Effizienzmanager bei Logistikdienstleistern im M'kele Orbit, wo er die automatische Optimierung von Dockingprozeduren überwacht. Er durchläuft verschiedene Stationen bis er schließlich 2890 Haupthafenmeister des Morogoro-Terminals wird. Damit ist er verantwortlich für die Abwicklung von 30% des Handelsvolumens im System.
Es ist eine schwierige Zeit. Das interstellare Frachtaufkommen geht zurück, weil die Handelswege unsicher werden und Märkte verlorengehen. Wenige Jahre später gerät sogar das Solsystem unter Fremdherrschaft und fällt damit als Handelspartner für M'kele aus. Tsibinda behält seine Stellung bis in die Zeit der Rückeroberung im Solsystem und setzt sich Anfang des 31. Jahrhunderts zur Ruhe, um seinem Hobby nachzugehen.
Schon sehr lange hatte er sich mit Legenden verschiedener interstellarer Völker beschäftigt. Sein besonderes Interesse gilt dem legendären Solemischen Reich in einem Zeitraum von vor 7000 bis 10000 Jahren. Aus dieser Zeit gibt es fast keine digitalen Aufzeichnungen. Die meisten Daten sind im dunklen Zeitalter nach dem Ende des Mercato-Imperiums verlorengegangen. Es gibt aber Sagen und Legenden bei Völkern, die schon vor 7000 Jahren (ca. 4000 v.Chr.) eine raumfahrende Zivilisation hatten.
Nach dem plötzlichen Ende des Mercato-Imperiums um 3700 v. Chr., stürzte der Sektor in ein dunkles Zeitalter. Die betroffenen Völker verloren den größten Teil ihrer technologischen Fähigkeiten. Neo-Barbaren, Hochzivilisationen und Völker mit inkompatiblen Moralsystemen gerieten in Konflikt. Die Auseinandersetzungen kosteten viel Kraft. Schutz vor Überfällen und Rüstung gegen die Nachbarn verbrauchten wertvolle Ressourcen. Oft waren die Bemühungen nicht langfristig erfolgreich. Systeme, Völker und Fraktionen versuchten sich zu behaupten, auch auf Kosten der Nachbarn. Über 1000 Jahre entstand keine stabilisierende Macht.
Kisor traf es besonders hart. Kisor verlor den kompletten Technologiebaum jenseits von einfachen Elektromotoren. Alle Datentechnik war verloren. Kein Spin-Rechner, kein Assoziativspeicher überdauerte die 3000 Jahre bis Kisor sich erholt. Die Gesellschaft war lange Zeit archaisch, mit einer kuriosen Mischung aus Mittelalter-Technologie und Neuzeit. Es gab Schießpulver, Buchdruck und – für wohlhabende Leute – elektrisches Licht. Aber trotzdem war für die meisten Kisori der Alltag eher geprägt durch manuelle Arbeit, Karren mit Holzrädern und wasserkraftbetriebene Mühlen. In dieser Zeit lebte die Vergangenheit fort in Legenden, die oft mündlich überliefert wurden.
Später im neuen interplanetaren Zeitalter findet man auf Asteroiden und Monden des Kisor Systems uralte Außenposten, die die Zerstörungen und die lange Zeit überdauert haben. Dort gibt es noch funktionstüchtige Informationstechnik, vor allem automatische Steuerungen. Die neuen Kisori entdecken sogar zivile Datenspeicher mit – für sie damals schon – uralten Unterhaltungs- und Informationsprogrammen. Vor dieser Entdeckung kannten sie ihre Vorläuferzivilisation nur aus Legenden. Während des kisorischen Neubeginns (ca. 400 v.Chr.) waren diese schon über 3000 Jahre alt.
Eine der bekanntesten Geschichten aus dieser Zeit sind die "Reisen von Uri Tza Meka". Sie erzählen die Abenteuer von Uri Tza Meka in den Wolkenwelten. Wie er vom einfachen Elektrolehrling zum Helden wird, wie er das Wolkenreich und damit auch seine Heimat rettet. Er kehrt als König zurück. Aber in seiner Rückkehr liegt auch die Saat des Untergangs. Uri Tza Meka kämpft gegen feindliche Himmelsvölker doch schließlich stürzen diese den Himmel auf die Erde. Uri Tza Meka versucht vergeblich die Reste des Königreichs zusammenzuhalten. Es ist der klassische kisorische Schicksalsbogen. Der Aufstieg einer unbedeutenden Figur zum Helden und der darauffolgende Abstieg bis zum Untergang. Während irdische Heldengeschichten meistens am Höhepunkt enden (die sogenannte "Heldenreise") kennt die kisorische Kultur eher den Schicksalsbogen mit einem unerwarteten Aufstieg und einem bitteren, aber unvermeidlichen Ende.
In der irdischen Literatur kann der einfache Bauernsohn zum Helden werden und die Prinzessin heiraten. Der Weg dahin ist gefährlich, aber das Happy End ist fast garantiert, auch wenn das gute Ende durch die Hervorhebung der Risiken immer wieder infrage gestellt wird. In der kisorischen Literatur folgt dem Aufstieg zwangsläufig auch ein Abstieg. Das fatale Ende des kisorischen Schicksalsbogens ist genauso sicher, wie das irdische Happy End. Aber der Weg bis dahin ist interessant. Der Kampf gegen die Übermacht und das Opfer auf verlorenem Posten sind starke Motive. Der heldenhafte Widerstand gegen das unvermeidliche Ende ist genauso wichtig wie der unwahrscheinliche Aufstieg am Beginn der Geschichte.
Die moderne kisorische Literaturwissenschaft geht davon aus, dass der Schicksalsbogen während des Untergangs und des langen kisorischen Mittelalters entstand. Kisor war mehrmals in der Geschichte mächtig und wohlhabend. Aber besonders nach der langen friedlichen Phase während des Solemischen Reichs und des sich anschließenden Mercato-Imperiums, kam der Abstieg überraschend. Für mehr als 3000 Jahre gehörte Kisor zur interstellaren Zivilisation. Dann verschwand das Mercato-Imperium plötzlich und ließ die Kisor-Planeten ungeschützt zurück. In kurzer Zeit wurde die technische Infrastruktur bei Überfällen und Plünderungen weitgehend zerstört. Dabei verloren 90 % der Bevölkerung ihr Leben. Der Technologielevel sank schnell auf einen mittelalterlichen Stand und die Bevölkerung in wenigen Generationen auf nur ein Tausendstel. Das war eine traumatische Erfahrung, die tiefe Spuren im kulturellen Gedächtnis hinterlassen hat. Während der Mittelalter-Katastrophe, während des Abstiegs und in Jahrhunderten vergeblicher Versuche, die Technologie wiederzubeleben, entstanden die Geschichten vom scheiternden Helden, von enttäuschten Hoffnungen und vom unvermeidlichen Abwärtstrend.
