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2949 Königin von Marduk

Marduk ist eines der wenigen Systemen der menschlichen Sphäre mit einer systemweit einheitlichen Regierung. Das System wurde 2647 von der Marduk Colonial Corporation (MCC) in Besitz genommen. Das Unternehmen installierte im ganzen System Funkbojen, die jedem Neuankömmling diesen Besitzanspruch mitteilten. Tatsächlich gibt es kein interstellares Recht, nach dem eine Firma die Souveränität über ein ganzes System für sich beanspruchen kann. Weder nach dem Recht des damals noch herrschenden Interianischen Imperiums noch nach dem der solaren Koalition war das möglich. Trotzdem behauptete MCC, das System mit allen Planeten zu besitzen. Und MCC setzte den Anspruch mit Nachdruck durch. Später folgende Auswanderer aus dem Solsystem mussten sich den Regeln der MCC unterwerfen. Taten sie das nicht freiwillig, dann wurden sie mit Gewalt gezwungen oder kompromisslos bekämpft. MCC unterhielt dafür eine kleine Flotille von mobilen Waffenplattformen, die sich für die Machtprojektion vor allem auf Langstreckenraketen stützten.

Neuankömmlinge in spärlich besiedelten Sonnensystemen gehen normalerweise nicht davon aus, dass sie in Territorialkonflikte mit anderen Siedlern geraten. Sonnensysteme sind sehr groß. Auswanderer können sich in den meisten Zielsystemen einfach irgendwo niederlassen, ohne andere zu stören. Neben den seltenen bewohnbaren Planeten gibt es unzählige Asteroiden und Monde von Gasriesen, auf denen man genug Platz und Ressourcen findet. Moderne Technik kann diese Objekte bewohnbar machen, bis hin zu freien Bereichen auf eigentlich unwirtlichen atmosphärenlosen Himmelskörpern. Selbst tausende unabhängige Siedlungen kommen sich normalerweise nicht in die Quere. Deshalb rechnen neue Siedler nicht mit Widerstand. Sie sind weder ausgerüstet noch gewillt, sich ihr neues Land zu erkämpfen.

Im Marduk System war das anders. Die herrschende Gesellschaft beharrte auf ihrem Anspruch und setzte diesen gewaltsam durch. Nach einigen Zwischenfällen in denen MCC unbeugsame Neuankömmlinge beschoss, mieden unabhängige Siedler Marduk. Schließlich gab es genügend potenzielle Systeme in denen sich niemand als Platzhirsch aufspielte. Die meisten Auswanderer von Sol hatten nicht ein bestimmtes System als Ziel, sondern sie wollten vor allem weg aus dem Solsystem wo es nicht mehr viel freie Plätze gab. Zu dieser Zeit waren innerhalb der Saturnbahn alle Himmelskörper und größeren Monde schon von irgendjemandem in Besitz genommen worden. Mit anderen Worten: wollte man Sol nicht nur als hellen Stern am ewigen Nachthimmel sehen, dann musste man sich einer Autorität unterordnen. Deshalb wollten viele weg. Aber natürlich nicht, um sich dann der Herrschaft der MCC zu beugen. Um 2680 versuchte deshalb niemand mehr an der MCC vorbei bei Marduk zu siedeln. Damit hatte die MCC ihr erstes Ziel erreicht.

In der Mitte des 27. Jahrhunderts blickt die Menschheit schon auf 100 Jahre interstellare Kolonisierung zurück. Die Siedler haben viele verschiedene Herangehensweisen ausprobiert. Manche lassen sich auf Planeten nieder, andere auf kleineren Himmelskörpern. Manche bauen Habitate im Raum, andere lieber auf festem Grund. Es gibt alle denkbaren Organisationsformen. Es gibt Erfolge und Fehlschläge. Manche Kolonien prosperieren, andere können sich kaum über Wasser halten. Inzwischen zeichnen sich Muster ab. Ein deutlich sichtbares Muster ist, dass die interstellare Expansion der Menschen ungeordnet verläuft. Zu Beginn der Auswanderungswelle hatten viele von einer politisch geeinten Sphäre der Menschen geträumt. Manche wünschten sich eine Föderation, andere ein Imperium. Aber tatsächlich läuft die Ausbreitung völlig ungeplant und ungesteuert. Nicht einmal die einzelnen Sonnensysteme sind geeint. An eine politische Organisation aller Systeme und Fraktionen auf interstellarer Ebene ist nicht zu denken. Manche sorgen sich, dass die Menschheit keine geschlossene Macht wird, die gegenüber anderen interstellaren Mächten bestehen kann falls das mal nötig sein sollte.

Einige dieser Leute beschließen etwas zu unternehmen. Sie entwickeln einen Plan, mit dem ein ganzes Sonnensystem unter einer starken einheitlichen politischen Organisation aufgebaut werden soll. Die Marduk Colonial Corporation wird speziell mit der Absicht gegründet worden, die Herrschaft über ein ganzes System zu etablieren und zu behaupten. Das Marduk System soll dann später die Keimzelle eines interstellaren Imperiums werden. Aber das sind ferne Träume. Zuerst muss die Herrschaft über ein System sichergestellt werden. Dann muss das System bevölkert und eine leistungsfähige interplanetare Wirtschaft aufgebaut werden. Das erscheint machbar mit dem entsprechenden finanziellen Aufwand. Von Anfang an ist klar, dass dieses Unternehmen teuer werden würde und dass es lange dauern würde.

Zur Zeit der MCC Gründung leben die meisten der 20 Milliarden Menschen im Solsystem in angemessenem Wohlstand. Der durchschnittliche Lebensstandard ist viel höher als zur Zeit der ersten Mondlandung. Gemessen an Energieumsatz (Solar und Fusion), Ressourcenverbrauch (Strip-Mining und Asteroiden) und Arbeitsleistung (Upgrades und Automatisierung) ist der Lebensstandard 100-mal höher. Und es gibt 10-mal mehr wohlhabende Menschen. Die Gesamtproduktivität des Sonnensystems in Material und Dienstleistungen ist deshalb etwa 1000-mal größer als zur Zeit der ersten Mondlandung. In so einer Gesellschaft gibt es unermessliche Reichtümer. Es gibt alte Vermögen, die seit Jahrhunderten wachsen. Und es gibt neue Unternehmerinnen, die den Boom der letzten Jahrzehnte genutzt haben und einen gigantischen Markt bedienen können. Einige dieser Leute sind sehr alt. Sie leben inzwischen in Komplettprothesen oder als reine Softwarekonstrukte. Sie planen mit einem langen Zeithorizont und sie erwarten keine kurzfristige Rendite. Mit ihrer Investition in MCC, wollen sie zu den Gründern eines interstellaren Imperiums gehören. Ein Imperium ist ihr ferner Traum. Aber selbst, wenn es dazu nicht kommt, erkaufen sie sich durch die Beteiligung zumindest die Herrschaft über ganze Kontinente oder Himmelskörper auf denen später Milliarden leben werden. Einige Leute investieren einen signifikanten Teil ihrer gigantischen Vermögen, um dabei zu sein.

