Eine Gruppe von Habitaten bei den inneren Jupitermonden (Galileische Monde) bricht mit der klassischen Wirtschaftsform. Die Galileo-Gruppe wendet sich gegen das vorherrschende System der Kapazitäts- und Reputationsbewertungen (CapRep) und führt eine neutrale Buchwährung ein.
Die Galileo-Gruppe ist wirtschaftlich weitgehend autark. Durch die Nähe zu den großen Monden des Jupiter Systems und zu Jupiter selbst ist die Rohstoffversorgung einfach. Alle wichtigen Basiselemente werden durch Gas-Abbau in der Jupiter-Atmosphäre und automatische Ressource-Extraktion von den vielen Monden gewonnen. Autofabs erzeugen daraus alle nötigen Alltagsgegenstände. Nur Designs und Fabrikationslizenzen werden extern eingekauft. Und genau da liegt das Problem. Viele Designs kommen mit einer Rechteverwaltung (DRM). Sie haben Replikationskosten, die in Reputationssystemen beglichen werden.
Die Wirtschaft der Galileo-Gruppe ist traditionell schwach bei Kreativ-Währungen und hat deshalb eine negative Zahlungsbilanz. Aus dem Rohstoffexport gewinnt man zwar hohe Guthaben in diversen Kapazitätssystemen, aber die Cap/Rep-Wechselkurse sind stark zuungunsten Rohstoff exportierender Staaten. Es gibt nie genügend Anbieter wirklich guter Kreativleistungen und dazu zählen Fabdesigns. Vor allem in den Bereichen Technologie und Mode sind Fabrikationslizenzen teuer. Auf der anderen Seite gibt es viele Rohstoffanbieter. Dazu kommt, dass der Rohstoffmarkt sehr regional ist, während Designs quer durch das ganze Sonnensystem gehandelt werden können.
Die Galileo-Gruppe hat über die Jahre ein Rep-Schuldenberg aufgebaut. Seit Jahren können keine Top-Designs mehr benutzt werden. Das betrifft die Verbraucher zwar nur im Modebereich, aber die Menschen bemerken natürlich die Einschränkungen, wenn sie neueste Designs nicht benutzen können. Schlimmer sind die Auswirkungen in der Rohstoffwirtschaft. Die Rohstoffextraktion leidet unter zweitklassiger Ausrüstung. Das lässt inzwischen sogar schon den Export schrumpfen, was sich natürlich auf die Zahlungsbilanz auswirkt. Die öffentliche Meinung ist sehr negativ gegenüber dem Rep-basierten Wirtschaftssystem eingestellt. Die Hephaistos-Krise 10 Jahre zuvor hatte außerdem der solaren Öffentlichkeit die Anfälligkeit des Systems vor Augen geführt. Daraus ist die Mengchu-Bewegung entstanden, die sich vom klassischen Wirtschafssystem abwenden und sich wieder auf die Bedürfnisse der Menschen konzentrieren will.
Besonders absurd ist in den Augen der Mengchu-Anhänger, dass in einer rohstoffreichen Gesellschaft, die alles in Autofabs herstellen kann, trotzdem Engpässe auftreten, weil man sich die Lizenzen nicht leisten kann. Die Designs sind in den Fabs. Die Rohstoffe sind geladen. Die Fabs sind funktionsbereit, aber sie arbeiten nicht, weil die DRM-Freigabe fehlt. Es gibt künstlich erzeugten Mangel obwohl man "den Kreativ-Kartellen ja nichts wegnehmen würde, wenn man von einem Design mehr herstellt".
Die Mengchu-Bewegung beschäftigt sich mit der Umgehung des DRM. Die Behörden der Galileo-Gruppe tolerieren das lange. Nach Sanktionen anderer Systemmächte, Embargos und Reputationsverlust kommt eine Mengchu-geführte Regierung an die Macht. In einem Referendum entscheidet sich die Bevölkerung für einen Ausstieg aus der Reputationswirtschaft. Es wird eine lokale Währung eingeführt, die nur von der Galileo-Gruppe gegen Rohstoffe garantiert wird. Die Abkopplung von den Märkten führt zeitweise zu Versorgungsengpässen. Aber nach einiger Zeit entsteht eine lokale Design-Industrie, die Design-Importe und externes DRM weitgehend überflüssig macht.
http://jmp1.de/h/2515
#Wirtschaft #Referendum #Reputation #Rohstoffe #Import #Markt
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2471 Fashion-War
Sogenannter Fashion-War der schwebenden Venus Habitate Taibo IV und Nueva Mesilla mit militärischen Mitteln. 14.288 temporäre Verluste, 1.598 permanent.Im Fashion-War (auch Retro-Zwischenfall oder 30-Minuten Krieg) kämpfen zwei schwebende Venus Habitate mit militärischen Mitteln. Taibo IV, das alte ehemals brasilianische Dom-Habitat, wird von Ciudad Nueva Mesilla einem Moscona-Bubble-Floß angegriffen. Beide Habitate werden dabei schwer beschädigt. Taibo sinkt wegen Vakuumverlust in tiefere Schichten ab und muss aufgegeben werden. Das geht so schnell, dass ein Großteil der biologischen Bevölkerung nicht evakuiert werden kann. Fast alle haben Backups. Aber viele verlieren Monate oder Jahre und ihre biologischen Körper. Nueva Mesilla wird Notfall-segmentiert und die Bevölkerung verteilt sich auf die noch tragfähigen Segmente. Ein Drittel des Floßes geht verloren. Es gibt nur geringe Verluste.