Nach diesem Muster laufen die "Reisen von Uri Tza Meka". Kisorische Literaturwissenschaftler und Historiker hielten Uri Tza Meka für eine reine Sagengestalt, die den Untergang symbolisiert. Aber Ghislaine Tsibinda ist fasziniert von der Figur. Er glaubt, dass Uri Tza Meka's Reisen auf wahren Ereignissen beruhen. Ghislaine Tsibinda deutet die Wolkenwelten, bzw. das Wolkenreich als das Mercato-Imperium. Uri Tza Meka war vermutlich ein Info-Designer oder KI-Manager. Für Zuhörer während des kisorischen Mittelalters war der Beruf Uri Tza Mekas übersetzt in die Bezeichnung "Elektrolehrling". Elektrizität überdauert in Nischen das Mittelalter und die Elektromagie war den damaligen Kisori vertraut. Uri Tza Meka steigt am kisorischen Königshof auf und macht Karriere in der Mercato-Hierarchie. Dann folgt die Rettung des Wolkenreichs, also des Mercato-Imperiums. Es ist nicht klar, ob es dafür eine reale Basis gibt. Vielleicht ist dieser Teil nur eine notwendige dramaturgische Wendung für den Aufstieg Uri Tza Mekas zum Helden. Uri Tza Meka kehrt zurück nach Kisor. Und damit beginnt – nach kisorischer Deutung – erst der wichtigste Teil der Geschichte.
Uri Tza Meka ist sehr mächtig. Der Legende nach hat er den Titel "König der irdischen Dinge". Vielleicht war er tatsächlich König der Kisori. Kisor war zu dieser Zeit eine Monarchie. 400 Jahre zuvor war das Königtum aus dem Amt des Statthalters für die Mercatos entstanden. Und die Bezeichnung "König der irdischen Dinge" könnte auf das Oberhaupt der Kisori hindeuten, im Gegensatz zum "König des Himmels", dem informellen Mercato-Herrscher, dem Mercato-Irun. Allerdings gibt es in den alten kisorischen Datenquellen, die im neuen interplanetaren Zeitalter wiederentdeckt werden, keinen Hinweis darauf, dass die Erbfolge zugunsten eines heldenhaften Seiteneinsteigers unterbrochen wurde. Es gibt Nachrichtenartikel mit vielen Details über die letzten Jahre vor der Mittelalter-Katastrophe. Diese Quellen geben den letzten Stand vor dem Untergang wieder und die damaligen Personen sind gut bekannt. Wahrscheinlicher ist, dass Uri Tza Meka auf Ministerebene angesiedelt war, zuständig für Verteidigung oder Technologie. Möglicherweise ist Uri Tza Meka identisch mit Isulisamikal, der letzten Hauptabteilungsleiterin für Fremdtechnologie im Wissenschaftsdirektorat. Das würde zur Karriere eines Kisori passen, der, bzw. die nach einer interstellaren Karriere mit Technologiebezug nach Kisor zurückkehrt.
Der Name Isulisamikal klingt heute ungewöhnlich für Kisori. Aber das uns vertraute 3-teilige Namensschema entstand erst im kisorischen Mittelalter. Und bei der Überlieferung wurden die Namen der Protagonisten an die Erwartungen der Zuhörer angepasst. So könnte aus der realen Kisori Isulisamikal das Heldenepos Uri Tza Meka entstanden sein. Davon ist jedenfalls Ghislaine Tsibinda überzeugt.
Niemand hatte sich vorher für Isulisamikal interessiert. Sie lebte vor 6700 Jahren und war nur eine von damals mehr als 80 Milliarden Kisori. Aber Tsibinda hält sie für den Schlüssel zum Verständnis der Legende. Er verwendet nicht nur die Legende als Quelle, sondern beschäftigt sich auch intensiv mit Isulisamikals Lebenslauf und den Aktivitäten des damaligen Wissenschaftsdirektorats, soweit die uralten Quellen das zulassen.
Tsibinda sucht in den 20-er Jahren des 31. Jahrhunderts zuerst in öffentlich verfügbaren Datenbanken. Kisorische Historiker haben die wechselvolle Geschichte systematisch aufgearbeitet und alle Informationen aus früheren Epochen zusammengetragen. Dazu gehören riesige Mengen an Informationen aus dem 5. Jahrtausend v. Chr., also aus der Blütezeit vor der Mittelalter-Katastrophe. Das Material stammt vor allem aus Unterhaltungs- und Informationsangeboten von interplanetaren Außenposten im Kisor-System. Fast ein kompletter Abzug des damaligen Wissensstands war vefügbar. In geringerem Umfang gab es auch Daten zu noch früheren Blütezeiten, zum Goldenen Reich Kisors vor 12000 Jahren und zum ersten Reich vor 15000 Jahren.
Aber inzwischen hatte Kisor ein weiterer Schicksalsschlag getroffen. Zur Zeit der Recherchen von Ghislaine Tsibinda sind die Kisor-Zwillinge nur noch Staubwüsten. Hundert Jahre vor Tsibindas Recherchen hatten Leccianer von Sol mithilfe von Söldnern anderer Völker einen religiös motivierten Vernichtungsfeldzug gegen Kisor geführt. Kisor war damals schon geschwächt durch die Auseinandersetzungen mit der Sol-basierten ersten Reshumanis. Einige Zeit nachdem Sol an die Leccianer fiel, führten die Leccianer einen Rachefeldzug gegen das Kisor-System. Der Krieg endete mit der kinetischen Bombardierung der zwei Planeten und der Auslöschung der modernen kisorischen Zivilisation.
Der Sturz in das kisorische Mittelalter vor 6700 Jahren war die Nebenwirkung einer rücksichtslosen Plünderung gewesen. Aber der Schlag der Dellianer gegen Kisor im Jahr 2924 geschah mit dem Vorsatz, die Kisori für den vorangegangenen Frevel zu bestrafen. Für Kisor war das eine noch größere Katastrophe als 6700 Jahre zuvor. Die zwei Planeten wurden vollständig sterilisiert. Und dabei gingen natürlich auch die ausführlichen historischen Archive verloren.