Die Marduk Colonial Corporation verfügt über viel mehr Mittel als die meisten selbstfinanzierten Auswanderer. Sie finanziert nicht nur, wie sonst üblich, eine Siedlung mit etwas Orbitalinfrastruktur. Von Anfang an hat MCC auch eine militärische Komponente. Sie soll Souveränität und Systemeinheit sicherstellen. Das Marduk Projekt will nicht nur eine Kolonie aufbauen, sondern hunderte verteilt über das ganze System. Man will Millionen Menschen zur Teilnehme bewegen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Auswanderungsprojekten müssen sich die Siedler beim Marduk-Projekt nicht selbst finanziell beteiligen. Alle notwendige Ausrüstung und der Transport werden von MCC gestellt. Eine Marketingkampagne mobilisiert die Auswanderer. Es ist die größte, längste, teuerste, komplexeste und einflussreichste Marketingaktion aller Zeiten.

Als Leitbild für das Projekt dient eine Synthese aus babylonischer Mythologie und römischer-republikanischer Tradition. Die vorchristliche babylonische Komponente dient als Basis zur Ansprache der "Buchreligionen", von traditionellem Islam und Katholizismus zu Kalifatismus und reformierten vereinigten Christen im Raum. Das römische Element zielt mit in der republikanischen Variante auf den modernen Liberalismus. Gleichzeitig mit der Betonung der Virtus auf Minimalisten, Individualisten und Euprepeisten bis zu Yksityis-Anhängern. Eine römisch-imperiale Konnotation zielt auf Anhänger hegemonialer Ideologien, die im modernen Solsystem der solaren Koalition keine geistige Heimat haben.

Mit diesem Werkzeugkasten konstruieren Marketingagenturen ein öffentliches Image, das von möglichst vielen Subkulturen des Sonnensystems positiv wahrgenommen wird. Eine Hierarchie von Kampagnen versorgt jede Subkultur, jede Religion, jede Ideologie mit passenden Memen, um den Markt vorzubereiten. Anschließend werden individualisierte Meme iteriert, die sich an einzelne Mitglieder der Zielgruppen wenden. Die Marduk Colonial Corporation weckt latent vorhandene Wünsche und Unzufriedenheiten, um sie in Richtung einer Teilnahme am Marduk-Projekt als Lösung zu lenken. Sie setzt modernste Memetik-Techniken ein, um die allgegenwärtigen Memfilter zu durchdringen. In Einzelfällen greift man auch zu 0-day Lücken in gängigen Memfiltern. MCC rekrutiert so gezielt Personal für Schüsselpositionen aus einem Kandidatenpool. Im Volumenbereich werden die gleichen Techniken benutzt, nur mit etwas weniger Durchschlagskraft und ohne illegale Mem-Exploits.

Der Zustrom unabhängiger Siedler versiegt schnell wegen des Machtanspruchs der MCC im Marduk-System. Das war erwartet worden. Siedler für Marduk rekrutiert MCC vor allem durch die Imagekampagne. Das geht anfangs langsamer als in anderen Auswanderer-Systemen, wie zum Beispiel Rama, wo es einen ungeregelten Zustrom gibt. Aber dafür ist die Auswahl der neuen Bevölkerung strukturierter und im Durchschnitt etwas besser. Die Leitung der MCC plant langfristig.

Im Jahr 2647, nach Jahrzehnten von Memkampagnen, technischen Vorbereitungen und Infrastrukturarbeiten beginnt der Personaltransfer. Im Lauf der nächsten Jahrzehnte werden Millionen Menschen und Gigatonnen Material in das Marduk System transportiert. Danach wächst das System organisch weiter.

Als Teil der menschlichen Sphäre ist Marduk den dramatischen Entwicklungen des lokalen Sektors unterworfen. Der Aufbau stockt kurz nach Beginn des Volumentransfers während der Kelrec-Blockade für sieben Jahre. Anfang des 28. Jahrhunderts während des ersten Kisor-Kriegs ist Marduk 20 Jahre lang vom Solsystem abgeschnitten. In dieser Zeit stagniert die Entwicklung. Es findet aber auch eine Konsolidierung statt in der Marduk wie andere Kolonien wirtschaftlich unabhängig werden. Nach dem Krieg beginnt eine hundertjährige Blütezeit der menschlichen Sphäre in der sich Marduk hervorragend entwickelt. Im 29. Jahrhundert, 200 Jahre nach der Gründung, ist Marduk eine Regionalmacht. Seine Flotte ist wesentlich am Sieg über die Piratenkönige beteiligt. Dann beginnt der Barbarensturm und der interstellare Handel bricht ein. Davon ist Marduk genauso betroffen wie die anderen Menschenwelten. Aber im Gegensatz zu dem meisten anderen Siedlungssystemen wird Marduk nie von Barbaren besetzt. Auch im 30. Jahrhundert, während das Solsystem unter einer Fremdherrschaft leidet, bleibt Marduk selbstbestimmt und relativ stark. Allianzen mit benachbarten Systemen helfen dabei. Mehrmals werden die Bündnisverpflichtungen getestet. Marduk kann seine nähere interstellare Umgebung sichern.

Insgesamt vergehen drei Jahrhunderte. Zu Beginn wird das System von der Marduk Colonial Corporation geführt. Aber Simulationen und historische Erfahrungen zeigen, dass so ein Konstrukt im Lauf der Zeit oppressiv und exploitiv wird. Deshalb war von Anfang ein Übergang zur Demokratie geplant. Die menschliche Geschichte zeigt aber auch, dass Demokratie nicht dauerhaft reibungslos funktioniert. Auch Demokratien verformen sich. Verfassungen werden neu interpretiert und Rechtsauffassungen können bis zur Unkenntlichkeit verändert werden. Manchmal werden sie sogar ins Gegenteil verkehrt. Deshalb beabsichtigte man, den Demokratisierungsprozess möglichst lange zu strecken. Nach der Demokratisierung plante man eine feudale Phase, die dann wieder von einer demokratischen Renaissance abgelöst werden sollte. Nach all dieser Zeit, in der sich Politik und Gesellschaft mit den jeweiligen Tagesproblemen beschäftigen und sich dabei gleichzeitig weiterentwickeln und wandeln, sollte Marduk weit genug sein, um zum Sprung anzusetzen.

Im Jahr 2680, nach 30 Jahren wird die Marduk Colonial Corporation aufgespalten und von ihren exekutiven Privilegien getrennt. Ein Parlament und eine parlamentarisch kontrollierte Exekutive übernehmen die Aufgabe, den Staat, bzw. das System zu führen. An der Spitze steht der vom Parlament gewählte Präsident. Tatsächlich liegt die Macht im Parlament immer noch bei den ursprünglichen Gesellschaftern, weil die Sitze im Parlament Territorien repräsentierten, die wiederum nach der Größe der Anteile aufgeteilt worden waren. Die Sitze im Parlament werden unter den "amtsberechtigten" Bürgern verlost, nicht gewählt. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte, und vor allem in Krisenzeiten, erklingt immer wieder der Ruf nach mehr Demokratie. Als Reaktion wird das Amtsrecht schrittweise ausgeweitet.