Vordergründig geht es bei diesem Konflikt um die Führung in der Modeindustrie. Mode und Trends sind wichtige Wirtschaftsfaktoren. Da das innere System sehr reich an Energie und Ressourcen ist, bestimmen Freizeit, Unterhaltung und Immersion den Alltag. Reputation gewinnt man eher aus diesem Teil des Lebens, als aus klassischen Produktions- und Dienstleistungsberufen, obwohl auch da kreative Steuerungsfunktionen und Dienstleistungen dominieren.
Nueva Mesilla ist ein Gründungsmitglied der Zyklisten-AG. Einem Verbund traditionsorientierter Habitate. Zyklisten haben die Rolle der Konservativen übernommen. In den vergangenen 5 Jahrhunderten hat sich gezeigt, dass nichts bleibt wie es ist, dass sich aber Trends immer wieder wiederholen. Entwicklungen in Kunst, Mode, Unterhaltung und Philosophie greifen frühere Trends auf, mischen und modifizieren diese und erzeugen die nächste Welle. Ständiger Wandel ist die Konstante. Klassischer Konservativismus wurde abgelöst durch den Zyklismus, einer dynamisierten Variante konservativen Denkens, die sich mit dem Wandel arrangiert hat und ihn nutzt.
Dem gegenüber lehnen Amadistas wie der Rat von Taibo IV Wirtschaftszyklen, Modetrends und Memewellen ab. Die amadistische Bewegung "Sendero Amado" (nach Cecilia Amado) rekrutiert vor allem junge Leute unter 100 Jahren, die schon viele Wellen gesehen haben ohne, dass sich substantiell etwas geändert hätte. Amdistas versuchen die Zyklen zu durchbrechen.
Verschärft wird die Situation dadurch, dass die technische Entwicklung im 25. Jahrhundert stagniert. Es gibt zwar Fortschritte (z.B. in der Raummodulation), aber der Alltag der Menschen in wohlhabenden Gemeinschaften der Venus hat sich seit langer Zeit nicht verändert. Die Generation, die vor100 Jahren mit der Etablierung der Menschheit im Sonnensystem an wirtschaftliche und politische Macht kam, hat immer noch die Kontrolle. Diese Generation ist über 120 Jahre, oft 150 Jahre alt. Manche leben immer noch in ihren biologischen Körpern. Viele sind aber inzwischen Uploads als Androiden oder Mechs. Die junge Generation sieht keine Möglichkeit, die Älteren zu verdrängen. Diese sogenannte "überflüssige Generation" ist inzwischen verzweifelt und radikalisiert.
Der Konflikt hat sich seit 50 Jahren zugespitzt. Cecilia Amado war eine der ersten, die versuchte dem Zyklismus mit spektakulären Disruptionen zu begegnen. Letztlich scheiterte sie. Aber seitdem hat die Bewegung viel Zulauf bekommen. In einigen Habitaten konnten Amadistas tatsächlich Zyklisten verdrängen. Meistens durch interne feindliche Übernahmen mittels toxischer Meme, die mit exzessiver emotionaler Gewalt einhergingen.
Der aktuelle Konflikt entzündet sich an einer Disruption, die Taibo gegen Nueva Mesilla durchführt. Die Disruption diskreditiert einen neuen Modekomplex (genannt "Retro") den die Zyklisten-AG und federführend Nueva Mesilla mit großem Reputationsaufwand aufgebaut haben. Die Reputation Nueva Mesilla wird drastisch reduziert. Die Habitate setzen fast zeitgleich Angriffswaffen ein, als die Kurse von Nueva Mesilla zu fallen beginnen. Aus Sicht von Nueva Mesilla der einzige Weg, um in der aussichtslosen Situation Dominanz zu zeigen. Für Taibo ein begrenzter physischer Schlag gegen einen gefallenen und isolierten Star.
Beide Habitate verwenden nichtnukleare Hyperschallflugkörper. Die Verteidigung beider Seiten besteht aus einem mehrlagigen Keramik-Pellet Sturm, Hochgeschwindigkeits-Abwehrpods mit Laserbewaffnung und ECM. Die Habitate sind für Hyperschall-Waffen nur 2 Minuten entfernt. Der Austausch läuft weitgehend automatisiert ab. Andere Habitate greifen nicht ein. Nach kurzer Zeit sind die Schäden so groß, dass die Kampfhandlungen eingestellt werden müssen.
Der Konflikt zwischen Zyklisten und Amadistas besteht weiter. Der Retro-Trend endet bevor er begonnen hatte. Das Generationenproblem bleibt.
http://jmp1.de/h/2471
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