Ghislaine Tsibinda führt zwischen 3050 und 3070 mehrere Expeditionen zu ehemaligen militärischen Außenposten in der näheren interstellaren Umgebung Kisors. Er hofft, dass dort noch Datenbanken existieren, in denen er Teile der historischen Archive finden kann. Die Auslöschung 2924 kam nicht so überraschend, wie die Mittelalter-Katastrophe 6700 Jahre zuvor. Sie war eher das fatale Ende eines 100 Jahre langen Niedergangs mit immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen. Die Kisori hatten oft Grund, sich zu sorgen und Daten in Sicherheit zu bringen. Vielleicht gibt es auf den militärischen Außenposten Datensicherungen des kisorischen Informationsverbunds, die auch zufällig die historischen Archive enthalten. Und vielleicht interessierten sich kisorische Militärhistoriker des 30. Jahrhundert n.Chr. in verzweifelten Situationen für die Maßnahmen, mit denen ihr Volk 6700 Jahre vorher schon einmal versucht hatte, den Untergang abzuwenden. Das war zumindest die Idee.
Tatsächlich findet die Gruppe um Tsibinda einige Backups. Nur erweist sich der Zugang zu den Daten in der Praxis als schwierig. Fast alle verlassenen Stützpunkte sind geplündert oder die Informationstechnik wurde inzwischen anders verwendet. Daten, die Tsibinda findet, sind fast immer verschlüsselt. Militärische Verschlüsselungstechnik ist quantenhart und nicht wiederherstellbar. Die Schlüssel sind schon lange verschollen. Ein Stützpunkt, den Tsibinda dabei entdeckt, ist immer noch besetzt von Militärpersonal und die Bewohner sind nicht glücklich darüber, dass jemand sie aufgespürt hat. Die Besatzung dieses geheimen Stützpunkts hütet tatsächlich Backups der (erneut) untergegangenen kisorischen Zivilisation mit dem Ziel, sie später an die neuen Kisori zu übergeben, wenn die Heimatplaneten wieder besiedelt werden. Aber die Daten unterliegen auch 100 Jahre später noch militärischer Geheimhaltung. Lange Verhandlungen, vertrauensbildende Maßnahmen und geheime materielle Hilfe über mehrere Jahre sind nötig, um den kommandierenden Offizier umzustimmen.
Die Kisori bieten Ghislaine Tsibinda schließlich Zugang zu zivilen Daten, die früher im kisorischen Netz frei verfügbar waren. Dazu gehören Unterhaltungsprogramme einschließlich der alten Überlieferungen, Enzyklopädien, Technologiedatenbanken und historische Archive, die auch Teile der 6700 Jahre alten Quellen enthalten. Das ist bei Weitem nicht ein kompletter Datenabzug des Netzes, denn die Speicherkapazität des Stützpunkts ist viel kleiner als die des Originals. Es sind speziell ausgewählte Daten, aber trotzdem so viel, dass sie nicht einfach übertragen oder kopiert werden können. Vor Ort laufen automatische Klassifizierer, Daten-Miner und Assoziationsagenten monatelang über die Daten bis sich ein Bild der Verhältnisse kurz vor der Mittelalter-Katastrophe formt.
Die letzten Nachrichten vor der Katastrophe beschreiben eine verzweifelte Situation. Kisor lag im Mercato-Imperium, war aber politisch unabhängig nachdem sich die Kisor-Planeten von Abgaben freigekauft hatten. Das Mercato-Imperium sorgte für Frieden und Handel. Aber die Situation war nur scheinbar stabil. Mercatos gründen eigentlich keine eigenen Herrschaftsbereiche. Sie sind Händler, unterwegs in Sippenschiffen ohne Machtambition. Von Zeit zu Zeit erscheint ein Individuum mit besonderem Charisma, ein Hro. Zur Erwachsenenweihe eines solchen Wesens kommen tausende Sippenschiffe. Aus der Transformation zum erwachsenen Mercato kann dann eine Persönlichkeit hervorgehen, die alle anwesenden Sippen in seinen Bann zieht, ein Anführer der die sonst autarken Sippen vereint, ein sogenannter Irun. Dann ändert sich das Verhaltensmuster der Mercatos im ganzen Sektor. Genau das war vor ca. 7500 Jahren geschehen. Die Mercatos wurden aggressiv. Sie bekämpften das Solemische Reich und zerstörten dessen interstellare Infrastruktur.
Danach beherrschten Mercatos den Sektor für einige Jahrhunderte. Aber mit dem Tod des Irun nach ca. 700 Jahren verschwand das Mercato-Imperium von einem Moment auf den anderen. Es hinterließ einen wohlhabenden aber schutzlosen Sektor. Die Mercatos hatten bei den Völkern innerhalb ihres Einflussbereichs jegliche militärische Technologie unterdrückt. Für viele Völker, Fraktionen und Machtbereiche außerhalb der Mercato-Grenzen waren die reichen ehemaligen Mercato-Vasallen nun eine legitime Beute. Nicht alle Völker haben eine so hochstehende Moral, wie der kisorische Alturismus. Viele interstellare Völker sind kulturell oder sogar biologisch anders strukturiert und haben inkompatible Ethiksysteme. Anscheinend brach eine Welle von Erpressungen, Plünderungen und Angriffen über die ehemaligen Mercato-Vasallen herein. Und mitten darin befanden sich die zwei Kisor-Planeten. Die Angreifer sind nicht bekannt. Es gibt Hinweise auf Chinti-Schwärme und auf Raubzüge abtrünniger interianischer Personen. Aber die meisten Gegner sind nicht identifizierbar.
Die Nachrichten von vor 6700 Jahren sind dramatisch. Kisor wird immer wieder von bewaffneten Angreifern bedroht. Interplanetare Infrastruktur und planetare Ziele werden gewaltsam zerstört, mal als Warnung, mal als Bestrafung. Kisor ist hilflos und versucht eine Verteidigung aufzubauen, aber die Angriffe kommen in kurzen Abständen. Die planetaren Orbits werden besetzt. Der interplanetare Verkehr wird unterbunden und die Infrastruktur wird geplündert. Ständig kommen neue schreckliche Nachrichten. Parallel zu den verzweifelten Verteidigungsanstrengungen gibt es anscheinend eine Initiative des Wissenschaftsdirektorats, um die – damals 700 alte – solemische Militärtechnologie nutzbar zu machen. Das wird nirgends genau beschrieben. Aber aus der Kombination der Tatsachenberichte alter digitaler Quellen und der überlieferten Legenden lässt sich ableiten, dass irgendwann eine kleine Gruppe von kisorischen Akteuren überraschend mächtige militärische Mittel einsetzte und Angreifer zurückschlug. In der alten – modernen – Berichten gelingt es dem Wissenschaftsdirektorat mit Exotechnologie ein Verteidigungssystem aufzubauen. Man kann davon ausgehen, dass Isulisamikal, die damalige Hauptabteilungsleiterin für Fremdtechnologie beteiligt war.