Nach der Aufspaltung der MCC sind erst nur die Territorialbesitzer amtsberechtigt. Sie vertreten reale Gebiete auf Planeten- und Asteroidenoberflächen. Dann kommen künstliche und virtuelle Territorien dazu: Erbauer von Habitaten, Inhaber von Abbaurechten, Besitzer geistigen Eigentums, Verwalter von Frequenzspektren und Eigentümer von Netzkonstrukten. Später werden dann auch legale Großnutzer von Territorien und virtuellen Territorien amtsberechtigt, also die Lizenznehmer und Pächter, bzw. deren Vertreter. Lizenz und Pacht sind zeitlich unbeschränkt und vererbbar. Pächter von Real-Territorien haben dauerhafte Nutzungsrechte. Sie sind faktisch die Besitzer. Durch dieses Konstrukt behalten die ursprünglichen Gesellschafter die Hoheit über ihre Territorien. Trotzdem können sie dauerhafte Nutzungsrechte verkaufen und so einen lukrativen Immobilien- und Rechtemarkt in Gang bringen. Ein Prozess, der durch eine Neuinterpretation der Verfassung notfalls auch umkehrt werden könnte, um die Macht wieder bei den ursprünglichen Gesellschaftern zu sammeln.

Die Besitzschwelle für das Amtsrecht wird sukzessive abgesenkt und dann Anfang des 29. Jahrhunderts praktisch ganz entfernt. Am Ende des Prozesses sind alle bewussten Individuen amtsberechtigt. Dazu zählten auch Angehörige anderer Völker, Kinder, Softwarekonstrukte (in physischen Körpern über 20 Kilogramm) und Mitwesen mit höheren kognitiven Fähigkeiten. Alle paar Jahre (der Zeitraum variierte im Lauf der Zeit) werden die Sitze im Parlament neu ausgelost. Nicht alle amtsberechtigten Bürger konnten ihr Amt selbst antreten. Manche, Kinder und Mitwesen, werden durch ihren Vormund vertreten.

Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen Verhältnissen nach dem Börsencrash in der Mitte des 29. Jahrhunderts führt zu einer Verfassungsreform. Alle vorher amtsberechtigten werden damit selbst stimmberechtigt für alle Themen. Das Stimmrecht kann themenbezogen hierarchisch delegiert werden. Für einige Zeit entsteht eine lebendige "flüssige" Demokratie. Aber zu viele Menschen lassen gerne andere für sich abstimmen, wenn diese behaupten ihre Interessen zu vertreten. So bilden sich Meinungszentren, die dann von Komitees verwaltet und schon bald von einzelnen Personen repräsentiert werden. Diese Meinungsaggregatoren sind praktisch die erste Kammer eines Zweikammersystems. Das ursprüngliche Parlament der ausgelosten Amtsberechtigten muss Gesetzen zwar zustimmen, verliert aber das Haushalts- und Initiativrecht. Die Aggregatoren geraten schon kurze Zeit später unter den finanziellen Einfluss der alten – und immer noch sehr reichen – Gesellschafter und des neuen Geldadels. Sie werden zu deren Interessenvertretern, während sie rhetorisch und memetisch vorgeben die Interessen der Wähler zu vertreten. Unter den Aggregatoren und denen die es werden wollten, herrscht ein ständiger Kampf um Aufmerksamkeit, Mem-Hoheit, Finanzierung und übertragene Stimmrechte.

Anfang des 30. Jahrhunderts bröckelt die demokratische Fassade der Aggregatoren. Nach fast einem Jahrhundert mit ständigen wirtschaftlichen Problemen und Bedrohungen von außen wollten sich die Wähler vor allem schützen, bzw. geschützt werden. Fehlverhalten von Aggregatoren, Insider-Handel, Korruption und Manipulationen des demokratischen Systems sind einem großen Teil der Öffentlichkeit weniger wichtig, als Schutz vor inneren und äußeren Gefahren. Grenzen des Anstands werden verschoben. Das System wird korrumpiert in einem Ausmaß, das vom Marduk-Plan und den Gesellschaftern nicht vorgesehen war. Die schnelle Entmachtung der Marduk Colonial Corporation sollte so eine Entwicklung verhindern. Nun entsteht ein korruptes System auf einem anderen, unvorhergesehenen Weg.

Der Zustand der Demokratie ist bedenklich. Aber er öffnet auch einen Pfad zur – schon immer eingeplanten – feudalen Phase. Die wirtschaftliche Macht der ursprünglichen Gesellschafter unterstützt einen charismatischen Präsidentschaftskandidaten, der auf einer protektionistischen und fremdenfeindlichen Plattform gewählt wird. Präsident Nid Pana versteht es, trotz unzähliger Skandale mehrmals wiedergewählt zu werden. Während dieser Zeit nehmen Personen des alten und neuen Geldadels die Plätze der Aggregatoren ein. Eine Verfassungsreform etabliert die Versammlung der Aggregatoren als ständigen Senat und verschiebt die Wahl des Präsidenten vom Parlament der zufällig ausgewählten Bürger in den neuen Senat. Das gleiche Reformpaket stärkt die Macht der Territorialeigentümer gegenüber Lizenznehmern und Inhabern virtueller Territorien. Die vorher zeitlich unbeschränkten Lizenzen und Pachten müssen nun bei jedem Übergang, auch bei Verkauf und Erbschaft, vom Lizenzgeber bestätigt werden. Das ist zwar nur eine kleine Änderung, aber faktisch der Schritt von einem rechtssicheren Lizenzwesen zu einem willkürlichen Lehenssystem. Mit anderen Worten: der Beginn des Feudalismus für Marduk.

Im Jahr 2949 verunglückt Präsident Pana tödlich. Seine Tochter Malikatun übernimmt das Amt. Seit 50 Jahren war sie in der Politik und seit 12 Jahren die rechte Hand des Präsidenten. Die letzten sechs Jahre sogar als Vizepräsidentin. Damit ist sie die natürliche Nachfolgerin. Malikatun hatte die Kommission zur Verfassungsreform geleitet und ihre gewinnende Persönlichkeit hatte wesentlich dazu beigetragen, dass das Verfassungsreferendum ein überwältigendes Ergebnis erzielt hatte. Sie ist die Mutter der Verfassung.

Als Präsidentin wird sie wie ihr Vater mehrmals wiedergewählt. Nach den ersten 50 Jahren ihrer Amtszeit ist die regelmäßige Wiederwahl durch den Senat zu einer Formalität geworden. Mitte des 31. Jahrhunderts wird die Wahl während einer außenpolitischen Krise ausgesetzt. Präsidentin Malikatun setzt die Wahl einige Zeit später selbst auf die Tagesordnung des Senats. Basierend auf dieser Präzedenz geschieht von da an die Wahl des Präsidenten auf Vorschlag des Präsidenten.