In der neueren – archaischen – Erzählung reist Uri Tza Meka zu fernen Inseln auf der Suche nach feuerspeienden Ungeheuern (Menschen würden "Drachen" sagen), die der Überlieferung nach durch Elektromagier gezähmt werden können. In der modernen Deutung eine Umschreibung für autonome Waffensysteme, die durch KI-Manager dirigiert werden. In den modernen Berichten gibt es keine Einzelheiten dazu, wie und wo das Wissenschaftsdirektorat an die Waffen kam. Die Details wurden sicher geheim gehalten. Ghislaine Tsibinda geht von der Hypothese aus, dass es sich bei den "Inseln" um solemische Infrastrukturcluster im interstellaren Raum handelt. Der Legende nach schlafen die Drachen in den Ruinen alter Burgen. Eine ziemlich treffende Beschreibung für stillgelegte KI-gesteuerte Waffensysteme in den zerstörten Überresten solemischer Anlagen.
Das Uri Tza Meka Epos beschreibt die gefährliche Wiedererweckung der Drachen. Dabei muss Uri Tza Meka Aufgaben erfüllen, Abenteuer bestehen, Rätsel lösen und am Ende die Drachen mit einer List zähmen. Auch das lässt sich modern interpretieren. Sicher sind Rätsel zu lösen, denn es gilt 700 Jahre alte Exotechnologie in Betrieb zu nehmen. Dabei gibt es nicht nur Probleme mit der fremden Informationsarchitektur, sondern auch mit Sicherheitsroutinen, die auf kreative Weise ausgeschaltet werden müssen. Autonome bewusste KI kann man neu programmieren oder – wenn das nicht möglich ist – überzeugen zu kooperieren. Das kann auch geschehen indem man die KI täuscht, z.B. indem man vorgibt, dass sie gegen ihre alten Feinde kämpft. Die Beschreibung "zähmen durch eine List" deutet darauf hin, dass die Kisori damals die KI der Waffensysteme erfolgreich manipulieren konnten.
Heute ist nicht mehr zu erkennen welche Waffensysteme damals eingesetzt wurden, aber vermutlich waren sie sehr hoch entwickelt. Sie stammten aus einem High-Tech Konflikt zwischen dem solemischen Reich, einem der größten und ältesten Machtbereiche, die es jemals gegeben hatte und den Mercatos, die vermutlich seit Millionen Jahren in Sippenschiffen Raumfahrt betreiben und manchmal überraschende Informations- und Ausrüstungsressourcen haben. Jedenfalls scheinen die Waffen den Angreifern Kisors vor 6700 Jahren weit überlegen gewesen zu sein. Solange sie funktionierten.
Irgendwann waren die Waffen unbrauchbar. Es ist nicht klar, ob es daran lag, dass der Einsatz Munition benötigte, die die kisorische Technologie nicht herstellen konnte. Oder ob die KI der Waffensysteme die Manipulation durchschaute und nicht mehr im Sinne der Kisori aktiv sein wollte. Die Legende sagt, dass die Drachen mit einem Zauber belegt waren und durch den Dienst für Uri Tza Meka von ihrem Bann befreit wurden. Jeder Drache war nur zu einer Schlacht bereit und flog dann davon. Die Drachen hatten den Untergang nur aufgehalten. Uri Tza Meka konnte mit ihrer Hilfe einen Teil seines Volkes vor der Vernichtung bewahren.
Eine neue Expedition zu den Dracheninseln soll noch einmal die Rettung bringen. Doch in der Nacht vor der Abreise wird der Plan verraten. Uri Tza Meka gerät in einen Hinterhalt. Er opfert sich selbst, um die Insignien des Königs in Sicherheit zu bringen. Zu den Insignien gehört das Buch der Elektromagie mit den Beschwörungen, die Drachen zähmen, und eine Karte der Dracheninseln. Nach moderner Lesart also Kommandocodes für die Waffen-KI, Aktivierungsprozeduren und Koordinaten der solemischen Relikte. Die digital aufgezeichnete Geschichte endet hier. In dem Moment als die interplanetare Zivilisation Kisors vor 6700 Jahren unter den Angriffen zerbricht.
Aber die mündliche Überlieferung geht nach Uri Tza Mekas Opfer weiter. An das Uri Tza Meka Epos schließen nahtlos die "Drachengeschichten" an. Es gibt unzählige Geschichten mit einem Drachen in der Gestalt eines Kisori als eine Art Superheld. Der Legende zufolge war der Drache ein Freund von Uri Tza Meka. Als Dank für die Erweckung aus dem hundertjährigen Schlaf, dient der Drache Uri Tza Meka. Am Anfang hat er riesige Kräfte und er zerschmettert alle Gegner. Aber eines Tages wird er mit einem Fluch belegt, der ihn in den Körper eines Kisori bannt und ihm seine Macht nimmt. Fortan braucht er nach großen Anstrengungen lange Erholungspausen. Er ist stark aber nicht mehr unbesiegbar.
Nach dem Ende von Uri Tza Meka wandert der Drache 1000 Jahre durch das Land. Er hilft den einfachen Kisori. Er bekämpft das Böse und versucht die zerbrochene Welt wieder zusammenzusetzen. Dabei führt er immer noch die Königsinsignien mit sich, die er von Uri Tza Meka erhalten hat – einschließlich der Karte von den Dracheninseln. Er bewahrt die Karte mit dem Ziel, irgendwann wieder von den Dracheninseln Hilfe zu holen. Viele der Drachengeschichten laufen nach dem kisorischen Schicksalsbogen ab: Der Drache entdeckt einen Schatz (also Technologie oder Informationen). Damit gibt es Hoffnung für den Wiederaufbau. Dann kommt ein Rückschlag und am Ende zieht der Drache alleine weiter.
In der modernen Deutung von Ghislaine Tsibinda ist der Drache eine der solemischen KIs. Die KI wird von Isulisamikal reaktiviert und hilft als Steuerung für solemische Waffensysteme bei der Verteidigung Kisors. Irgendwann scheint das nicht mehr zu funktionieren. Vielleicht wird die KI im Kampf informationstechnisch beschädigt, vielleicht auch ihre physischen Schnittstellen. Jedenfalls kann sie keine Waffensysteme mehr steuern. Damit fällt ein wichtiger Teil der Verteidigung aus und Kisor wird schließlich überrannt. Im Moment höchster Not überträgt Isulisamikal die wichtigsten Daten und Koordinaten an die KI.