Malikatun bestimmt lange Zeit keinen Vizepräsidenten. Nach der Verfassung benennt sie einen Vizepräsidenten, der vom Senat bestätigt wird. Die Verfassung spezifiziert aber keinen Zeitraum, in dem das geschehen muss. Nach einer 70-jährigen Amtszeit benennt sie ihren Sohn Tiberius Pana als Vizepräsidenten und tritt kurz darauf zurück. Tiberius wird vom Senat bestätigt. Während seiner Amtszeit wird die Bestätigung des Vizepräsidenten durch den Senat mit der Wahl zum Präsidenten zusammengelegt. Die Bestätigung des Vizepräsidenten durch den Senat entfällt dadurch. Präsident Tiberius regiert 120 Jahre. Er setzt keine weitere Wahl an. Der Präsident ist nun ein absoluter Herrscher während sich das Feudalsystem im Marduk-System entfaltet.

#Monarchie #Imperium #Plan #Kolonisten

http://jmp1.de/h2949

2526 Das erste Kind wird auf einem fremden Planeten außerhalb des Solsystems geboren

Przemyslaw Hrycyszyn ist das erste von 59 Kindern, die auf Cobol während des ersten Besiedlungsversuchs geboren werden. Er überlebt die Tragödie von Cobol als Achtjähriger und kommt auf einem Rettungsschiff in das Solsystem.

Mit 37 Jahren kehrt Hrycyszyn zurück nach Cobol. Dort arbeitet er lange Zeit als Biosphärenscout bei der Terraformung. Er erkennt vor vielen anderen, dass die originale Biosphäre Cobols durch die Ausbreitung der Besiedlung bedroht ist. Hrycyszyn setzt sich dafür ein, dass große Naturschutzgebiete ausgewiesen werden. Dabei muss er sich immer wieder mit aggressiven Präservationsgegnern auseinandersetzen, die ihn als Fortschrittsverweigerer beschimpfen. Hrycyszyn geht in die Politik und ist wesentlich daran beteiligt, dass im Jahr 2618 durch das Hrycyszyn-Yijieyjiee Gesetz der Papua Kontinent für menschliche Besiedlung gesperrt wird.

Mit 85 Jahren wird Hrycyszyn Gouverneur von Nowylwiw. Er behält das Amt 30 Jahre. Es ist eine Zeit großer Veränderungen. Die Bevölkerung wächst gewaltig. Aus zwei Millionen Siedlern, die in Biosphärenenklaven verteilt über einen ganzen Planeten leben, werden während seiner Amtszeit über 100 Millionen Einwohner. Kleine Siedlungen werden zu Metropolen. Anfangs autarke Gemeinschaften werden zu Mitgliedern einer vernetzten Wirtschaft und außerhalb Cobols wächst eine lebendige interplanetare Zivilisation heran. Der Papua-Kontinent bleibt weitestgehend geschützt. Aber das rasante Wachstum der Bevölkerung löst immer wieder Konflikte aus, die das Papua-Naturreservat infrage stellen.

Gleichzeitig wandelt sich die Politik. Anfangs gibt es hunderte unabhängiger Territorien, die von vielen verschiedenen Grippen etabliert werden. Auf Cobol gibt es die ganze Palette der Human-Bios, von Sol-Aussteigern mit Paläo-DNA über moderne Genvorlagen, die im Solsystem den größten Anteil stellen, bis zu extravaganten Genmods, die in manchen Regionen der Erde verfolgt werden und nach Cobol fliehen. Von Anfang an ist Cobol politisch so stark fragmentiert, wie die Erde, ethnisch sogar noch mehr. Hrycyszyn wirbt lange für die Vereinigung der Territorien zu einer planetaren Union. Im Jahr 2640, 89 Jahre nach der Gründung der zweiten Kolonie, schließen sich die Territorien zur Cobol-Föderation zusammen. Hrycyszyn wird Föderationskommissar für Infrastruktur.

Drei Jahre später überfallen Neobarbaren den Planeten. In den wenigen Tagen zwischen dem Erstkontakt und der Besatzung sorgt Hrycyszyn dafür, dass wichtige Ressourcen und Autofabs in Sicherheit gebracht werden. Im Alter von 118 Jahren geht er in den Untergrund. 14 Jahre lang bekämpft Hrycyszyn die Besatzer als Späher, Scharfschütze und Kommandeur. Im Jahr 2656, ein Jahr vor dem Ende der Besatzung, wird Hrycyszyn im Alter von 131 Jahren bei einer Guerillaaktion getötet.

An seinem 137. Geburtstag wird Hrycyszyn posthum vom Föderationsparlament ausgezeichnet als "Kind Cobols und Held der Föderation". Sein Geburtstag fällt auf einen nationalen Feiertag, den Tag der Befreiung, der seither Przemek-Tag genannt wird.

#Person #Kolonie #Wissenschaft #Regierung #Guerilla #Held

http://jmp1.de/h2526

2535 Tragödie von Cobol

Die erste interstellare Kolonie scheitert. Durch fremde Lebensformen und Feindschaft unter den Menschen.

Die Siedlung auf Cobol ist nicht autark. Für die ersten 20 Jahre ist jedes Jahr mindestens einen Versorgungsflug geplant. Die Siedler sind sehr gut ausgestattet. Sie haben in allen Bereichen High-Tech Ausrüstung, von Autofabs über Umweltanalyse bis zur Energieerzeugung. Aber trotzdem dauert es eine Weile, bis sie selbst genügend Nahrungsmittel herstellen können und ihre Fabs aus lokal gewonnenen Rohstoffen alle notwendigen Dinge herstellen. Für diese Zeit ist Unterstützung von außen vorgesehen und vorfinanziert.

Aber nach dem Dilan-Zwischenfall 2532 stürzt die interplanetare Wirtschaft in eine schwere Krise. Im Chaos der Fluchtbemühungen werden viele Werte zerstört und viele Wirtschaftsvorgänge unterbrochen. Geschäftspartner sind verschwunden, Lieferbeziehungen sind zerbrochen, Vermögen sind verloren. Der Finanzmarkt liegt am Boden. Auch die finanzielle Situation der Cobol-Stiftung ist prekär.

Deshalb werden die Versorgungsflüge nach Cobol für 18 Monate ausgesetzt. Zwei Flüge entfallen. Anfang 2534 ist es dann endlich wieder möglich, ein Versorgungsschiff auszurüsten. Unglücklicherweise geht das Schiff auf dem Flug verloren. Vermutlich trifft es im interstellaren Raum eine Materieansammlung, einen Irrläufer-Planeten oder eine Häufung dunkler Materie. Auch moderne Überlichtantriebe sind bei hohen ÜL-Faktoren immer noch sehr empfindlich gegenüber größeren Störmassen. Das Schiff kommt nie an.

Mangels interstellarer Kommunikationsmöglichkeiten erfährt man im Solsystem davon nichts. Erst ein zurückkehrendes Schiff könnte die Meldung mitbringen. Das nächste Versorgungsschiff startet 2535. Es kehrt drei Jahre später in das Solsytem zurück und bringt schlimme Nachrichten mit. Die Siedlung auf Cobol ist zerstört. Es gibt Anzeichen für Kämpfe. Man findet etwa 100 Leichen. Es nur wenige Überlebende in den Ruinen der Siedlung. Die Besatzung des Versorgungsschiffs findet Aufzeichnungen, die Auskunft geben über die dramatischen Umstände.