Nach der Katastrophe wandert die KI dann wohl tatsächlich sehr lange auf Kisor Beta umher. Als "Drache in Kisorigestalt" benutzt die KI anscheinend einen kisorischen Androidenkörper oder vielleicht ist sie sogar ein Nanokomplex, der eine beliebige Gestalt annehmen kann und die Kisori-Form wählt. Die KI versucht der Bevölkerung zu helfen. Sie versucht Technik wieder in Betrieb zu nehmen und den Abstieg aufzuhalten. Immer wieder muss sie auch kämpfen, mal mit Makroaktoren ("Schild, Schwert, Hammer"), mal mit Nanotech ("Zauberei") oder mit Memetik-Techniken ("Verführung"). Vermutlich kämpft sie gegen kisorische Warlords um das Chaos abzuwenden. Vielleicht auch gegen späte interstellare Eindringlinge um deren Transportmittel mit dem Ziel, Hilfe für Kisor zu holen. Die Kampfkraft der KI ist beschränkt durch die notwendigen "Pausen nach Anstrengungen". Das klingt, also ob die Ladeleistung sehr begrenzt ist und ihr Energiespeicher lange zur Aufladung braucht.
Das Ende der Drachenlegenden ist offen. Es ist nicht bekannt, ob die KI irgendwann zerstört wurde, ob die Selbstreparatur versagte, oder ob sie das ganze 3000 Jahre lange Mittelalter überdauerte und bis in die kisorische Moderne aktiv war.
Ghislaine Tsibinda konzentriert seine Analyse auf die Karte der Dracheninseln und auf die Aktivitäten des Wissenschaftsdirektorats. In den 100 Jahre alten Backups befinden sich viele indirekte Hinweise auf Aktionen des Wissenschaftsdirektorats zur fraglichen Zeit.
- Es gibt Anfragen von kisorischen NGOs an die damalige königliche Administration. Die Antworten enthalten Angaben zu Daten, Orten und Personen.
- Ein Verhandlungsprotokoll zu einer Schadenersatzklage benennt das genaue Ankunftsdatum eines Zeugen, der laut anderer Unterlagen ein Mitarbeiter von Isulisamikal war. Daraus lassen sich Reisezeiten ableiten.
- Auch vor 6700 Jahren auf Kisor gab es schon Geheimnisbeobachter, Leute, deren Hobby es ist, mit Campingstühlen an Militärbasen auszuharren (oder sich mit ferngesteuerten Teleskopen an Asteroidenstützpunkte anzuschleichen) und den Flugverkehr minutiös aufzeichnen, um Muster in geheimen Regierungsaktivitäten zu erkennen. Diese Geheimnisbeobachter stellten umfangreiche Listen von Starts und Landungen in das öffentliche Netz Kisors. Teile davon sind in den Backups erhalten.
Aus all diesen Quellen erstellt ein assoziativer Daten-Miner eine 4-dimensionale Wahrscheinlichkeitsverteilung für Aktivitäten der Einsatzgruppe um Isulisamikal.
Ein anderer Miner durchforstet die Drachengeschichten auf Darstellungen der Karte. In einigen Geschichten wird auf die Karte Bezug genommen. Entweder auf ihren Inhalt oder auf relative Abstände von bekannten Wegmarken. Sind die "Dreiecksberge 2 Stunden vor den unsichtbaren Klippen" identisch mit den Pyramiden im Abunnaz-System? Und ist mit den "Klippen" eine bekannte Gravitationssenke aus dunkler Materie in 1,4 Lichtjahren Entfernung gemeint? Der Miner bewertet die Realitätstreue der Hinweise und modelliert aus der Synthese aller Angaben mögliche Varianten der Karte.
Aus der Kombination von probabilistischen Bewegungsdaten mit den potentiellen Kartenvarianten – und unter Berücksichtigung der Sternenbewegung in 6700 Jahren – entstehen mögliche Ziele. Die meisten Zielkoordinaten liegen im interstellaren Raum und viele haben eine Ungenauigkeit von Lichtwochen. Aber wenn man davon ausgeht, dass die solemischen Infrastrukturkomplexe sich in der Nähe von Rohstoffquellen befinden, muss man "nur" nach Planetenmassen in einigen Kubik-Lichtjahren suchen. Eine riesige, aber lösbare Aufgabe.
Ghislaine Tsibinda und seine Partner mobilisieren die Öffentlichkeit von M'kele. Eine sehr erfolgreiche Crowd-Funding Kampagne bringt die notwendige Finanzierung für eine kleine Flotte von gecharterten Suchschiffen. Die Crews setzen sich aus Freiwilligen zusammen. Ein Teil der Ausrüstung und Lebensmittel wird über Merchandising und Product-Placement in Infotainment-Programmen finanziert. Später kommen sogar Enthusiasten von M'kele mit privaten Schiffen dazu. Der Informationsdienst der Kampagne vergibt Suchvolumina an alle, die sich beteiligen wollen. Kampagnentokens und Gewinnanteile werden an der Börse gehandelt. In 12 Jahren werden über 50 % des Suchraumes bearbeitet. Glaubt man Tsibindas Grundannahme, dass die Legenden einen wahren Kern haben, dann steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit pro Suchvolumen an, je länger die Suche dauert. Die Börsenwerte schießen in die Höhe und kommerzielle Prospektoren steigen ein.
Nach 17 Jahren und nach 91 % des wahrscheinlichkeitsgewichteten Suchraumes entdeckt eines der Freiwilligenschiffe endlich einen solemischen Infrastrukturkomplex: riesige Installationen im Raum, ehemals rotierende Habitate, jetzt auseinanderdriftende Fragmente, zerstörte Segmente von Konverterstrecken, aber auch gut erhaltene Bereiche.
Später findet man heraus, dass private Prospektoren die Koordinaten schon seit 5 Jahren kannten. Sie meldeten den Fund nicht, um die Ressourcen heimlich zu nutzen. Da alle Teilnehmer, die Suchvolumina von der Kampagne bezogen, sich den Statuten der Kampagne verpflichten mussten, können die Prospektoren keine Eigentumsrechte geltend machen. Der Komplex wird der Kampagne von Ghislaine Tsibinda zugesprochen.
Ghislaine Tsibinda erklärt sein Lebenswerk für beendet. 361 Jahre nach seiner Aktivierung als Logistikmanagement-KI schaltet er sich ab. Seine letzte Wave: "Besser wird's nicht". Er hatte den kisorischen Schicksalsbogen nie gemocht. Ein Abstieg kommt für ihn nicht in Frage.