Die Biosphäre von Cobol ist grundsätzlich kompatibel. Aber sie stellt nicht die richtigen Proteine, Vitamine und Kohlenhydrate bereit. Die Siedler müssen alle Lebensmittel selbst herstellen. Das machen sie in modernen Gewächshäusern, wie in der solaren Lebensmittelproduktion auf Kunstsubstraten mit Nährlösungen. Zusätzlich gibt es vollständig künstlich hergestellten Ergänzungsmittel. Man arbeitet daran, erd-kompatible Biomasse aufzubauen, damit man später auch auf traditionelle Weise auf Erde und Humus anbauen kann. Aber neun Jahre nach der Landung ist noch nicht so viel Biomasse entstanden, dass man einfach Lebensmittel im Freien wachsen lassen könnte.

Die Lage der Kolonie auf Cobol wird 2532 problematisch. Ein Pilz von Cobol zersetzt Dichtungen und Bewässerungsschläuche. Er produziert giftige Stoffwechselprodukte, die viele Pflanzen absterben lassen. Die Nahrungsmittelproduktion bricht ein. Reserven reichen nur für drei Monate. Die Siedler kämpfen gegen den Pilz, um die nächste Ernte zu sichern. Der Pilz nistet sich in Wassertanks ein und infiziert von dort aus die wiederhergestellten Leitungen. Auch die nächste Ernte fällt aus. Die Lebensmittel werden rationiert. In der Hydroponik werden Alternativen ausprobiert und die bisher hergestellte erd-kompatible Biomasse wird in Gewächshäusern als Substrat eingesetzt. Aber der Pilz ist hartnäckig und befällt die wertvolle Biomasse. Der Kolonieführung und einigen Wissenschaftlern werden Fehler vorgeworfen.

Die Führung der Kolonie wird jährlich neu gewählt. So ist das in den Statuten der Cobol-Stiftung festgelegt. Die Wahl im dritten Jahr der Krise ist sehr polarisiert. Das Aktionsbündnis TRUTH gewinnt knapp gegen die Wahlliste ScienceRulez. Die neue Führung ordnet den Ausnahmezustand an. Sie baut eine bewaffnete Sicherheitstruppe auf. TRUTH-Kritiker werden suspendiert. Drei Monate später ändert die Führung die Rationierung zugunsten von Personen, die zur Lösung der Krise wichtig sind. Ein Klassensystem wird eingeführt. Führungsmitglieder, Security und einige Ingenieure erhalten volle Rationen. Der Status der übrigen Wissenschaftler wird abgewertet. Die Aufrechterhaltung der Ordnung mit allen Mitteln hat Priorität. Die Hälfte der Leute hungert. Kritiker werden aus der Siedlung ausgeschlossen. Einige werden sogar weit entfernt mit minimaler Ausrüstung abgesetzt. Dabei sind auch Familien mit kleinen Kindern. In der Wildnis kann niemand lange überleben. Verbannung kommt einem Todesurteil gleich.

Es gibt Widerstand gegen die drakonischen Maßnahmen. Beide Seiten fertigen Schusswaffen in Autofabs. Diese Codes sollte es eigentlich nicht auf Cobol geben. Aber irgendwie sind sie doch in das lokale Netz gelangt. Aufständische versuchen die TRUTH-Führung festzunehmen. Es gibt einen erbitterten Kampf zwischen den Aufständischen und der Sicherheitstruppe. Schusswaffen und improvisierte Sprengsätze beschädigen die Siedlung. Auch die Gewächshäuser nehmen Schaden. Die Auseinandersetzungen ziehen sich über mehrere Wochen. Den Aufständischen gelingt es schließlich, TRUTH und ihre paramilitärische Sicherheitstruppe zu verdrängen. Die Aufständischen schneiden ihre Gegner vom Nachschub der Fabs ab. Aber kurz darauf explodieren vorher deponierte Sprengsätze in der Zentrale, den Werkstätten und in Wohnbereichen.

TRUTH Mitglieder hatten bei ihrer Flucht Überlebensausrüstung und die verbliebenen Lebensmittel mitgenommen. Sie richten sich in wissenschaftlichen Außenposten ein und warten auf das nächste Versorgungsschiff. Aber das Leben in der Wildnis ist schwieriger, als man in der gut geschützten Siedlung angenommen hatte. Die Menschen in den Außenposten werden immer wieder Opfer einer aggressiven Fauna. Sie werden von großen Tieren angegriffen wenn sie die Station verlassen. Die Vorräte sind in den Außenposten nicht gut geschützt und leiden durch Insektenbefall. Und das nächste Versorgungsschiff kommt viel später als gedacht.

Bei den Kämpfen sterben 90 Siedler. Die gezielten Explosionen kosten 40 Leben. 50 Menschen wurden schon vor den Kämpfen so weit entfernt abgesetzt, dass sie die Siedlung zu Fuß nicht erreichen können. Die übrigen 120 Erwachsenen und 60 Kinder versuchen unter furchtbaren Umständen zu überleben. 15 Monate später kann das Versorgungsschiff 31 Erwachsene und 25 Kinder retten.

Zwanzig Jahre später wird Cobol wieder besiedelt. Die neue Kolonie ist auf die Herausforderungen besser vorbereitet. Der Pilz, der die erste Siedlung so in Bedrängnis brachte, wird biochemisch neutralisiert. Von Anfang an baut man in großem Stil erd-kompatible Biomasse auf und schafft Enklaven von irdischer Flora und Fauna in denen die Siedler leben. Im Lauf der Zeit verdrängen irdische Arten die ursprüngliche Biosphäre auf allen Ebenen. Viel später existieren nur noch Reste der nativen Ökologie in geschützten Bereichen während der Planet fast vollständig terraformiert ist. Der erste Fall von Terraformung durch Menschen, auch wenn hier nur die Biosphäre umgewandelt wird, nicht Meteorologie oder gar Geologie.

Nach dem Dilan-Zwischenfall ist die Tragödie von Cobol das zweite ernste Zeichen, dass die interstellare Expansion gefährlich ist. Die Menschen haben ihr eigenes Sonnensystem besiedelt. Das war nicht einfach. Das Solsystem war groß, gefährlich und leer. Die Menschen haben dabei viele technische und organisatorische Probleme gelöst. Jetzt trifft die Menschheit auf fremdes Leben. Dabei entstehen wieder unerwartete Situationen. Aber die größte Gefahr geht von der Reaktion der Menschen aus. Die Tragödie von Cobol wurde ausgelöst durch eine fremde Lebensform. Aber tödlich waren letztlich die Handlungen der Menschen in der Krise.

#interstellar #Siedler #Biochemie #Konflikt

http://jmp1.de/h2535

2743 Werdegang der Kisor-Zwillinge.

Veröffentlichung der letzten Geschichtsbände von Thaddäus Podgorski. Darunter sind einige sehr detaillierte Beschreibungen der Geschichte regionaler Völker. Der Band über Kisor enthält Einzelheiten, die in keiner anderen Chronik verzeichnet sind. Woher Podgorski sein Wissen hatte wurde nie geklärt.