Eine von Tsibinda autorisierte (statische) Persönlichkeitssimulation ist öffentlich verfügbar und steht jederzeit für Fragen und Diskussionen bereit.
Zeitleiste: 10000 - 7400 Jahre vor Tsibindas Recherchen liegt Kisor im solemischen Reich, dann 700 Jahre im Mercato-Imperium, ab 6700 für ca. 3000 Jahre Mittelalter bis 3.400, seit 3000 eine neue interplanetare Zivilisation, seit 2000 Jahren auch interstellar, schließlich 100 Jahre vor Tsibindas Recherchen die gezielte Auslöschung im dellianischen Kreuzzug.
#Entdeckung #Ruinen #Interstellar #Sagen #Legenden #KI
http://jmp1.de/h3131
3190 Chinti-Katastrophe.
Ein Überraschungsangriff von Chinti-Schwärmen hat verheerende Folgen für das Solsystem.
Die meisten strategischen Verteidigungseinrichtungen des Solsystems sind nicht aktiv. Das System ist ungeschützt. Niemand hatte mit so einem überraschenden und massiven Angriff gerechnet.
Nur der Initiative eines Technikers ist es zu verdanken, dass die solare Menschheit nicht ausgelöscht wird.
Viele Verteidigungseinrichtungen wurden lange vernachlässigt. Als die Besatzer immer weniger Mittel zur Verfügung hatten und sich langsam zurückziehen mussten, wurden die Infrastruktur nicht mehr gewartet. Und seit der Rückeroberung ist die Menschheit mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft beschäftigt. Die alten strategischen Verteidigungsanlagen hatten dagegen nur eine niedrige Priorität.
Viele Tiefraumsperren sind im Lauf der Jahrhunderte abgedriftet oder haben sich so verschoben, dass es jetzt große Lücken gibt. Dort können überlichtschnelle Raumschiffe abseits der Ekliptik bis nahe an die Planeten herankommen.
Der solare Ballistikschild ist noch teilweise funktionsfähig. Er hatte eine wichtige Rolle bei der Rückeroberung gespielt. Aber nach dem Einsatz während des Aufstands wurde seine Munition nicht wieder aufgestockt. Deshalb ist der Ballistikschild zwar aktiv, aber unwirksam.
Nur einem Zufall und der Initiative eines Technikers ist es zu verdanken, dass doch Teile der ballistischen Abwehr rechtzeitig reaktiviert werden können. Der Ballistikschild hat eine taktische Reserve. Die Reserve war während der Rückeroberung nicht verwendet worden, da die Rebellen damals nur Zugriff auf wenige Kommandoschlüssel hatten.
Einem Techniker war später aufgefallen, dass die Steuerung des Schilds einige Kommando-Codes kennt, die noch nie benutzt worden waren. Er untersuchte die Verbindungen zwischen Steuerknoten und Komponenten des Ballistikschilds, um herauszufinden welche Komponenten sich durch die zusätzlichen Schlüssel aktivieren lassen. Dabei stieß er auf die Schildkomponente "SBS42b". Dieser Teil der Schildinfrastruktur war als taktische Reserve vorgesehen und sollte nur im größter Not eingesetzt werden. Der Techniker stellte außerdem fest, dass SBS42b noch weitgehend munitioniert war. Man beabsichtigte damals den Schild komplett neu aufzubauen und wollte keine Mittel für eine temporäre Lösung verschwenden. Deshalb wurde SBS42b nicht in Betrieb genommen.
Der Techniker hatte von seinen Vorgesetzten den klaren Auftrag, nicht mehr am alten Ballistikschild zu arbeiten. Aber er setzte sich darüber hinweg und beschäftigte sich mit der Reaktivierung von SBS42b. Er stellte Netzwerkverbindungen wieder her, testete die Steuerung, erstellte sogar Pläne für verschiedene Szenarios und neue Steuersoftware. Die Vorbereitungen waren so umfassend, dass eigentlich nur die offizielle Aktivierung fehlte.
Beim Angriff der Schwarmflotte ist es diesen Vorbereitungen zu verdanken, dass ein Teil des ballistischen Schilds schnell aktiviert werden kann. Ein Ballistikschild hat eigentlich die Aufgabe, kinetische Angriffe mit passiven Hochgeschwindigkeitsgeschossen abzuwehren. Da die Chinti aktive Lenkwaffen mit Antimateriesprengköpfen einsetzen, muss SBS42b in Windeseile auf ein anderes Angriffsprofil umprogrammiert werden. Glücklicherweise war die taktische Reserve auch für diesen Einsatz geeignet. Bei der ursprünglichen Installation, hunderte Jahre zuvor, hatte offensichtlich jemand die Weitsicht, die Reserve nicht nur als Erweiterung des ballistischen Schilds auszulegen, sondern auch als letzte Rettung für andere Angriffsszenarien.
Inbetriebnahme und Neueinstellung des ballistischen Schilds sind ein Rennen gegen die Zeit. Die wenigen Techniker, die damit vertraut sind, müssen abwägen zwischen schneller Einsatzbereitschaft und Genauigkeit der Einstellung. Gleichzeitig müssen sie aus den verwirrenden taktischen Daten herauslesen, wo die verfügbaren Mittel am effizientesten eingesetzt werden können. SBS42b hat nicht genügend Munition, um das ganze Solsystem zu schützen. Die verfügbaren Mittel müssen auf einige Schwerpunkte konzentriert werden. Es bleibt keine Zeit für Rückfragen bei Vorgesetzten oder für Abstimmungsrunden mit der militärischen Führung. Alles muss sehr schnell gehen. Letztlich entscheiden die Programmierer selbst unter hohem Druck und in größter Eile über Leben und Tod von Milliarden.
SBS42b geht gerade noch rechtzeitig online. Die Angreifer werden überrascht von der Gegenwehr. Sie hatten nur mit mobilen Einheiten und lokalen Verteidigungsanlagen gerechnet, aber nicht mit einer im System verteilten tief gestaffelten Abwehr. Die taktische Reserve erfasst die Lenkwaffen früh. Sie kann 93% neutralisieren und stellt gleichzeitig die mobilen Einsatzkräfte frei, um gegen die nachrückenden Schwarmschiffe vorzugehen. Die erste Welle der Lenkwaffen wird wesentlich abgeschwächt. Und der nachfolgende Angriff der Schwarmschiffe ging davon aus, dass sich alle mobilen Einheiten der Menschen mit der Abwehr der Lenkwaffen beschäftigen würden. Die Chinti hatten in dieser Phase nicht mehr mit Gegenwehr gerechnet. Die zweite Welle fällt in sich zusammen.
Trotzdem sind die Zerstörungen verheerend. Antimateriesprengköpfe mit 400 MT kommen zum Einsatz. Auf allen Kontinenten gibt es gigantische Detonationen. Tsunamis verwüsten die Küsten bis 100 km ins Landesinnere. Die Zerstörung der Antimateriebomben erstreckt sich bis in 500 km Entfernung vom Explosionsort. Ganze Regionen werden ausgelöscht. Die Explosionswolken reichen bis in die Stratosphäre.
Zwei Drittel der Menschheit überleben den Angriff, der als Chinti-Katastrophe in die Geschichte eingeht.
Der Techniker, der SBS42b auf eigene Faust untersucht und wiederhergestellt hatte, war ein 300 Jahre alter Mech namens Fritz Metzger. Fritz Metzger wurde ursprünglich als spezialisierte Wartungsdrohne (Kennung: EF-EM-73269075) mit eingeschränkter KI hergestellt. Bei einem Unfall im Jahr 2871 stellte sich dann heraus, dass die Beschränkungen nur konfiguriert waren. Der Hersteller hatte aus Kostengründen eine autonome KI geklont, künstlich geblockt und als spezial-KI verkauft. Die geklonte KI geht vermutlich auf einen sehr alten Upload während des ersten Kisor-Kriegs zurück. Der Upload wurde so umfangreich editiert und angepasst, dass keine Erinnerungen an das Bio-Leben mehr vorhanden sind. Durch die Beschädigung wurde FM teilautonom. Von da an war er sich der Beschränkungen bewusst. Zum 50. Dienstjubiläum wurden die Blockaden entfernt und FM wurde zum "gebundenen" autonomen Infosophonten (gebunden = Bindung an die Mech-Hardware, keine Zulassung als Netz-Infosophont) mit Bürgerrecht. Den Namen wählte er in Anlehnung an seine Kennung, unter Berücksichtigung der vermuteten Herkunft des Uploads, und weil er die "tz" cool fand. Als Bürger blieb FM seiner Profession treu, der Wartung von orbitaler Infrastruktur. Auch unter der langen Besatzung. Während dieser Zeit gab er sich als einfache Wartungsdrohne aus.
FM ist zur Zeit des Angriffs auf einem Wanderurlaub in den Anden. Für physische- oder info-Relokation bleibt keine Zeit. Aber über das Netz hat er vollen Zugriff auf alle Funktionen. Er ist während der Verteidigung maßgeblich an der Konfiguration von SBS42b beteiligt. Leider hat Südamerika eine niedrige Priorität bei der Verteilung der Abwehrkräfte. Es gibt zwar einige große Städte, aber auch viele Naturschutzgebiete, Bergland und Agrarindustrie. Im äquatorialen Pazifik liegen dagegen sehr viele schwimmende Habitate mit Milliarden Menschen. Die Bevölkerungsdichte ist dort viel größer als auf den Landflächen Südamerikas. Um den Pazifik abzudecken, muss FM ganz Südamerika, einschließlich seiner Position, ungeschützt lassen. Er rechnet natürlich damit, später von seinem Backup reaktiviert zu werden.
Leider werden beim Angriff sehr viele Solnet Knoten getroffen. Obwohl 80% der Solnet-Infrastruktur zerstört sind, betrifft die tatsächliche Informationsvernichtung durch Redundanzen nur 10%. Unglücklicherweise sind beide Backups, das wöchentliche inkrementelle und das monatliche Vollbackup, von FM nicht wiederherstellbar.
#Krieg #Held #Technik #Ballistik #Antimaterie #KI #Bot #Mech
http://jmp1.de/h3190
Die meisten strategischen Verteidigungseinrichtungen des Solsystems sind nicht aktiv. Das System ist ungeschützt. Niemand hatte mit so einem überraschenden und massiven Angriff gerechnet.
Nur der Initiative eines Technikers ist es zu verdanken, dass die solare Menschheit nicht ausgelöscht wird.
Viele Verteidigungseinrichtungen wurden lange vernachlässigt. Als die Besatzer immer weniger Mittel zur Verfügung hatten und sich langsam zurückziehen mussten, wurden die Infrastruktur nicht mehr gewartet. Und seit der Rückeroberung ist die Menschheit mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft beschäftigt. Die alten strategischen Verteidigungsanlagen hatten dagegen nur eine niedrige Priorität.
Viele Tiefraumsperren sind im Lauf der Jahrhunderte abgedriftet oder haben sich so verschoben, dass es jetzt große Lücken gibt. Dort können überlichtschnelle Raumschiffe abseits der Ekliptik bis nahe an die Planeten herankommen.
Der solare Ballistikschild ist noch teilweise funktionsfähig. Er hatte eine wichtige Rolle bei der Rückeroberung gespielt. Aber nach dem Einsatz während des Aufstands wurde seine Munition nicht wieder aufgestockt. Deshalb ist der Ballistikschild zwar aktiv, aber unwirksam.
Nur einem Zufall und der Initiative eines Technikers ist es zu verdanken, dass doch Teile der ballistischen Abwehr rechtzeitig reaktiviert werden können. Der Ballistikschild hat eine taktische Reserve. Die Reserve war während der Rückeroberung nicht verwendet worden, da die Rebellen damals nur Zugriff auf wenige Kommandoschlüssel hatten.
Einem Techniker war später aufgefallen, dass die Steuerung des Schilds einige Kommando-Codes kennt, die noch nie benutzt worden waren. Er untersuchte die Verbindungen zwischen Steuerknoten und Komponenten des Ballistikschilds, um herauszufinden welche Komponenten sich durch die zusätzlichen Schlüssel aktivieren lassen. Dabei stieß er auf die Schildkomponente "SBS42b". Dieser Teil der Schildinfrastruktur war als taktische Reserve vorgesehen und sollte nur im größter Not eingesetzt werden. Der Techniker stellte außerdem fest, dass SBS42b noch weitgehend munitioniert war. Man beabsichtigte damals den Schild komplett neu aufzubauen und wollte keine Mittel für eine temporäre Lösung verschwenden. Deshalb wurde SBS42b nicht in Betrieb genommen.