Eine Zusammenfassung von Podgorskis TriVi-Band "Werdegang der Kisor-Zwillinge":

Die Sonne des Kisor Systems ist ein F1 Stern mit der 9,1-fachen Leuchtkraft Sols. Ihre Ökosphäre ist also breit genug, um 2 Planeten aufzunehmen. Die beiden Planeten liegen in Entfernungen von 457 und 443 Mio. Kilometern, wobei anfangs nur Alpha, der äußere Planet bewohnbar war. Um Beta kreist ein atmosphärenloser Mond von 2000 km Durchmesser während Alpha keine Satelliten hat. Dem innersten Planeten fehlt die Kruste und der Schwermetallkern liegt frei. Der dritte Planet ist gegenläufig. Weiter von der Sonne entfernt finden sich noch 7 Planeten, davon 6 Gasriesen. Altur, der erste Gasriese mit 190.000 km Durchmesser ist doppelt beringt und ist von Beginn der Zivilisation an bis heute ein Objekt religiöser Verehrung.

Die Sonne ist bei einem Alter von 2,5 Mrd. Jahren schon am Ende ihrer Zeit auf der Hauptreihe angekommen und wird sich in etwa 100 Mio. Jahren zu einem roten Riesen entwickeln. Da das Planetensystem auch nicht älter ist als der Zentralstern, sind seit der Abkühlung Alphas und Betas erst wenige hundert Mio. Jahre vergangen. Es war also noch nicht genug Zeit zur Entstehung von höherem Leben, geschweige denn von intelligenten Wesen. Das spricht für einen fremden Ursprung des Lebens auf Kisor Alpha. Ein anderer Hinweis auf einen externen Ursprung war die Tatsache, dass nach Fossilienfunden vor ca. 10 Mio. Jahren plötzlich Pflanzen und Tiere gleichzeitig aufgetreten sind.

Das Leben wurde also von außerhalb des Planetensystems nach Alpha gebracht. Als Kisors Wissenschaftler zu dieser Erkenntnis gelangt waren, begannen sie nach dem Ursprung zu suchen. Dies war keine leichte Aufgabe, denn in 10 Mio. Jahren hatten sich die Formen auf Kisor und am Ursprungsort in verschiedene Richtungen entwickelt. Man fand Ähnlichkeiten und Verwandtschaften mit mehreren Planeten, darunter Syrak und Solberg 86 III. Es kristallisierte sich eine Häufung im Sektor Syrak heraus. Der Ursprungsort bleibt jedoch bis heute im Dunklen.

Eine unbekannte Rasse hatte also vor etwa 10 Mio. Jahren die Kohlendioxid-Atmosphäre Alphas in eine Sauerstoffatmosphäre umgewandelt und eine reiche Flora und Fauna angesiedelt. Dabei war auch ein vielversprechender warmblütiger, eierlegender und säugender reptilienähnlicher Primat, der schon ab und zu aus den Sumpfgebieten hervorkam, um in den Steppen zu jagen.

Fünf Mio. Jahre später hatte ein Zweig dieser Primaten wesentlich an Gewicht und Körpergröße zugenommen. Er warf mit erstaunlicher Treffsicherheit Steine nach seiner Beute und erhob sich auf die Hinterbeine, um über das hohe Steppengras zu blicken. Zu den sechsgliedrigen Greifhänden bildete sich ein größeres Gehirn aus und die Not der unzureichenden körperlichen Fähigkeiten führte zu einer Verfeinerung der Jagdmethoden. Zum Bau von raffinierten Fallen gebrauchte das Wesen vor 1 Mio. Jahren Werkzeuge und als Verständigungsmöglichkeit eine Unmenge von röhrenden Lauten, die sich langsam zu einer Sprache formierten.

Als der Doppelkontinent auf dem die Primaten lebten, getrennt wurde, entwickelten sich beide Zweige verschieden fort. Im Osten entstand ein nach vorne gebeugt gehendes Wesen mit einem starken Stützschwanz. Auf dem Westkontinent, der besonders stark von Raubtieren bevölkert war, wurde der Primat zum Pflanzenfresser und entwickelte sich zurück zu einem starken Läufer mit kleinem Gehirnvolumen.

Vor 50.000 Jahren gab es schon die heutigen Kisori. Sie setzten über auf den Westkontinent und benutzten ihre laufstarken, aber nicht intelligenten Vettern als Reittiere.

Als Kisor etwa 14.000 v. Chr. nach irdischer Zeitrechnung von einem unbekannten Volk entdeckt wurde, war gerade die Eisenzeit angebrochen. Ein Landesteil eignete sich ziemlich schnell Fähigkeiten der Fremden an, besonders was die Waffentechnik betraf. 150 Jahre nach dem ersten Kontakt entschied dann der lokale Herrscher, dass die Zeit reif wäre. Er überrollte die in der Eisenzeit verbliebenen Nachbarvölker mit einer mit Strahlenwaffen ausgerüsteten Armee und errichtete ein Königreich auf dem Kontinent, der später einmal das "Land aller Gilden" genannt werden würde.

Diesem Herrscher folgten gerechte Könige, die den neuen Reichtum und die Modernisierungen gleichmäßig auf den ganzen Kontinent verteilten. Nach weiteren 250 Jahren wurde der ganze Planet industrialisiert und innerhalb von 300 Jahren war die Technik reif zur interplanetaren Raumfahrt. Die Technologie entwickelte sich rasant weiter. Wahrscheinlich gab es Hilfe von außen, denn schon 200 Jahre nach dem ersten interplanetaren Flug begann die interstellare Kolonisierung.

900 Jahre nachdem Kisor in der Eisenzeit entdeckt worden war, kolonisierten die Staaten Alphas schon die ersten Planeten der Nachbarsysteme. 350 weitere Jahre blühte das straff geführte Kolonialreich. Dann wurden die Unabhängigkeitsforderungen der inzwischen hochindustrialisierten Kolonien immer lauter. Es kam nach 50 Jahren zum Krieg. Der Krieg endete mit einer fast totalen Zerstörung der Kolonien. Dieses Ereignis prägt Kisor offensichtlich bis heute. Kisor hatte seit dieser Zeit keine Kolonien mehr und die Kisori, die für die Gilden auf anderen Planeten leben, sind für die Bevölkerung des Stammplaneten Kisori zweiter Klasse. Entsprechend werden Menschen, die irdische Kolonien bewohnen, nicht als Menschen von der Erde, sondern als eigenständige Völker angesehen. Als Mahnmal an diesen Bruderkrieg bleibt eine Sphäre von zerbombten und verseuchten Planeten um Kisor.

Binnen 300 Jahren stieg Kisor zu einem Kategorie-12 Planeten auf. Es gab eine Schar von Vasallenplaneten fremder Rassen. Kisor selbst wurde durch einen Bund seiner Nationen regiert. Als der erstarkte Vasall Uidor einen Krieg gegen Kisor führte und gewann, wurde das Vasallenreich Kisors in einen Bund seiner ehemaligen Untertanen umgewandelt. Der Bund hielt jedoch nur 150 Jahre, dann wurde er wieder von Kisor aus regiert. Nachdem Kisor seine Macht in weiteren 250 Jahren wieder gefestigt hatte, rief es die Gründung eines Reiches aus.