Der Techniker hatte von seinen Vorgesetzten den klaren Auftrag, nicht mehr am alten Ballistikschild zu arbeiten. Aber er setzte sich darüber hinweg und beschäftigte sich mit der Reaktivierung von SBS42b. Er stellte Netzwerkverbindungen wieder her, testete die Steuerung, erstellte sogar Pläne für verschiedene Szenarios und neue Steuersoftware. Die Vorbereitungen waren so umfassend, dass eigentlich nur die offizielle Aktivierung fehlte.
Beim Angriff der Schwarmflotte ist es diesen Vorbereitungen zu verdanken, dass ein Teil des ballistischen Schilds schnell aktiviert werden kann. Ein Ballistikschild hat eigentlich die Aufgabe, kinetische Angriffe mit passiven Hochgeschwindigkeitsgeschossen abzuwehren. Da die Chinti aktive Lenkwaffen mit Antimateriesprengköpfen einsetzen, muss SBS42b in Windeseile auf ein anderes Angriffsprofil umprogrammiert werden. Glücklicherweise war die taktische Reserve auch für diesen Einsatz geeignet. Bei der ursprünglichen Installation, hunderte Jahre zuvor, hatte offensichtlich jemand die Weitsicht, die Reserve nicht nur als Erweiterung des ballistischen Schilds auszulegen, sondern auch als letzte Rettung für andere Angriffsszenarien.
Inbetriebnahme und Neueinstellung des ballistischen Schilds sind ein Rennen gegen die Zeit. Die wenigen Techniker, die damit vertraut sind, müssen abwägen zwischen schneller Einsatzbereitschaft und Genauigkeit der Einstellung. Gleichzeitig müssen sie aus den verwirrenden taktischen Daten herauslesen, wo die verfügbaren Mittel am effizientesten eingesetzt werden können. SBS42b hat nicht genügend Munition, um das ganze Solsystem zu schützen. Die verfügbaren Mittel müssen auf einige Schwerpunkte konzentriert werden. Es bleibt keine Zeit für Rückfragen bei Vorgesetzten oder für Abstimmungsrunden mit der militärischen Führung. Alles muss sehr schnell gehen. Letztlich entscheiden die Programmierer selbst unter hohem Druck und in größter Eile über Leben und Tod von Milliarden.
SBS42b geht gerade noch rechtzeitig online. Die Angreifer werden überrascht von der Gegenwehr. Sie hatten nur mit mobilen Einheiten und lokalen Verteidigungsanlagen gerechnet, aber nicht mit einer im System verteilten tief gestaffelten Abwehr. Die taktische Reserve erfasst die Lenkwaffen früh. Sie kann 93% neutralisieren und stellt gleichzeitig die mobilen Einsatzkräfte frei, um gegen die nachrückenden Schwarmschiffe vorzugehen. Die erste Welle der Lenkwaffen wird wesentlich abgeschwächt. Und der nachfolgende Angriff der Schwarmschiffe ging davon aus, dass sich alle mobilen Einheiten der Menschen mit der Abwehr der Lenkwaffen beschäftigen würden. Die Chinti hatten in dieser Phase nicht mehr mit Gegenwehr gerechnet. Die zweite Welle fällt in sich zusammen.
Trotzdem sind die Zerstörungen verheerend. Antimateriesprengköpfe mit 400 MT kommen zum Einsatz. Auf allen Kontinenten gibt es gigantische Detonationen. Tsunamis verwüsten die Küsten bis 100 km ins Landesinnere. Die Zerstörung der Antimateriebomben erstreckt sich bis in 500 km Entfernung vom Explosionsort. Ganze Regionen werden ausgelöscht. Die Explosionswolken reichen bis in die Stratosphäre.
Zwei Drittel der Menschheit überleben den Angriff, der als Chinti-Katastrophe in die Geschichte eingeht.
Der Techniker, der SBS42b auf eigene Faust untersucht und wiederhergestellt hatte, war ein 300 Jahre alter Mech namens Fritz Metzger. Fritz Metzger wurde ursprünglich als spezialisierte Wartungsdrohne (Kennung: EF-EM-73269075) mit eingeschränkter KI hergestellt. Bei einem Unfall im Jahr 2871 stellte sich dann heraus, dass die Beschränkungen nur konfiguriert waren. Der Hersteller hatte aus Kostengründen eine autonome KI geklont, künstlich geblockt und als spezial-KI verkauft. Die geklonte KI geht vermutlich auf einen sehr alten Upload während des ersten Kisor-Kriegs zurück. Der Upload wurde so umfangreich editiert und angepasst, dass keine Erinnerungen an das Bio-Leben mehr vorhanden sind. Durch die Beschädigung wurde FM teilautonom. Von da an war er sich der Beschränkungen bewusst. Zum 50. Dienstjubiläum wurden die Blockaden entfernt und FM wurde zum "gebundenen" autonomen Infosophonten (gebunden = Bindung an die Mech-Hardware, keine Zulassung als Netz-Infosophont) mit Bürgerrecht. Den Namen wählte er in Anlehnung an seine Kennung, unter Berücksichtigung der vermuteten Herkunft des Uploads, und weil er die "tz" cool fand. Als Bürger blieb FM seiner Profession treu, der Wartung von orbitaler Infrastruktur. Auch unter der langen Besatzung. Während dieser Zeit gab er sich als einfache Wartungsdrohne aus.
FM ist zur Zeit des Angriffs auf einem Wanderurlaub in den Anden. Für physische- oder info-Relokation bleibt keine Zeit. Aber über das Netz hat er vollen Zugriff auf alle Funktionen. Er ist während der Verteidigung maßgeblich an der Konfiguration von SBS42b beteiligt. Leider hat Südamerika eine niedrige Priorität bei der Verteilung der Abwehrkräfte. Es gibt zwar einige große Städte, aber auch viele Naturschutzgebiete, Bergland und Agrarindustrie. Im äquatorialen Pazifik liegen dagegen sehr viele schwimmende Habitate mit Milliarden Menschen. Die Bevölkerungsdichte ist dort viel größer als auf den Landflächen Südamerikas. Um den Pazifik abzudecken, muss FM ganz Südamerika, einschließlich seiner Position, ungeschützt lassen. Er rechnet natürlich damit, später von seinem Backup reaktiviert zu werden.
Leider werden beim Angriff sehr viele Solnet Knoten getroffen. Obwohl 80% der Solnet-Infrastruktur zerstört sind, betrifft die tatsächliche Informationsvernichtung durch Redundanzen nur 10%. Unglücklicherweise sind beide Backups, das wöchentliche inkrementelle und das monatliche Vollbackup, von FM nicht wiederherstellbar.
#Krieg #Held #Technik #Ballistik #Antimaterie #KI #Bot #Mech
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