Über die erste Blüte des Reiches ist wenig bekannt. Man weiß aber, dass während dieser 2500 Jahre dauernden stabilen Phase der innere Planet Kisor Beta den Verhältnissen Alphas angepasst wurde.

Dem darauf folgenden Verfall des Reiches folgte nur 250 Jahre später ein erneuter Aufstieg des zweiten Reiches (des sog. goldenen Reiches) über dessen bewegte Geschichte viele Aufzeichnungen gefunden wurden. Dieser Zeitabschnitt wurde nach ca. 1600 Jahren beinahe auf dem Höhepunkt des goldenen Reiches durch die Balsachen abrupt beendet.

Die Balsachen waren ihrerseits aus ihrem Raumsektor, einem Gebiet des Sagittarius-Arms der Galaxis vertrieben worden und suchten in einer völkerwanderungsähnlichen Bewegung eine neue Heimat. Nach kisorischer Geschichtsschreibung taten sie dies mit verheerenden Auswirkungen für die ansässigen Völker. Das Reich Kisors kämpfte tapfer und blockte die Wanderung der Raumschiffschwärme ab. Die Anstrengungen über mehrere Jahrzehnte waren jedoch für Kisor zu groß gewesen, um sein Reich fest im Griff zu halten. Dazu kam noch, dass sich einige Planeten unter Kisors Schutz gut entwickelt hatten und eigene Machtzentren bildeten. Das goldene Reich brach innerhalb von 100 Jahren auseinander.

400 Jahre währte das Interregnum. Kein Planet wurde stark genug, um den Raumsektor zu befrieden, aber viele versuchten es und vergrößerten damit das Chaos. Kleinkriege wurden ausgetragen und Planeten verwüstet oder von Neobarbaren geplündert. Atomflammen loderten auf zu einem pyrotechnischen Feuerwerk, das Milliarden Wesen nicht sehen konnten, weil sie ein Teil der Flammen waren. Es grassierten Hungersnöte und Seuchen weil die Mittel fehlten, um sie zu bekämpfen, während tausende kleiner Könige und Diktatoren in den Ruinen Hof hielten.

Das Ende dieses dunklen Zeitalters kam in Gestalt des Solemischen Reiches. Dieses Reich hatte sich innerhalb von 6000 Jahren von mehreren Systemen in 1900 Lj. Entfernung ausgebreitet und hielt sich im hiesigen Sektor immerhin 2700 Jahre. Bis zum endgültigen Verschwinden nach einem schnellen Rückzug vergingen noch einmal 2100 Jahre. Damit zählt das Solemische Reich zu den größten und stabilsten der bekannten Geschichte. Der Grund für seinen Erfolg war, dass das Reich nicht, wie fast alle anderen, auf ein Volk, sondern auf eine Idee zurückzuführen war. In jedem Sektor gab es wenigstens ein Volk, das diese Idee aufnehmen und umsetzen konnte und damit zum Vertreter des Reiches im umliegenden Sektor wurde. Das Solemische Reich war also eher ein Bund vieler mächtiger Völker mit ähnlicher Denkweise.

Wie so viele friedliche Reiche endete auch das Solemische Reich durch Gewalt, nämlich den Krieg der Mercatos, die völlig überraschend ein Handelsimperium gründeten und dabei keine andere militärische Macht zuließen. Dies ist der einzige bekannte Fall, dass Mercatos überhaupt selbst kämpften. Trotz der gewaltigen Verbreitung der Mercatos (vermutlich ein Großteil der Milchstraße), erreichte das Mercato-Imperium nicht einmal die Größe des Solemischen Reiches.

Für die beiden Kisor Planeten ging die Übernahme in das Handelsimperium fast unbemerkt vonstatten. In den 500 Jahren, die Kisor dem Handelsimperium angehörte, entwickelten sich Alpha und Beta zu Kategorie-13 Planeten. Schließlich waren sie reich genug, um sich aus dem Handelsimperium freizukaufen. Sie blieben zwar von ihrer Lage her in das Mercato-Imperium eingebettet, waren aber unabhängig und mussten keine Abgaben mehr leisten.

Ein Relikt aus der Zeit im Handelsimperium war die Monarchie, die sich aus dem Hof des eingeborenen Statthalters für die Mercatos entwickelt hatte. Für 230 Jahre führten die Kisor-Zwillinge ein angenehmes Leben, da sie einerseits unabhängig waren, andererseits aber durch ihre Lage vor Kriegen und Überfällen geschützt waren, bis plötzlich alle Mercatos den Raumsektor verließen und das Handelsimperium aufgaben. Das Imperium verschwand über Nacht und ließ tausende ungeschützter Planeten zurück.

Mehrere Überfälle anderer Völker schwächten die Kisor-Planeten zu sehr, als dass sie eine wirksame Verteidigung gegen Angriffe von außen aufbauen konnten. Die letzte Plünderung hinterließ 2 völlig zerstörte Planeten. Die Angreifer hatten alle technischen Anlagen auf den Planeten und im Orbit und alle Großstädte mit 80 % der Bevölkerung zerstört.

Innerhalb weniger Generationen sank die Technik auf einen Stand im Mittelalter während die Bevölkerung durch Hungersnöte und Seuchen bei fehlender medizinischer Versorgung und auf nur ein Tausendstel zurückging. Design-Seuchen aus der High-Tech Vergangenheit trugen wesentlich zu diesem starken Bevölkerungsschwund bei. Auf Alpha sank die Bevölkerung im Minimum sogar auf nur 50.000 Individuen.

Die Vergangenheit lebte zwar als Ansporn weiter in den Legenden und es gab viele Versuche alte Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen, aber ohne Rohstoffvorkommen war ein neuer Anfang schwer, denn die Bodenschätze waren weitgehend ausgebeutet und fossile Rohstoffe hatte es nie gegeben.

Es dauerte 3000 Jahre bis die Technik auf Kisor Beta weit genug fortgeschritten war, um ein Interplanetarschiff zu bauen. Die Kisori besiedelten wieder ihr Sonnensystem. Nach weiteren 150 Jahren brach das energetische Zeitalter an und schließlich verließ der erste langsame Raumkrümmer wieder das System.

Eineinhalb Jahrhunderte später, die Kisori hatten gerade wieder Anschluss an die interstellare Gesellschaft gefunden, erschien eine Raumflotte von Interia über den Kisor-Zwillingen und verkündete, dass sie soeben Bürger des Interianischen Imperiums geworden wären.

Wie schon mehrmals in der Geschichte zeigte es sich auch hier wieder, dass sich die Kisor-Planeten unter dem friedenwahrenden Schutz eines Imperiums hervorragend entwickeln. Von der Kategorie 18 bei der Aufnahme ins Imperium stiegen die Kisor-Planeten auf bis zur Kategorie 13. Nachdem ihnen durch die 23. Strukturreform des Interianischen Imperiums das Regionalzentrum des Imperiumssektors übertragen worden war, beherrschte Kisor ein eigenes Reich innerhalb des Imperiums.

Neben der Steigerung des Einflusses durchlief Kisor die gesellschaftliche und politische Entwicklung, die zu den heutigen Verhältnissen führte. Die Executive wurde immer dominanter und es entstand ein vererbbares Präsidentenamt, so dass es niemand wunderte als die Monarchie ausgerufen wurde. Die Monarchie war aber entgegen allen Erwartungen sehr schwach und verbrauchte in 150 Jahren ca. 50 Könige und Königinnen aus mehreren Familien. Man einigte sich schließlich auf eine gemeinsame Regierung der Adelsfamilien unter einem aus ihrem Kreis gewählten Herrscher.

Die Wirtschafts- und Handelsorganisationen der Oligarchen absorbierten alle unabhängigen Unternehmen des Mittelstandes und wurden zu den ersten Gilden. Schließlich war die gesamte Wirtschaft einschließlich des Außenhandels in der Hand von ca. 30 Gilden. Die Gilden wurden zu den beherrschenden Handelsorganisationen des Sektors während ihr Einfluss auf Kisor selbst durch die Inosch, den Rat der Gilden auf Alpha, gefestigt war.

Die Landfläche Alphas und Betas wurde zwischen den Gilden aufgeteilt und das Durcheinander der Besitzungen, das noch von der Assimilation der Wirtschaft herrührte, beseitigt. Ein Kontinent wurde zum "Land aller Gilden" erklärt. Dort residiert der "Vater der Kisori", der immer aus der ersten Gilde gewählt wird, die hauptsächlich aus Geistes- und Naturwissenschaftlern besteht, aber kein eigenes Land besitzt.

Nach dem Rückzug des Interianischen Imperiums wurden die eigentlich starken Kisor-Planeten bei einem Überfall teilweise verwüstet. Sie erhielten und beschützten aber trotzdem ihren Einflussbereich.

Auch die Mercato-Schiffe tauchten wieder im Herrschaftsbereich Kisors auf, konnten aber wegen den seit langem ansässigen Gilden nicht Fuß fassen. Die Mercatos versuchten sich in der Sogwelle der sich ausbreitenden Menschheit zu etablieren, wurden aber auch von der Koalition durch die Protektionsgesetze in ihren Möglichkeiten so stark einschränkt, dass sie den Sektor wieder verließen.

Kisor beobachtete den Aufbruch der Menschheit mit Wohlwollen, später aber auch mit wachsender Besorgnis, die, wie sich herausstellte, berechtigt war.

Zeittafel nach irdischer Zeitrechnung:

-14000 In der Eisenzeit kontaktiert

-13900 Einigung des Heimatkontinents

-13700 Beginn der Industrialisierung

-13400 Beginn der interplanetaren Raumfahrt

-13200 Interstellarkolonisierung

-12800 Unabhängigkeitsforderungen der Kolonien

-12800 Kolonialkrieg

-12500 Kategorie 12, Vasallenreich

-12400 Verlust des Uidor Kriegs

-12200 Kisor Zentrum des Bundes

-12000 Gründung des ersten Reiches

-11000 Terraformung Betas

-9500 Verfall des Reiches

-9200 Zweites (goldenes) Reich

-7600 Einfall der Balsachen

-7500 Zerfall des zweiten Reiches, Interregnum

-7100 Aufnahme in das Solemische Reich

-4400 Übergang zum Mercato-Imperium

-3900 Freikauf von Abgaben

-3700 Ende des Mercato-Imperiums

-3600 Plünderung durch Neobarbaren

-3500 Beginn des kisorischen Mittelalters

-400 Industrialisierung

30 Interplanetarflug

250 Energetisches Zeitalter

900 Interstellarflug

1050 Aufnahme in das Interianische Imperium

1650 Interianisches Regionalzentrum

1900 Monarchie

2050 Oligarchie

2100 Erste Gilden

2220 Landreform der Gilden

2700 Rückzug des Interianischen Imperiums

2780 Ende des Gildesystems

2860 Imperialismus

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2691 Ermordung von Saa Madueke auf Panaha im Nadu-System.

Die Nigerianerin war berühmt geworden durch ihren Einsatz für die semiintelligenten Korikoalarinkiri (Graswanderer, kurz Koriko) in der Tibia Ojo Tiefebene des Loriotun Kontinents auf Panaha im System der Sonne Nadu.

Die Tiefebene ist der einzige für Menschen bewohnbare Bereich des Planeten. Nach den Progromen auf der Erde nimmt die Auswanderung nach Panaha stark zu. Die Wohngebiete der Kolonisten dringen immer weiter in den Lebensbereich der Koriko vor. Nach 30 Jahren sind die Koriko vom Aussterben bedroht. Madueke, eine Panaha-Geborene, lebt in den wilden Sümpfen zusammen mit den Koriko. Sie wird berühmt durch eine Dokumentation von Oda Hideyoshi für das Natur-Magazin Shizen. Die Tutu Awo-Stiftung sammelt durch Merchandising bedeutende Summen zum Schutz der Koriko. Besonders beliebt sind die 3D-Tapeten von Tibia Ojo Landschaftsszenen, die vom Xiandaizhuzhai-Kanal der Slink-Abenteurerin Su Mei, an Tutu Awo gespendet wurden.

Die Anstrengungen reichen aber nicht aus. Der letzte freie Koriko wird 2705 gesehen. Dann aber müssen 2718 alle Siedlungen im Nadu System wegen des Kisor-Krieges aufgegeben werden. Die Koriko in den von Tutu Awo finanzierten Schutzgehegen werden freigelassen, vermehren sich und breiten sich wieder über die Tibia Ojo Ebene aus.

Erst 90 Jahre später kehren Menschen nach Panaha zurück. Sie treffen überraschenderweise auf Yoruba sprechende Korikoalarinkiri. Ranger hatten in den Schutzgehegen einigen Individuen die Sprache beigebracht und diese gaben ihr Wissen an ihre Gefährten und Nachkommen weiter.

2492 Gründung der Volksrepublik Jia im System der Sonne Liming

Gründung der Volksrepublik Jia im System der Sonne Liming durch Dissidenten und Kritiker der Oligarchie Nordostchinas, vor allem Wissenschaftler und Techniker.

2495 Die Amaterasu geht mit 31.337 Auswanderern verloren

Die Amaterasu geht mit 31.337 Auswanderern verloren. Das Schiff war auf dem Weg nach Kullur und verschwindet spurlos.

Die Amaterasu beginnt die erste Etappe ohne Anzeichen von Problemen. Sie erreicht aber nie ihr Ziel. Das Schiff mit seinen Passagieren wird nach der Marco Polo das erste weithin wahrgenommene Opfer der interstellaren Raumfahrt.

Im Laufe der Zeit verschwinden immer wieder Schiffe. Das ist bei fortgeschrittenen Zivilisationen nicht anders und bleibt ein Rätsel.